[LiSe 06/17] Kolumne: Protest lieber J.K.!

Der Kaiser tot, der Joachim Kaiser – kann nicht sein, wird nicht akzeptiert! Niemand protestiert mehr gegen Hagelschlag, soll er gesagt haben, bezogen auf seine Kritiken, so unvermeidlich, unwiderleglich gingen sie nieder – jedenfalls mit einer Prise Selbstironie, doch, das trauen wir ihm zu, jederzeit, bei aller – sozial durchaus kompatiblen – Eitelkeit. Aber sein Abschied ist für Menschen, die in den Sechzigern oder Siebzigern erwachsen wurden und zur SZ griffen, die schon früher Radio hörten, diese Kaiser-Sendungen im BR, schlichtweg nicht akzeptabel. J. K. gehört dazu, fast wie die Sonne, die Wolken, das Grün. Man konnte sich mal über ihn ärgern, an seinen Silvesterquizfragen qualvoll scheitern, aber dann auch wieder wohl begründet, sich aufrichten, wenn er gegen den Mainstream für manchen sperrigen Walser-Roman plädierte, für Böll, für den späten Hemingway („Über den Fluss und durch die Wälder“) oder auch, beispielsweise, für die gelungene Orchestrierung der Chopin- Klavierkonzerte, die er bewunderte, wie man dies als Musik-Laie ohnehin schon längst getan hatte. (mehr …)

[LiSe 05/17] Kolumne: Der nackte Arzt

Das wäre wieder so eine Überschrift, so ein Buchtitel, an denen man vor der Auslage unwillkürlich stehen bleibt und hineingeht um zu kaufen bzw. zu lesen, muss man haben, will man wissen – oder? Beispiele für wesentlich raffiniertere Titel gibt es viele, oft stammen sie vom Verleger selbst, wie etwa „Das Herz ist ein einsamer Jäger“. Und sie haben kaum noch etwas mit dem Inhalt zwischen den Buchdeckeln zu tun. Oder sie sind zu Alltagswendungen geworden wie „Im Westen nichts Neues“, „Wer einmal aus dem Blechnapf frißt“ oder „Vom Winde verweht“ – auch wer das nicht alles gelesen hat, kann es verwenden nach Belieben. Da loben wir uns doch seriöse Titel, die sich dennoch verkaufen, wie etwa „Das war mein Leben“, Ferdinand Sauerbruch, Berlin 1950. (mehr …)

[LiSe 04/17] Kolumne: Sprachfasten

Schon im Wort „Fastenzeit“ schwingt Bedrohliches , denn heißt es nicht in der Bibel (Mat 4,1-11), der Herr habe 40 Tage in der Wüste gefastet und sei vom Teufel alias Satan „versucht“ worden? Mancher wüsste so gern, worin die Versuchung bestanden hat, neben Brotwunder und Machtverlockung – war es Magdalenen oder ein Schweinsbraten? Nun, eins ist erwiesen: Bei Meerschweinchen macht Fasten Sinn – sie leben einfach länger, wenn sie weniger fressen. Ob sie auch glücklicher sind, bedarf noch genauer Studien. Nur eins: Der Mensch ist kein Meerschwein, er isst es, und zwar je dicker desto lieber. Und was heißt schon „macht Sinn“? – Dieser Anglizismus sollte von Sprach-Ästheten mit größter Vorsicht gebraucht werden, zumal er völlig unnötig ist – ganz im Gegensatz zu jenem anderen, sehr verwandten, der sich vor zwei, drei Jahrzehnten hier einzuschleichen begann, dem „Liebe machen“, (make love, not war) von dem wir inzwischen allerdings schon länger nichts mehr gehört haben. (mehr …)

[LiSe 03/17] Kolumne: Zukunft für Futura

Form Follows Function ist eine der schönsten Alliterationen, die Architektur und Design anzubieten haben, aber trotzdem nicht wahr. Würde es zutreffen, bestünden Automobile aus einer Schachtel mit vier Rädern und Häuser aus Wänden mit Fenstern und Türen in menschenwürdigen Dimensionen. Wer mit einem SUV zur „Elphie“ fährt, weiß, was ich meine.

Das Jahr 2017 hatte noch gar nicht richtig begonnen, da warf „DIE ZEIT“ schon mit einer Sonderbeilage zum 100. Geburtstag des „Bauhaus“ um sich – für 2019 (in Worten zweitausendneuzehn!). Man kann ja zu wichtigen Jubiläen gar nicht früh genug dran sein, denn wer zu spät kommt … (mehr …)

[LiSe 02/17] Kolumne: Schnee & Eros

Als sich am 2. Januar der erste Schnee über die Stadt legte, wussten wir nicht, wird das jetzt plötzlich Sibirien hier, bleibt das so bei minus 17 bis minus 20 Grad bei Nacht, dieses Tief „Alex“, und der Schnee, legt der Himmel da noch was drauf, fällt er weiter oder war’s das schon? Sofort kommt uns Potaschnikow in den Sinn, der den Frost auch ohne Thermometer bestimmen konnte: Bei Frostnebel hat es 40 minus, wenn die Luft mit einem Geräusch ausfährt, sind es 45, und wenn noch Kurzatmigkeit dazukommt minus 50. Wenn es noch kälter ist, gefriert die Spucke in der Luft. Und wenn es dann wieder auf 40 oder gar minus 30 Grad zurückgeht, dann ist es für zwei Tage richtig warm, wusste Potaschnikow. Und so ist es auch bei uns gekommen: 0 Grad – wunderbar warm! (mehr …)

[LiSe 01/17] Kolumne: Mind the Gap!

Das lang ersehnte W-Fest vorüber, die Wohnzimmerteppiche noch übersät mit Geschenken, buntem Papier, Schnipseln und Scheren, blickt das magere Sein blass auf das wohlgenährte, anschwellende Haben. Im Konsumptiven alles in Ordnung! – Was wird das hier? Ein Hirtenbrief des asketischen Franziskus aus Rom? „Böser Konsumrausch“? Ach was, es gibt Schlimmeres. Den JRS zum Beispiel, den Jahresrückblicksschmerz! Was mussten wir im abgelaufenen Jahr an Schmerz ertragen, allein im Literarischen, und das alles wurde in den Medien zum Jahresende wie üblich nochmal in Rückblicken aufgetischt: Der Tod Umberto Ecos, die perfide Lüftung des Bestseller-Pseudonyms „Elena Ferrante“(„Meine geniale Freundin“), der Literatur-Nobelpreis für einen Mundharmonika spielenden Melancholiker oder auch die Verleihung des Deutschen Buchpreises für ein Werk Bodo Kirchhoffs („Widerfahrnis“), das an parfümiertem Altherren-Eros kaum zu übertreffen ist – der JRS wird uns noch eine ganze Weile verfolgen, auch wenn die Rückblicke selbst jetzt enden; die Druckstellen bleiben. (mehr …)