[LiSe 07/17] Kurzgeschichte: Facebook-Liebe

Von Michael Laube

Susi stieg wie jeden Morgen in die S-Bahn und wusste nicht, dass sich an diesem Tag ihr Leben fast verändern würde. Man weiß das nie, jederzeit kann etwas Unvorhergesehenes passieren. Die Unfall-Kliniken sind voll von Menschen, die morgens noch nicht gewusst haben, dass sie abends im Krankenhaus liegen würden.

Aber Susi war noch nicht in dem Alter, in dem man die Unfallmeldungen in der Zeitung liest und sich freut, dass man noch gesund ist. Sie war mit ihren 16 Jahren naturbedingt mehr an männlichen Wesen ähnlichen Alters interessiert. (mehr …)

[LiSe 06/17] Kurzgeschichte: Bergschnecken

Von Angela Gutschmidt

Wandertag, Treffpunkt acht Uhr im Klassenzimmer, weil: um neun Uhr zehn fährt die BOB am Hauptbahnhof weg! Fünf Minuten Fußweg zum U-Bahnhof, zwölf Minuten U-Bahnfahrt und dann noch mal fünf Minuten zu Fuß quer über den Hauptbahnhof. Bleiben schlappe achtunddreißig Minuten zwischen Treffpunkt und Zugabfahrt. Die lassen sich aber locker damit füllen, auf fehlende Schüler zu warten, die noch mal eben aufs Klo geflitzt sind, fünfunddreißig mal die Frage zu beantworten, wo es denn eigentlich hin geht und – natürlich! – die Expedition zur wenige Minuten entfernten U-Bahnhaltestelle. (mehr …)

[LiSe 05/17] Kurzgeschichte: Job Interview

Und was wollen Sie in den nächsten fünf Jahren bei uns erreichen?” Der Personalchef – er hieß Dr. Schneider –, spielte gedankenverloren mit seinem Füllfederhalter, während er mir diese Frage stellte. Die Frage aller Fragen.

Natürlich hatte ich in den Handbüchern für Bewerber geblättert und dort die Antwort auf die Frage aller Fragen gefunden: Karriere, Geld, Betriebsklima. Aber wenn ich ehrlich war, gab es nur einen Grund, warum ich mich als Marketingassistent bei diesem Touristikunternehmen beworben hatte: Ich hegte die vage Hoffnung, auf diesem Job eine Weile zu parken, bis mir eine bessere Idee kam. Das Unternehmen hatte auf mich die Anziehungskraft einer Zeitung, die seit drei Tagen im Rinnstein liegt. Mir war klar, dass ich mit dieser Motivation in den Augen meines Gegenübers den Text der Stellenanzeige nicht einmal hätte lesen dürfen; geschweige denn, mich bewerben. (mehr …)

[Lise 04/17] Kurzgeschichte: Der Friedhof von Gstöding

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Heute ging ich wieder einmal mit einem leeren Setzkasten die Friedhofstreppe hinunter durchs Blumengeschäft ins dahinter gelegene Treibhaus, um dort Vergißmeinnichtpflänzchen zu besorgen. Ich wandelte an den Frühbeeten vorbei ins Treibhaus, das mit einem Strohdach bedeckt ist, den langen Mittelgang entlang, und ging durch das blumenüberfüllte Treibhaus hindurch; ganz hinten sah ich bereits den schwarzhaarigen, großäugigen Kopf der Blumenverkäuferin Linda, die meiner seit einigen Tagen vielleicht doch geharrt hatte. Sie zog mich, indem sie mir den Setzkasten aus der Hand nahm und auf einem Blumentisch abstellte, auf einen der im Eck des Treibhauses stehenden Torfmullballen hinab. (mehr …)

[LiSe 03/17] Kurzgeschichte: Nach der Lektüre

Für Connie Palmen

Der Traum gebiert den größten anzunehmenden Zufall: In einem Restaurant setzt sie sich mit einem Glas Wein an meinen Tisch, genau mir gegenüber. Das kann doch nicht sein. Ich will es nicht glauben. Welch ein Glück. Sofort und unbedingt will ich ihr sagen, dass ich weiß, wer sie ist und ihr Logbuch gelesen habe. Das Logbuch. Diese hingekritzelten Notizen über Liebe und Tod. Und ich kann ihr jetzt alle Fragen stellen. Die nach ihren viel älteren Männern, die ihr beide weggestorben sind. Die nach ihrer Scham, dass sie schreibt und wie sie schreibt. Überschütten will ich sie mit Geständnissen über mein Hineingezogen-werden in ihre Sprache schon nach wenigen Zeilen, über meine Sucht, immer weiter zu lesen ohne anzuhalten, über meine Angst vor mir selbst während des Lesens, über die vergeblichen Selbstentfernungsversuche während der Lektüre, über mein Herzklopfen und meine Unduldsamkeit und mein erwartetes Erschrecken vor dem Ende ihres Textes. (mehr …)

[LiSe 02/17] Kurzgeschichte: Niklas

Ich schaue extra nicht zu der Kiste mit den Schokoladentafeln. Aber ich sehe sie trotzdem. MILKA.
„Schau, was ich dir zusammengepackt habe!“, flüstert Helga und gibt mir die Tüte. Früher habe ich gedacht, sie hat einen Sprechfehler, aber Pap hat gesagt, es ist wegen der Schweiz, dass sie so komisch redet.
„Ist dein Papa noch immer krank?“
Es nervt, dass sie immer fragt. Ich würde selber viel lieber wieder mit Pap zusammen kommen. Es würde mir dann auch gar nichts ausmachen, wenn wir erst später mit den anderen rein dürften und wieder weniger kriegen würden. Gleich fragt sie, was Pap hat, und ich kann es ihr wieder nicht sagen, weil Pap immer nur da liegt und sagt: „Nix. Wird schon wieder.“
„Was hat er denn eigentlich genau, dein Papa?“
Vielleicht komme ich nächstes Mal lieber später und stelle mich in die Schlange. Helga schaut mich an, als ob sie mehr wissen würde als Pap und ich, aber das stimmt nicht. Vielleicht komme ich auch gar nicht mehr. Eier können wir uns selber kaufen, Mehl und Öl haben wir noch genug. Ich kann uns jeden Tag Pfannkuchen machen. Ich mag Pfannkuchen auch ohne Apfelmus. Ich schaue extra auf die Milka-Tafeln. (mehr …)