[LiSe 05/17] Kurzgeschichte: Job Interview

Und was wollen Sie in den nächsten fünf Jahren bei uns erreichen?” Der Personalchef – er hieß Dr. Schneider –, spielte gedankenverloren mit seinem Füllfederhalter, während er mir diese Frage stellte. Die Frage aller Fragen.

Natürlich hatte ich in den Handbüchern für Bewerber geblättert und dort die Antwort auf die Frage aller Fragen gefunden: Karriere, Geld, Betriebsklima. Aber wenn ich ehrlich war, gab es nur einen Grund, warum ich mich als Marketingassistent bei diesem Touristikunternehmen beworben hatte: Ich hegte die vage Hoffnung, auf diesem Job eine Weile zu parken, bis mir eine bessere Idee kam. Das Unternehmen hatte auf mich die Anziehungskraft einer Zeitung, die seit drei Tagen im Rinnstein liegt. Mir war klar, dass ich mit dieser Motivation in den Augen meines Gegenübers den Text der Stellenanzeige nicht einmal hätte lesen dürfen; geschweige denn, mich bewerben. (mehr …)

[Lise 04/17] Kurzgeschichte: Der Friedhof von Gstöding

X

Heute ging ich wieder einmal mit einem leeren Setzkasten die Friedhofstreppe hinunter durchs Blumengeschäft ins dahinter gelegene Treibhaus, um dort Vergißmeinnichtpflänzchen zu besorgen. Ich wandelte an den Frühbeeten vorbei ins Treibhaus, das mit einem Strohdach bedeckt ist, den langen Mittelgang entlang, und ging durch das blumenüberfüllte Treibhaus hindurch; ganz hinten sah ich bereits den schwarzhaarigen, großäugigen Kopf der Blumenverkäuferin Linda, die meiner seit einigen Tagen vielleicht doch geharrt hatte. Sie zog mich, indem sie mir den Setzkasten aus der Hand nahm und auf einem Blumentisch abstellte, auf einen der im Eck des Treibhauses stehenden Torfmullballen hinab. (mehr …)

[LiSe 03/17] Kurzgeschichte: Nach der Lektüre

Für Connie Palmen

Der Traum gebiert den größten anzunehmenden Zufall: In einem Restaurant setzt sie sich mit einem Glas Wein an meinen Tisch, genau mir gegenüber. Das kann doch nicht sein. Ich will es nicht glauben. Welch ein Glück. Sofort und unbedingt will ich ihr sagen, dass ich weiß, wer sie ist und ihr Logbuch gelesen habe. Das Logbuch. Diese hingekritzelten Notizen über Liebe und Tod. Und ich kann ihr jetzt alle Fragen stellen. Die nach ihren viel älteren Männern, die ihr beide weggestorben sind. Die nach ihrer Scham, dass sie schreibt und wie sie schreibt. Überschütten will ich sie mit Geständnissen über mein Hineingezogen-werden in ihre Sprache schon nach wenigen Zeilen, über meine Sucht, immer weiter zu lesen ohne anzuhalten, über meine Angst vor mir selbst während des Lesens, über die vergeblichen Selbstentfernungsversuche während der Lektüre, über mein Herzklopfen und meine Unduldsamkeit und mein erwartetes Erschrecken vor dem Ende ihres Textes. (mehr …)

[LiSe 02/17] Kurzgeschichte: Niklas

Ich schaue extra nicht zu der Kiste mit den Schokoladentafeln. Aber ich sehe sie trotzdem. MILKA.
„Schau, was ich dir zusammengepackt habe!“, flüstert Helga und gibt mir die Tüte. Früher habe ich gedacht, sie hat einen Sprechfehler, aber Pap hat gesagt, es ist wegen der Schweiz, dass sie so komisch redet.
„Ist dein Papa noch immer krank?“
Es nervt, dass sie immer fragt. Ich würde selber viel lieber wieder mit Pap zusammen kommen. Es würde mir dann auch gar nichts ausmachen, wenn wir erst später mit den anderen rein dürften und wieder weniger kriegen würden. Gleich fragt sie, was Pap hat, und ich kann es ihr wieder nicht sagen, weil Pap immer nur da liegt und sagt: „Nix. Wird schon wieder.“
„Was hat er denn eigentlich genau, dein Papa?“
Vielleicht komme ich nächstes Mal lieber später und stelle mich in die Schlange. Helga schaut mich an, als ob sie mehr wissen würde als Pap und ich, aber das stimmt nicht. Vielleicht komme ich auch gar nicht mehr. Eier können wir uns selber kaufen, Mehl und Öl haben wir noch genug. Ich kann uns jeden Tag Pfannkuchen machen. Ich mag Pfannkuchen auch ohne Apfelmus. Ich schaue extra auf die Milka-Tafeln. (mehr …)

[LiSe 01/17] Kurzgeschichte: GÖTTERSPEISE

GÖTTERSPEISE

Immer samstags aßen wir an jenem Tisch gemeinsam,
an dem ich wochentags alleine saß und –
immer schwiegen wir beim Essen.
Immer kamen wir samstags hierher, nicht sonntags, –
am Sonntag bediente Özmir, – am Samstag – CHANTAL –
– doch das wusste nur ich.
Immer saß ich mit dem Gesicht zum Lokal,
meine Ehefrau mit dem Rücken. (mehr …)

[LiSe 12/16] Kurzgeschichte: Mein Hund

Manchmal sehe ich es, und dann wieder nicht. Ich komme nicht dahinter, wie es das macht, und wozu, und vor allem verstehe ich nicht, warum es unsichtbar wird. Ich vermute, es will sich meiner Kontrolle entziehen.

Erst dachte ich: Naja, ein Hund. Hunde gibt es auch hier viele, und manche sind sogar ganz nett. Das Problem ist, dass man sie kaum wieder los wird, vor allem die netten, die die wirklich nur spielen wollen; eifrigst irgendwelche Stöckchen immer und immer wieder zurückbringen wollen. Eine Weile mag das ganz schön sein, aber irgendwann wird es lästig. Und dann ist der Hund erst mal da. Dann bleibt er einfach. Will immer da sein, wo ich bin. Folgt mir auf Schritt und Tritt. Keine Chance mehr, einfach mal nur für mich zu sein. (mehr …)