[LiSe 05/17] Lyrische Kostprobe

gezeiten

ich kann es nicht benennen: ebbe oder flut
meinen koffer müsst ich packen nur das
wenigste um nicht zu frieren zu schwitzen
die windeseile dämmen das hereinbrechen
eines zustands mein wissen mein gewissen
schlägt purzelbäume fruchtlose ängste – ja:
bei aller wiederholung streikt der verstand
zieht sich naturgemäss zurück wie das meer
fühlbar unter füssen das verborgene getier
harte schalen und krusten im innern leere

verlassener strand

Lisa Elsässer
aus: „Flussbewohner“
Orte-Verlag, 2017

[LiSe 04/17] Lyrische Kostprobe

wir liegen da, erschöpft, geköpft
kein mund, der küsst und worte spuckt
kein auge, das in bildern zuckt ..
erst ohne kopf sind wir vollendet
scheints: ein fuchs im bau
zusammengerollt, hellrot und weich ..
die hundemeute, die sich still entfernt –

Carl-Christian Elze, aus:
diese kleinen, in der luft hängenden, bergpredigenden gebilde,
Verlagshaus Berlin, 2016

[LiSe 03/17] Lyrische Kostprobe

Diese unscheinbaren

Nachmittage

Diese unscheinbaren Nachmittage
die Stimmen haben mich
verlassen die Vögel
und andere Wärmetiere
im Untergrund verharren
erkaltete Blätter
gezeichnet von verwesenden Farben
die Dunkelheit fällt ein
Kerzen anzünden
oder ein Gedicht

Karin Müller-Römer

[LiSe 02/17] Lyrische Kostprobe: Wintertag

Der Tag beginnt.
Die Bäume atmen still.
Die Wolken achten auf ein Zeichen und
die Sonne legt sich
in den frischen Schnee und
wälzt sich mit den Hunden, ungesehen
kommt das Glück vorbei

Still atmen Wolken; Bäume
warten auf ein Zeichen und
marschieren plötzlich los
über die Berge an das Meer
und ahnen dort und schauen
nach den Fischen, nach den Muscheln
nach dem wahren Kick

Wolfram Hirche

[LiSe 12/16] Lyrische Kostprobe: Gsellschafft

Gsellschafft

Zersd hone s selwagsaamde Hungateichl aafglegd,
do ham de Herrschafftn a Wal dro nogn kinna,
Naha hone ear, in meim bestn Scherm,
d Wossasubbn aafdrogn
aaf dea wöie ned daheargschwumma bi.
Eitz hams an Bron scho a weng grocha.
Mei Schweinsbron
is so apatitle gwen
wöi ausm Buldabeichl,
wal do honen a ausgschnin ghatt.
Gor ned noude hone Kneel austaalt
vo de oi, wöi ma ollawal
en Hois steckat bliebn hand
bols gor so gscheid dahear gredt ham.
Prost Mallzeit!
Unta Gsichda one Foa hone
Talarl gschom und dazou gsagd:
Do host dein Solod!
Aisa Zeigniss, dasa me auskenn e da Wölld
hone ear no an Pfifkaas voagsedzd.
Mid hoam hone ear,
sche eibabierld und mid am grean Mascherl,
a goidas Nixal gem.
Und zledzd mei Haus, mei Tiür vospeadt.

Katharina Bosˇnjak