[LiSe 07/17] Rezension: Zwischen Wahn und Wissenschaft

Christine Wunnickes neuer Roman „Katie“

Von Katrina Behrend Lesch

Im viktorianischen England boomte der Glaube an das Übersinnliche. Medien hatten Popstar-Status, Séancen waren gesellschaftliche Ereignisse, über Klopfzeichen und Tischerücken korrespondierte man mit seinen Lieben im Jenseits. Dass wir uns gleichzeitig im Jahrhundert des großen wissenschaftlichen Aufschwungs befinden scheint kein Widerspruch zu sein. Das Nebeneinander von Theoriebildung und Geisterglaube entwickelte eigene Reize, und denen geht Christine Wunnicke in ihrem neuen Roman leichtfüßig und wahrheitsgemäß nach. Denn tatsächlich gab es jene Florence Cook, das „berühmteste materialisierende Medium in Ost-London“, und es gab William Crookes, veritabler Physiker, Chemiker, Parapsychologe und Herausgeber der Chemical News, der das Thallium entdeckte und radioaktive Strahlung nachweisen konnte. Als bei Florence immer öfter die walisische Piratentochter Katie aus dem 17. Jahrhundert auftaucht, wird er als Gutachter hinzugezogen. Dass er gerade auf der Suche nach dem vierten Aggregatzustand einer „strahlenden Materie“ ist, trifft sich gut – so lassen sich Forschung und Spiritismus in eine inspirierende Gemengelage bringen. Um 1870 stand man auf der Schwelle bahnbrechender Entdeckungen, da kann einem Wissenschaftler eine sich aus Licht materialisierende attraktive junge Frau schon gelegen kommen. (mehr …)

[LiSe 06/17] Rezension: Bis zum Tod ein Emigrant

Eine neue Biografie würdigt Oskar Maria Graf

von Antonie Magen

Als Oskar Maria Graf am 28. Juni 1967 in New York im Alter von 72 Jahren starb, hatte er fast die Hälfte seines Lebens im Exil zugebracht. Dessen Beginn markierte er in seiner zweiten Autobiografie „Gelächter von außen“ (erschienen 1966) rückblickend mit dem 6. März 1933, dem Tag, an dem seine Lebensgefährtin Mirjam Sachs nach der letzten freien Reichstagswahl der Weimarer Republik in Wien eingetroffen war. Graf selbst befand sich schon seit Februar auf einer Lesereise in Österreich. Nach Deutschland kehrte er erst 1958 zurück, kurz nachdem er die amerikanische Staatsbürgerschaft erhalten hatte. Allerdings beschränkten sich seine Aufenthalte in Europa der fünfziger und sechziger Jahre auf drei Reisen. – Unzufrieden mit dem Nachkriegszustand Westdeutschlands und der mangelnden Würdigung seines Werkes, das zumindest in der BRD erst ab 1960 wieder Aufmerksamkeit erregte, kehrte er nicht dauerhaft in sein Geburtsland zurück und blieb bis zu seinem Tod Emigrant. (mehr …)

[LiSe 05/17] Rezension: Es wurde Licht

Der Wahlmünchner McCarten widmet seinen Historienroman Thomas Alva Edison

Walker’s Cross, Michigan, 1929. Ein gebückter, alter Mann stiehlt sich aus einem Sonderzug, der ihm zu Ehren zu einem Jubiläumsempfang unterwegs ist nach Dearborn. Sein Luxusabteil ist abgedunkelt, und seine 18 Jahre jüngere Frau wacht darüber, dass er nicht gestört wird an diesem heißen, schwülen Sommertag: der berühmte Erfinder – Thomas Alva Edison. (mehr …)

[Lise 04/17] Rezension: Ein erdichtetes Leben

Ein erdichtetes Leben
Neue Biografie zum 150. Geburtstag von Ludwig Thoma

Wer nach Dachau fährt, stößt unweigerlich auf Ludwig Thoma. Er findet dort eine Ludwig Thoma Wiese, eine Ludwig-Thoma-Straße und das Ludwig-Thoma-Haus; die Ludwig-Thoma-Schule schließt diesen Sommer.
Den Dachauern gilt Thoma als Dorfheiliger, auch wenn er kaum drei Jahre dort verbracht hat. Aber seine bekanntesten Bühnenstücke und Romane spielen in und um Dachau. Der Ruepp – Andreas Vöst – Erster Klasse etc. An der Rückwand des Foyers im Ludwig-Thoma-Haus steht der Satz „Wenn ich zurückdenk’, am schönsten war es doch in Dachau“. Das schrieb Thoma am Ende seines Lebens in einem Brief an seine Geliebte Maidi von Liebermann. (mehr …)

[LiSe 03/17] Rezension: Campus-Roman und Kapitalismus-Kritik

Lüschers erster Roman „Kraft“

Richard Kraft, Rhetorikprofessor aus Tübingen, reist ins Silicon Valley, um an einem wissenschaftlichen Wettbewerb teilzunehmen. In einem 18minütigen Vortrag soll begründet werden, warum alles, was ist, gut ist, und warum wir es dennoch verbessern können. Ausgedacht hat sich die Preisfrage, in Anlehnung an Leibniz’ Essay zur Theodizee, der Dotcom-Milliardär Tobias Erkner und für die beste Antwort eine Million Dollar ausgelobt. Dies die Ausgangssituation, die Jonas Lüscher in seinem ersten Roman entworfen hat, und eigentlich sollte die Bewältigung der Aufgabe niemandem so leicht von der Hand gehen wie Kraft, einem als brillant ausgewiesenen Denker und Nachfolger auf dem Lehrstuhl von Walter Jens. (mehr …)

[LiSe 02/17] Rezension: Ein Schmöker für die Ewigkeit

Die Monacensia ist wiedereröffnet – und damit deren neue Ausstellung „Literarisches München zur Zeit von Thomas Mann“. Zur besseren Orientierung und/oder zum Nachlesen ist jetzt im Pustet-Verlag der dazugehörige Katalog erschienen. Verfasserin ist Elisabeth Tworek, die Kennerin der bayerischen und Münchner Literaturszene schlechthin. Die Leiterin der Monacensia hat deren literarische Nachlässe gesichtet, Leben und Werk von SchriftstellerInnen wie etwa Frank Wedekind, Ludwig Thoma, Lena Christ, Annette Kolb oder der Familie Mann skizziert und dazu eine Fülle von Fotos, Briefen, Tagebuchnotizen etc. gestellt. Herausgekommen ist ein Schmöker für die Ewigkeit. (mehr …)