[LiSe 05/17] Rezension: Es wurde Licht

Der Wahlmünchner McCarten widmet seinen Historienroman Thomas Alva Edison

Walker’s Cross, Michigan, 1929. Ein gebückter, alter Mann stiehlt sich aus einem Sonderzug, der ihm zu Ehren zu einem Jubiläumsempfang unterwegs ist nach Dearborn. Sein Luxusabteil ist abgedunkelt, und seine 18 Jahre jüngere Frau wacht darüber, dass er nicht gestört wird an diesem heißen, schwülen Sommertag: der berühmte Erfinder – Thomas Alva Edison. (mehr …)

[Lise 04/17] Rezension: Ein erdichtetes Leben

Ein erdichtetes Leben
Neue Biografie zum 150. Geburtstag von Ludwig Thoma

Wer nach Dachau fährt, stößt unweigerlich auf Ludwig Thoma. Er findet dort eine Ludwig Thoma Wiese, eine Ludwig-Thoma-Straße und das Ludwig-Thoma-Haus; die Ludwig-Thoma-Schule schließt diesen Sommer.
Den Dachauern gilt Thoma als Dorfheiliger, auch wenn er kaum drei Jahre dort verbracht hat. Aber seine bekanntesten Bühnenstücke und Romane spielen in und um Dachau. Der Ruepp – Andreas Vöst – Erster Klasse etc. An der Rückwand des Foyers im Ludwig-Thoma-Haus steht der Satz „Wenn ich zurückdenk’, am schönsten war es doch in Dachau“. Das schrieb Thoma am Ende seines Lebens in einem Brief an seine Geliebte Maidi von Liebermann. (mehr …)

[LiSe 03/17] Rezension: Campus-Roman und Kapitalismus-Kritik

Lüschers erster Roman „Kraft“

Richard Kraft, Rhetorikprofessor aus Tübingen, reist ins Silicon Valley, um an einem wissenschaftlichen Wettbewerb teilzunehmen. In einem 18minütigen Vortrag soll begründet werden, warum alles, was ist, gut ist, und warum wir es dennoch verbessern können. Ausgedacht hat sich die Preisfrage, in Anlehnung an Leibniz’ Essay zur Theodizee, der Dotcom-Milliardär Tobias Erkner und für die beste Antwort eine Million Dollar ausgelobt. Dies die Ausgangssituation, die Jonas Lüscher in seinem ersten Roman entworfen hat, und eigentlich sollte die Bewältigung der Aufgabe niemandem so leicht von der Hand gehen wie Kraft, einem als brillant ausgewiesenen Denker und Nachfolger auf dem Lehrstuhl von Walter Jens. (mehr …)

[LiSe 02/17] Rezension: Ein Schmöker für die Ewigkeit

Die Monacensia ist wiedereröffnet – und damit deren neue Ausstellung „Literarisches München zur Zeit von Thomas Mann“. Zur besseren Orientierung und/oder zum Nachlesen ist jetzt im Pustet-Verlag der dazugehörige Katalog erschienen. Verfasserin ist Elisabeth Tworek, die Kennerin der bayerischen und Münchner Literaturszene schlechthin. Die Leiterin der Monacensia hat deren literarische Nachlässe gesichtet, Leben und Werk von SchriftstellerInnen wie etwa Frank Wedekind, Ludwig Thoma, Lena Christ, Annette Kolb oder der Familie Mann skizziert und dazu eine Fülle von Fotos, Briefen, Tagebuchnotizen etc. gestellt. Herausgekommen ist ein Schmöker für die Ewigkeit. (mehr …)

[LiSe 01/17] Lyrik-Rezension: Soma

Ein Gedichtband von Birgit Kreipe

Allen an Lyrik Interessierten sei der zweite Gedichtband von Birgit Kreipe empfohlen. Er heißt „Soma“, ist voriges Jahr im kookbooks-Verlag erschienen und enthält als erstes die auf zwei Zyklen aufgeteilten Sonette, mit denen die Autorin vor drei Jahren den Lyrikpreis München gewann. Die Form des Sonetts, lobten damals die Juroren, verwende Birgit Kreipe dazu, die Flut der auf sie einstürzenden Bilder zu dämmen. Der dritte Zyklus, „kinderheim“, offenbart in Langversen, die jedoch nie eine halbe Seite übersteigen, eine Nähe zum Rollengedicht, wobei das erste und das letzte Gedicht denselben Schlussvers haben: „aber ich bin doch längst ausgewandert! und die kinder auch!“ Die Gedichte haben eine Tendenz zur Teichoskopie, zur Mauerschau, die an sich dem Drama zugehört, und in der die Rollen von Sprecher und Angesprochenem strikt getrennt sind. (mehr …)

[LiSe 01/17] Rezension: Wunderbarer Wahnwitz

Helmut Pölls neuer Roman „Die Krimfahrt“

Helmut Pölls „Die Krimfahrt“ ist eine witzige Geschichte mit wunderbaren Formulierungen, spannendem Plot, genialer Behandlung des ewig Wiederkehrenden einer Reise durch die Ukraine, tragischem Schluss, stringent erzählt, plausibel in allem Wahnwitz, traurig und komisch zugleich.

„Es ist schwer zu beurteilen, ob Erika generalstabsmäßig planend oder unbewusst in dieses Fahrwasser geriet“. Gemeint ist zunächst die Planung eines Urlaubs, und Erikas Entschluss ist fest: „Wir fahren jetzt weg.“ Erika ist die Ehefrau von Wilhelm Seidlitz, und der hält nichts vom Wegfahren. Aber wie kann Seidlitz, Hausmeister, Leseratte und Pedant in einer Person, den Wunsch seiner Frau abschlagen, wenn sie ihn mit versteinertem Gesicht aus blauviolett umringten Augen anschaut? Also wohin? Wilhelm erstarrt bei der Vorstellung, nach Afrika zu fliegen. Europa? Auch nicht besser. Er denkt nur an „die unmenschliche Hitze auf dem Petersplatz, wo sie fünf Stunden an einem glühenden römischen Mittag ausharrten, um zwei Minuten einen stecknadelgroßen Papst anzustarren, der dann auch noch Italienisch sprach.“

Dieses Ehepaar, das Züge aus Loriots „Szenen einer Ehe“ hat, wird eine Reise antreten, deren Ende weder Wilhelm noch der Leser erwartet. (mehr …)