[LiSe 06/20] Fragen an Michael Ott

Michael Ott ist Teamleiter der Abteilung 1 – Darstellende Kunst, Literatur, Film, Wissenschaft und Preise im Kulturreferat der Landeshauptstadt München.

LiteraturSeiten München (LSM): Sie sind im Kulturreferat der Stadt München u. a. für die Literaturförderung zuständig, welche Bereiche genau umfasst diese Förderung?

Michael Ott: Wir unterstützen zum einen Institutionen wie das Literaturhaus, die Internationale Jugendbibliothek oder das Lyrik Kabinett mit Zuschüssen; auch das Münchner Literaturfest gehört hierzu. Zum zweiten gibt es viele einzelne Veranstaltungen, Reihen, poetry slams oder kleinere Festivals, die wir durch Kooperationsbeiträge fördern und oft erst ermöglichen. Und schließlich unterstützen wir Autor*innen mit Preisen und Stipendien – vom Münchner Literaturpreis über die Arbeitsstipendien bis zum Hoferichter- oder Tukanpreis; hier organisieren wir Jurys und Preisverleihungen. In engem Austausch sind wir auch mit der Stadtbibliothek und der Münchner Volkshochschule, die aber eigenständige Institutionen mit eigenem Veranstaltungsprogramm sind. (mehr …)

[LiSe 06/20] Kolumne: Rückkehr der Tiere

Zwei Füchse paaren sich vor dem Kanzleramt. Ja, haben die denn gar keinen Anstand? Das ist die falsche, weil anthropomorphisierende Frage. Tiere wandern in großer Zahl in den städtischen Raum ein, in Zeiten von Corona umso mehr. Die Biodiversität in den Städten, auch in den Großstädten übertrifft mittlerweile die im durch Monokulturen geprägten ländlichen Raum. Die Wildschweinrotte in der Vorstadt, der Biberbau im renaturierten Fluss, Waschbären, die sich aus Mülltonnen bedienen, sind nur besonders spektakuläre Beispiele. Und was sind das für gelbgraue in der Größe zwischen Wolf und Fuchs liegende Tiere? Goldschakale, deren Zahl in Europa inzwischen zehnmal höher als die der Wölfe ist.

Die Menschen haben auf einmal Zeit, einen Blick für diese Mitbewohner zu entwickeln, und sei es nur der Gesang der Amsel auf dem Balkongeländer, dem man auf einmal aufmerksam lauscht. Ganz zu schweigen von den Krähen, die zwar nicht singen können, dafür aber erstaunliche Intelligenz beweisen, wenn es um die Finessen der Nahrungssuche geht. Da bellt der Hund wütend, wenn ihm das von Frauchen zugedachte Leckerli von der blitzartig agierenden Krähe weggeschnappt wird. Die Unterschiede zwischen Wild- und Haustieren ebnen sich ein. So wird aus einem Außenbezirk der Stadt der pünktliche morgendliche Besuch eines Blaureihers gemeldet, der den reichlich gedeckten Frühstückstisch in Garten und Teich zu schätzen gelernt hat. (mehr …)

[LiSe 06/20] Literarische Archive (Folge 16) „Gedächtnis der Stadt“

Seit 2008 hat Michael Stephan das Stadtarchiv München geleitet. Jetzt ist er, von Mai dieses Jahres an, im Ruhestand. Gleich in den ersten Tagen des neuen Lebensabschnitts war er so freundlich, den LiteraturSeiten einen „persönlichen Rückblick“ zukommen zu lassen, der ganz nebenbei auch über die Funktion und Arbeit des Archivs, das sich in Schwabing in der Winzererstraße 68 befindet, Auskunft gibt.

von Michael Stephan

Das Stadtarchiv München ist ein traditionell direkt beim Oberbürgermeister ressortierendes städtisches Amt und fungiert als „Gedächtnis der Stadt“. Das geschieht in erster Linie durch die ausgewählte Übernahme, Erschließung und Bereitstellung von Unterlagen der gesamten Stadtverwaltung seit dem Mittelalter (und ist deshalb heute eine gesetzlich vorgeschriebene kommunale Pflichtaufgabe) – dazu kommt eine aktive Sammlungstätigkeit von Unterlagen aus Privatbesitz; alles aneinandergereiht käme man auf eine Strecke von 20 Kilometern.

In meiner Amtszeit wurden alle bisher nur analogen Findmittel und Datenbanken zu den Hunderten von verschiedenen Beständen digitalisiert. Mit dem weltweiten Online-Zugang über die Homepage des Stadtarchivs hat sich eine Recherche spürbar erleichtert und ermöglicht zudem den direkten Zugriff auf mittlerweile 40.000 hinterlegte Digitalisate (Endprodukte einer Digitalisierung, d. Red.) von Archivalien, zumeist Fotos und Plakate. Und für die nur noch digital entstehenden Unterlagen konnte im Stadtarchiv ein digitales Langzeitarchiv in Betrieb genommen werden. (mehr …)

[LiSe 06/20] Gratulation: Bilderbücher voller Leben

Wilfried Blecher, Illustrator und Preisträger des Deutschen Kinder- und Jugend-Literaturpreises, zum 90. Geburtstag

Von Katrin Diehl

Als im September 1949 die Internationale Jugendbibliothek in der Kaulbachstraße ein Zuhause gefunden hatte, da gab es für die Kinder kein Halten mehr. Sie stürmten die vom Krieg ein wenig ramponierte Villa, und was sie dort erwartete, war weitaus mehr als bloßes Lesefutter. Denn Jella Lepman, 1936 vor den Nazis von Deutschland nach England geflohen und von den Amerikanern als Leiterin der Bibliothek eingesetzt, dachte größer. Die von Sorge und Angst geprägten Kinder durften musizieren, durften unter der Anleitung von Erich Kästner Theater spielen, konnten sich in Sachen Demokratie üben, Gästen wie Erika Mann, Thornton Wilder oder Carl Zuckmayer lauschen oder sich ans Malen machen. Dafür standen im verwunschenen Garten, der bis an die Rückseite der Staatsbibliothek heran reichte, Staffeleien bereit. Einer der „Mallehrer“, die den Kindern mit Rat und Tat zur Seite standen, war Wilfried Blecher.

Wilfried Blecher lebt heute in einem Münchner Seniorenheim, und wenn man ihn anruft und fragt, wie es ihm in diesen seltsamen Zeiten so gehe, antwortet er sachlich bis heiter, „den Umständen entsprechend gut“. Sein 90. Geburtstag, den er in großer, schöner Runde Anfang Mai hatte feiern wollen, fand stark reduziert und den „Umständen entsprechend“ statt, und „wie gut, dass es das Telefon gibt“, an dem sich vom Heute und Gestern reden lässt. (mehr …)

[LiSe 06/20] Ausstellung: Von der Isar nach Jerusalem

Zeichnungen der Künstlerin Gabriella Rosenthal

Von Katrin Diehl

Das ist ein Bild: Im Innern des Stadtpalais, Brienner Straße 47, sitzt im ehrwürdigen „Rosenthal-Antiquariat“ zwischen hohen, dunklen Regalen ein junges Mädchen. Es ist vertieft, blättert in den alten Büchern, liest, sieht sich Abbildungen an. Sein Name ist Gabriella. Gabriella Rosenthal, Enkelin des Antiquariats-Besitzers Jacques Rosenthal, dessen Namen während der Weimarer Zeit für den Münchner Antiquariatshandel steht.

Manchmal hilft Gabriella dem Großvater bei dessen Arbeit, liest sich durch Literaturwelten, lernt über die Bücher Sprachen und Illustrationen kennen. Auch ihr Vater, Erwin, machte auf Antiquariate, eröffnet eine Filiale in Berlin, eine in Lugano … Gabriellas Mutter Margherita ist die Tochter des Florentiner Antiquars Leo Olschki … (mehr …)

[LiSe 06/20] Lyrische Kostprobe 

Der Kreis in der Krise
oder das exzentrische Trägheitsmoment

In der Vergangenheit angekommen,
hab ich eine Flamme gesehn;
zwischen ihr und dem Meer
trag ich mit der Hand aufm Herz
Gefahrenwerte aus:

Ich hab die Zeit gestört;
in verschiednen Löchern bilden sich
Almkräuter oder Amokläufer. Jeoaoue,
der Elefant, der auf dem Rücken
liegt, gibt mir die Schuld dafür.

Im Unglück falschen Strömungsverhaltens
ists mir kalt um die Knochen
und ich zerbrösle am Schaltgriff:
was sich regnet
soll mich treffen.

Wolfgang Berends

[LiSe 06/20] Rezension: Immer dem Ball nach

Eine Graphic Novel über den Fußballer Oskar Rohr

Von Katrin Diehl

Es geht gleich in medias res. Vor allem für die Bayern. Die Bayern. Es ist nämlich „Ossi“ gewesen, der die am 12. Juni 1932 zur ersten Meisterschaft geschossen hat. In Nürnberg hat er gegen Eintracht Frankfurt vor 55.000 Zuschauern einen Elfer reingekriegt. Am Ende stand es dann 2:0. „Ossi“, das war Oskar Rohr, ein Mannheimer, den der Trainer Richard Dombi, der eigentlich Richard Kohn geheißen hat, bei seinem Wechsel vom VfR Mannheim zum FC Bayern kurzerhand mitgenommen hatte. Da traf der junge Mann dann bald mit Kurt Landauer, Präsident des Vereins, auch mit Walther Bensemann, Fußballpionier und Gründer der Fußballzeitung „Kicker“, zusammen. Und darum geht es in dieser ansprechenden Graphic Novel eben auch, zu zeigen, wie jüdisch die Anfänge des Fußballsports in Deutschland gewesen sind. Ossi Rohr, geboren 1912, ein Ausnahmetalent, ein Stürmerass, ein Toreschießer, trippelte sich mit unerwarteten Haken und einigem Tempo durch die deutsche Kata-strophengeschichte. Den grobstrichigen, flotten Panels zu folgen (Text: Julian Voloj, Zeichnungen: Marcin Podolec), heißt einem Leben zu folgen und das hat hier wirklich großen Unterhaltungswert. (mehr …)