[LiSe 10/18] Lieber scheitern, als es nicht probieren

Vier Dichter, die die Welt verbessern wollten

Von Katrina Behrend Lesch

Karnevalsstadt der Weltenbeglücker“ – München hatte es nicht leicht in den turbulenten Tagen, Wochen und Monaten, als die Monarchie gestürzt und Bayern zum Freistaat wurde mit Kurt Eisner, einem Dichter, als Ministerpräsidenten. Noch verrückter ging es zu, als nach dessen Ermordung die Dichter Gustav Landauer, Erich Mühsam und Ernst Toller das Äußerste wagten und die Räterepublik Baiern etablierten. Selten hatten sich Schriftsteller und Literaten so aktiv an einer Revolution beteiligt wie an der vom 7./8. November 1918. Viele ließen sich von ihr mittragen, euphorisch bis ablehnend wie etwa Thomas Mann, der das Geschehen von seinem Kämmerlein aus kommentierte. Sein Bruder Heinrich unterstützte die Revolution, Oskar Maria Graf feierte sie mit Saufgelagen, Rainer Maria Rilke besuchte politische Veranstaltungen, Ret Marut, alias B. Traven, agierte als unsichtbarer Chefzensor, um nur einige zu nennen. Doch jene vier Dichter wollten mehr, wollten nicht nur von einer besseren Welt träumen, nutzten die Gunst der Stunde und griffen nach der Macht.  (mehr …)

[LiSe 10/18] Kolumne: Staubsaugen, bitte

Die Fuckability wird in L. A. hoch geschätzt, wie wir gerade aus einem Interview mit Susanne Bormann gelernt haben – ja gut, die Dame kommt aus der Filmbranche und muss nicht jedermann geläufig sein, und das Besondere am literarischen Thomas-Mann-House und seinen Fellows in L. A. ist ja, dass jene F. keine Rolle spielen sollte, ganz im Gegenteil. Diese Villa, und das jetzt für Leser, die solche Dinge grad gar nicht „auf dem Schirm“ haben, ließ Thomas Mann anno ’42 bauen , und sie wurde vor zwei Jahren vom Deutschen Außenministerium für schlanke 15 Millionen $ gekauft – was mutig war vom ansonsten verdächtig superkorrekten F. W. Steinmeier. Sofort aber stellte sich die Frage, was machen wir jetzt damit, riesiges Haus, Garten, 3 Palmen, Pool, Balkon, San Remo Drive 1550, nahe Los Angeles? (mehr …)

[LiSe 10/18] Dichter-Denkmäler in München (Folge 11)

Vor Schiller den Hut ziehen

Das Schiller-Denkmal am Maximiliansplatz

Von Christine Erfurth

Friedrich von Schiller (1759–1805) hat Bayern weder bereist, noch persönlich am geistigen Leben in München teilgenommen. Eine tiefe kulturelle Kluft trennte den katholischen Süden vom protestantischen Norden. Die großen Dichterfürsten, Schiller und Goethe, verspotteten in ihren „Xenien“ (1797) das Kurfürstentum als Land der irdischen Freuden, das keinen Sinn für das geistig Schöne habe: „Donau in B[ayern]. Bacchus, der lustige, führt mich und Komus, der fette, durch reiche Triften, aber verschämt bleibt die Charis zurück.“ Das Interesse der Bayern und insbesondere ihrer Könige Ludwig I. und Ludwig II. an Schiller hingegen war groß. (mehr …)

[LiSe 10/18] Buchtipps aus erster Hand

Die Buchhandlung Literabella in der Isabellastraße empfiehlt diese beiden Neuerscheinungen.

Olivier Guez: Das Verschwinden des Josef Mengele
Aufbau

Olivier Guez beschreibt die Fluchtetappen des berüchtigten Lagerarztes von Auschwitz. Ab 1949 in Argentinien gibt er sich herrisch und optimistisch und wird von einem Nazi-Netzwerk unterstützt und hofiert. Die 60er und 70er-Jahre in Paraguay und Brasilien sind zunehmend von Verbitterung, Verfolgungswahn, Einsamkeit und Krankheit geprägt. Bis zu seinem Unfalltod 1979 bleibt er ohne Reue, seine Verbrechen ungesühnt. Statt einer Biografie wählt Guez bewusst die Romanform, weil damit eine größere Breitenwirkung und so Aufklärung und Mahnung möglich sind. (mehr …)

[LiSe 10/18] Kurzgeschichte: Mutter

Von Rudolf Freiberger

Wo bin ich? Wo ist sie?“ Er rieb sich den Schlaf aus den Augen, mit der Faust. „Aaaahhhch!“ quoll der erstickende Schrei aus ihm heraus, wie in dem ewig wiederkehrenden Traum ihm sämtliche Zähne aus dem Mund quollen – Hunderte von Zähnen, immer mehr herausfallende Zähne, bis er mit der Angst zu ersticken qualvoll wach wurde. „Mutter! Wo bist du?“ schrie es aus ihm. Die Nachbarn! Es ist mir scheißegal was die Vollidioten denken, in diesem verfluchten Wohnloch in Neuhausen. Ja, ich bin in Tot-Neuhausen, exiliert, fern dem einzigen Menschen, der mir auf dieser Welt geblieben ist. Und jeden Morgen dieselbe Angst! „Ich halte das nicht mehr aus!“ schrie er die dünnen Wände an. „Mutter! Lebst du noch?“ Nein – ich rufe jetzt nicht bei ihr im Saarland an – halb sechs Uhr früh – sie schläft noch. Und warum soll sie plötzlich nicht mehr leben? „Du Volldepp“ schrie er sich an. „Warum kannst du deine alte Mutter nicht einfach sterben lassen? In Frieden gehen lassen? So wie andere Leute auch.“ – Halb sechs – ich stehe auf und fahre sofort zu ihr. 460 Kilometer – in vier Stunden bin ich da. (mehr …)