[LiSe 06/18] Zehn Umzugskisten voller Romane

Der Friedrich-Glauser-Preis 2018 geht an Jutta Profijt /
Aus der Arbeit eines Jury-Mitglieds

Von Antonie Magen

5. Mai 2018: Das neue Theater in Halle ist gut gefüllt. Ca. 500 Gäste haben sich zur Criminale 2018 versammelt, um der Verleihung des Friedrich-Glauser-Preises beizuwohnen. Er erinnert an den Schweizer Autor, der mit der Figur des Wachtmeisters Studer einen der ersten Serienhelden der deutschsprachigen Kriminalliteratur schuf. – Neben dem Deutschen Krimipreis ist der „Glauser“ der wohl wichtigste Preis für Kriminalliteratur im deutschsprachigen Raum. Vielleicht ist er sogar etwas begehrter, denn er wird vom „Syndikat“ vergeben, der Autorengruppe deutschsprachiger Kriminalliteratur, und ist damit ein Preis von Autoren für Autoren. Im Gegensatz zum Deutschen Krimipreis ist er außerdem dotiert. – Kein Wunder, dass die Nominierten ein bisschen nervös auf den Ausgang des Abends warten. (mehr …)

[LiSe 06/18] Kolumne: Gefährliche Gedichte

Marx, welchen meinen Sie? Also, wir haben Marx R. im Angebot, den Münchner Kardinal, der sich geschickt durch Talkshows schlängelt in dieser Kruzifixsache und anderen lebenswichtigen Dingen, und Marx K., den Ökonomen, der für alles eine Lösung hat. Aber Marx K., den Lyriker? Und dies ist schließlich ein Literaturblatt! Hier bitte: „Nimmer kann ich ruhig treiben,/Was die Seele stark erfaßt,/Nimmer still behaglich bleiben,/Und ich stürme ohne Rast.“ Romantische Schule, um 1837. Dem Engländer Stedman Jones haben wir’s zu danken, dass er in seiner aktuellen Karl Marx-Biographie diese vergessene Poesie ausgegraben hat. Von wegen „stürme ohne Rast“. Vater Heinrich Marx, ein gestrenger Rechtsanwalt, dem Karl seine Gedichte geschickt hatte, war schwer beunruhigt. Er drang auf eine juristische Staats-Karriere, mochte die Lyrik seines Filius nicht sonderlich und starb, noch ehe „Karl“, wie Jones ihn familiär nennt, beruflich Fuß fasste. Was ihm sowieso nie gelang. (Übrigens auch bei R. Marx könnte man fragen: Ist Kardinal ein ernsthafter Beruf? Aber lassen wir das.) Eine Journalistenkarriere, ein Staatsamt, auch eine Philosophische Professur – alles scheiterte am strengen Berufsverbot der Karlsbader Beschlüsse (1819). Zensur, Ausweisung und Exil. 1841 wurden noch Karls Gedichte „Wilde Lieder“ publiziert, danach ging nichts mehr.  (mehr …)

[LiSe 06/18] Dichter-Denkmäler in München (Folge 8)

Die Unangepasste
Franziska zu Reventlow und München

Von Katrina Behrend Lesch

„… frei bin ich, frei bin ich, frei – frei!“ Viele solcher „Aufschreie“ notierte Franziska zu Reventlow in ihren Tagebüchern, wie um sich selbst zu bestätigen, was für sie im Leben allein zählte. Einem Freund schrieb die Neunzehnjährige „ … es liegt nun einmal tief in meiner Natur, dieses maßlose Streben, Sehnen nach Freiheit …“ Hineingeboren in ein adliges Milieu und in die restriktive Gesellschaft des zweiten Kaiserreichs, dessen Dauer ihren eigenen Lebensdaten entspricht – 1871 bis 1918 – rebellierte Franziska, die eigentlich Fanny hieß, zeit ihres Lebens gegen deren Regeln und Konventionen. Ob sich München, ihr langjähriger Lebensmittelpunkt, wegen dieser so leidenschaftlich eingeforderten Freizügigkeit mit ihrem Andenken schwer tut mag dahin gestellt sein. Eine einzige Bronzetafel erinnert an sie, fast unsichtbar seitlich an dem Gebäude Leopoldstr. 41 angebracht, das die typische Fassade einer heutigen Großstadtmeile aufweist: Ein Supermarkt, ein Klamottenladen. In diesem Haus über dem Café Noris von einst wohnte die Schriftstellerin Franziska von Reventlow *1871 1918 † lautet die lapidare Inschrift. Sie verrät nichts über die Persönlichkeit, die wegen ihres berühmt-berüchtigten Lebensstils in den Schwabinger Künstlerkreisen als „heidnische Madonna“ bezeichnet wurde. (mehr …)

[LiSe 06/18] Preisverleihung / Kurzgeschichte

Gewinner

Der Haidhauser Werkstattpreis, dessen Vergabe heuer zum 25. Mal stattfand, hat einen eindeutigen Gewinner. Es ist Wolfram Hirche, dessen satirisch zugespitzte Kurzgeschichte „Osama Ostmond“ den anwesenden Zuhörern unter den Texten der elf Kombattanten, wie sich Moderator Rainer Kegel vom Münchner Literaturbüro ausdrückte, am besten gefiel. Leicht gekürzt ist sie hier abgedruckt. Hirche schreibt in den LiteraturSeiten München regelmäßig die Kolumne und nimmt darin den Literaturbetrieb hintersinnig und ironisch aufs Korn. Wir gratulieren ihm. red.

Kurzgeschichte: Osama Ostmond 

Von Wolfram Hirche

Osama gleitet pünktlich aus dem Untergrund die Rolltreppe hinauf zur Mariensäule ins Freie, in der Linken einen Metallkoffer, und raunt mir sofort ins Ohr, dass er geradewegs aus seinem Versteck in „München-Westkreuz“ komme und keineswegs aus den Höhlen von Tora Bora. Westkreuz, Hochhaus, neunter Stock, das kann man nicht erfinden, das macht ihn sofort authentisch. (mehr …)