[LiSe 07/20] Literarische Archive: „Mann was ist das Schreiben doch für eine Macht.“

Bedingt durch die Corona-Pandemie war der Artikel zu Karin Struck im April nur im Internet erschienen. Wir bringen ihn hier noch einmal in gedruckter Form.

Von Ursula Sautmann

Sehnsucht, Ehrfurcht, Demut, Selbstüberforderung: In diesem kleinen Satz „Mann was ist das Schreiben doch für eine Macht“, entnommen dem Roman „Klassenliebe“, steckt viel von Karin Struck und ihrem hohen Anspruch an die Literatur. Dabei geht es ihr um die Macht, die Dichter und Schriftsteller auf sie ausüben, wie auch um die Macht, die sie selber mit dem Schreiben ausüben möchte. In vielen ihrer Werke bezieht sie sich auf andere Dichter, so in „Klassenliebe“ auf Goethe’s Werther, in „Die Mutter“ auf Brecht, Gorkij und Pearl S. Buck, in „Männertreu“ auf Moravia und Gabriele Wohmann. Sie, die nicht mit Büchern aufwächst, verschlingt Literatur, sieht sich im Dialog mit Dichtern und Schriftstellern, möchte aber mehr – nämlich Menschen aus bildungsfernen Lebenswelten in ihren Werken eine Stimme geben. „Ich muss meine Kraft des Schreibens finden, meine Wortgewalt des Schreibens“, formuliert sie in einem ihrer Essays mit dem Titel „An die Frauen“. (mehr …)

[LiSe 07/20] Kurzgeschichte: Die Piloten

Von Paul Holzreiter

Der Himmel ist blau, die Piloten, schick in ihren orangefarbenen Overalls, Deutsche Luftwaffe, die Flieger mögen es, wenn der Himmel blau ist. Wir haben sie heraufgefahren, Hotel Lalibela, Café Lalibela, Kaffee und Kuchen in unserem schicken weißen Zelt „Café Lalibela“, Geräuschkulisse wie Freibad. Der Tisch und die Bänke sind schon mal in einem bayerischen Biergarten gestanden. Ja, sagen die schicken deutschen Piloten in den orangefarbenen Overalls und geben uns recht, klingt tatsächlich wie Freibad, aber sie haben nicht viel Zeit. Piloten haben nie viel Zeit. Wir werden sie wieder hinunterfahren zu ihrem Flugzeug, fünf Mann, eine Transall der Deutschen Luftwaffe. Ein solches Flugzeug, sagen sie uns, sei nichts, was man einfach herumstehen ließe. Aber sie wollten es mal sehen, unser Hotel Lalibela. (mehr …)

[LiSe 07/20] Literatur-Theater-Projekt: Literatur einmal anders: „Kopfkino“

Geschriebenes wird im Kopf zum Film 

Von Stefanie Bürgers

Ein schnarrendes, schlagendes Geräusch, ein Tonband oder Film rollt auf einer Spule und es geht los mit Henriette Fridoline Schmidt. Auf „poetischen Hörwegen … eine Wanderung durch Kopf und Stadt“ erleben, so fordert sie auf mit verheißungsvoller Stimme. Und schon folgt man ihr.

Im Folgenden drei Kostproben:

#1 In den Gedankensog einer Passantin auf Münchens Prachtstraßen gerät man in der ersten Folge „Sonst Ruhe vor blauem Himmel“. Woher die „Leichen in den Kellern“ entlang der breiten, klassizistischen Ludwigstraße und der pappelgesäumten, konsumorientierten Leopoldstraße? Unerwartetes lässt stolpern, verharren, neu ansetzen, um zu begreifen. Das Ohr hört, was das geistige Auge noch nicht recht fassen kann. Die Wahrnehmung setzt wiederholt neu an und konjugiert sich vorsichtig tastend, über verschiedene Zeiten hinweg, um all den Gedanken, auch dem Gedenken, gerecht zu werden. Und immer allgegenwärtig: das Atmen der großen Stadt, mit hallenden Schritten, Stimmen, Lärm aus Straßencafés und von Motoren. Katrin Diehl, Theatertexterin und Journalistin, lässt Wahr-zeichen der Münchner Stadtansicht Wahr-heiten begegnen, die sich der Flaneurin / dem Flaneur nicht ohne weiteres en passant erschließen. (mehr …)

[LiSe 07/20] Rezension: Literatur, die Retterin

In Erinnerung: der Dichter, Schriftsteller und Literaturkritiker Peter Hamm

Von Katrin Diehl

Zu welcher Größe wächst Literatur, wenn man ihr sein Leben verdankt? Nicht, dass man ohne sie tot umgefallen wäre, aber man hätte es wohl kaum heraus geschafft aus der miefigen Dumpfheit, aus den gewaltschwangeren Kinder- wie Jugendtagen, die einem zugedacht waren. So etwas führt zu einem fast körperlichen Verhältnis zum Buch, zur Literatur, zu allem Gedruckten, zu „Kraut und Rüben“. Die Entdeckung von Geschichten, Gedichten, wohlgesetzten Texten kann am Ende Kraft geben, die Weichen umzustellen. Und man kommt da raus aus diesem Sumpf. Als „Motiv“ zieht sich der „Rettungsanker Literatur“ durch ganz viele Büchermenschen-Existenzen. Wir wissen das, und auch, dass sich das Schicksal damit die unermüdlichsten Anwälte und Anwältinnen der Literatur herangezogen hat, ausgestattet mit einer fast zwanghaften Literaturleidenschaft, die jedoch immer, ganz tief drinnen, einen Schmerz in sich trägt. Bis es den „Gäulen der Erinnerung“ in einem freien, fast befreienden Moment erlaubt ist, los zu galoppieren, eine „Gelegenheit“, die – ohne Frage – nur ein anteilnehmender Zuhörer, eine anteilnehmende Zuhörerin herzustellen vermag. (mehr …)

[LiSe 07/20] Rezension: Ziemlich beste Freunde

Von Slávka Rude-Porubská

Kinder des Südens, Kameraden, Blutsbrüder“ – das sind die zwei besten Freunde Kapia und Leviathan aus dem Debütroman des slowakischen Autors Peter Balko, den Zorka Ciklaminy ins Deutsche übertragen hat. Erst acht Jahre alt und schon neunmalklug, grundverschieden und doch unzertrennlich sind die beiden; der eine, draufgängerisch und heißblütig, ist zu jeder Rauferei bereit, während der andere, schüchtern und pummelig, lieber mit den erlebten und erfundenen Streichen ganze Hefte füllt: „Kapia tötete jeden Tag mindestens ein Tier, ich putzte mir jeden Abend die Zähne. Kapia spuckte, ich schrieb.“ (mehr …)