[LiSe 04/20] Kurzgeschichte: Rote Wilderdbeere

Von Andreas Wiehl

Das Positive zuerst: das Wunder dieses Hauses ist sein Garten. Wacholder und Kirsche, links ein hoher Walnussbaum, halb verdeckt durch Lorbeer und der rote Vogelbeeren tragenden Eberesche. Der sonnenüberstrahlte Rasen schwingt sich in leichten Hügelbewegungen zum Haus hinauf. Keine Stelle, von der aus man den Garten insgesamt überblicken könnte, doch immer wieder Einblicke, Licht und Schatten im Wechsel. Der kleine Teich nimmt genauso unaufdringlich seinen Platz ein, wie der Weg vor dem Kirschbaum, der am Nussbaum vorbei zur Spitze des Gartens führt; doch die sehe ich längst nicht mehr. Aber halt: der andere Nussbaum ganz hinten, links vom Pullover, tropfnass an der Wäscheleine hängend, lässt sich noch erkennen. Wäre ich jedoch fremd hier, wüsste ich nicht, dass dort der Garten zu Ende ist. Über mir schlagen die Blätter der Haselnuss aufeinander, was ferner geschieht, klingt wie Rauschen zu mir herüber. (mehr …)

[LiSe 04/20] Rezension – Bildband: „MÜNCHEN. SCHAU her!“

Begleitband zur Foto-Ausstellung der Bayerischen Staatsbibliothek

Von Stefanie Bürgers

Donisl wieder geöffnet ab 5 Uhr früh“! Über das Schild hinweg sieht man die Türme der Frauenkirche. Nur das Parterre des Hauses hat den Krieg überstanden, eine Behelfslösung. Es steht nicht mehr viel von München, doch es entsteht wieder ein Stück Normalität.

Die Bildfolge im Begleitband zur  Ausstellung reicht von circa 1850 bis in die 1970er Jahre. Portraits aus den Anfängen der Fotografie, sorgsam verwahrt im Samtkästchen. Das Novum der Fotografie in freier Natur, gestellte Arrangements von Touristen in schlecht sitzender Tracht vor einer Foto-Bergkulisse. Herzog Karl-Theodor, nicht in aristokratischer Pose, sondern als Arzt, vertieft in Lektüre. Berühmtheiten wie Thiersch, Liszt, Liebig  wechseln sich ab mit den Fotografen selbst, als Versuchsobjekte neuer Technik. Baudenkmäler, Stadtansichten, der bezwungene Gipfel der Zugspitze. (mehr …)

[LiSe 04/20] Rezension: Dies- und jenseits der Literatur

Uwe Timm und die Nicht-Orte

Von Katrin Diehl

Für Uwe Timm haben Utopien etwas Anziehendes. Sie interessieren ihn. In seinem gerade neu erschienenen Buch „Der Verrückte in den Dünen. Über Utopie und Literatur“ nimmt er sich – verlässlich ausgerüstet mit Ernst Blochs „Das Prinzip Hoffnung“ – der literatisierten Utopien, Gegenwelten und Sehnsüchte nach diesen Gegenwelten an. Seine Tour d’Horizon geht von Thomas Morus‘ „Utopia“ über Defoes „Robinson Crusoe“ und Kleists „Erdbeben in Chili“ bis hin zu Étienne Cabets „Ikarien“. Utopische Weltentwürfe, das macht Timm klar, lassen Schlüsse auf Mängel im jeweiligen Hier und Jetzt zu, weisen auf soziale Ungerechtigkeiten hin, Schlechtigkeiten, dunkle Seiten, die eben das Verlangen nach Veränderungen ein wenig maßlos werden lassen können. Die Utopie also als eine Form der Gesellschaftkritik, die sich in Literatur niederschlägt. Das kleine Wörtchen „noch“ – „noch ist dies oder das zwar nicht so oder so, aber wartet nur …“ –, das jeder Utopie innewohnt, wischt Uwe Timm nicht einfach hemdsärmelig vom Tisch. Dafür steht er der Utopie als Ideengeberin viel zu nahe, dafür zieht sie sich als Dreh- und Angelpunkt viel zu häufig (von „Der Schlangenbaum“ aus dem Jahr 1986 bis zu „Ikarien“ von 2017) durch sein eigenes literarisches Werk. Gerade ist Uwe Timm, der zu den wichtigsten, meistgelesenen deutschen Autoren gehört, 80 Jahre alt geworden und wie die Neuerscheinung nahelegt, scheint er weiterhin auf der Suche nach „Orten“ zu sein, an denen sich „bessere, also gerechtere, freiere, lustvollere Möglichkeiten des Zusammenlebens finden“. Könnte am Ende ja die Literatur selbst sein. Das Lesen als Möglichkeit, utopische Räume zu betreten: „Im Sessel oder auf der Bank sitzend, wandeln wir mit Leopold Bloom durch Dublin oder mit Franz Biberkopf durch das Berlin der Zwanzigerjahre. Literatur ist der ou tópos, der Nicht-Ort. Die Utopie ist der unwirkliche Ort.“ (mehr …)

[LiSe 04/20] Poesiebriefkasten: Impfworte gegen den Corona-Blues

Aufruf zu einer poetischen Postaktion

Wegen des Corona-Virus haben in ganz München die kulturellen Einrichtungen geschlossen. In ganz München? Im Münchner Stadtteil Giesing macht der Poesiebriefkasten nach wie vor die Klappe auf. Die Briefzusteller*innen der Deutschen Post AG bringen ihm zur Zeit vor allem Virus-Gedichte.

Das unbedingte Gebot der Stunde lautet „soziale Distanz“. Gerade die eröffnet Chancen für poetische Nähe. Das Unfassbare und Bedrohliche der Epidemie kann offenbar gut in Lyrik umgesetzt werden. So sind bereits ein bairischer Hass-Limerick, ein zorniges Gebet, eine Hamsterballade und ein Corona-Medley in der roten Gedichtesammelstelle eingetrudelt. (mehr …)