[LiSe 05/19] Kolumne: O Gegenglück!

Dies hier ist sie ohne Zweifel, endlich: Die tiefere Stadt, in der es (gelegentlich) Wunder „als Inhalt hat“ und (vor allem) auch das Manna, das sich beim Arzt und Dichter aus Berlin noch auf Habana reimte – er kannte wohl München nur vom Hörensagen? Und was reimt sich schon auf „München“? Das Manna hat der jetzt scheidende Kultur-Gott Hans-Georg Küppers mitsamt den Stadtrats-Engeln auf das von ihm vor zehn Jahren geborene Literaturfest über die Jahre ganz ordentlich ausgeschüttet, da hat sich keiner beklagt, schon gar nicht der jeweilige Kurator, die Kuratorin, die dazu gehören wie der Säugling zum Taufbecken!  (mehr …)

[LiSe 04/19] Kolumne: Alles Chefsache

Ja klar, wir denken ja schon um!
Ständig: Also, der Wolf ist so ein absolut nützlicher Gefährte des Menschen (solange er uns bloß nicht persönlich begegnet), sorgt für das Gleichgewicht im Walde, nährt sich von Reh, Geißlein und Hasen, reißt ab und zu eine Wildsau oder ein Rotkäppchen – Moment mal, stopp! Das mit dem Rotkäppchen geht gar nicht, streich das gefälligst, ruft der Chefredakteur ins Smartphone, während er mit dem SUV auf seine Almhütte rast, oder ich streiche Dich! Sagt er, und er hat das Sagen!

Dabei haben es Chefredakteure ja auch nicht immer leicht, das muss man bedenken, wenn man in so ein Chef-Bashing auf den asphaltierten Almweg mit einbiegen will. Sie werden selbst gejagt, gehetzt und erlegt, wir erinnern nur an Kristian Krug, Stern oder Klaus Brinkbäumer, Spiegel – das war erst im letzten Dezember. Oder an Zeitschriften, die Anfang des Jahres einfach eingefroren wurden samt ihren Chefs, wie z. B. „Maxi“ (Bauer Verlag), die uns so am Herzen lag, oder der Weekly Standard mit Stephen Hayes, der seinem Verleger einfach zu Trump-feindlich wurde. Manchmal greift ja auch der Insolvenzverwalter zur Tranchier-Schere wie im Falle eines Münchner Boulevardblatts vor knapp fünf Jahren, ja der Chef ist des Menschen Chef!  (mehr …)

[LiSe 03/19] Kolumne: Lesen – und jauchzen!

Endlich zeigt sich Licht in diesem über die Jahre angewachsenen und inzwischen völlig unübersichtlichen Dickicht von 100.000 neuen Titeln pro Jahr. Wie soll man sich da zurechtfinden? Selbst die Bestseller sind zu viele geworden. Und außerdem: da sind ja Titel dabei, die – äh – also es ist halt die Wahrheit: die muss man nicht unbedingt gelesen haben. Nun aber die erfreuliche Entwicklung: ein neuer Autorentyp und eine zeitgemäße Vermarktung weisen uns den Weg durch den Titeldschungel. Die neuen Schriftsteller heben sich angenehm ab von diesen pseudointellektuellen Profischreibern, die – das muss mal konstatiert werden – nichts anderes gelernt haben, als in mehr oder weniger skurriler Art und Weise ihre Weltsicht darzulegen. Manche beschreiben nur ihr langweiliges Schriftstellerdasein. Sonst haben die nix vorzuweisen.  (mehr …)

[LiSe 02/19] Kolumne: Münchgrant

Diese Stadt ist ja unbewohnbar wie der Mars, im Winter wegen der Schneemassen, im Sommer wegen Föhn und dazwischen wegen beidem gleichzeitig. Die Meteorologen ignorieren München einfach (genau wie T. Bernhard übrigens). Sie sprechen von „Alpenrand“ oder von „südlich der Donau“, und der Münchner weiß nicht, ob seine Stadt vielleicht gemeint sein könnte. Kommt jetzt der Schnee oder bleibt doch der Föhn, er quält sich mit dieser Ungewissheit, der Münchner, verzweifelt sucht er nach der Wetterwahrheit. Das ist auf Dauer ungesund, das macht ihn so grantig! Deshalb haben uns auch schon so viele Autoren verlassen, sterben einfach weg oder streben in den Norden.  (mehr …)

[LiSe 01/19] Kolumne: Entwurzelte Gesellen

Ein Toter steht in Münchens Wohnungen. Das ist der Weihnachtsbaum. Erst gekauft, geschmückt, besungen, dann weggeworfen – wie manchem Firmenchef ergeht es ihm, könnte man sagen, Winterkorn z. B., VW, oder Stadler, AUDI, wenn es hier um Wirtschaft ginge, aber es geht hier um weit Feineres. Um die Psyche der Zimmerpflanzen zum Beispiel. Wir kennen sie bestens, wir sprechen ja täglich mit ihnen! Sie mögen ihn nicht, den Weihnachtsbaum, haben sie geflüstert, sie tuscheln hinter seinem Rücken, sie sprechen ihn an, aber er antwortet nicht, leblos wie er ist. Er ist ein Fremder, ein abgehackter, entwurzelter Geselle, der stachelig vor sich hinstarrt. Manchem Vater und Ehemann gleich, der an Weihnachten notorisch nach Innen emigriert. Und sie ahnen vielleicht, dass sie in Kürze auf städtischen Müllbergen landen werden, die Münchner Weihnachts- und ihre etwa 25 Millionen deutschen Landsbäume, verbrannt ohne Pardon und Bedauern selbstverständlich von denselben Menschen, die um die gerodeten Pflanzen am Amazonas trauern. Der Weihnachtsbaum in spe, wie er in Zwangskulturen aufgezogen wird, hat eine schwache Lobby. Das Finanzielle spricht zu sehr für ihn!  (mehr …)

[LiSe 12/18] Kolumne: Buch – Revolte

Einige sind heimlich geflohen, Einzelgänger. Es gab aber auch Buchhandlungen, aus denen sie massenhaft am hellen Tage ausgebrochen sind, vor allem im Zentrum der Stadt. Bücher haben sich aus dem Staub gemacht, denen man das niemals zugetraut hätte. Romane vor allem sind zu Hunderten geflohen, Sachbücher weniger, und Lyrik hat in der Regel ganz konservativ standgehalten in den ihr zugewiesenen Regalen. Die Buchhändler versuchen hektisch, alles schnell wieder aufzufüllen. Allerdings, „aus dem Staub“ zu sagen ist eine Gemeinheit. Tatsächlich sind es gerade die gepflegten Buchpaläste mit den riesigen Beständen, die den Exodus beklagen, gerade jene, die jetzt vor dem gewohnten gigantischen Weihnachtsansturm stehen. Auch Bestseller, die stolz und eitel unter Werbeplakaten in den Auslagen ruhen, haben sich ihren ruhmlosen Genossen, den Ladenhütern angeschlossen und sind über Nacht getürmt. Wollen sich zur Demo auf der Theresienwiese versammeln. Die Rote Revolution 1918/19 sei ihnen zu Kopf gestiegen, verlautet aus der Ettstraße. Tatsächlich haben die Bücher eine Rätevertretung gewählt mit allem, was ein Rätesystem zu bieten hat: Imperatives Mandat und jederzeitige Abwahlmöglichkeit, alles nur „Träumer“, würde Weidermann wahrscheinlich wieder sagen, der Literaturchef des „Spiegel“, dessen gleichnamiges Werk bei den Revoluzzern gesichtet wurde. (mehr …)