[LiSe 07/19] Kurzgeschichte: Der Papagei

Von Helmut Michael Schmid

Es ist ein außergewöhnliches Tier“, sagte der Zoohändler und deutete auf einen grün-gelb gefiederten Papagei. „Außergewöhnlich intelligent und außergewöhnlich sprachbegabt. Sie werden Ihre Freude mit ihm haben.“

Ich hatte eigentlich vorgehabt, einen Hamster zu kaufen, aber der Verkäufer hatte mich mit penetranter Beharrlichkeit davon abgebracht. „Was kann Ihnen denn ein Hamster bieten? Rennt den ganzen Tag im Laufrad und scheißt den Käfig voll. Dieses Prachtexemplar“ – er deutete wieder auf den Papagei – „bietet Ihnen etwas ganz anderes: Geselligkeit, Kommunikation. Wer redet denn heute noch mit einem? Da ist ein sprachbegabter Papagei genau das Richtige.“

Der Papagei machte einen gepflegten Eindruck. Die Federn glänzten und die Krallen sahen gesund aus. Mit seinen dunklen Knopfaugen betrachtete er mich als wolle er ausloten, ob ich für ihn ein adäquater Gesprächspartner sein könnte. „Und außerdem“, begann der Verkäufer wieder, „haben Sie einen Partner fürs Leben. Diese Spezies wird bis zu 80 Jahre alt.“  (mehr …)

[LiSe 06/19] Kurzgeschichte: Neuware

Von Sven Heuchert

Ludwig Bürling hatte das Paar schon eine ganze Weile beobachtet. Anfangs waren sie durch die Abteilung mit den Kinderwagen geschlendert. Er schätzte sie auf Ende zwanzig. Sie redeten nicht viel miteinander, warfen sich hin und wieder Blicke zu. Schließlich blieben sie vor einem der Betten stehen. In all den Jahren hatte Bürling gelernt, nichts zu überstürzen. Also tat er so, als notiere er etwas in seine Kladde. Er wartete ab, bis der Mann sich bückte, um nach dem Preisanhänger zu suchen. Dann steckte er den Kugelschreiber in die Hemdtasche und ging zu ihnen. (mehr …)

[LiSe 04/19] Kurzgeschichte: Angeschwirrte Verwandlung

Von Jens Rohrer

Als ich im letzten Winter an einem kalten Schneetag unterwegs nach Hause war, lag da ein Meisen-Knödel am Boden. Da er auf dem Boden für jede Katze erreichbar war und somit jeder Vogel, der sich ihm näherte, in Gefahr, steckte ich ihn ein. Ich hatte nie auch nur daran gedacht, des Winters Tiere mit Nahrung zu versorgen, aber was konnte es schon schaden. In meiner Wohnung legte ich in Ermangelung eines Balkons den Knödel auf das Fensterbrett und fixierte ihn mit einer Reißzwecke. Bald ertappte ich mich dabei, wie ich einen Vogel beobachtete. Mein Lesesessel war auf das beknödelte Fenster gerichtet und einmal blickte ich von meinem Buch auf und sah einen Vogel dort landen. Und wenn ich schon mal hinsah, konnte ich auch die Gattung des gefiederten Gesellen herausfinden. Blaumeise wohl am ehesten. Als ich aber meinen Laptop zum genaueren Abgleich ans Fenster hielt, flog er davon. Ich blieb am Fenster stehen und wartete auf seine Rückkehr. Bald kam er wieder angeschwirrt, landete auf dem Blech, trippelte, trapste und hopste Richtung Futterquelle und pickte ein bisschen, bis er mein Gesicht hinter der Scheibe sah, erschrak und abermals flüchtete. Ich las weiter, bis ich wieder das Geräusch von Vogelkrallen auf dem Fensterbrett hörte. Wieder eine Choreographie aus Trippeln und Trapsen und Hopsen und er blieb auch, als ich mich der Scheibe näherte. (mehr …)

[LiSe 03/19] Kurzgeschichte: NEUES LEBEN

Von Genia Livshi 

Der Bus hielt an, die Frau grapschte mit Wucht die Hand des zweieinhalbjährigen Kindes, schob es vor sich hin und kreischte es mit einer leicht befehlenden Stimme an, auszusteigen. Dann folgte sie ihm, während sie hastig die Griffe ihrer großen Tasche an der Schulter zu ordnen versuchte, und stieg vorsichtig, langsam die zwei Stufen hinunter.
Die Landstraße war billig asphaltiert, zerfranst, zweispurig, am Rande staubig, ein Rest des Erdbodens. Einzelne Häuser mit Gärten waren verstreut in der Gegend neben überwucherten Grundstücken, mit von der Sonne verbrannten Gräsern und Kräutern, die vielleicht einen neuen Besitzer suchten.
Sie stand einen Moment da, sah sich um, als ob sie die Umgebung mit all ihren Sinnen erkunden wollte.
„Schön ist es wahrlich nicht“, dachte sie. (mehr …)

[LiSe 02/19] Kurzgeschichte “Der Begünstigte”

Von Hans-Karl Fischer

Schon wieder! Ferdl wollte Geld von mir ausleihen. Dieses Mal gleich hundert Mark. Ich hatte keine Lust, ihm so viel auf einmal zu geben. Einen Tag später war mein Brustbeutel weg, in dem ich das ganze in vierwöchiger Ferienarbeit erworbene Geld aufbewahrte. Einem Helden wie mir war es zuwider, immer auf sein Geld aufpassen zu müssen. Weil Ferdl mit mir auf einem Zimmer war und mich angehauen hatte, kam eigentlich nur er in Frage. Ich sagte zu Ferdl, daß ich mit ihm reden müsse; er solle mit mir in den Kickerraum gehen. Dort versetzte ich ihm einen Magenschwinger, daß er zu Boden ging, sich am Solarplexus hielt und sich krümmte.  (mehr …)

[LiSe 01/19] Kurzgeschichte: Brandung

von Philipp Stoll

In jenem heißen Sommer suchte ich vergeblich nach Schlaf. Nacht für Nacht wälzte ich mich von der einen auf die andere Seite, versuchte Bauch- und Rückenlage, hielt es nie mehr als ein paar Minuten aus, schleuderte das verschwitzte Laken von mir, um es kurz darauf in der Dunkelheit zu finden und schützend über mich zu breiten. Zwar gelang es mir, meine Augen zu schließen, indes blendete mich aus meinem Inneren heraus eine merkwürdige Helligkeit, so dass ich es vorzog, mit offenen Augen in der diffusen Dunkelheit meines Zimmers den Beginn eines Traumes zu erwarten, irgendeines. Tagsüber quälte ich mich völlig übermüdet durch eine buntschrille Welt, die laufend Entscheidungen verlangte, für die mir der Überblick fehlte. Nachts lag ich in meinem Bett, tat kein Auge zu und wälzte die unerledigten Entscheidungen. Dem Rat von Freunden folgend versuchte ich es mit körperlicher Anstrengung und unternahm trotz der unerträglichen Hitze ausgedehnte Spaziergänge. Auch verordnete ich mir einen täglichen Schwimmaufenthalt im nahegelegenen See, aber das Wasser war nahezu lauwarm und kühlte kaum. Schließlich riet man mir zu einem vorübergehenden Ortswechsel.  (mehr …)