Wenn Bären nicht schlafen können

Von Michael Berwanger

ich war wieder einmal in Leipzig. Ich bin gern in Leipzig. Die Stadt ist nicht so totsaniert wie die meisten Städte im Westen unserer Republik. Es gibt noch Freiräume für Gestaltung und – zumindest zum Teil – eine Wohnraumpolitik, die der Idee einer Selbstverwaltung sehr nahekommt. Die Stadtgesellschaft ist bunt: Bürgertum trifft auf Arbeiterproletariat trifft auf Queere Community. Der Anteil rechtsnationaler Kreise ist für Sachsen vergleichsweise überschaubar, der Zuzug allerdings massiv. Leider wird in ein paar Jahren die Gentrifizierung auch in dieser Stadt die (Miet-)Preise in die Höhe getrieben haben. Noch aber gibt es verwuschelte Stadtteile mit angenehm unprätentiösem Alltagsleben.

An einem nassen Apriltag war ich vom Schösserhaus in Kleinzschocher, einem der weiter südlich gelegenen Stadtteile Leipzigs, nordwärts losgestiefelt. Das Schösserhaus ist das letzte desolate Relikt eines ehemaligen Rittergutes, von dem aber noch eine weit ausgreifende Parkanlage übrig geblieben ist, die in den 1920er Jahren von der Stadt als Volkspark übernommen worden war und die sich bis an die Weiße Elster erstreckt. Ich spazierte an Naturdenkmälern vorbei, bis ich am Nordende in den Stadtteil Schleußig kam. Schleußig hat sich seinen industriellen Charakter bewahrt, geprägt vom Industriepionier Karl Heine, der im 19. Jahrhundert dort Eisenbahnstrecke und Webereien bauen ließ.

Mir war kalt geworden – außerdem bin ich ein Freund von Kaffee und Kuchen zur Nachmittagszeit –, und so ging ich in ein verspielt aussehendes Café an der Könneritzstraße, dessen Fassade mit Szenen indigenen Lebens bemalt ist – ein herrlicher Widerspruch zum Gründerzeitambiente in Schleußig.

Kurz nach mir traf eine etwa zehnköpfige Gruppe von Erwachsenen und Jugendlichen ein, die man in den 1970ern als Hippies bezeichnet hätte. Die Gruppe stimmte laut diskutierend und basisdemokratisch ab, was bestellt werden darf und wo es als Nächstes an diesem Nachmittag hingehen sollte.

Das einzige Kind unter ihnen, ein etwa Sechsjähriger, entzog sich sichtlich genervt der Diskussion und schnappte sich ein Bilderbuch, das neben vielen anderen in einer Fensterleibung bereitlag.

„Vom Bären, der nicht mehr schlafen konnte“, ein kleines Büchlein von etwa 18 mal 18 Zentimetern, erschienen 1967 bei „Der Kinderbuchverlag“ in Leipzig für vier Mark achtzig. Die 48 Seiten sind immer in eine Textseite mit vier bis sechs Zeilen und einer Seite mit Illustrationen der Berliner Künstlerin Ingeborg Meyer-Rey gegliedert. Der Autor Benno Pludra, einer der
erfolgreichsten Jugendbuchautoren der DDR-Literatur, erzählt darin von einem Bären, der, beunruhigt vom steigenden Wasser an seinem Fluss, sich auf den Weg macht, um herauszufinden, wer oder was seine Ruhe stört. Unterwegs trifft er auf andere Tiere, die ihn warnen weiterzusuchen, es sei zu groß, zu gefährlich für ihn. Schließlich findet er den Grund für das Anschwellen des Flusses: einen gigantischen Staudamm.

Interessanterweise wendet sich das Buch nicht einem Kampf des Bären gegen den Raubbau an der Natur zu. Der Bär trifft in der naheliegenden Stadt auf Kinder, die ihm erklären, wie wichtig der Staudamm für alle sei, Mensch und Natur gleichermaßen, und welche große Errungenschaft die Technik – erbaut von Arbeiterhänden – darstelle. Beglückt von der Fröhlichkeit und Zuversicht der Kinder trollt sich der Bär, um sich ein neues Zuhause zu suchen. Jaja.

Benno Pludra (Text) und Ingeborg Meyer-Rey (Illustration):
Vom Bären, der nicht mehr schlafen konnte
Kinderbuch, für Kinder ab 6 Jahren, gebunden, 48 Seiten
Der Kinderbuchverlag, Leipzig 1967
Im Antiquariat ab 6 Euro erhältlich

In „Was liest du denn da?“ stellen wir Buchtitel vor, die uns ganz zufällig und wachen Auges in U-Bahnen, in Cafés oder auf der Bank im Park begegnet sind, in den Händen von Menschen, die sich lesend die Zeit vertreiben bis zum nächsten Halt oder dem Ende der Mittagspause.