Ey Alter, guck mal hier“ – wenn Du, geneigter Leser, etwa in der U-Bahn, erstaunt wahrnimmst, dass sich zwei Teenager mit diesen Worten angeregt über ihre Telefone beugen, vergiss es sofort! Komm bloß nicht auf die Idee, als Ü20er den mega-krass-Wortschatz nachzuahmen oder mit zerrissenen Jeans aufzukreuzen, das wäre echt cringe, also oberpeinlich. Womit wir beim „Jugendwort 2021“ wären, durch Umfragen unter Hundertausenden von Jugendlichen gesichert (der Baum des Jahres übrigens ist die Rotbuche , aber das führte jetzt auf einen anderen Zweig).

Schon Erica Pappritz, jene ferne Bonner Instanz des guten Benimms, zwar in den 40ern strammes NSDAP-Mitglied, dafür aber immer von tadellosem Benehmen, legte in dem Benimm-Bestseller von 1956 („Buch der Etikette“) fest, welche Codes im diplomatischen, aber auch im privaten Minnedienst gelten sollten, von der WC-Nutzung bis zur langen Unterhose für den Herrn. In der Adenauerzeit, als nach fast sechs Jahren Krieg und Bombenhagel noch alles drunter und drüber ging, war das ein enormer Halt. Klar, dass wir den heute wieder bräuchten! Wo doch alles durcheinander wirbelt, FFP2-Masken auf, 2G plus oder 3G, Test im Innern, Karneval draußen? Jens Spahn-Gefasel, das Scholz-Schweigen, die Abstandsregeln und die Husten-Nies-Vorschriften. Ein knappes, klares Buch fehlt, absolut!

Dabei fing ja alles schon viel früher an, im Nibelungenlied zum Beispiel mit Bruni, der Starken. Die konnte es überhaupt nicht verkraften, dass die schöne Kriemhild ihr, der höherrangigen Königin Brünhilde, beim Betreten des Doms zu Worms den Vortritt nahm und vor ihr auf Altar und Gottes Segen zurauschte. – Alles Weitere, bis zum finalen Gemetzel bei Etzel, dürfte bekannt sein.

Der Münchner Autor Tiny Stricker hat in seinem feinen Büchlein „U-Bahn-Reiter“ die Codes erspürt, die an verschiedenen Stationen zwischen jungen Menschen gelten – die Art der Käppies und wie schräg man sie trägt, wie die Begrüßung läuft und wie der Abschied. Aber das alles ist volatil, genauso wie die Hinweise des Protokollchefs aus der Abteilung A III der Bayerischen Staatskanzlei. Der legte anlässlich eines „Festakts“ die Kleiderordnung für Damen so fest: „Kurzes Kleid“. Die Folge: Empörung! Ja, wo lebt der Mann denn? Schnell zurückrudern, denn darin ist man hier geübt: Es sei ja alles nur Chiffre, längst üblich und gar nicht so gemeint. Alles ein Hoax!

Aber wenn das „Kurze“ auch ein schicker Hosenanzug sein darf oder ein Rock mit Wadenlänge, dann ist die Empfehlung schlicht und einfach absolut cringe und Sie, geneigte Leserin, womit wir wieder zum etikette-korrekten „Sie“ zurückkehren, spüren, dass man hier, beim Protokollchef, eine schöne, gut dotierte Stelle einfach streichen könnte.

W.H.