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Datum/Zeit
Datum - 04.04.2022
19:00 - 20:30
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Veranstaltungsort
Stiftung Lyrik Kabinett

Kategorien


Mit Daniel Jurjew und Olga Martynova

Präsenzveranstaltung: € 8 / € 6; Mitglieder: freier Eintritt
Bitte melden Sie sich an: info@lyrik-kabinett.de und informieren Sie sich zeitnah vor der Veranstaltung über die aktuell geltenden Zugangsregelungen.
Veranstaltung zum Nachhören: kostenfrei auf www.dichterlesen.net.


Jelena Schwarz (geboren 1948, gestorben 2010) wird heute in einem Atemzug genannt mit Alexander Block, Ossip Mandelstamm, Anna Achmatowa oder Marina Zwetajewa. Als Tochter einer geschätzten Dramaturgin am Gorki-Theater begann sie schon sehr früh Gedichte zu schreiben und avancierte rasch zu einer gefeierten Ikone des inoffiziellen Literaturszene Leningrads. Allerdings wurden ihre Gedichte nur im Samisdat verbreitet, bis zur Perestroika konnte sie zensurbedingt nicht publizieren. Mitte der 1980er Jahre erschien ihr erster Gedichtband in den USA. Mit existentiellem Tiefgang, Heiterkeit und hohem Formbewusstsein wenden sich ihre Gedichte einer Fülle von Themen zu: der Röntgenaufnahme ihres Schädels ebenso wie einer Müllhalde, den Psalmen, antiken Mythen, der Blockade Leningrads oder einem Spatz. Ihr zentrales Thema ist die Begegnung von Mensch und Schöpfergott, in intensivem Dialog mit der gesamten Weltliteratur und Philosophie. Daniel Jurjew, geboren 1988 in Leningrad, studiert Japanologie und Informatik und übersetzt u. a. Igor Bulatovsky und Oleg Jurjew ins Deutsche; Olga Martynova, 1962 in Sibirien geboren, seit 1991 in Deutschland, schreibt Gedichte (auf Russisch), Essays und Prosa (auf Deutsch) und erhielt dafür renommmierte Auszeichnungen. Flankierend zu Schwarz‘ Lyrik werden auch einige Gedichte von Oleg Jurjew gelesen, der ebenfalls zu den Leningrader Samisdat-Dichtern gehörte und den eine enge Freundschaft mit Jelena Schwarz verband.


LIEBE ALS DRITTES

Als du mir sagtest: „Dich lieb ich“,
Weiteten sich die Augen und zuckten die Züge zusammen,
Wir schauten einander an,
Wie erstaunte Kater,
Wie zwei Rivalen.
Bereit sind die Krallen zum Kampf, gesträubt das Haar,
Schauen wir mal, wessen Krallen schärfer sind,

Wessen Stimme scheußlicher.
Ich bog um die Ecke, neigte den Hals
Und schaute dich an,
Uns ist jetzt wohl beschieden,
Beim Umherstreifen dasselbe Dach zu nehmen
Und zuzuhören, wie die Liebe auf der Treppe schleicht,
Schnurrt, laut atmet,
Aber im Entzünden des Grüns unsrer Augen
Nicht auf die Liebe zu blicken, sondern in uns hinein.

Jelena Schwarz, Buch auf der Fensterbank und andere Gedichte, herausgegeben und aus dem Russischen übersetzt von Daniel Jurjew, Matthes & Seitz 2022, S. 75