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Datum/Zeit
Datum - 29.03.2022
19:00 - 20:30
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Veranstaltungsort
Stiftung Lyrik Kabinett

Kategorien


Moderation: Nora Zapf

Präsenzveranstaltung: € 8 / € 6; Mitglieder: freier Eintritt
Bitte melden Sie sich an: info@lyrik-kabinett.de und informieren Sie sich zeitnah vor der Veranstaltung über die aktuell geltenden Zugangsregelungen.
Veranstaltung zum Nachhören: kostenfrei auf www.dichterlesen.net.


„Othmanns Texte belegen eine tiefschürfende Auseinandersetzung mit Vertreibung, Flucht und Heimweh, mit Repressionen und Massakern an Minderheiten weltweit. Aus ihrer Familiengeschichte hat sich, so scheint es, eine Art Lebensthema herausgebildet, an das sie genreunabhängig mit hohen ethischen Ansprüchen herangeht. Mit die verbrechen hat Ronya Othmann einen poetischen Coup von internationaler Größenordnung gelandet.“ So Alexandru Bulucz im Deutschlandfunk. Ronya Othmann ist 1993 in München geboren – in eine Familie hierher geflüchteter jesidischer Kurden – und wurde für ihr Schreiben bereits mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Lyrik-Preis des Open Mike, dem Gertrud-Kolmar-Förderpreis und dem Publikumspreis des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs. Bis August 2020 verantwortete sie für die taz gemeinsam mit Cemile Sahin die Kolumne „OrientExpress“ über Nahost-Politik und seit 2021 schreibt sie für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung die Kolumne „Import Export“. Im Hanser Verlag erschien zunächst ihr Debütroman Die Sommer (2020), für den sie mit dem Mara-Cassens-Preis ausgezeichnet wurde, und jetzt ihr vielgelobtes Lyrikdebüt. Nora Zapf ist Lyrikerin und Übersetzerin aus dem Spanischen und Portugiesischen, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Innsbruck (Lateinamerikanistik) und Mitglied im Kuratorium der Stiftung Lyrik Kabinett. 2021 erschien ihr jüngster Gedichtban Dioden, wie es Nacht (vierhändig) in der Parasitenpresse.


3.

auf jedem foto siehst du dein gesicht, das nicht wusste,
was es zehn jähre später gesehen haben sollte.
auf jedem foto siehst du das gesicht deiner cousine, das zehn jahre
später gealtert sein sollte.
auf jedem foto siehst du die olivenbäume, die zehn jahre
später verbrannt sein sollten.
auf jedem foto siehst du die häuser, die zehn jahre
später zerbombt sein sollten.
auf jedem toto siehst du deine großmutter, die zehn jahre
später ihren verstand verloren haben sollte.
auf jedem foto siehst du dein gesicht, das sich selbst
zehn jahre später nicht mehr erkennen sollte.
auf jedem foto siehst du dein versprechen, das du
zehn jahre später gebrochen haben solltest.

Ronya Othmann, aus dem Gedicht: „regen, regen“, in: die verbrechen. Hanser 2022, S. 56