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Datum/Zeit
Datum - 21.06.2017
20:00

Veranstaltungsort
Lyrik Kabinett

Kategorien


Mit Yoko Tawada, Christian Lehnert, Jan Wagner und Heinrich Detering

Als James Joyce um 1900 seine literarischen Skizzen Epiphanies nannte, markierte er damit eine Entwicklung, die seit Jahrhunderten wirksam war und sich seit der Romantik beschleunigt hatte: Die künstlerische bzw. dichterische Inspiration erbt und säkularisiert Strukturen und Bilder aus der Tradition der religiösen Offenbarung. Freilich gilt gerade dem daraus resultierenden Berufungspathos in der Poetik heute schon wieder ein jahrzehntelanges Misstrauen, während sich in Gedichten tatsächliche religiöse Erfahrungen widerborstig eindrücklich behaupten. Drei Dichter spüren an diesem Abend den Sprachformen der Erleuchtung zwischen poetischer Inspiration und Religion nach und lesen Gedichte zu diesem Thema: Yoko Tawada (geboren1960), die sich zwischen dem japanischen und deutschen Denk- und Sprachraum bewegt, der Dichter und Theologe Christian Lehnert (geboren 1969) und Jan Wagner (geboren 1971), dessen Werk vor allem in seiner Frühphase oft eine metaphysische Dimension andeutet. Durch den Abend führt Heinrich Detering als Moderator, der selbst ein Dichter ist.

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Licht in Blättern, fliederfarben rot,
als zuckten Seiden, über einen Grund gelegt,
der nimmt und nimmer gibt, und tot
nur Wort und wieder Wort im Schlund bewegt.

Gesagt ist Staub, doch aus der andern Richtung,
woher die Sonne glänzt, ist es ein Schimmer:
Er weist dem Tag jetzt seine schmale Lichtung,
die Bäume leuchten auf, als sei‘s für immer.

Christian Lehnert, aus: Windzüge. Suhrkamp 2015, S. 27.