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Datum/Zeit
Datum - 31.05.2017
20:00

Veranstaltungsort
Lyrik Kabinett

Kategorien


Moderation: Zuzana Jürgens
Rezitation der deutschen Übersetzungen: Helmut Becker

Jenseits der offiziellen Verlage entwickelte sich in Tschechien bereits seit den 1950ern Jahren eine starke, unabhängige Poesie-Szene. Die Gedichte wurden im Samisdat gedruckt und verbreitet und wurden zur Inspiration der Underground-Musik. Gerade die Lyrik setzte – mit den Stimmen von Egon Bondy, Ivan M. Jirous oder Jáchym Topol – der von Lüge dominierten Umwelt ein Ringen um Ehrlichkeit und Offenheit entgegen. Jáchym Topol, geboren 1962, prägte mit seinem Bruder Filip (Musiker) in den 1980ern Jahren die junge inoffizielle Kunstszene Tschechiens. Sein Werk – das Lyrik und Prosa gleichermaßen umfasst – zeugt von der Erfahrung einer Fragmentierung der Welt und den historischen Gräueln des 20. Jahrhunderts. Charakteristisch für ihn ist ein expressiver Sprachgestus, mit dem er tradierte Konventionen aufsprengt. Zuzana Jürgens ist Bohemistin und Lehrbeauftragte für Slavistik an der LMU sowie Kuratorin des Gesamtprojekts „Papagei auf dem Motorrad“.

Ein Abend im Rahmen des Projekts „Papagei auf dem Motorrad. Zur tschechischen Lyrik im 20. Jahrhundert“. In Kooperation mit Café Fra (Prag), dem Institut für Slavische Philologie der LMU und dem Tschechischen Zentrum München

Mit freundlicher Unterstützung des Deutsch-tschechischen Zukunftsfonds (Prag) und des Kulturministeriums der Tschechischen Republik

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Das Loch

[…] Du gehst schwerer du bedenkst was lebt die Wirklichkeit
in ihren Kanten aus Kristall.
Und auch dann ein Wunder: der Finger tastet zart
vom Auge zum Hirn ein Zucken
des Lids pulsierendes
Grauen.
Schnapp deine Sachen das Gehen
und den endlosen Raum mach ein Loch
und die knisternden Feuer des Kosmos springen von einem Ding aufs andere
und zurück in die Glut
und hinten im Kopf beginnen die Berge.
Jachým Topol, übersetzt von Lutz Seiler,
aus: J. T.: Das hier kenn’ ich / Tady to znám. 48 Gedichte. Aus dem Tschechischen übertragen von Natascha Drubek-Meyer, Sascha Anderson, Jörg Schieke, Thomas Kunst, Lutz Seiler und Jo Lendle. Edition Galrev, Berlin 1996, Nr. 25.