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Datum/Zeit
Datum - 10.05.2019
12:00 - 14:30

Veranstaltungsort
Odeonsplatz München

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Eine Lesung gegen das Vergessen, zur Erinnerung und zur Mahnung

Der 10. Mai 1933 war für viele Menschen in Deutschland ein lebensentscheidender Schicksalstag. Von heute auf morgen verloren sie ihre Lebensgrundlage. Denn am 10. Mai 1933 verbrannten Professoren und Studierende auf lodernden Scheiterhaufen Bücher von Hunderten von Autor*innen. Deutschlandweit organisierten die Nazis diese Feuer auf großen Plätzen – wie in München auf dem Königsplatz – als „Gesamtaktion“ gegen den intellektuellen „Zersetzungsgeist“.

In vielen Orten in Deutschland werden daher Lesungen organisiert, Lesungen aus diesen „verbrannten Büchern“, Lesungen gegen das Vergessen. Denn da, wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen, warnte schon Heinrich Heine.

In München gibt es am 10. Mai mehrere Veranstaltungen, so auch eine Lesung am Odeonsplatz vor der Theatinerkirche: Direkt vor der Feldherrnhalle lesen unter anderen Hans Georg Küppers, Bruno Jonas, Michaela May, Susanne Breit-Keßler, Konstantin Wecker, Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, Gisela Schneeberger, Dieter Hanitzsch, André Hartmann und Studierende der LMU. Ca. 25 kurze Beiträge mit ganz unterschiedlichen Inhalten sind zu hören: mal fröhliche, mal ironische, lustig-komische oder dramatische Zitate von verbrannten Schriftsteller*innen wie Erich Kästner, Kurt Tucholsky, Bertolt Brecht, Erich Mühsam und Mascha Kaléko.

Eine vollständige Liste der Lesenden ist auf www.buecherlesung.de zu finden.

Initiator und Verantwortlicher Organisator ist Gerhard Schmitt-Thiel, in Zusammenarbeit und mit Unterstützung des Kulturreferats der Landeshauptstadt München. Ihm zur Seite stehen das Paul Klinger Künstlersozialwerk und der Verein Mohr-Villa Freimann, sowie Global Understanding e.V.

 

Interview mit Gerd Schmitt-Thiel anlässlich der Bücherlesung zur Erinnerung an den 10. Mai 1933

  1. Welchen Sinn macht es, nach 86 Jahren durch eine öffentliche Lesung an die Bücherverbrennung von 1933 zu erinnern?

Bücher zu verbrennen gehört wohl zu den schändlichsten und schädlichsten Aktionen totalitärer Regime, die es seinen Künstlern antun kann. Schon Heine hat gesagt: „Da, wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen“, und die Geschichte des Nationalsozialismus zeigt, wie recht er hatte. In vielen Ländern Europas ist in der letzten Zeit ein starker Rechtsruck in den politischen Parteien zu beobachten. Erinnern wir uns an die Warnung von Erich Kästner, dessen Bücher 1933 auch verbrannt wurden: „Man darf nicht warten, bis aus dem Schneeball eine Lawine geworden ist. Man muss den rollenden Schneeball zertreten – Die Lawine hält keiner mehr auf…“

  1. Was ist das besonders Verwerfliche daran, Bücher zu verbrennen?

Wer Bücher verbrennt, zerstört nicht nur Freiheit und Meinung der Künstler, er trifft die gesamte Existenz des Menschen, macht ihn mundtot, vernichtet ihn!

  1. Welche gesellschaftlichen Kreise waren 1933 die Initiatoren der Bücherverbrennung, und war da – so kurz nach der Machtergreifung durch die Nazis – eine spontane Aktion?

Es waren in erster Linie Akademiker, Professoren und Studenten, und die Aktion war von langer Hand vorbereitet, sonst hätte sie so kurz nach der Machtübernahme durch die Nazis nicht so perfekt über die Bühne gehen können.

  1. Welchen Anteil hatte die Presse an gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen, war sie eher Wegbereiter oder kritische Distanz? Gibt es Parallelen zu heute?

PEGIDA und AFD wurden anfangs als nicht ernst zu nehmende, verachtenswerte, zu bemitleidende Dumpfbacken in unseren Mainstreammedien dargestellt. Nun im Parlament überraschen die AFDler mehrheitlich als Akademiker in Nadelstreifen. Deshalb ist es uns immer wieder wichtig, mit den Lesungen darauf hinzuweisen, dass es auch damals Teile der Eliten waren, die die ersten symbolhaften Intellektuellen-Verfolgungen initiiert haben – und nicht die Straße, nicht der Mob.

  1. Bücherlesungen zum 10. Mai hat ja auch schon Wolfram Kastner initiiert und umgesetzt. Warum auch eine Lesung am Odeonsplatz?

Kastners Aktion „Brandfleck München liest aus verbrannten Bücher“ ist ein Bestandteil seiner Kunstaktionen, die er oft auch zusammen mit anderen politischen Aktionskünstlern vor allem hier in München macht. Die Lesungen, die ich seit vielen Jahren organisiert habe, ob nun im privaten Rahmen, in der Staatsbibliothek, in Bürgerhäusern, oder seit über zehn Jahren am Odeonsplatz, betrachte ich nicht als Kunst oder Kunstwerk, sondern als Erinnerungsarbeit, die an möglichst vielen Orten organisiert werden sollte ­– wie dies auch durch die Themen vom Verein „Gegen das Vergessens – für mehr Demokratie e.V.“ angeregt wurde. Übrigens, ich habe auch mehrmals am Königsplatz mitgelesen.

  1. Was waren besondere Momente im Rahmen der Lesungen?

Es gab viele besondere Momente. Besonders war ein Auftritt von Dieter Hildebrandt, der mit seiner bekannt-markanten Stimme extrem laut mit provokanten Aufrufen weit über den Odeonsplatz zu hören war, so dass viele unbeteiligte Menschen verdattert stehen blieben. Sehr bewegend sind für mich auch immer wieder die Beiträge von Studierenden, aber auch ganz besonders die Beiträge von sehr jungen Schülerinnen und Schülern aus der Mittelschule an der Situlistraße, die sich ernsthaft und voller Empathie oft zum ersten Mal mit dem Thema auseinandersetzen – Erinnerungskultur pur halt…

  1. Was bewegte Sie zu Ihren Lesungen?

Es gibt ein Gedicht von Eckart Hachfeld: „Zwei Seelen“. Ich habe ihn noch persönlich kennengelernt. Er war ein wunderbarer Autor für die Nachkriegskabarettisten wie zum Beispiel das Düsseldorfer Kom(m)ödchen. Dieses Gedicht ist zwar nach der NS-Zeit entstanden, ich lese es aber immer wieder selbst am 10. Mai „gegen das Vergessen”, weil es die deutsche Situation so absolut treffend beschreibt

  1. Warum beteiligt sich die Mohr-Villa an der Leseaktion?

Die Mohr-Villa ist ein engagiertes Kulturzentrum in Freimann. Sie hat meine Lesungen von Beginn an durch personelle Unterstützungen begleitet, kümmert sich um die Pressearbeit und organisiert auch eigene Veranstaltungen zu diesem Thema.

  1. Warum beteiligt sich das Paul-Klinger-Künstlersozialwerk e.V. an der Bücherlesungsaktion?

Der Klingerverein ist eine Interessensvertretung von Kulturschaffenden für Kulturschaffende aus allen Bereichen. Mit der Bücherverbrennungsaktion und der anschließenden Verfolgung wurden nicht nur Kunstwerke entfernt, zerstört, aus dem öffentlichen Bewusstsein entfernt, es wurden damit auch den Schriftsteller- und Dichterinnen ihre Existenzgrundlage zerstört. Unser besonderes Anliegen ist es auch auf diese Zusammenhänge hinzuweisen – es wurden Werke und Lebensexistenzen zerstört.

 

Eintritt frei, Spenden willkommen.

Info: www.buecherlesung.de; Mohr-Villa, 089 324 32 64, treffpunkt@mohr-villa.de, www.mohr-villa.de