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Datum/Zeit
Datum - 29.10.2019
20:00 - 21:30

Veranstaltungsort
Lyrik Kabinett

Kategorien


Einführung: Frieder von Ammon

Mit freundlicher Unterstützung des Kulturreferats der LH München

Nach dem Ende der großen Sinnerzählungen ist es – so Dirk von Petersdorff – Zeit, wieder einfach und grundsätzlich zu fragen, wozu Gedichte da sind. Denn wenn etwas sich so lange und hartnäckig hält wie die lyrische Rede, nicht nur in Form von Gedichten, auch in Songtexten, Sprüchen oder Kinderversen, muss es für Menschen eine Bedeutung haben. In seiner Münchner Rede zur Poesie denkt Petersdorff über die Leistung rhythmischer Sprache nach: Sie greift das Zerfließen von Ordnungen, die Unsicherheit und Vergänglichkeit auf – gleichzeitig gibt sie Halt, nimmt etwas aus dem Zeitstrom heraus und macht es wieder erlebbar. Dirk von Petersdorff (geboren 1966) unterrichtet an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Sein Gedichtband Nimm den langen Weg nach Haus beim Verlag C.H. Beck liegt seit 2017 in der zweiten Auflage vor, die jüngste seiner zahlreichen literaturwissenschaftlichen Veröffentlichungen ist „Und lieben, Götter, welch ein Glück“. Glaube und Liebe in Goethes Gedichten (Wallstein 2019). In den Abend hinein führt Frieder von Ammon.


Fruchtgummi

Wir nach der Schule auf dem Weg zum Bus
und angeln aus der Tüte Gummitiere:
Die Fledermäuse geben Zungenkuss,
die saure Gurke, die ich neu probiere.
Wie das im Gaumen zieht, die Zunge schwirrt,
die Teufel und die Schnuller kleben Zähne –
wir stehen, kauen, schmecken ganz verwirrt
und haben nur die Frühlingsluft als Lehne.
Da ist der Wind in Haaren als Gekräusel,
ein Pinsel, der durch nasse Tusche wischt,
an süßen Schlangen kleben saure Streusel,
das rote und das schwarze Zeug gemischt,
dass einer an der Kreuzung träumend warte,
und unterm Sweatshirt hängt die Monatskarte.

Dirk von Petersdorff,
bislang nur in der FAZ veröffentlicht, 28.6.2017