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Datum/Zeit
Datum - 06.10.2021 - 08.10.2021
Ganztägig
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Veranstaltungsort
Stiftung Kunst und Natur

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Welche Natur? Und welche Literatur?
Zu Perspektiven des Nature Writing in Zeiten des Anthropozän

Nature Writing hat sich mit starken und lebendigen Traditionen in den USA und in Großbritannien entwickelt und im letzten Jahrzehnt auch verstärkt im deutschsprachigen Raum verbreitet. Viele der klassischen Texte (wie Henry David Thoreaus Walden oder J.A. Bakers The Peregrine / Der Wanderfalke), sowie Werke des sogenannten ‚New Nature Writing‘ (prominent: Robert Macfarlanes The Wild Places / Karte der Wildnis) wurden übersetzt, manche avancierten zu regelrechten Bestsellern.

Aktuell wird über Nature Writing kontrovers diskutiert. Zentral ist dabei die Frage, ob sich nicht angesichts der Krise des vorherrschenden, insbesondere ›westlichen‹ Naturverhältnisses die etablierten Formen einer literarischen Vergegenwärtigung von Naturerfahrungen tiefgreifend verändern müssen. Und: lässt sich überhaupt noch von ›Natur‹ als eigenmächtigen, in ein unendlich sinnreiches Gefüge verwobenen Erscheinungen ›gegenüber‹ den Menschen sprechen? Begegnen wir nicht vielmehr längst im Naturgeschehen überall unseren eigenen, menschlichen Machenschaften? Muss die Literatur dieses Agieren der Menschen an und mit Natur nicht aufnehmen und dafür neue Ausdrucksweisen finden?

Die Konferenz zu Perspektiven des Nature Writing setzt daher schon im Titel zwei Fragezeichen: Welche Natur? Und welche Literatur? An drei Tagen wird bei Vorträgen, Diskussionen, Lesungen und Gesprächen das literarische Genre Nature Writing genau betrachtet und kritisch erörtert. Ein New Nature Writing steht vor der Herausforderung, sich nicht in einer Klage über das Artensterben oder in einer Anklage wegen fortschreitender Habitatzerstörung zu erschöpfen.

Der erste Abend beginnt mit einer Abendveranstaltung, bei der Ulrike Draesner – Verfasserin vielschichtiger Texte über Naturerfahrung und ausgezeichnet mit dem Deutschen Preis für Nature Writing 2020 – aus ihren Werken liest und mit Evi Zemanek über literarische Strategien in Zeiten des Klimawandels, der Bodendegradation und des Verschwindens der natürlichen Vielfalt spricht.

Die Vorträge und Diskussionen des folgenden Tages gliedern sich in zwei Blöcke: Im ersten werden Grundfragen der sprachlichen Gestaltung von Nature Writing und der ›Ökologisierung‹ der Literatur in der Erdepoche des Anthropozäns thematisiert. Der zweite Block stellt ausgewählte thematische und ideengeschichtliche Aspekte des klassischen und des aktuellen Nature Writing vor.

Am Abend diskutiert Hubert Weiger, langjähriger Präsident des Bundes für Umwelt- und Naturschutz, mit dem Biologen und Philosophen Cord Riechelmann über einen direkten oder indirekten politischen Gehalt von Nature Writing und über die Rolle von ›Kultur‹ in der Arbeit eines großen Naturschutzverbandes. Das Gespräch führt der Literaturwissenschaftler und Autor Ludwig Fischer.

Am letzten Tag werden anhand von wichtigen, beispielhaften Texten des Nature Writing zentrale, aber bislang vergleichsweise wenig behandelte Aspekte von Naturerfahrung besprochen: die literarische Thematisierung von übermächtiger, sogar tödlich bedrohender Natur, wie Val Plumwood sie beschreibt; die Auseinandersetzung mit der ethno- bzw. eurozentrischen Perspektive des klassischen Nature Writing und deren Überwindung bei Henry David Thoreau und der indigenen Botanikerin und Autorin Robin Wall Kimmerer, und die Hinwendung zu beschädigter, vernutzter, entstellter Natur sowie ›denaturierter‹ Kulturlandschaften bei Esther Kinsky.

Der Vortrag von Matthias Glaubrecht, nähert sich zwei Naturforschern, die beide eine Doppelrolle als Dichter und Naturforscher innehatten. Bei Alexander von Humboldt überlagern sich der Anspruch an die exakte Vermessung und ästhetische Erfahrung der Natur und vermischen sich poetische Sprache mit empirischer Erfassung der Natur. Die Genese seiner Art von „nature writing“ sowie seine Auswirkungen auf jüngere Zeitgenossen, darunter allen voran der französisch-stämmige Poet und Botaniker Adelbert von Chamisso, wird bei diesem Vortrag näher untersucht werden.

Der Nachmittag ist individuellen Erkundungen im Stiftungsgelände gewidmet. Markante Elemente der abwechslungsreichen Voralpenlandschaft, wie die Talsenke des renaturierten Haselbachs, ein wiedervernässtes Hochmoor und eine extrem extensiv genutzte Waldwiese können besucht werden.

Bei der abschließenden Abendveranstaltung werden Ulrike Draesner und Marion Poschmann aus ihren Werken lesen. In der Diskussion mit der Literaturwissenschaftlerin Tanja van Hoorn werden die beiden Dichterinnen über Chancen und Probleme einer neuen Naturlyrik sprechen.