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Datum/Zeit
Datum - 14.05.2018
19:00 - 21:00

Veranstaltungsort
Seidlvilla

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Prof. Dr. Werner Stegmaier, Greifswald

Die eine Wahrheit Nietzsches ist, dass wir „die Wahrheit nicht haben“, die andere, dass wir dennoch „Wahrheiten“ hinreichend unterscheiden können, und die dritte, dass wir nicht nur gut damit auskommen, sondern auch weiterkommen. Wir können uns auch im Nihilismus orientieren, in dem es keine unbedingte Wahrheit mehr gibt – aber die hat es für eine kritische Philosophie nie gegeben. Und wir können uns gerade durch den Perspektivismus oder Relativismus orientieren, weil sich dann Wahrheiten klar an Standpunkten, Perspektiven und Horizonten festmachen lassen – dies war schon Voraussetzung von Kants kritischer Philosophie. Nietzsches Nihilismus und Relativismus, für viele Philosoph(inn)en immer noch das Schreckgespenst, hat im Konstruktivismus von Niklas Luhmanns soziologischer Systemtheorie eine wissenschaftliche und falsifizierbare Gestalt erhalten, die allerdings denen, die die Wahrheit möglichst einfach haben wollen, zu komplex ist. Luhmann aber setzt bei unmittelbar plausiblen Begriffen an, aus denen man seine Theorie leicht rekonstruieren kann: der Beobachtung, der Unterscheidung und der Entscheidung. Wir orientieren uns durch Beobachtungen nach Unterscheidungen, für die wir uns von Fall zu Fall entscheiden ¬– der kritische Begriff der Orientierung, die sich ihren eigenen Halt schafft, wendet den Nihilismus und Relativismus ins Positive, und der einzig haltbare, auch alltäglich plausible Realismus ist der Realismus der Beobachtbarkeit. Aber Nietzsche geht weiter: In seinem frühen Entwurf Ueber Wahrheit und Lüge im aussermoralischen Sinne unterläuft er auch die Haltbarkeit von Begriffen, und in Ecce Homo, der späten Genealogie seines eigenen Denkens, wagt er zu sagen, aus ihm „rede die Wahrheit“. Hier würde auch der sehr freie Geist Luhmann noch schaudern. Doch nach Nietzsche war es sein „Schicksal“, neu über die Wahrheit der Wahrheit zu orientieren – in der ganzen Spannweite unserer Orientierung.

Bitte bringen Sie interessierte Freunde und Bekannte mit!
Unkostenbeitrag € 8.– / 4.– (Mitglieder) / Studenten frei
Mit freundlicher Unterstützung durch das Kulturreferat der Landeshauptstadt München

http://www.nietzsche-forum-muenchen.de/aktuelles.html