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Datum/Zeit
Datum - 03.07.2022
11:00 - 12:30
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Veranstaltungsort
Pasinger Fabrik

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Vier junge Dichterinnen und Dichter beantworten eine alte Frage. Lesung und Gespräch mit Maria Borio, Tommaso Di Dio, Carmen Gallo und Massimo Gezzi.
Moderation: Piero Salabè

Eine Kooperation mit dem Italienischen Literaturfest München; mit freundlicher Unterstützung von ProHelvetia Schweizer Kulturstiftung
Eintritt 10,-
Karten an der Tageskasse der Pasinger Fabrik und München Ticket auch online

“Die Zeit läuft immer schneller, Werke, die nur ein paar Jahre zurückliegen, erscheinen uns als überholt, und das Bedürfnis des Künstlers, wahrgenommen zu werden, wird früh oder später zur krampfhaften Suche des Aktuellen, des Unmittelbaren”, schrieb Montale vor fast fünfzig Jahren in seiner Nobelpreisrede. Vier der wichtigsten jungen Stimmen der italienischen zeitgenössischen Lyrik geben nun eigene Einblicke in ihre Auffassung, was Dichtung in der heutigen Zeit kann oder wofür sie notwendig ist. Maria Borio, Jahrgang 1985, promoviert über italienische Literatur und wurde für ihre Lyrikbände – der jüngste erschien 2019 – mehrfach ausgezeichnet. Sie kuratiert die Lyrikabteilung von Nuovi Argomenti und ist Herausgeberin der Kulturseite le parole e le cose. Tommaso Di Dio, geboren 1982, ist Juror für die Kategorie der unter 40-Jährigen der Literaturpreise Premio Castello di Villalta Poesia und Premio Rimini. 2009 erschien sein erster und 2014 sein zweiter Gedichtband. Carmen Gallo, 1983 in Neapel geboren, promovierte in Komparatistik und publizierte u.a. zur metaphysischen Poesie des 17. Jahrhunderts und der Beziehung zwischen Theologie und Literatur. Sie war zweimal Finalistin des Poesiepreises Mazzacurati-Russo. Massimo Gezzi, 1976 in den Marken geboren, arbeitet am Liceo cantonale di Lugano 1 und als Herausgeber und Übersetzer aus dem Englischen. Für seine Lyrik, die bereits in zahlreiche Sprachen übersetzt wurde erhielt er u.a. den Schweizer Literaturpreis 2016. Piero Salabè, 1970 in Rom geboren, ist Übersetzer, Lektor und Herausgeber (u.a.der Edition Lyrik Kabinett bei Hanser). 2019 erschien sein Gedichtband Il bel niente.

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In punta di piedi colgo le ciliegie.
L’albero sopra di me è una giovane galassia.
La merla salta su asteroidi di muschio,
mangia la polpa, ingoia il nocciolo, una rotazione
si scioglie nel suo petto, il becco giallo del compagno
arriva come una cometa. L’albero che nostro padre
ha piantato vivrà fino a quando le radici perforano
il muro – ma ogni pochi secondi esplodono
le radici delle galassie. Sporchi di succo profumato
crediamo di allevare, di proteggere? Gli uccelli
dividono i pezzi di un frutto, l’aria diventa nera
e li assorbe. Ti scrivo: un albero è un codice.
Stringo il nocciolo fra i denti, sto per deglutire –
le ciliegie sui rami più alti essiccano e i semi cadendo
trovano trifoglio o vento stellare.

Maria Borio, Dal deserto rosso, ed. Maurizio Cucchi, Stampa 2009, p. 15.

Auf Zehenspitzen pflücke ich Kirschen.
Der Baum über mir ist eine junge Galaxie.
Die Amsel stürzt sich auf Asteroiden aus Moos,
frisst das Fruchtfleisch, verschluckt den Kern, die Umdrehung
schmilzt in ihrer Brust, heran schießt der gelbe Schnabel des Männchens
wie ein Komet. Der Baum, den unser Vater
gepflanzt hat, wird leben, bis die Wurzeln die Mauern
durchdringen – aber alle paar Sekunden explodieren
die Wurzeln der Galaxien. Klebrig von duftendem Saft
glauben wir, dass wir sie hegen und schützen? Die Vögel
teilen sich die Stücke einer Frucht, wird die Luft schwarz
und verschlingt sie. Ich schreibe Dir: Ein Baum ist ein Code.
Ich nehme den Kern zwischen die Zähne, schlucke ihn fast –
die Kirschen auf den höchsten Ästen trocknen und die Samen
finden im Fallen Klee oder Sternwind.