Von Marc Richter
Er klappte das Buch zu und starrte ins Leere. Er öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Lotti, wollte er rufen. Lotti Liebling. Aber sie war so tot wie seit drei Jahren. So tot wie Frodo, der gerade in die Feuer des Orodruin gestürzt war. Er klappte das Buch wieder auf und fuhr mit dem Finger die Zeilen nach. Kein Zweifel. Sam weinte um Frodo, Gollum floh mit dem Ring. Nein … Er hatte das Buch zuletzt gelesen, als er ein junger Mann war. Falsch, falsch, falsch!
Lotti, wollte er wieder rufen, aber ihr Name würde nur ungehört von den Büchern verschluckt werden, die ungeordnet und staubig in den Wandregalen standen. Er erhob sich mit knackenden Knien aus seinem Ledersessel. Das erste Buch, das ihm ins Auge sprang, war: Der alte Mann und das Meer. Seine steifen Finger fächerten die letzten Seiten auf. Er rückte seine Brille zurecht und las gebeugt im Schein der Tischlampe. Santiago fing einen zweiten Marlin. Kein Wort über Haie. Wieder wollte er nach Lotti rufen. Aber was hätte sie schon tun können? Mir eine Hand auf die Wange legen, dachte er, einen Kuss auf die Stirn geben, dachte er, ein mildes Lächeln und hundert Grübchen.
Er schälte das nächste Buch aus dem Regal, strich über den Einband, Der Graf von Monte Christo. Er schlug es auf – Edmonds Rache endete nicht. Seine Augen hetzten über die Zeilenreihen. Dantès musste doch erkennen, dass … Dantès erkannte gar nichts. Der letzte Brief an Morell – nie geschrieben. Er brach fast die Leimung, während er nach einem Anzeichen für herausgerissene Seiten suchte und fand sich lächerlich, weil er das Buch schüttelte, in der Hoffnung, Dantès’ Brief fiele hinaus.
Er warf es in die Ecke, schritt an den Regalen entlang. Die Bibel ragte aus den Bücherreihen. Ein Schauer packte ihn und er wagte es nicht, sie anzurühren. Blindlings riss er ein anderes Buch aus dem Regal. Lotti, dachte er, als ihm die vier großen Buchstaben vom Einband entgegen sprangen. Sie hat es mir vorgelesen, dachte er. Jahrzehnte war es her und doch erinnerte er sich, wie ihre Stimme Räume öffnen konnte. Momo wäre ihm fast aus der Hand gefallen. Zitternd schlug er das Buch auf. Er musste nur wenige Passagen überfliegen, ehe sich seine Ahnung bestätigte: Die grauen Herren gewannen. Er ließ die Arme sacken. Das Buch baumelte aufgeschlagen in seiner rechten Hand. Mit der Linken stützte er sich an die breite Holzstrebe des Wandregals. Sein Rücken krümmte sich so tief, dass er glaubte, zu fallen. Da erklang hinter ihm: eine helle Stimme. Lotti.
Er spürte eine sanfte Berührung auf seiner Schulter. „Was hast du bloß?“, fragte sie.
Halb lächelte er im Umdrehen, halb weinte er: „Alle Geschichten enden fal-“
„Sch!“ Sie verschloss seinen Mund mit dem Finger.
Marc Richter ist in Wiesbaden geboren und aufgewachsen. Es folgten Studium und Jobs, die mal mit Schreiben zu tun hatten und dann wieder nicht. Inzwischen lebt er mit seiner Frau und drei Töchtern im Speckgürtel Münchens. Er schreibt Prosa und Lyrik. Davon landet hin und wieder etwas in Literaturzeitschriften, Anthologien oder im Internet. 2023 gewann er den Haidhauser Werkstattpreis. Eine bierernste Kurzvita fällt ihm schwer.
