[LiSe 06/21] Es kommt auf den Text an!

Zur Frage: Wer darf welche*n Autor*in übersetzen?

Von Ursula Sautmann

Als Amanda Gorman bei der Inauguration des neuen amerikanischen Präsidenten Joe Biden ihr Gedicht „The Hill We Climb“ vortrug, hat sie sich an die Welt gewandt. Nicht überall wird der Text verstanden, er muss übersetzt werden. Es braucht also Übersetzer*innen, um dem Text Geltung zu verschaffen. Meist entscheiden die Verlage in Absprache mit dem*r Autor*in über die Auftragsvergabe, sagt Tanja Handels, die seit 2003 literarische Texte aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt, u.a. von Zadie Smith und Bernardine Evaristo. Übersetzer*innen bewerben sich oder werden empfohlen. Für das Gedicht von Amanda Gorman hatte ein niederländischer Verlag Marieke Lucas Rijneveld den Auftrag erteilt. Rijneveld ist eine junge weiße, non-binäre Lyrikerin. Sie gab den Auftrag zurück, als kritisiert wurde, dass keine Schwarze Übersetzerin gewählt wurde. „Ist es nicht mindestens eine verpasste Chance…?“, fragte die Journalistin Janice Deul in einer niederländischen Tageszeitung. (mehr …)

[LiSe 06/21] Kolumne: Heißes Leben

Und mit dem Sommer, so heißt es, kommen die Wölfe (und wo der Wolf heult, ist der Luchs nicht weit). Jetzt sogar Bissingen, frommes Schwabenland! Dort wurde er Anfang Mai fotografiert, der Wolf, nur 99 km vor München, Luftlinie. Der Bürgermeister ließ, während man hier noch über den zweiten „Wiesn-Verzicht“ palaverte, die Zäune höher ziehen. Ausgerechnet Bissingen – was für ein Omen! Das kann doch kein Zufall sein. Aber der Wolf kommt, wohin er will. Und wann er will. Die Sommer sind ihm egal, denn der Sommer ist nicht mehr der alte! (mehr …)

[LiSe 06/21] Lyrische Kostprobe: Weiche warme Tiere

Slata Roschal, geboren 1992 in Sankt Petersburg, ist Lyrikerin und Literaturwissenschaftlerin. Sie lebt bei München. Ihr Debütband Wir verzichten auf das gelobte Land erschien 2019 bei Reinecke & Voß in Leipzig. RED

Den Anfang machten alte Frauen

Sie ließen verbliebene Haare toupieren und wellen

Dann kamen Piloten dazu Kapitäne zur Hälfte gerauchte Zigarren

Es kam ein Schwarm dazu an Libellen

Ein guter Tod ist ein verjährter Tod (mehr …)

[LiSe 06/21] Porträt: Immer wieder neue Stücke braucht das Land

Über hundert Jahre im Dienste des Theaters: Der Drei Masken Verlag

Von Katrin Diehl

Der 110. Geburtstag musste ausfallen. Auf den 111. hofft man, hofft auch Dirk Olaf Hanke (58), seit Ende 2016 Verlagsleiter des „Drei Masken Verlag“, einem der ältesten Theatertextverlage Deutschlands. Seit 1951 hat er seinen Sitz in München, nach Unterbrechungen also wieder dort, wo er 1910 gegründet worden ist. Über hundert Jahre Verlagshistorie spiegeln – wie sollte das auch anders sein – den Lauf deutscher Geschichte wider. Das Verlagshaus zog um ins große Berlin, dort auch gleich in die Friedrichstraße. Später ging’s wieder zurück nach München. Adresse heute: Herzog-Heinrich-Straße, Nähe Theresienwiese. (mehr …)

[LiSe 06/21] Buchtipps aus erster Hand

Die Mitarbeiter*innen der Münchner Stadtbibliotheken empfehlen für den Monat Juni diese Neuerscheinungen:

Tomasz Jedrowski: Im Wasser sind wir schwerelos
Hoffmann und Campe

Polen 1980. Während eines traumhaften Sommers verlieben sich Ludwik und Janusz ineinander. Doch dann müssen sie sich den harten Realitäten des Lebens im Kommunismus stellen. Während Ludwik an eine Flucht in den Westen denkt, entscheidet sich Janusz für eine Karriere innerhalb des Systems. Der atmosphärische Coming-Out/of-Age-Roman ist nicht nur wegen seines zeithistorischen Hintergrunds interessant, sondern besticht auch durch die Schönheit seiner Sprache. (mehr …)

[LiSe 06/21] Kurzgeschichte: König am Pool

Von Stephan Priddy

In der Abenddämmerung saß ein junger Mann auf einer Mauer und schaute auf das von ihr umschlossene Privatgrundstück.

„Biste sicher, dass da keine Hunde sind?“

„Ja doch. Bin schon mal da gewesen“, rief sein gleichaltriger Freund Volker hoch. „Nun komm runter, Benny, bevor dich irgendwer sieht.“

Seufzend rutschte Benjamin vom Mauerrand herunter. Aufgrund der Höhe fuhr der Aufprall schmerzhaft in die Beine. Ohne Volkers Hilfe, der sie beide auch hergefahren hatte, wäre Benjamin nicht einmal über die Mauer gekommen. Sein Freund schüttelte den Kopf.

„Komm, du Gipfelstürmer.“ (mehr …)