[LiSe 04/18] Auf dem Weg – immer noch

Evas Töchter – Münchner Schriftstellerinnen und die moderne Frauenbewegung /Ausstellung in der Monacensia 

Von Stefanie Bürgers

München um 1900, bayerische Residenzstadt, wird zu einer der bedeutendsten Kunst- und Kulturstädte Europas, zum Zentrum der Schwabinger Bohème – und einer noch jungen Frauenbewegung, die in der Folge großen Einfluss auf das Bürgertum in ganz Bayern gewinnt. Seit 1894 ist München von der modernen Frauenbewegung bestimmt, die für ein neues Frauenbild, das Recht auf Bildung, Selbstbestimmung und Erwerbstätigkeit der Frau eintritt. Die Stadt ist geprägt von Frauen wie Anita Augspurg, Sophia Goudstikker, Ika Freudenberg, Emma Merk, Marie Haushofer, Carry Brachvogel, Helene Böhlau, Emmy von Egidy und vielen anderen. Betritt man die Monacensia-Ausstellung, blicken einen diese Damen aus lebensgroßen Fotografien direkt und herausfordernd an.  (mehr …)

[LiSe 04/18] Kolumne: Halali und Schuss

Das Wildschwein (sus scrofa) hat es nicht leicht bei uns in Bayern. Nein, die Rede ist nicht von Christian Stückl, der liebend gern am Münchner Volkstheatermal die Sau rauslässt – die Rede ist von den Schwarzkitteln, die wegender drohenden „Afrikanischen Schweinepest“ schon Anfang März in der Rekordzahl von ca 13.000 Sauen in der„laufenden“ Jagdsaison (erhöhte Prämien!) abgeschossen wurden. Damit ballern die Förster und ihre etwa 8000 sogenannten Jagdgäste – darunter auch so mancher Waffennarr – geradezu um die Wette und müssen aufpassen, dass es bei nächtlicher Treibjagd nicht zu Verwechslungen kommt. (mehr …)

[LiSe 04/18] Lyrische Kostprobe

De zwou Seitn vo oana Sach / Kopf und Zahl

S wiürd ollaweil no mea / Es wird immer ein bisschen mehr
an Himml en da Regnlocka finna / den Himmel in der Regenpfütze finden
is dea gmoln / ist der gemalt
dorch d Locka dorche renna / durch die Pfütze hindurchrennen
drin umananda patschn / darin herumpatschen
warum nacha ned, / aber warum denn nicht,
um dreivierlviere meissma bom Dokta sa, / Arzttermin viertelvorvier,
mittn ei hocka? / sich hineinsetzen?
Aaf wos ned ollas kamadn / Auf was sie nicht alles kämen
de Spulratzn de! / diese verspielten Bälger!
Woschtrommln kochan / Waschtrommeln kochen
Müadda wearn gschleidat / Mütter werden geschleudert
Kinda wuisln em Kanon. / Kinder jammern im Kanon.
Owa nacha bringd / Aber dann bringt
a ganz a ausgfuxds / ein hochbegabtes
Löfflstulquartett bis wix / Löffelstielquartett augenblicks
a Musi en Erdefplsterz / Musik in den Kartoffelbrei
midam Zuckawafflblues. / mit dem Zuckerwaffelblues.
Hintam Bugl vo da Mam / Hinter Mutters Rücken
steigns affe aaf anTurm / steigen sie auf einen Turm
– s is da Wickldisch – / – es ist der Wickeltisch –
springan oi / springen in den
en Matratznpeloponnes. / Matratzenpeloponnes.
Augn lochan / Augen lachen
da Mensch, dea wöi dazoukherd / Mensch, der dazugehört
sicha gholdn / sicher gehaltender
vonam Fallschirm / vom Fallschirm
dea zamgsedzd is aus Juchzaran / aus Juchzerseide
de Schniürl sand des, / die Schnüre stark
wos d Wöild zamhold. / für den Halt der Welt.

Katharina Bosˇnjak

[LiSe 04/18] Dichter-Denkmäler in München (Folge 6)

Clemens Brentano – das komplizierte Talent
Ein Märchen als Denkmal

Von Katrina Behrend Lesch

In dem kleinen Parkstreifen zwischen den beiden Armen der Herzog-Wilhelm-Straße, Nähe Sendlinger Tor, steht eine kompakte Eisenplastik. Näher tretend erkennt man drei ineinander verschlungene Figuren, die einem etwas glotzäugig entgegen blicken. Das Denkmal stammt von der Bildhauerin Angelika Fazekas, und dass hier, wie die Inschrift besagt, mit Figuren aus seinem Märchen „Gockel, Hinkel und Gackeleia“ des Dichters Clemens Brentano gedacht werden soll, der von 1833–1842 in München gelebt hat, ist nicht von ungefähr. Spiegelt sich doch in den beiden Fassungen, die von dem Märchen existieren, die Charakterentwicklung wider, die Brentano in seinem Leben genommen hat. Die erste schrieb er um 1806, noch ganz vom Sturm und Drang der neuen Romantik erfasst. Als die zweite Fassung mit 14 Lithographien nach seinen Entwürfen 1838 erschien, hatte er seine Hinwendung zur Religion hinter sich und war nach München ins „Hauptquartier der katholischen Propaganda“ gezogen. Hier wohnte er in der Glockengasse 11 (heute Herzog-Wilhelm-Straße) bei dem Maler Joseph Schlotthauer, einem Professor der Akademie (eine Gedenktafel weist ihn allerdings der Herzogspitalstr. 13 zu), und verkehrte mit Künstlern und Schriftstellern aus dem Görreskreis, hier traf er seine letzte Liebe, die Malerin Emilie Linder.  (mehr …)

[LiSe 04/18] Empfehlungen: Buchtipps aus erster Hand

Nicole Hauptstein und Janina von Rinsum von der Buchhandlung „Lese & Lebe“ in der Münchner Waldfriedhofstraße empfehlen diese beiden Romane:

Emilia Smechowski: Wir Strebermigranten
Hanser-Literaturverlag 

Statistisch gesehen sind die polnischen Staatsangehörigen die zweitgrößte Gruppe Zuwanderer in Deutschland. Möglichst effizient versuchen sie, sich in die deutsche Gesellschaft einzugliedern.. Auch die Familie Emilia Smechowskis floh 1988 aus Wejherowo nach Westberlin. Mit nur fünf Jahren muss das Mädchen eine neue Sprache sowie unbekannte Sitten und Gepflogenheiten erlernen. Das Ziel: Fortan sollen sie deutscher als die Deutschen selbst leben. Doch der Druck, niemals aufzufallen, um nicht als „fremd“ entlarvt zu werden, führt dazu, dass Emilia nicht nur ihre Herkunft, sondern auch Teile ihre Identität verleugnen muss. Mit der Geschichte der Familie Smechowski wird die Erfahrung eines Kollektivs geschildert. Berührend gelingt es der Autorin, von innerer Zerrissenheit zu erzählen – von der Suche nach der Heimat, von Scham und Stolz, von Aufbruch und Ankommen. (mehr …)

[LiSe 04/18] Kurzgeschichte: wann es nacht wird – – –

Von Christoph Michels

dieses halbdunkel & niemand: leerraum – – & diese stunde in der nie irgendwas – – als es laut aus den boxen: „WOULDN’T IT BE GOOD TO BE ON YOUR SIDE“ & das lachen der barkeeper: irgendwo: in ihren schwarzen schürzen & dass alles irgendwie: weit – – – : das gewusel vor einem der türkenmärkte: VERDI: irgendwelche proleten: BMWs mit getönten scheiben – – ist es wie jedes bahnhofsviertel – – ist es: weit weg & langsam & nur dieses – – & „I GOT IT BAD – YOU DON’T KNOW HOW BAD I GOT IT“ : ist blau: zu rot – dann gelb: über das gewühl: über den asphalt: in die straße: in die späte sonne: in alles – – bis es zu ende – – & alles ist dann: laut: wieder verdichtet: ist es: autohupen: rollkoffer: eine frau in ihr handy brüllend, das in ihrem kopftuch steckt: eine zerspringende glasflasche: gedudel aus handylautsprechern – – reißt’s die augen in die fassade gegenüber: HOTEL PENSION ALPINA: schäbiges grün & offene fenster: vor grauen zimmern – andere: mit roten gardinen verhängt – eine eingezogene markise: vor sich hin gammelnd – ist es tot & auch die offenen fenster machen es nicht besser – – – im erdgeschoos: neonröhren – – wahrscheinlich die rezeption: die kahlen wände: irgendein hässliches bild: sonst nichts – – als einer ans fenster: – – : sich mit angezogenen beinen auf die fensterbank – seine hohe stirn: die grauen haare: wahrscheinlich der besitzer: zündet er sich eine kippe an: langsam: den rauch in die straße: über die vorbeigehenden: frauen mit kopftüchern: gemüsetüten schleppend – schreiende kinder – – asiatische touristen mit ihren kameras – ein junggesellenabschied: ihre dämlichen shirts: der eine im dirndl: gröhlend: bierdosen aneinanderhauend – – & der hotelbesitzer: immer noch: rauchend: ohne bewegung: überm gewusel – als ein kleiner junge: zu ihm auf die fensterbank: lachend mit einer plastikpistole: seifenblasen: in die sonne: in die fassade & wie sie langsam – – vorbei an einer taube: auf der markise – – vorbei an einem der offenen fenster: steht eine frau: ihre schwarzen haare: hochgesteckt: das durchsichtige shirt: ihr schwarzer bh: guckt sie in die straße: ohne die seifenblasen – ohne mich – – – als einer der barkeeper: „der negroni“ das glas auf den tisch – & „cheers“ – – & leises gedudel & die frau ist verschwunden & der raucher – & der junge: weg. (mehr …)