[LiSe 11/21] Ich will Gewissheit haben

In der Ausstellung „Das Wagnis der Öffentlichkeit – Hannah Arendt und das 20. Jahrhundert“ setzt das Literaturhaus seine Beschäftigung mit dem Demokratiebegriff fort.

Von Katrina Behrend Lesch

Ich will verstehen“ – das war Hannah Arendt existenziell wichtig. Gewissheit über etwas zu erlangen bestimmte ihr Denken. Dieses unerbittliche Streben zieht sich auch durch das Interview, das Günter Gaus 1964 mit ihr im ZDF führte und in dem alle die Themen angesprochen wurden, die für Arendt eine Rolle spielten. Es ist auf YouTube zu sehen und wurde bisher über eine Million mal angeklickt. Als Hör- und Sehdokument setzt es einen wichtigen Akzent in dieser Ausstellung, die vom Deutschen Historischen Museum in Berlin übernommen wurde und jetzt im Literaturhaus München zu sehen ist. Mit ihrem Untertitel „Hannah Arendt und das 20. Jahrhundert“ wird auf zwei zentrale Begriffe angespielt, die Arendt für die Beschreibung dieses Jahrhunderts maßgeblich geprägt hat: „Totale Herrschaft“ und „Banalität des Bösen“. Mithin wurde Hannah Arendt, ihrer eigenen Aussage folgend, von Kuratorin Monika Boll nicht als Philosophin, sondern als politische Denkerin und Intellektuelle in den Mittelpunkt der Ausstellung gestellt, und diese wirkt vor allem durch das, was man sehen und betrachten kann. (mehr …)

[LiSe 11/21] Kolumne: Innehalten?

Ein bisschen langsamer machen, das Tempo runterfahren, entschleunigen – kann ja eigentlich nicht schaden, oder? Auch beim Lesen nicht. Oft tut es dem Textverständnis gut, während des Lesens mal kurz innezuhalten. Oder gar kritisch nachzudenken. Das leicht altmodische Verbum „innehalten“ meint mehr als nur „unterbrechen“, weil es zusätzlich ein In-sich-hinein-Lauschen impliziert, was wiederum zum gewöhnlich etwas länger dauernden Nachdenken führen kann. Ungesund ist das bestimmt nicht, vor allem nicht beim Lesen von Zeitschriften und Zeitungen. (mehr …)

[LiSe 11/21] Jung und schreibend (Folge 3)

„ein elch gehorcht dem labyrinth (und andersrum)“
Daniel Bayerstorfer

Von Marie Türcke

Mit Daniel Bayerstorfer zu telefonieren, ist in vielerlei Hinsicht eine Freude. Nicht nur wegen seines vergnügt-verlegenen Lachens zwischendurch, sondern vor allem wegen der Breite an Themen und der Fülle an Gedanken, denen man begegnet. Fließend kommt das Gespräch von einer Einführung in die chinesische Sprache und Dichtkunst, über Bayerstorfers eigene Gedichte, die Frage der Fiktion in Lyrik und Lyrikunterricht an Schulen, zum Prozess des Älterwerdens im Schreiben. (mehr …)

[LiSe 11/21] Lyrische Kostprobe

Ein Kenotaph für Newton, Opening Night.

Gravitationsfinsternis.
Die Nacht öffnet ihren Mund wie ein Planet. Oben, wird unten
behauptet, pflanze jemand Zypressen, lockere die Erde, häufe
Dünger im Kreis um die Kugel. Der Zirkel noch frisch, das totale
Lächeln von Masse. So bohrt man sich schließlich Tunnel zur
Nacht. Durch Gebirge, Moose und Dohlen. Dabei auch versehentlich
gekitzelte Tamarisken. Jedoch die Nacht öffnet ihren Mund, wie
ein Planet. Der hat dem Schwarz Reflexe antrainiert, und so gibt’s
dunkle, zuckende Klumpen: Die igeln sich ein und
adlern sich aus. (mehr …)

[LiSe 11/21] Buchtipps aus erster Hand

Die Mitarbeiter*innen der Münchner Stadtbibliotheken empfehlen für den Monat November diese Neuerscheinungen:

Beth Ann Fennelly; Tom Franklin: Das Meer von Mississippi
Heyne Verlag

1927 erlebt der Süden der USA eine Jahrhundertflut, als der mächtige Mississippi über die Ufer tritt. Zwei Prohibitionsagenten finden am Schauplatz eines Verbrechens ein verlassenes Baby. Agent Ingersoll vertraut das Kind Dixie Clay Holliver an. Was er zunächst nicht ahnt – sie ist eine erfolgreiche Schwarzbrennerin. Als die Deiche brechen, wird die Welt aller aus den Angeln gehoben. Die Schilderungen der Gesellschaft in der Kleinstadt am Mississippi sind fesselnd, die Landschaftsbeschreibungen beeindruckend. Ein mitreißender Roman, der auch ernste Themen wie Rassismus nicht ausspart. (mehr …)