[LiSe 09/20] Der nahe Nachbar

Böhmische Spuren in München

Von Katrin Diehl

Es ist reiner Zufall. Im Februar 1897 bezog der Dichter Rainer Maria Rilke in der Blütenstraße 8 sein neues Zuhause. Für den 22-jährigen Studenten der Kunstgeschichte war das bereits – nach der Brienner Straße 48 – die zweite Adresse in der königlichen Residenzstadt. Jetzt also Schwabing, und das Haus, in dem er untergekommen war, konnte sich ja durchaus auch sehen lassen: ein Eckgebäude mit Erkern, die sich über einem stattlichen Eingang von Stockwerk zu Stockwerk zu einem Turm formierten, den ganz oben ein spitzes Dach krönte, was alles ganz und gar den Architekturmoden des zu der Zeit recht beliebten Historismus entsprach. Nicht weit von Rilke entfernt wohnte, in der Schellingstraße, die Dichterin Lou Andreas-Salomé, in die sich Rilke verliebte und mit der er dann auch Ende des Jahres nach Wolfratshausen zog.
Ein Brief, den er im Mai 1897, gerichtet an die „Gnädigste Frau“, in der Blütenstraße 8 verfasst hat, zeugt von dieser Liaison. Er lässt sich heute – für Sütterlin-Kundige – auf einer Erinnerungstafel, die sich im Treppenhaus des Gebäudes Blütenstraße 8 befindet, nachlesen. Von außen erinnert nichts mehr ans gutbürgerliche Stadtgebäude aus Rilkes Zeiten. Das ist, wie so vieles, im Zweiten Weltkrieg zerstört worden. (mehr …)

[LiSe 09/20] Kolumne: Hamlet Bayern

Der „Sidekick“ bezeichnet in Literatur und Theater eine wichtige Nebenfigur, die eng an der Seite des Helden steht, seine Motive und Gedanken kennt und dem Leser oder Hörer nahebringt. Oft muss sie für ihn auch Wichtiges erledigen, und manchmal, nun ja, wird sie für ihn geopfert. Horatio etwa in Shakespeares Drama „Hamlet“ könnte als Sidekick durchgehen – er überlebt allerdings als einer der wenigen das Gemetzel. (mehr …)

[LiSe 09/20] Literarische Archive (Folge 17): Vom Festhalten des Lebens durch Schreiben

Barbara Bronnen (1938–2019) hinterlässt ein umfangreiches literarisches Werk. Die Materialien dazu liegen jetzt in der Monacensia.

Von Katrina Behrend Lesch

Barbara Bronnen hat früh zu schreiben angefangen. Mit acht Jahren verfasste sie ihr erstes Gedicht und widmete es, schön gebunden, ihrem Vater, dem Schriftsteller Arnolt Bronnen. Dass er schrieb, faszinierte sie ungeheuer, und sie wollte es ihm gleichtun. „Das ist, glaube ich, was man unter ‚Künstlerblut‘ verstehen kann“ sagte sie einmal in einem Interview, „dass man es einfach mitkriegt.“ Sie wollte auch immer in sein Arbeitszimmer eindringen, was ihm offensichtlich lästig war. In ihrem Roman „Die Tochter“ lässt Barbara Bronnen ihr Alter Ego Katharina von einer Episode berichten, in der der Vater beim Zuwerfen der Tür ihre Hand einklemmt und sich um ihre Schmerzensschreie nicht kümmert. Es war also eine durchaus zwiespältige Beziehung, genauso zwiespältig wie die Person Arnolt Bronnen selbst. Dennoch, ohne ihn und seine Geschichte, wäre sie nicht, wer sie heute sei, ohne ihn würde sie nicht schreiben. Um aus dem Schatten des mächtigen Vaters zu treten, musste Barbara Bronnen sich mit ihm schreibend auseinandersetzen. (mehr …)

[LiSe 09/20] Lyrische Kostprobe

DAS WARTEN

der Harfenistin auf ihren Einsatz im Adagio,
der Dorfbewohner auf den Tsunami,
der Elfjährigen auf den ersten Kuß,
des flüchtigen Diktators auf die allerletzte Maschine,
des Hungerkünstlers auf sein Frühstück,
der Lottospieler auf das Fallen der weißen Kugel,
des Vielbeschäftigten auf die erlösende Langeweile,
des Häftlings auf den Genickschuß,
des frommen Juden auf den Messias …

Hans Magnus Enzensberger

Textauszug aus Hans Magnus Enzensberger: Wirrwarr – Gedichte. © Suhrkamp Verlag Berlin 2020.

[LiSe 09/20] Verleihung des Doppelfeld Stiftung-Preises

Der Literaturpreis der Doppelfeld Stiftung für die besten literarischen Debüts, ursprünglich für das Frühjahr 2020 geplant, wird nun im Herbst erstmals verliehen.

In diesem für Kulturschaffende besonders harten Jahr und auch aufgrund der hohen Qualität der ausgewählten Bücher hat man sich entschieden, allen fünf  Shortlist-Autor*innen ein Preisgeld zukommen zu lassen. Der Hauptpreis, dotiert mit 6.000 Euro, geht an den Roman „Hawaii“ von Cihan Acar. Die mit jeweils 3.000 Euro dotierten Förderpreise gehen an „Otto“ von Dana von Suffrin, „Drei Kilometer“ von Nadine Schneider, „Das flüssige Land“ von Raphaela Edelbauer und „ewig her und gar nicht wahr“ von Marina Frenk.

Die Preisverleihung findet am 17. September im Literaturhaus München statt.

[LiSe 09/20] Buchtipps aus erster Hand

Für September empfehlen die Mitarbeiter*innen der Münchner Stadtbibliotheken diese Neuerscheinungen:

Olivia Wenzel: 1000 Serpentinen Angst
Fischer Verlag

Dieses Buch ist kein Roman, es ist der innere Dialog einer jungen, queeren afrodeutschen Frau mit komplizierter Familiengeschichte. Diese Textform, anfangs überraschend und irritierend, fesselt schnell. Die Protagonistin hat auf der einen Seite viele gesellschaftliche Freiheiten, die sie auch als solche wahrnimmt, empfindet sich andererseits aber als „das maximal Andere“, und das nicht durch ihre sexuelle Orientierung, sondern durch ihre Hautfarbe. Sie trägt eine große Zerrissenheit in sich, eine Angst vor Bindungen, das Gefühl, nicht gewollt zu sein. Das aufrüttelnde Buch einer jungen Frau, die darum kämpft, nicht immer als „anders“ wahrgenommen zu werden. (mehr …)