[LiSe 07/19] Elefantenhaut und Hirnhäuslein

„Pluriversum“, die neue Ausstellung im Literaturhaus, ist dem Autor und Filmemacher Alexander Kluge gewidmet.

Von Katrina Behrend Lesch

Auf dem Lampenschirm sind Soldaten mit nackten Hintern abgebildet. Die „Grenadiere im Regen“, eine Hommage an Stanley Kubricks gescheiterten Napoleonfilm, wurden von Thomas Thiede gemalt. Für den Freund Alexander Kluge, der den Film aus dem nachgelassenen Material vollenden wollte, was wiederum am Tod von Helmut Dietl scheiterte. Daneben läuft der Minutenfilm „Der verhüllte Marx“, von einem venezianischen Künstler als Apoll geschaffen – „Er war ja auch einmal jung“. Gleichzeitig die Dokumentation von 1969 „Ein Arzt aus Halberstadt“, Besuch meines Vaters in München – „Mein Vater hat kein Gewicht im Vergleich zu Karl Marx, aber ich liebe ihn“. Hinzugefügt sind Stefan Moses’ Triptychen von der Verhüllung des Marx-Engels-Denkmals kurz nach der Wende in Ostberlin. „Derart unterschiedlich gewichtete Dinge lassen sich nur in einer Ausstellung miteinander verknüpfen“, sagt Alexander Kluge, während er durch sein „Pluriversum“ im Literaturhaus führt. (mehr …)

[LiSe 07/19] Kolumne: Odem-Brodem

Also Mädels und Jungs, mal herhören: Das Schuljahr geht zu Ende, in einigen Tagen ist Notenschluss, und auf dem Lehrplan steht noch Sexualkunde und Hitler – beides schieben wir mal ganz auf Ende Juli. Das fällt dann weitgehend aus wegen Hitzefrei, Lehrerkonferenzen oder Wandertagen, egal, das war schon immer so, hier in Bayern. Wir wollen heute lieber einen kurzen, klassischen Stoff durchnehmen: die „Anekdote“. Ein immens wichtiger Stoff, der zum Lachen und Nachdenken anregt, gleichermaßen, denn in der Anekdote bündelt sich das Allgemeine im Konkreten wie der Lichtstrahl in der Lupe. Sie ist die kleine Schwester des Mythos und man weiß nie, ob sie real passiert ist. Wo kommt sie vor, die Anekdote? Naja, am häufigsten finden wir sie im Theater und im Film. Etwas seltener in der Literatur, weil hier der Atem etwas leichter geht, mehr innehält. Der Duden definiert sie als eine „kurze, jemanden oder etwas humorvoll charakterisierende Geschichte“. Apropos „Atem“ – dazu gibt es die Anekdote über einen Münchner Dichter, der es – als bisher einziger – bis zum Kultusminister gebracht hat, allerdings im falschen Land. Weiß jemand, wen ich meine? (mehr …)

[LiSe 07/19] Lyrische Kostprobe

Blitzschlog

D’Luft druckts oba
Du hast nix zum sogn
S’braut se ebs zam
Und I wui ned fragn

Werd scho wieda
Wern
Oder ned
Magst mi gern
Oder ned
Segn ma dann
Geht no lang
So dahi
Du und i
Und sogst du
Irgendwann
Miaßma redn?
Isses gwen

Verena Ullmann

(Aus dem Gedichtband „Wedafest“, Allitera Verlag)

[LiSe 07/19] Literarische Archive (Folge 6): Herrlich frei, aber völlig ungesichert

Oda Schaefers Leben zwischen Emanzipation und Tradition

Von Ursula Sautmann

Wir sind Amazonen durch Zwang, nicht mehr durch eigenen Willen“, schrieb Oda Schaefer in ihrem Manuskript „Glanz und Elend der Emanzipation“ (Signatur M 62), das sich in ihrem Nachlass im Literaturarchiv der Monacensia befindet. Sie konnte schreiben und sie wollte schreiben. Aber sie musste auch schreiben, für wenig Geld, von Auftrag zu Auftrag und für den Lebensunterhalt auch ihres Mannes.

Oda Schaefer lebte von 1900 bis 1988. Sie wurde geboren in Berlin, als Kind baltischer Eltern. Der Vater, ein Journalist, der gern Schriftsteller geworden wäre, brachte sich 1918 um. Oda Schaefer besuchte eine private Kunstgewerbeschule, heiratete 1923, bekam einen Sohn 1924 und wurde ein Jahr später geschieden. Sie begann zu schreiben: Gedichte und impressionistische Naturschilderungen, kleine Prosa für Zeitungen und Zeitschriften. 1931 ließ sie sich mit dem Schriftsteller Horst Lange in Berlin nieder und heiratete 1933 ein zweites Mal. Das Paar hielt sich mühsam über Wasser, „herrlich frei, aber völlig ungesichert“ („Mein Leben, meine Arbeit“, M 89). Bereits 1933 ließ sie sich in die Reichsschrifttumskammer aufnehmen und konnte so publizieren. Eine Sammlung von Gedichten und Balladen erschien 1939 unter dem Titel „Die Windharfe“. Sie war nicht Mitglied der NSDAP. (mehr …)

[LiSe 07/19] Buchtipps aus erster Hand

Die Internationale Jugendbibliothek empfiehlt für Juli/August diese beiden Neuerscheinungen:

Elisabeth Etz: Nach vorn
Tyrolia

Als die 17jährige Helene nach über einem Jahr Krebstherapie endlich zurück ins normale Leben darf, will sie nur nach vorne schauen und alles, was an die Krankheit erinnert, hinter sich lassen: Ihre Freunde, die sie haarlos und schwach erlebt haben, die Eltern mit ihren sorgenvollen Blicken und sogar ihren alten Spitznamen. Doch der Versuch, die Spuren des alten Ichs auszuradieren, entpuppt sich als Flucht vor sich selbst … Eine berührende Geschichte, die zeigt, wie junge Krebsbetroffene mit ihren seelischen Narben darum kämpfen, ihren Platz im Leben neu zu finden. (mehr …)

[LiSe 07/19] Kurzgeschichte: Der Papagei

Von Helmut Michael Schmid

Es ist ein außergewöhnliches Tier“, sagte der Zoohändler und deutete auf einen grün-gelb gefiederten Papagei. „Außergewöhnlich intelligent und außergewöhnlich sprachbegabt. Sie werden Ihre Freude mit ihm haben.“

Ich hatte eigentlich vorgehabt, einen Hamster zu kaufen, aber der Verkäufer hatte mich mit penetranter Beharrlichkeit davon abgebracht. „Was kann Ihnen denn ein Hamster bieten? Rennt den ganzen Tag im Laufrad und scheißt den Käfig voll. Dieses Prachtexemplar“ – er deutete wieder auf den Papagei – „bietet Ihnen etwas ganz anderes: Geselligkeit, Kommunikation. Wer redet denn heute noch mit einem? Da ist ein sprachbegabter Papagei genau das Richtige.“

Der Papagei machte einen gepflegten Eindruck. Die Federn glänzten und die Krallen sahen gesund aus. Mit seinen dunklen Knopfaugen betrachtete er mich als wolle er ausloten, ob ich für ihn ein adäquater Gesprächspartner sein könnte. „Und außerdem“, begann der Verkäufer wieder, „haben Sie einen Partner fürs Leben. Diese Spezies wird bis zu 80 Jahre alt.“  (mehr …)