[LiSe 10/20] Literarische Archive (Folge 18): Die Deckung der Langsamkeit

Anmerkungen zu den Archiv-Aufkäufen der Familie Nadolny

Von Michael Berwanger

Originäre Aufgabe literarischer Archive ist, das kulturelle Erbe einer Nation oder einer Region zu bewahren und zu pflegen. Während sich das Deutsche Literaturarchiv Marbach dem gesamten deutschsprachigen Raum widmet, versucht die Monacensia das literarische Erbe jener Personen zu bewahren, die in München gelebt oder gewirkt haben und deren Literatur für die kulturelle Identität der Stadt und seiner Bevölkerung von Bedeutung ist. Zu diesem Zweck hat die Monacensia, die eine Einrichtung der Münchner Stadtbibliothek ist, fünf Planstellen zuerkannt bekommen, von denen derzeit allerdings nur vier besetzt sind. Archivankäufe, die das „normale“ Jahresbudget übertreffen, müssen vom Stadtrat genehmigt werden. So darf es niemanden wundern, dass Vor- und Nachlässe, die der Monacensia vermacht oder verkauft wurden, oft lange warten müssen, bis sie – katalogisiert – der Öffentlichkeit zugänglich sind.

So ergeht es derzeit auch dem Vorlass, den Sten Nadolny – Autor des Weltbestsellers „Die Entdeckung der Langsamkeit“ – dem Literaturarchiv der Stadt München im März übergeben hat. Dieser gilt als äußerster Glücksfall, da er nicht nur Sten Nadolnys Vorlass umfasst, sondern auch die Nachlässe seiner Eltern Isabella und Burkhard Nadolny. (mehr …)

[LiSe 10/20] Deutscher Buchpreis: Endspurt

Es ist das Leid der Monats-Publikationen nicht in die Zukunft blicken zu können. So ist bei Redaktionsschluss noch nicht absehbar, wer den diesjährigen Deutschen Buchpreis erhält.

Sicher ist nur, dass die Münchner Autorin Christine Wunnicke auf der Shortlist unter den sechs Finalist*innen steht. Den Literaturpreis der Landeshauptstadt München hat sie im August erhalten – das lässt hoffen.

In der November-Ausgabe der LiteraturSeiten München werden wir Wunnickes neuen Roman „Die Dame mit der bemalten Hand“ rezensieren und uns der Autorin ausgiebig widmen – egal wie es ausgeht. Einstweilen drücken wir ihr die Daumen.

Die Preisverleihung findet am 12. Oktober 2020 statt.
www.deutscher-buchpreis.de  

[LiSe 09/20] Literarische Archive (Folge 17): Vom Festhalten des Lebens durch Schreiben

Barbara Bronnen (1938–2019) hinterlässt ein umfangreiches literarisches Werk. Die Materialien dazu liegen jetzt in der Monacensia.

Von Katrina Behrend Lesch

Barbara Bronnen hat früh zu schreiben angefangen. Mit acht Jahren verfasste sie ihr erstes Gedicht und widmete es, schön gebunden, ihrem Vater, dem Schriftsteller Arnolt Bronnen. Dass er schrieb, faszinierte sie ungeheuer, und sie wollte es ihm gleichtun. „Das ist, glaube ich, was man unter ‚Künstlerblut‘ verstehen kann“ sagte sie einmal in einem Interview, „dass man es einfach mitkriegt.“ Sie wollte auch immer in sein Arbeitszimmer eindringen, was ihm offensichtlich lästig war. In ihrem Roman „Die Tochter“ lässt Barbara Bronnen ihr Alter Ego Katharina von einer Episode berichten, in der der Vater beim Zuwerfen der Tür ihre Hand einklemmt und sich um ihre Schmerzensschreie nicht kümmert. Es war also eine durchaus zwiespältige Beziehung, genauso zwiespältig wie die Person Arnolt Bronnen selbst. Dennoch, ohne ihn und seine Geschichte, wäre sie nicht, wer sie heute sei, ohne ihn würde sie nicht schreiben. Um aus dem Schatten des mächtigen Vaters zu treten, musste Barbara Bronnen sich mit ihm schreibend auseinandersetzen. (mehr …)

[LiSe 09/20] Verleihung des Doppelfeld Stiftung-Preises

Der Literaturpreis der Doppelfeld Stiftung für die besten literarischen Debüts, ursprünglich für das Frühjahr 2020 geplant, wird nun im Herbst erstmals verliehen.

In diesem für Kulturschaffende besonders harten Jahr und auch aufgrund der hohen Qualität der ausgewählten Bücher hat man sich entschieden, allen fünf  Shortlist-Autor*innen ein Preisgeld zukommen zu lassen. Der Hauptpreis, dotiert mit 6.000 Euro, geht an den Roman „Hawaii“ von Cihan Acar. Die mit jeweils 3.000 Euro dotierten Förderpreise gehen an „Otto“ von Dana von Suffrin, „Drei Kilometer“ von Nadine Schneider, „Das flüssige Land“ von Raphaela Edelbauer und „ewig her und gar nicht wahr“ von Marina Frenk.

Die Preisverleihung findet am 17. September im Literaturhaus München statt.

[LiSe 09/20] Buchtipps aus erster Hand

Für September empfehlen die Mitarbeiter*innen der Münchner Stadtbibliotheken diese Neuerscheinungen:

Olivia Wenzel: 1000 Serpentinen Angst
Fischer Verlag

Dieses Buch ist kein Roman, es ist der innere Dialog einer jungen, queeren afrodeutschen Frau mit komplizierter Familiengeschichte. Diese Textform, anfangs überraschend und irritierend, fesselt schnell. Die Protagonistin hat auf der einen Seite viele gesellschaftliche Freiheiten, die sie auch als solche wahrnimmt, empfindet sich andererseits aber als „das maximal Andere“, und das nicht durch ihre sexuelle Orientierung, sondern durch ihre Hautfarbe. Sie trägt eine große Zerrissenheit in sich, eine Angst vor Bindungen, das Gefühl, nicht gewollt zu sein. Das aufrüttelnde Buch einer jungen Frau, die darum kämpft, nicht immer als „anders“ wahrgenommen zu werden. (mehr …)

[LiSe 09/20] Internationaler Übersetzertag: Einblicke „under cover“

Das Münchner Übersetzer-Forum

Von Stefanie Bürgers

Rechtzeitig zum Internationalen Übersetzertag am 30. September bringen die LiteraturSeiten München den Online-Beitrag der April-Ausgabe 2020 über das Münchner Übersetzerforum noch einmal in der Druckversion. 

Hieronymus, der Schutzheilige der Übersetzer, hat im 4./5. Jahrhundert die Bibel aus dem Hebräischen bzw. Griechischen ins Lateinische übersetzt. Sein Todestag wurde von der UN-Vollversammlung 2017 offiziell zum „International Translation Day“ ausgerufen. Damit wird die oft wenig sichtbare Arbeit von Übersetzern, Dolmetschern und Terminologen gewürdigt, die grundlegende Bedeutung für die Verständigung zwischen den Nationen und für den Weltfrieden hat. (mehr …)