[LiSe 12/18] Rezension: Familienaufstellung all’italiana

Von Katrina Behrend Lesch

Ilaria ist sechzehn, als sie erfährt, dass ihr Vater Attilio Profeti eine Zweitfamilie unterhält, sie neben ihren zwei Brüdern noch einen Halbbruder hat. 25 Jahre später stellt sich ein junger Äthiopier als ihr Neffe vor, und aus dem Dunkel der Vergangenheit taucht ein weiterer Halbbruder, Shimetas Vater, auf. In dieser hintergründigen Familienaufstellung entwirft Francesca Melandri ein Porträt Italiens von Mussolini bis Berlusconi, eine Geschichte des Kolonialismus und seiner langen Schatten bis in die Gegenwart. Melandri gelingt mit einer bildhaften poetischen Sprache, in Perspektivenwechseln und Zeitsprüngen, den Verwicklungen der handelnden Personen zu folgen und ihnen in ihrer Individualität nahe zu kommen. „Sangue giusto“ lautet der Originaltitel dieses fulminanten Romans, der deutsche greift auf Profetis Mantra zurück: Alle müssen sterben. „Alle, außer mir.“

Francesca Melandri
Alle, außer mir
Aus dem Italienischen von Esther Hansen
Roman, 608 Seiten
Wagenbach Berlin, 2018
26 Euro

[LiSe 12/18] Rezension: Vierundzwanzig Rechenmaschinen

Von Michael Berwanger

Vierundzwanzig Biedermänner im Dreiteiler, Überzieher und steifem Hut finden sich in Berlin beim Reichstagspräsidenten ein. Es ist der 20. Februar 1933, an dem sich die Führungselite mit Hitler trifft, um das neue System mit altem Geld zu versorgen. Am Ende des Treffens ruft Hjalmar Schacht, Präsident der Reichsbank: „Und nun, meine Herren, an die Kasse!“. Schon die Eingangsgeschichte von Vuillards „Die Tagesordnung“ macht deutlich, worum es geht: Um Wegbereiter, Steigbügelhalter und Gewinnler korrumpierender Macht. In 16 kurzen Kapiteln verhandelt Vuillard dieses Thema und allen wird klar: „… der Thron aber bleibt, wenn der kleine Haufen Fleisch und Knochen verschimmelt. … so heißen die Vierundzwanzig weder Schnitzler noch Witzleben … sie heißen BASF, Bayer, Agfa, Opel … Siemens, Allianz … der Klerus der Großindustrie … vierundzwanzig Rechenmaschinen an den Toren zur Hölle.“

Èric Vuillard
Die Tagesordnung
Aus dem Französischen von Nicola Denis
128 Seiten
Matthes & Seitz
Berlin, 2018
18 Euro

[LiSe 12/18] Rezension: Liebe und Zweifel

Von Wolfram Hirche

Eine Ehe in Briefen“ zwischen Theodor und Emilie Fontane von 1852 bis 1898 mit klugen Kommentaren könnte manche bröckelnde Beziehung unter dem Weihnachtsbaum retten. Die beiden Briefschreiber, die sich von Kindheit an mochten, finden trotz heftiger Zweifel immer wieder zusammen. Sie reflektieren sowohl Theodors Reiselust als auch seine berufliche Bindungsschwäche. Emilie ist ökonomisch abhängig und in ständiger Sorge um die gemeinsame Existenz und die ihrer vier Kinder. Sie kritisiert „Theo“ immer wieder heftig, weil er Festanstellungen nach kurzer Zeit kündigt. Als ihr „Herzensmann“ in Frankreich 1870 in Kriegsgefangenschaft gerät, steht alles auf der Kippe. Doch gelingt es Theodor, Zeitungsartikel und später erfolgreich Romane zu schreiben, sodass Emilie immer von neuem Hoffnung schöpft. Die Briefe reichen bis zum Todestag des berühmten Autors.

Emilie & Theodor Fontane
Die Zuneigung ist etwas Rätselvolles
Eine Ehe in Briefen
320 Seiten
Aufbau Verlag Berlin, 2018
18 Euro

[LiSe 12/18] Rezension: Normal und ausgestoßen

Von Slávka Rude-Porubská

Die Früchte sind zwar glänzend, aber steinhart und gänzlich ungenießbar, zum Wegwerfen. Mit dem „Birnenfeld“ zieht Nana Ekvtimishvili in ihrem Roman die Grenze zwischen der Plattenbausiedlung am Rande von Tbilisi und dem Heim für geistig Behinderte; zwischen der Welt der Normalen und der Ausgestoßenen. Hier, in der „Debilenschule“, landen im postsowjetischen Chaos der 1990er Jahre nämlich auch Kinder, die von ihren Eltern verstoßen oder von den Ämtern als schwer erziehbar abgetan wurden. Den lieblosen Mikrokosmos lernt man aus der Perspektive der Internatsältesten, der 18-jährigen Lela, kennen. Selbst von klein auf missbraucht von dem verhassten Geschichtslehrer Wano wird sie zur Vertrauensperson für die kleinen Zöglinge, insbesondere den Jungen Irakli, der von einem amerikanischen Ehepaar adoptiert werden soll. Ein überzeugendes, schonungsloses Debüt mit einer starken Protagonistin.

Nana Ekvtimishvili
Birnenfeld
Aus dem Georgischen von Ekaterine Teti und Julia Dengg
Roman, 221 Seiten
Suhrkamp Berlin, 2018
16,95 Euro

[LiSe 12/18] Rezension: Ist das denn möglich?

Von Ursula Sautmann

Der Wolf ist die Hauptfigur im Debutroman der Schweizerin Gianna Molinari. Aber gibt es ihn überhaupt? Am Ende, und das darf hier verraten werden, ist die Fallgrube für ihn fertig. Eine neue Geschichte könnte beginnen. Die Ich-Erzählerin, Nachtwächterin in einer Fabrik, die geschlossen wird, will das Endgültige nicht anerkennen. Sie beobachtet genau und skizziert, was sie sieht und denkt. Diese Skizzen und dazu ein paar Fotos (man muss auch da genau hinschauen) sind fast das Schönste an dem Buch. Denn auch sie sind vollkommen und zugleich unfertig. Und sie nehmen den Leser mit in Welten, die um die Ecke liegen. „Das Festland ist nicht fest, das Festland bewegt sich, weil die Erdplatten sich bewegen …“, ein Schlüsselsatz in dem Roman: Ein wunderbares Buch für Menschen, die Präzision ebenso lieben wie Fiktion und Magie. 2018 gelangte Molinari mit ihrem Roman auf die Longlist des Deutschen Buchpreises.

Gianna Molinari
Hier ist noch alles möglich
Roman, 192 Seiten
Aufbau Verlag Berlin, 2018
18 Euro

[LiSe 11/18] Rezension: Wahn oder Wahrheit?

Susanne Röckels neuer Roman „Der Vogelgott“

Von Stefanie Bürgers

Kinder leiden an traumatischen Störungen, sie empfinden Flugzeuge als bedrohlich. Eine Sekte hat Zulauf, die einem grausamen Vogelgott huldigt. Mahner gelten als psychisch krank. Schwarze Vögel sind symbolhaft allgegenwärtig. Die Münchner Schriftstellerin Susanne Röckel schlägt mit ihrem neuen Roman „Der Vogelgott“, der gerade den Tukan-Preis erhalten hat, den Leser in ihren Bann.  (mehr …)