[LiSe 01/18] Als die Dichter die Macht übernahmen

Volker Weidermanns Buch „Träumer“ bringt Literatur und Politik zusammen

Von Katrina Behrend Lesch

Die Bayrische Revolution hat gesiegt. Sie hat den alten Plunder der Wittelsbacher Könige hinweggefegt.“ So, wird überliefert, begann Kurt Eisner seine Rede, in der er Bayern zum Freistaat und sich selbst zum Ministerpräsidenten erklärte. Sie ist nicht dokumentiert, wie so vieles, was in dieser heißen kurzen Zeit zwischen November 1918 und April 1919 passierte, doch Augenzeugen erzählen von ihrer bannenden Wirkung. Es sollte der Beginn einer neuen Welt werden, in der alles möglich war: radikaler Pazifismus, direkte Demokratie, soziale Gerechtigkeit, die Herrschaft der Fantasie. Einen magischen Moment lang hatten die Dichter die Macht übernommen, träumten davon, nach dem schrecklichen vierjährigen Krieg eine Herrschaft des Volkes auf die Beine zu stellen, eine Herrschaft der Solidarität und Menschenfreundlichkeit. Kaiser und König waren abgesetzt, der Krieg war durch Kapitulation beendet worden, nun sollte das Volk regieren, und es würde seine Sache gerecht und gut machen. Es blieb ein Traum, das böse Erwachen ließ nicht lange auf sich warten. (mehr …)

[LiSe 12/17] Schweigen und Vergessen

Von Stefanie Bürgers

Paula, Jahrgang 1915, betet den Rosenkranz jeden Tag mehrmals. Sie trägt ihn bei sich in der rechten Tasche der Kittelschürze. Die Perlen laufen durch ihre Finger. Der Erste Weltkrieg hat ihr den Bruder genommen, der Zweite den Bräutigam. Am Ende des Krieges hat sie ein behindertes Kind, das gleich gestorben ist. Dann noch ein Mädchen. Von einem Mann, der Vater und Großvater hätte sein können. Das Schweigen von Paula ist der Bann, der bis heute nicht gebrochen ist. Tochter und Enkelin dieses Mannes tragen seine dunklen Züge, die aus dem Rahmen des Dorfes im katholischen Oberschwaben fallen. Geheimnisse trennen, blockieren. Sandra Hoffmann, Enkelin von Paula, imaginiert an Hand alter Fotos das Leben der Großmutter, will ihr das Leben schenken, das diese nicht erzählen konnte. In einer drängenden Sprache voller Metaphern reiht sie Sätze, Assoziationen, die vor dem Vergessen bewahren. Die Autorin erkennt, dass die Großmutter mit ihrem Schweigen nicht „Schutzmantelmadonna“ sondern Quell Sandras eignen Unwohlseins ist.

Sandra Hoffmann
Paula
Roman, 160 Seiten
Hanser Verlag Berlin, 2017
18 Euro

[Lise 12/17] Inbegriff des Allerweltstypen

Von Katrina Behrend Lesch

Der Held des Romans, mit dem Sinclair Lewis Weltruhm und 1930 als erster Amerikaner den Nobelpreis für Literatur errang, ist gänzlich unheldisch. George F. Babbitt, sechsundvierzig, Häusermakler, verheiratet, zwei Kinder, tappt durch sein Leben, ohne es richtig zu leben, und als er einmal wagt, gegen den Strom zu schwimmen, bekommt er schmerzlich die Macht der Mehrheit zu spüren. Der Inbegriff des Allerweltstypen, bestehend aus Klischees und Phrasen, Stoff für eine Satire, doch dem Autor ist viel mehr gelungen. Durch die satirische Tünche, mit der er seinen Helden anstreicht, schimmert etwas zutiefst Menschliches. Zweifel an dem, was man ist, Angst davor, sich so zu zeigen, Reue darüber, scheinbar Gesichertes aufgegeben zu haben. Sinclair Lewis veröffentlichte seinen Roman 1922. Manesse präsentiert eine Neuübersetzung in einer Zeit, die uns den Amerikaner der middle class, mit dem wir seit der Trump-Wahl mehr und mehr fremdeln, ein wenig begreiflicher macht.

Sinclair Lewis
Babbitt
Aus dem Amerikanischen von Bernhard Robben
Roman, 284 Seiten
Manesse, München 2017
28 Euro

[LiSe 12/17] Ein Dorf namens Onkalo?

Von Michael Berwanger

Das finnische Onkalo ist in diesem Roman nicht als Ort gedacht, sondern als Metapher für das, was getan werden muss und das Gleichmaß des ewig Wiederkehrenden. Matuschek lebt mit seinen 40 Jahren immer noch mit seiner Mutter zusammen, irgendwo im Nordosten der neuen Bundesländer, dort wo alle wegziehen, wenn sie noch können. Matuschek aber bleibt. Er hat nur wenig Freunde und einen gleichförmigen Alltag. Aber das ist ihm recht so. Als in kurzer Folge seine Mutter und einer seiner Freunde sterben, gerät sein gleichförmiges Leben ins Wanken, ein langsamer unaufhörlicher Strudel zieht ihn abwärts, bis ihn kurz vor dem endgültigen Scheitern ein Nachbar rettet. Die 1980 geborene Mecklenburgerin Kerstin Preiwuß hat in ihrem zweiten Roman die großen Fragen des Lebens auf ein kleines Provinzdorf heruntergebrochen. In der kleinen Welt spiegeln sich Wut, Sehnsucht, Schmerz, Tod und Liebe. Die Autorin, die als Lyrikerin bekannt geworden ist, verwendet dabei eine prosaische Sprache, die Bilder von Weite und Achtsamkeit entstehen lassen.

Kerstin Preiwuß:
Nach Onkalo
Roman, 230 Seiten
Berlin Verlag, 2017
20 Euro

[LiSe 12/17] Von unten nach oben

Von Ursula Sautmann

Cora ist als Sklavenkind geboren. Schon ihr Großvater wurde in die Sklaverei gezwungen, ihre Mutter hielt es nicht aus und verschwand, als Cora zehn oder elf war. Von da an war sie auf sich allein gestellt auf der Sklavenfarm in Georgia. Colson Whitehead erzählt schonungslos über das Leben auf der Sklavenfarm. Die Grausamkeiten kommen fast beiläufig daher, ob sie nun von den Sklavenhaltern an ihrem „Eigentum“ oder von den Sklaven untereinander vollbracht werden. Whitehead schreibt nicht über Sensationen, sondern über das, was „normal“ war und doch unvorstellbar bleibt.

Ein Buch über das Elend des Sklavendaseins zu Weihnachten? Muss das sein? Ja, denn „Underground Railroad“ zeichnet ein unvergessliches Bild. Und dabei macht das Buch Cora und mit ihr alle Sklaven nicht erneut zum Opfer. Der Leser leidet mit, aber er muss die Protagonistin nicht bemitleiden. Sie ist eine Außenseiterin, eine Einzelgängerin, die – allem Elend zum Trotz – vertrauen kann und Hilfe findet.

Colson Whitehead
Underground Railroad
Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl
Roman, 349 Seiten,
Carl Hanser Verlag, 2017
24 Euro

[LiSe 11/17] Rezension: Gerechtigkeitsstress

Petra Morsbach seziert den Justizleib

Von Wolfram Hirche

Na schön, 479 Seiten über die Münchner Justiz zu lesen, ist nicht jedermanns Sache, und Herbert Rosendorfer hat sich schon anno 1981 der Materie auf satirische Weise angenommen in „Ballmanns Leiden oder Lehrbuch für Konkursrecht“ – wobei Satiren oft nach 50 Seiten zu ermüden beginnen. Was Petra Morsbach, die in Starnberg lebende Autorin, in ihrem siebten Roman dagegen schafft, ist keineswegs ermüdend. Es gelingt ihr, den Leser durch raffinierte Vor-und Rückblenden, durch Perspektivenwechsel und vor allem durch die eindringliche Schilderung der Hauptfigur Thirza Zorniger wach und in Spannung zu halten. Im Grunde präsentiert sie uns damit ein kritisches Sachbuch über Leiden und Triumph der Richterschaft anhand von mehr als 30 konkreten Justizfällen, betrachtet durch die sehr persönliche Brille ihrer Heldin, jener tüchtigen Tochter eines genialischen Schauspielers („Augenbrauenwunder“) und einer ihm kurzzeitig verfallenen Halbjuristin. (mehr …)