[LiSe 04/19] Rezension: Ankommen im Gespräch, im Erzählen

Eine Anthologie mit Geschichten über Aufbrüche und Ankünfte

Von Slávka Rude-Porubská

Die Somalierin Amal versengt sich in der Zugtoilette die Fingerkuppen, damit sich die Spuren ihrer Irrfahrt durch Europa nicht über ihre Fingerabdrücke verfolgen lassen. Für den jungen Politikwissenschaftler ist der Umzug von Manchester an die Universität im norwegischen Bergen die nächste Station seiner internationalen Karriere, schließlich genießt er Freizügigkeit mitten im prosperierenden, vernetzten Europa. Beide Lebensläufe haben Eingang in die Anthologie „Wir sind hier. Geschichten über das Ankommen“ gefunden. Fridolin Schley erzählt von Amal, die sich von außen, von den europäischen Rändern – über die Ukraine, Slowakei und Österreich – dem sicheren München annähert. Ob sie wirklich dort ankommt? Ob sie wirklich der Gewalt der Terrormiliz in ihrem Heimatland entkommt, wenn sie ihr doch, in abgewandelter Form, an den Grenzübergängen und in Asyllagern begegnet? Georg Picot hingegen beschreibt den wiederholten, scheinbar mühelosen Arbeitsortwechsel als Wettbewerbsvorteil für akademische Nomaden innerhalb des globalen Wissenschaftsbetriebs. (mehr …)

[LiSe 03/19] Rezension: Was geschah vor 100 Jahren?

Herbert Kapfer collagiert in seinem Buch „1919“ Originaltexte, Zitate und Fotos aus der Zeit zwischen 1918 und 1938.

Von Bernd Zabel

Jahresanfang 2019, vor 100 Jahren wurde die Münchner Räterepublik ausgerufen, und es vergeht zur Zeit kaum ein Tag, an dem Interessierte in dieser Stadt nicht eine Veranstaltung besuchen könnten, die mit dem Jahrestag zusammenhängt. Ausstellungen, Filme, sogar ein Musical und natürlich eine Unzahl an Publikationen. 1919, ein magisches Jahr, das uns bis heute in seinen Bann zieht. Politische Deutungen, Entlarvungen und Zeitzeugnisse dominieren das Feld. Doch man muss dem Reigen der Texte nicht unbedingt ein weiteres Beispiel hinzufügen. Texte lassen sich auch adoptieren, vor allem wenn es weitgehend unbekannte, gute sind.  (mehr …)

[LiSe 02/19] Rezension: Die Schönheit der Natur ist eine Tautologie

Heinz Helles neuer philosophischer Roman

Von Michael Berwanger

Zwei Brüder trinken sich durch die Nacht, in Kaschemmen des Glockenbachviertels. Es ist der Winter vor sieben Jahren. Man kann den Weg vom Platz am Glockenbach über die Fraunhoferstraße und zurück zur Kapuzinerstraße verfolgen. Die meisten Kneipen existieren immer noch, Absturzkneipen wie der „Flaschenöffner“ oder das „Sunshine Pub“. Nur die Theaterklause heißt heute „Wolf’s Farmacy“ und die Kapuzinerklause „Bistro N° 23“. Ein weiter Weg für eine durchsoffene Nacht, und man könnte anmerken, dass es egal sein müsste, in welcher Stadt sie stattfindet. Denn natürlich geht es nicht um die Sauftour zweier Brüder, sondern um das Ausloten, welche Rolle das Wohl des Einzelnen spielt – speziell das der Kinder. Um den philosophischen Diskussionen Raum zu geben, braucht es aber einen Stadtteil wie das Münchner Glockenbachviertel, wo glitzernder Reichtum und bittere Armut direkt ineinander übergehen. (mehr …)

[LiSe 01/19] Rezension: Eine Geschichte von Rettung und Neuanfang

Lilly Maiers Sachbuchroman „Arthur und Lilly“ – Das Mädchen und der Holocaust-Überlebende

Von Katrina Behrend Lesch

Es ist ein besonderer Tag, ihr Schicksalstag, wird Lilly später sagen, als Arthur in ihr Leben tritt. Er: 75 Jahre, als Kind dem Holocaust entronnen, in den USA lebend. Sie: ein elfjähriges Mädchen, das er bei einem Besuch seiner Wiener Wohnung aus Kindertagen kennenlernt. Gebannt lauscht sie seinen Erzählungen, die sie nicht mehr loslassen werden. Sie will die Vergangenheit erforschen, nimmt an einem Schülerprojekt über die Juden in Österreich teil. Später studiert Lilly Maier Geschichte in München und Journalismus in New York und beginnt mit dem Schreiben ihres Buches „Arthur und Lilly“. Da ist sie Anfang 20 und ahnt nicht, was für eine immense Recherchearbeit vor ihr liegt. Dem Schicksal von jüdischen Kindern nachzuspüren, die mit einem Kindertransport ins rettende Ausland geschickt wurden, erfordert mehr als nur Geduld, Hartnäckigkeit und Ausdauer. Sie erfordert Hingabe, und die wächst ihr zu durch die Freundschaft mit Arthur. Doch auch er profitiert davon, denn nun wagt er wieder Kontakt zu seiner Vergangenheit aufzunehmen. (mehr …)

[LiSe 12/18] Rezension: Familienaufstellung all’italiana

Von Katrina Behrend Lesch

Ilaria ist sechzehn, als sie erfährt, dass ihr Vater Attilio Profeti eine Zweitfamilie unterhält, sie neben ihren zwei Brüdern noch einen Halbbruder hat. 25 Jahre später stellt sich ein junger Äthiopier als ihr Neffe vor, und aus dem Dunkel der Vergangenheit taucht ein weiterer Halbbruder, Shimetas Vater, auf. In dieser hintergründigen Familienaufstellung entwirft Francesca Melandri ein Porträt Italiens von Mussolini bis Berlusconi, eine Geschichte des Kolonialismus und seiner langen Schatten bis in die Gegenwart. Melandri gelingt mit einer bildhaften poetischen Sprache, in Perspektivenwechseln und Zeitsprüngen, den Verwicklungen der handelnden Personen zu folgen und ihnen in ihrer Individualität nahe zu kommen. „Sangue giusto“ lautet der Originaltitel dieses fulminanten Romans, der deutsche greift auf Profetis Mantra zurück: Alle müssen sterben. „Alle, außer mir.“

Francesca Melandri
Alle, außer mir
Aus dem Italienischen von Esther Hansen
Roman, 608 Seiten
Wagenbach Berlin, 2018
26 Euro

[LiSe 12/18] Rezension: Vierundzwanzig Rechenmaschinen

Von Michael Berwanger

Vierundzwanzig Biedermänner im Dreiteiler, Überzieher und steifem Hut finden sich in Berlin beim Reichstagspräsidenten ein. Es ist der 20. Februar 1933, an dem sich die Führungselite mit Hitler trifft, um das neue System mit altem Geld zu versorgen. Am Ende des Treffens ruft Hjalmar Schacht, Präsident der Reichsbank: „Und nun, meine Herren, an die Kasse!“. Schon die Eingangsgeschichte von Vuillards „Die Tagesordnung“ macht deutlich, worum es geht: Um Wegbereiter, Steigbügelhalter und Gewinnler korrumpierender Macht. In 16 kurzen Kapiteln verhandelt Vuillard dieses Thema und allen wird klar: „… der Thron aber bleibt, wenn der kleine Haufen Fleisch und Knochen verschimmelt. … so heißen die Vierundzwanzig weder Schnitzler noch Witzleben … sie heißen BASF, Bayer, Agfa, Opel … Siemens, Allianz … der Klerus der Großindustrie … vierundzwanzig Rechenmaschinen an den Toren zur Hölle.“

Èric Vuillard
Die Tagesordnung
Aus dem Französischen von Nicola Denis
128 Seiten
Matthes & Seitz
Berlin, 2018
18 Euro