[LiSe 09/21] Buchtipps aus erster Hand

Die Mitarbeiter*innen der Münchner Stadtbibliotheken empfehlen für den Monat September diese Neuerscheinungen:

Ljudmila Ulitzkaja: Eine Seuche in der Stadt
Carl Hanser Verlag

1939, Moskau. Ein Wissenschaftler reist zu einer Konferenz – und bringt, ohne es zu ahnen, die Pest in die Stadt. Bevor eine tödliche Epidemie ausbrechen kann, reagiert der autokratische Staat – aber zu welchem Preis? Auf 110 Seiten hat Ulitzkaja einen mitreißenden Kurzroman geschaffen, der sich wie ein Film Noir liest. Der erste Entwurf stammt aus dem Jahr 1978 und war tatsächlich eine Drehbuchvorlage – die allerdings nie verfilmt wurde. Heute ist die Geschichte, die von wahren Ereignissen erzählt, wieder hoch aktuell. (mehr …)

[LiSe 09/21] Rezension „Es ist immer ein eigen Ding mit unseren Briefen gewesen …“

Die berührende Korrespondenz zwischen Kurt Landauer und dessen späteren Frau Maria Baumann

Von Katrin Diehl

Kurt Landauer (1884-1961) ist in München kein Unbekannter mehr. Wer sich ein bisschen für Fußball und den FC Bayern München interessiert, wer die Augen nicht ganz davor verschließt, was mit den jüdischen Münchner und Münchnerinnen während der Nazizeit geschehen ist, der weiß mit diesem Namen etwas anzufangen. 1919 bis 1933 hatte Landauer die Präsidentschaft des FC Bayern inne. Unter ihm wurde der Verein – das war 1932 – zum ersten Mal deutscher Meister. Ein halbes Jahr später kommt Hitler an die Macht. Landauer muss als Vereinspräsident zurücktreten. Weil er Jude ist. Ein Tag nach der Reichspogromnacht im November 1938 wird er, völliger Willkür ausgesetzt, verhaftet. Es folgen 33 Tage Konzentrationslager Dachau. Danach ist auch ihm, der dieses München so liebte, der im Ersten Weltkrieg als Freiwilliger gekämpft hatte, klar, dass er das Land verlassen muss. Dass ihm das gelingt, hat mit viel Glück zu tun: Die ihm bekannte Familie Klauber/Klopfer (und das ist eine andere Geschichte) hatte sich um Bürgschaft und Aufenthaltspapiere für ihn gekümmert. Landauer landet in der Schweiz, in Genf, bleibt dort über sechs Jahre, dem Tod zwar entkommen, aber ansonsten fast allem verlustig, was ein zuversichtliches Lebensgefühl ausmacht. Vier seiner sechs Geschwister, Franz, Gabriele, Leo und Paul, waren in der Shoah ermordet worden. (mehr …)

[LiSe 07/21] Buchempfehlungen der Redaktion

Zwischen Ural und Kamtschatka

Von Katrina Behrend Lesch

Kälte, Straflager, Verbannung,– das verbindet man gemeinhin mit Sibirien, aber sicher nicht Klaviere. Die britische Journalistin Sophy Roberts belehrt uns eines Besseren. Beseelt von dem Gedanken, für die mongolische Pianistin Ogderel Sampilnorow einen Konzertflügel aufzuspüren, begibt sie sich zwischen Ural und Kamtschatka auf die Suche nach Sibiriens vergessenen Klavieren. So erfährt man, dass selbst in die entlegensten Orte dieses Riesenreichs, gefördert sowohl von Katharina der Großen als auch Lenin, die kulturelle Bildung vorgedrungen war und dass mit den Geschichten der Bechsteins, Broadwoods, Erards oder Stürzwages, die Roberts aufstöbert, die Geschichte Russlands eng verbunden ist. (mehr …)

[LiSe 06/21] Buchtipps aus erster Hand

Die Mitarbeiter*innen der Münchner Stadtbibliotheken empfehlen für den Monat Juni diese Neuerscheinungen:

Tomasz Jedrowski: Im Wasser sind wir schwerelos
Hoffmann und Campe

Polen 1980. Während eines traumhaften Sommers verlieben sich Ludwik und Janusz ineinander. Doch dann müssen sie sich den harten Realitäten des Lebens im Kommunismus stellen. Während Ludwik an eine Flucht in den Westen denkt, entscheidet sich Janusz für eine Karriere innerhalb des Systems. Der atmosphärische Coming-Out/of-Age-Roman ist nicht nur wegen seines zeithistorischen Hintergrunds interessant, sondern besticht auch durch die Schönheit seiner Sprache. (mehr …)

[LiSe 06/21] Das Leben dichten, Zeile für Zeile

Lena Goreliks starker autobiografischer Roman „Wer wir sind“

Von Slávka Rude-Porubská

Der Buchstabe Я, zugleich der Begriff für „Ich“, steht im russischen Alphabet ganz am Ende. Diese vom Alphabet vorgegebene Ordnung findet sich auch in der Staatsdoktrin der ehemaligen Sowjetunion wieder, in der das Kollektiv stets den Vorrang vor dem Individuum hat. Wie erfährt man also das eigene Ich – und wie erzählt man darüber? Es ist die kleine Alltagsszene mit der Heizung in der sowjetischen Hochhaussiedlung, an der die Münchner Autorin Lena Gorelik in ihrem neuen Roman das Erlebnis des selbstbestimmten Handelns festmacht. Zentral gesteuert, im Spätherbst in allen Wohnungen der Fünf-Millionen-Stadt Sankt Petersburg hochgefahren, im Frühjahr heruntergedreht, ist das persönliche Wärme- und Kälteempfinden in der Sowjetunion eindeutig Sache der Parteizentrale. Nach dem Übersiedeln der Familie nach Deutschland – die 1981 geborene Gorelik kommt Anfang der 1990er Jahre mit ihrer Familie als „Kontingentflüchtling“ nach Baden-Württemberg – dann die Erfahrung mit den Drehknöpfen an den Heizköpern: „Die Herrlichkeit der Macht, ich will es wärmer, ich. (…) Ich drehte an dem schönen Rädchen herum, wir waren zu Menschen mit eigenen Kälteempfindungen geworden.“ (mehr …)

[LiSe 06/21] Vergangen wie da – Erinnerungsstücke von Michael Krüger

Von Katrin Diehl

In Michael Krügers von Literatur tief durchtränktem Leben gab es von einigem viel. Noch einmal mehr in der Erinnerung, die sich gern aufs Konzentrat konzentriert. Noch einmal mehr in einem schmalen Bändchen, das Erinnerungen – die in Teilen schon einmal zerstreut hier und da zu lesen gewesen sind – auf engem Raum zusammenbringt und dessen Titel sich nicht scheut einfach aufzuzählen, um was es da geht: „Über meinen Großvater, Zbigniew Herbert, Petrarca und mich.“ Und das muss Michael Krüger aufgefallen sein. Dass sich der erstaunliche wie wunderbare Dichter Zbigniew Herbert hier auch in Apposition gestellt lesen lässt, er somit flugs in ein großväterliches Verhältnis zu ihm gerät. Krüger verehrte Zbigniew Herbert jedenfalls, mochte ihn sehr, und den Großvater, den echten, den mochte er auch, weshalb er in ein ruhiges Gedicht des längst, längst erwachsenen Enkels fand („Mein Großvater konnte über hundert Vögel / an ihren Stimmen erkennen, nicht gerechnet / die Dialekte…). Und eigentlich ist das mit dem Großvater, mit Zbigniew Herbert und Petrarca ja auch nur der Untertitel. Weil drüber heißt es viel gewollter und ein wenig tranig: „Meteorologie des Herzens.“ Verschwindend weiß, wie es da gedruckt steht, kann man das zumindest überlesen, vielleicht auch vergessen. (mehr …)