[LiSe 04/18] Rezension: Kunst und Knast

Lilian Lokes zweiter Roman „Auster und Klinge“

Wolfram Hirche

Erst am zweiten Roman, so meinte der Kritik-Papst Marcel Reich-Ranicki, entscheidet sich, ob ein Autor zum Schriftsteller taugt oder nicht. Die Münchner Autorin und PR-Beraterin Lilian Loke hat vor drei Jahren für ihren Erstling „Gold in den Straßen“ reichlich Lorbeeren geerntet und den Münchner Tukanpreis errungen. Während sie damals fleißig im Milieu der Häuser-Makler recherchiert hatte und ökonomisch kundig deren Geschäftsmodell aufs Korn nahm, nimmt sich ihr neuer Roman das Künstler- und Ganoven-Milieu vor. Er versucht es jedenfalls.Ernste, tiefe Recherche ist da freilich schwierig, denn wer kennt schon einen erfahrenen Einbrecher, der auch so richtig „auspackt“? (mehr …)

[LiSe 03/18] Rezension: Wiesenstein

Erzstabil und trutzig
Hans Pleschinkis neuer  Roman „Wiesenstein“

Von Katrina Behrend Lesch

Zweifellos war Gerhart Hauptmann ein großer Dichter, wegen seiner sozial engagierten Dramen galt er als eine Art König der Republik. So sind ihm seine Verdienste um die deutsche Literatur Wehr und Waffe genug , um im März 1945 nach einem Sanatoriumsaufenthalt das zerstörte Dresden zu verlassen und gen Osten nach Schlesien zu fahren. Ziel ist die Villa Wiesenstein, sein prächtiges Anwesen im Riesengebirge, wo er und seine Frau Margarete so weiterleben wollen wie bisher, luxuriös ausgestattet und von einer ergebenen Dienerschaft umsorgt. Ein Schutzbrief des sowjetischen Kulturoffiziers Oberst Sokolow ermöglicht Hauptmanns Verweilen in seinem geliebten Wiesenstein, „die mystische Schutzhülle meiner Seele“, aller Barbarei ringsum zum Trotz. (mehr …)

[LiSe 02/18] Rezension: Virtuose Wortspiele

Von Ina Kuegler

Eine Hommage der Virtuosen von heute an die Meister von damals – so nennen die beiden Lyriker Tristan Marquardt und Jan Wagner ihre Anthologie „Unmögliche Liebe“. Das Buch vereint die wichtigsten Werke des mittelhochdeutschen Minnegesangs und dessen Übertragungen durch zeitgenössische Lyriker wie Ulrike Draesner, Nora Gomringer, Ursula Krechel, Birgit Kreipe, Daniel Bayerstorfer, Marcel Beyer oder Durs Grünbein. Entstanden sind 141 Rendezvous, ein Brückenschlag zwischen dem 12./13. Jahrhundert und unserem Jahrtausend. (mehr …)

[LiSe 01/18] Als die Dichter die Macht übernahmen

Volker Weidermanns Buch „Träumer“ bringt Literatur und Politik zusammen

Von Katrina Behrend Lesch

Die Bayrische Revolution hat gesiegt. Sie hat den alten Plunder der Wittelsbacher Könige hinweggefegt.“ So, wird überliefert, begann Kurt Eisner seine Rede, in der er Bayern zum Freistaat und sich selbst zum Ministerpräsidenten erklärte. Sie ist nicht dokumentiert, wie so vieles, was in dieser heißen kurzen Zeit zwischen November 1918 und April 1919 passierte, doch Augenzeugen erzählen von ihrer bannenden Wirkung. Es sollte der Beginn einer neuen Welt werden, in der alles möglich war: radikaler Pazifismus, direkte Demokratie, soziale Gerechtigkeit, die Herrschaft der Fantasie. Einen magischen Moment lang hatten die Dichter die Macht übernommen, träumten davon, nach dem schrecklichen vierjährigen Krieg eine Herrschaft des Volkes auf die Beine zu stellen, eine Herrschaft der Solidarität und Menschenfreundlichkeit. Kaiser und König waren abgesetzt, der Krieg war durch Kapitulation beendet worden, nun sollte das Volk regieren, und es würde seine Sache gerecht und gut machen. Es blieb ein Traum, das böse Erwachen ließ nicht lange auf sich warten. (mehr …)

[LiSe 12/17] Schweigen und Vergessen

Von Stefanie Bürgers

Paula, Jahrgang 1915, betet den Rosenkranz jeden Tag mehrmals. Sie trägt ihn bei sich in der rechten Tasche der Kittelschürze. Die Perlen laufen durch ihre Finger. Der Erste Weltkrieg hat ihr den Bruder genommen, der Zweite den Bräutigam. Am Ende des Krieges hat sie ein behindertes Kind, das gleich gestorben ist. Dann noch ein Mädchen. Von einem Mann, der Vater und Großvater hätte sein können. Das Schweigen von Paula ist der Bann, der bis heute nicht gebrochen ist. Tochter und Enkelin dieses Mannes tragen seine dunklen Züge, die aus dem Rahmen des Dorfes im katholischen Oberschwaben fallen. Geheimnisse trennen, blockieren. Sandra Hoffmann, Enkelin von Paula, imaginiert an Hand alter Fotos das Leben der Großmutter, will ihr das Leben schenken, das diese nicht erzählen konnte. In einer drängenden Sprache voller Metaphern reiht sie Sätze, Assoziationen, die vor dem Vergessen bewahren. Die Autorin erkennt, dass die Großmutter mit ihrem Schweigen nicht „Schutzmantelmadonna“ sondern Quell Sandras eignen Unwohlseins ist.

Sandra Hoffmann
Paula
Roman, 160 Seiten
Hanser Verlag Berlin, 2017
18 Euro

[Lise 12/17] Inbegriff des Allerweltstypen

Von Katrina Behrend Lesch

Der Held des Romans, mit dem Sinclair Lewis Weltruhm und 1930 als erster Amerikaner den Nobelpreis für Literatur errang, ist gänzlich unheldisch. George F. Babbitt, sechsundvierzig, Häusermakler, verheiratet, zwei Kinder, tappt durch sein Leben, ohne es richtig zu leben, und als er einmal wagt, gegen den Strom zu schwimmen, bekommt er schmerzlich die Macht der Mehrheit zu spüren. Der Inbegriff des Allerweltstypen, bestehend aus Klischees und Phrasen, Stoff für eine Satire, doch dem Autor ist viel mehr gelungen. Durch die satirische Tünche, mit der er seinen Helden anstreicht, schimmert etwas zutiefst Menschliches. Zweifel an dem, was man ist, Angst davor, sich so zu zeigen, Reue darüber, scheinbar Gesichertes aufgegeben zu haben. Sinclair Lewis veröffentlichte seinen Roman 1922. Manesse präsentiert eine Neuübersetzung in einer Zeit, die uns den Amerikaner der middle class, mit dem wir seit der Trump-Wahl mehr und mehr fremdeln, ein wenig begreiflicher macht.

Sinclair Lewis
Babbitt
Aus dem Amerikanischen von Bernhard Robben
Roman, 284 Seiten
Manesse, München 2017
28 Euro