[LiSe 07/20] Rezension: Literatur, die Retterin

In Erinnerung: der Dichter, Schriftsteller und Literaturkritiker Peter Hamm

Von Katrin Diehl

Zu welcher Größe wächst Literatur, wenn man ihr sein Leben verdankt? Nicht, dass man ohne sie tot umgefallen wäre, aber man hätte es wohl kaum heraus geschafft aus der miefigen Dumpfheit, aus den gewaltschwangeren Kinder- wie Jugendtagen, die einem zugedacht waren. So etwas führt zu einem fast körperlichen Verhältnis zum Buch, zur Literatur, zu allem Gedruckten, zu „Kraut und Rüben“. Die Entdeckung von Geschichten, Gedichten, wohlgesetzten Texten kann am Ende Kraft geben, die Weichen umzustellen. Und man kommt da raus aus diesem Sumpf. Als „Motiv“ zieht sich der „Rettungsanker Literatur“ durch ganz viele Büchermenschen-Existenzen. Wir wissen das, und auch, dass sich das Schicksal damit die unermüdlichsten Anwälte und Anwältinnen der Literatur herangezogen hat, ausgestattet mit einer fast zwanghaften Literaturleidenschaft, die jedoch immer, ganz tief drinnen, einen Schmerz in sich trägt. Bis es den „Gäulen der Erinnerung“ in einem freien, fast befreienden Moment erlaubt ist, los zu galoppieren, eine „Gelegenheit“, die – ohne Frage – nur ein anteilnehmender Zuhörer, eine anteilnehmende Zuhörerin herzustellen vermag. (mehr …)

[LiSe 07/20] Rezension: Ziemlich beste Freunde

Von Slávka Rude-Porubská

Kinder des Südens, Kameraden, Blutsbrüder“ – das sind die zwei besten Freunde Kapia und Leviathan aus dem Debütroman des slowakischen Autors Peter Balko, den Zorka Ciklaminy ins Deutsche übertragen hat. Erst acht Jahre alt und schon neunmalklug, grundverschieden und doch unzertrennlich sind die beiden; der eine, draufgängerisch und heißblütig, ist zu jeder Rauferei bereit, während der andere, schüchtern und pummelig, lieber mit den erlebten und erfundenen Streichen ganze Hefte füllt: „Kapia tötete jeden Tag mindestens ein Tier, ich putzte mir jeden Abend die Zähne. Kapia spuckte, ich schrieb.“ (mehr …)

[LiSe 07/20] Rezension: Der verlorene Vater

Von Katrin Diehl

Am Anfang steht der Tod und das Erstaunen des erwachsenen Sohnes darüber, was das bei ihm auslöste, vaterlos zu sein. Denn eigentlich war er das schon lange gewesen. Der Vater, unfähig für ein Familienleben, unfähig, Verantwortung zu übernehmen, hatte die Szene verlassen. Zurück geblieben waren die Mutter und ihr siebenjähriger Sohn. Eine kleine Schicksalsgemeinschaft, ein kleiner Scherbenhaufen und Geldsorgen hingen in der Luft. (mehr …)

[LiSe 07/20] Rezension: Buch des Sommers

Von Slávka Rude-Porubská

Mit leichtfüßigen Dialogen, grandiosen Landschafts- und Stadtszenen und feinem Sprachgespür für unterschiedliche Settings nimmt uns der aus dem Nachlass der legendären Verlegerin Helen Wolff zum ersten Mal veröffentlichte Text auf eine Reise in Raum und Zeit mit. Gemeinsam mit der jungen, androgynen Ich-Erzählerin und ihrem viel älteren, vermögenden, an Luxusleben gewöhnten Liebhaber brechen wir aus Deutschland „in die besonnte Welt“ auf. Die heiße, sommerliche Landschaft Südfrankreichs soll der „Hintergrund für Liebe“ des in ihrem Habitus und Hingabe sehr ungleichen Paars sein – und wird doch zur Kulisse der temporären Trennung: „Ich will leben, und Du willst Dich amüsieren. Nein, Lieber – nicht mit mir.“ Und wir reisen in die 1930er Jahre zurück, in denen einerseits die Geschlechterordnung zwar aufregend neu definiert wird, sich andererseits die politische Lage in Europa jedoch zunehmend verdüstert. (mehr …)

[LiSe 07/20] Rezension: Container mit K

Von Michael Berwanger

Ein Container ist – laut Definition – ein „Großraumbehälter, der ein einfaches und schnelles Verladen, Befördern, Lagern und Entladen ermöglicht“. Im Falle von Alexander Kluges „Russland-Kontainer“ (absichtlich mit K statt mit C geschrieben, als optische Annäherung an das russische Vokabular) handelt es sich um einen gut 430 Seiten starken Behälter, der assoziativ und ohne inneren Zusammenhang Texte, Zitate, Gedanken und Bildelemente zu nichts geringerem als dem Riesenreich Russland transportiert, um – wie Kluge schreibt – seinem eigenen Land näher zu kommen. (mehr …)