[LiSe 10/19] Rezension: Wie man Pessach mit Alzheimer feiert

Dana von Suffrins warmherzig-kluger Debütroman „Otto“

von Slávka Rude-Porubská

Nein, Otto, der fast 80-jährige pensionierte Ingenieur aus dem ersten Roman der Münchner Autorin Dana von Suffrin hat keinen Mops. Dafür aber gab es in Ottos Familie einen Bobtail und einen Terrier, den sich damals die Kinder ertrotzt haben. Doch jetzt trotzt der auf der Intensivstation liegende Otto; er motzt und grollt und fordert den beiden inzwischen erwachsenen Töchtern Babi und Timna mit seiner seltsamen Fähigkeit, „von einer Sekunde auf die nächste todkrank zu werden“, alles ab – Aufmerksamkeit und Zuwendung, Anwesenheit und Zeit. Und außerdem ungeteiltes Interesse an seinen mit Erfindungen und Halblügen durchsetzten Lebenserinnerungen. „Meine Familie, meine Länder und meine Abenteuer!“, das soll der Nachwelt in einem Buch überliefert werden, „bitte lasst unsere schöne Familiengeschichte nicht gelangen in Vergessenheit!“ (mehr …)

[LiSe 09/19] Rezension: Es muss nicht immer Brexit sein

Oder: Liebeserklärung an ein Land

Von Bernd Zabel

Eingeweihten ist er schon seit Langem bekannt, der Münchner Autor Tiny Stricker. Nach musikalischen Anfängen in der Band „Siloah“ und nach bewegten Hippie-Zeiten, die ihn auf dem Landweg bis nach Indien führten, kehrte er doch immer wieder nach München zurück, auch um das Notierte in Buchform zu gießen. So sind über die Jahre nicht weniger als 11 Bücher entstanden, zuerst im Maro-Verlag, Augsburg, jetzt bei p. machinery. (mehr …)

[LiSe 07/19] Rezension: Das literarische Leben einer Stadt

Die „Literaturgeschichte Münchens“ reicht vom Spätmittelalter bis in die Gegenwart

Von Antonie Magen

München leuchtete. Über den festlichen Plätzen und weißen Säulentempeln, […] spannte sich strahlend ein Himmel von blauer Seide […]“. Der Anfang aus Thomas Manns Novelle „Gladius Dei“, die er 1902 in München schrieb, ist wohl eine der bekanntesten Beschreibungen der Stadt. Bis heute hat sie sich im kulturellen Gedächtnis gehalten und dient als Paradebespiel der Jahrhundertwendeliteratur, die eine ungeheure Stilvielfalt und Qualität aufweist und nicht zuletzt in München einen ihrer wichtigsten Entstehungsorte hat.  (mehr …)

[LiSe 06/19] Rezension: Das Tagebuch der Anne Frank

„… ich habe Lust zu schreiben …“

Anne Franks Tagebuch gilt als das Dokument gegen die Unmenschlichkeit des Völkermordes während des Nationalsozialismus und ist aus unserem kollektiven Bewusstsein nicht mehr heraus zu dividieren. Das Mädchen führte ihr Tagebuch ab ihrem 13. Geburtstag im Juni 1942 bis zur Verhaftung Anfang August 1944 durch die SS. Die Aufzeichnungen wurden gerettet, 1950 veröffentlicht und zu einem Welterfolg. Viele Jahre als Zeitdokument eingeschätzt, verkannte man ihren literarischen Anspruch, zumal mehrere Versionen vermischt worden waren. (mehr …)

[LiSe 06/19] Rezension: Bayern, der Bolschewik geht um!

Günther Gerstenbergs Anmerkungen zum Umsturz und den Räterepubliken 1918/19

Von Bernd Zabel

Der Schriftsteller, Historiker und Künstler Günther Gerstenberg ist in München kein Unbekannter. Als Angehöriger der 68er Generation war er in den 80er Jahren an der Gründung des Archivs der Münchner Arbeiterbewegung beteiligt und arbeitet an dem neueren Projekt „Protest in München von 1945 bis in die Gegenwart“ mit. Sein Buch über die Räterepublik ist keine durchgehende Darstellung, es  versammelt Aufsätze zu verschiedenen Aspekten der Revolution, darunter auch Kapitel zur Situation der Frauen, zur Rolle der Kirche und zur Spiegelung der Ereignisse in der Karikatur.  (mehr …)

[LiSe 05/19] Rezension: Prophet der Vernichtung

Götz Aly stellt den bayerischjüdischen Beamten Siegfried Lichtenstaedter vor.

Von Stefanie Bürgers

Siegfried Lichtenstaedter, geb. 1865, Kgl. Bayrischer Beamter, scharfsinniger Jurist, Münchner, gebildet, homosexuell, zeitweilig Nudist, war Jude. Er studierte nicht nur Rechtswissenschaft, sondern auch Orientalistik, Indogermanistik und Völkerpsychologie. Schon ab 1895 stellte er in zahlreichen Schriften glasklare und größtenteils treffsichere Prognosen zukünftiger politischer Entwicklungen bis in die Zeit des Zweiten Weltkriegs hinein. Diese entdeckt, ausgewählt und mit klugen Erläuterungen versehen zu haben ist das Verdienst des Politikwissenschaftlers und Historikers Götz Aly, Geschwister-Scholl-Preisträger 2018. In seinem Buch „Siegfried Lichtenstaedter. Prophet der Vernichtung“ bezeichnet Aly ihn als Meister der „rabenschwarzen Zukunftsgeschichtsschreibung“. Lichtenstaedter selbst nannte seine Voraussagen „Völkerpsychologie“ und analysierte konsequent, warum den Juden zwangsläufig Unterdrückung und Vernichtung drohen werde. (mehr …)