[LiSe 04/20] Rezension – Bildband: „MÜNCHEN. SCHAU her!“

Begleitband zur Foto-Ausstellung der Bayerischen Staatsbibliothek

Von Stefanie Bürgers

Donisl wieder geöffnet ab 5 Uhr früh“! Über das Schild hinweg sieht man die Türme der Frauenkirche. Nur das Parterre des Hauses hat den Krieg überstanden, eine Behelfslösung. Es steht nicht mehr viel von München, doch es entsteht wieder ein Stück Normalität.

Die Bildfolge im Begleitband zur  Ausstellung reicht von circa 1850 bis in die 1970er Jahre. Portraits aus den Anfängen der Fotografie, sorgsam verwahrt im Samtkästchen. Das Novum der Fotografie in freier Natur, gestellte Arrangements von Touristen in schlecht sitzender Tracht vor einer Foto-Bergkulisse. Herzog Karl-Theodor, nicht in aristokratischer Pose, sondern als Arzt, vertieft in Lektüre. Berühmtheiten wie Thiersch, Liszt, Liebig  wechseln sich ab mit den Fotografen selbst, als Versuchsobjekte neuer Technik. Baudenkmäler, Stadtansichten, der bezwungene Gipfel der Zugspitze. (mehr …)

[LiSe 04/20] Rezension: Dies- und jenseits der Literatur

Uwe Timm und die Nicht-Orte

Von Katrin Diehl

Für Uwe Timm haben Utopien etwas Anziehendes. Sie interessieren ihn. In seinem gerade neu erschienenen Buch „Der Verrückte in den Dünen. Über Utopie und Literatur“ nimmt er sich – verlässlich ausgerüstet mit Ernst Blochs „Das Prinzip Hoffnung“ – der literatisierten Utopien, Gegenwelten und Sehnsüchte nach diesen Gegenwelten an. Seine Tour d’Horizon geht von Thomas Morus‘ „Utopia“ über Defoes „Robinson Crusoe“ und Kleists „Erdbeben in Chili“ bis hin zu Étienne Cabets „Ikarien“. Utopische Weltentwürfe, das macht Timm klar, lassen Schlüsse auf Mängel im jeweiligen Hier und Jetzt zu, weisen auf soziale Ungerechtigkeiten hin, Schlechtigkeiten, dunkle Seiten, die eben das Verlangen nach Veränderungen ein wenig maßlos werden lassen können. Die Utopie also als eine Form der Gesellschaftkritik, die sich in Literatur niederschlägt. Das kleine Wörtchen „noch“ – „noch ist dies oder das zwar nicht so oder so, aber wartet nur …“ –, das jeder Utopie innewohnt, wischt Uwe Timm nicht einfach hemdsärmelig vom Tisch. Dafür steht er der Utopie als Ideengeberin viel zu nahe, dafür zieht sie sich als Dreh- und Angelpunkt viel zu häufig (von „Der Schlangenbaum“ aus dem Jahr 1986 bis zu „Ikarien“ von 2017) durch sein eigenes literarisches Werk. Gerade ist Uwe Timm, der zu den wichtigsten, meistgelesenen deutschen Autoren gehört, 80 Jahre alt geworden und wie die Neuerscheinung nahelegt, scheint er weiterhin auf der Suche nach „Orten“ zu sein, an denen sich „bessere, also gerechtere, freiere, lustvollere Möglichkeiten des Zusammenlebens finden“. Könnte am Ende ja die Literatur selbst sein. Das Lesen als Möglichkeit, utopische Räume zu betreten: „Im Sessel oder auf der Bank sitzend, wandeln wir mit Leopold Bloom durch Dublin oder mit Franz Biberkopf durch das Berlin der Zwanzigerjahre. Literatur ist der ou tópos, der Nicht-Ort. Die Utopie ist der unwirkliche Ort.“ (mehr …)

[LiSe 03/20] Rezension: 50 Jahre TamS in Bild und Wort

Von Katrin Diehl

Man kann das schon ein Must-have nennen. Ein Mast-häf. Für einen mit a Gschpür für die „Phantasie“, wie der Polt Gerhard des gsagt hot. Gesagt hat. Naa. Gschriebn hot er’s! Und „Wer ein Mensch werden will oder ein solcher bleiben will, der geht ins TamS“. Des hot er a gsagt. Gschriebn. Für den, für den’s nix is, in dessen Händ soll’s a gar nicht nicht kumme. Das Mast-häf. Das Biachl. Das wär schad und fast eine Sünd. Aber für die von der Stadt, die von der Politik is es scho was. Die mögen’s ja des TamS. Mögen tun’s scho. Auch wenn’s sich jedes Mal recht ziern, bis was locker macha. Dabei ghört’s doch dazu das TamS in Schwabing. Das sagt auch die Anette Spola, „die Spola“, die mit dem Lorenz Seib zam des TamS leitet. (mehr …)

[LiSe 02/20] Rezension: Ich hätte dir noch so viel zu erzählen

Die Schriftstellerin Annette Kolb als Briefschreiberin

Von Katrina Behrend Lesch

Von mondäner Häßlichkeit, mit elegantem Schafsgesicht, darin sich das Bäuerliche mit dem Aristokratischen mischte …“, so wurde sie von Thomas Mann in seinem Roman „Dr. Faustus“ als Jeannette Scheurl karikiert, was sie nachhaltig verletzte. Gleichwohl bewunderte sie ihn, schrieb ihm oft, manchmal geradezu schwärmerisch: „Wie wunderschön Sie doch die Worte setzen! auch wenn sie mich nicht selbst in so gütiger Weise einbezogen würde ich sie mit Entzücken gelesen haben.“ Annette Kolb, die Dame mit dem charakteristischen Hütchen und der langen Zigarettenspitze, stand mit vielen Schriftstellerinnen und Schriftstellern in regem Austausch. Das zeigt eine Auswahl ihrer Briefe, die Cornelia Michél und Albert M. Debrunner unter dem Titel „Ich hätte dir noch so viel zu erzählen“ jüngst herausgegeben haben. Die Liste ihrer Korrespondenzpartner, schreiben die beiden in ihrem Vorwort, lese sich wie ein Who is Who der Literaturgeschichte zwischen 1900 und 1970, mit Namen wie Hermann Hesse, Gerhard Hauptmann, der Familie Mann, Carl Jacob Burkhardt, Kurt Tucholsky, aber auch solchen, die einst wohlbekannt waren, aber heute in Vergessenheit geraten sind. (mehr …)

[LiSe 01/20] Rezension: Schreib jetzt gleich los!

Von Katrin Diehl

Wer kommt bei Doris Dörries neuestem Buch „Leben, schreiben, atmen“ auf seine Kosten? Auf jeden Fall die – und davon gibt es ja nicht wenige –, die sich für eben diese Doris Dörrie, eloquente wie präsente Filmregisseurin, Drehbuchautorin und Schriftstellerin, interessieren, die deren Filme mögen, deren Auftritte im öffentlichen Leben lieben, die sich daran erfreuen, dass München diese Frau hat. Denn Doris Dörries „Leben, schreiben, atmen“ ist auch eine Autobiografie, eine, bei der sich die Autorin beim Erinnern über die Schulter blicken lässt. In über 50 Kurzkapiteln werden da Stories (mit einigen Redundanzen) zutage gefördert, die „Fans“ aus der neugierigen Presse bereits kennen mögen, die man sich aber auch gerne noch einmal persönlich von der Schreiberin schildern lässt. In „Leben, schreiben, atmen“ geht Doris Dörrie hinein in ihre schmerzlichsten wie glücklichsten Lebensmomente. Erzählte Episoden aus ihren USA-Aufenthalten nehmen einen breiten Raum ein. Dörrie beschreibt Szenen ihrer Freundschaften, deren Aufs und Abs, Katastrophen, Schicksalsschläge, die das Leben liefert, Neuanfänge, die es bereit hält für den, der es schafft, wieder aufzustehen. Denn auch das ist Doris Dörries Buch, eine Mutmachlektüre, die demonstriert, dass es offensichtlich dazugehört, ab und zu ganz schön vom Leben gebeutelt zu werden. (mehr …)

[LiSe 01/20] Rezension: Herab zum Ursprung

Von Bernd Zabel

Eine vielzitierte Nahtoderfahrung besagt, dass im Moment des Hinscheidens noch einmal das gesamte Leben vorbeizieht. Lavinia, die Protagonistin in Dagmar Leupolds gleichnamigem Buch, erfährt so etwas. Ein Fall, ein Sturz aus dem 25. Stock eines Hochhauses am Hudson in New York dauert nur Sekunden, die erzählte Zeit dehnt sich aber auf fast 200 Seiten aus. Ungewöhnlich ist nur der Richtungswechsel. Es geht nicht hinab, es geht herab zum Anfang, zum Ursprung. Das Wortfeld „fallen“ wird durchdekliniert, eine Biografie aus Zu-, Zwischen- und Unfällen. In der Hauptrolle die Geschichte der Liebe, überhöht als Minne, denunziert als Übergriffigkeit und Gewalterfahrung. Bei Eins ist die Autorin, Jahrgang 1955, definitiv bei der aktuellen #me too – Bewegung angekommen. Da lässt sie Lavinia zum Rundumschlag ausholen. (mehr …)