[LiSe 06/21] Buchtipps aus erster Hand

Die Mitarbeiter*innen der Münchner Stadtbibliotheken empfehlen für den Monat Juni diese Neuerscheinungen:

Tomasz Jedrowski: Im Wasser sind wir schwerelos
Hoffmann und Campe

Polen 1980. Während eines traumhaften Sommers verlieben sich Ludwik und Janusz ineinander. Doch dann müssen sie sich den harten Realitäten des Lebens im Kommunismus stellen. Während Ludwik an eine Flucht in den Westen denkt, entscheidet sich Janusz für eine Karriere innerhalb des Systems. Der atmosphärische Coming-Out/of-Age-Roman ist nicht nur wegen seines zeithistorischen Hintergrunds interessant, sondern besticht auch durch die Schönheit seiner Sprache. (mehr …)

[LiSe 06/21] Das Leben dichten, Zeile für Zeile

Lena Goreliks starker autobiografischer Roman „Wer wir sind“

Von Slávka Rude-Porubská

Der Buchstabe Я, zugleich der Begriff für „Ich“, steht im russischen Alphabet ganz am Ende. Diese vom Alphabet vorgegebene Ordnung findet sich auch in der Staatsdoktrin der ehemaligen Sowjetunion wieder, in der das Kollektiv stets den Vorrang vor dem Individuum hat. Wie erfährt man also das eigene Ich – und wie erzählt man darüber? Es ist die kleine Alltagsszene mit der Heizung in der sowjetischen Hochhaussiedlung, an der die Münchner Autorin Lena Gorelik in ihrem neuen Roman das Erlebnis des selbstbestimmten Handelns festmacht. Zentral gesteuert, im Spätherbst in allen Wohnungen der Fünf-Millionen-Stadt Sankt Petersburg hochgefahren, im Frühjahr heruntergedreht, ist das persönliche Wärme- und Kälteempfinden in der Sowjetunion eindeutig Sache der Parteizentrale. Nach dem Übersiedeln der Familie nach Deutschland – die 1981 geborene Gorelik kommt Anfang der 1990er Jahre mit ihrer Familie als „Kontingentflüchtling“ nach Baden-Württemberg – dann die Erfahrung mit den Drehknöpfen an den Heizköpern: „Die Herrlichkeit der Macht, ich will es wärmer, ich. (…) Ich drehte an dem schönen Rädchen herum, wir waren zu Menschen mit eigenen Kälteempfindungen geworden.“ (mehr …)

[LiSe 06/21] Vergangen wie da – Erinnerungsstücke von Michael Krüger

Von Katrin Diehl

In Michael Krügers von Literatur tief durchtränktem Leben gab es von einigem viel. Noch einmal mehr in der Erinnerung, die sich gern aufs Konzentrat konzentriert. Noch einmal mehr in einem schmalen Bändchen, das Erinnerungen – die in Teilen schon einmal zerstreut hier und da zu lesen gewesen sind – auf engem Raum zusammenbringt und dessen Titel sich nicht scheut einfach aufzuzählen, um was es da geht: „Über meinen Großvater, Zbigniew Herbert, Petrarca und mich.“ Und das muss Michael Krüger aufgefallen sein. Dass sich der erstaunliche wie wunderbare Dichter Zbigniew Herbert hier auch in Apposition gestellt lesen lässt, er somit flugs in ein großväterliches Verhältnis zu ihm gerät. Krüger verehrte Zbigniew Herbert jedenfalls, mochte ihn sehr, und den Großvater, den echten, den mochte er auch, weshalb er in ein ruhiges Gedicht des längst, längst erwachsenen Enkels fand („Mein Großvater konnte über hundert Vögel / an ihren Stimmen erkennen, nicht gerechnet / die Dialekte…). Und eigentlich ist das mit dem Großvater, mit Zbigniew Herbert und Petrarca ja auch nur der Untertitel. Weil drüber heißt es viel gewollter und ein wenig tranig: „Meteorologie des Herzens.“ Verschwindend weiß, wie es da gedruckt steht, kann man das zumindest überlesen, vielleicht auch vergessen. (mehr …)

[LiSe 05/21] Buchtipps aus erster Hand

Die Mitarbeiter*innen der Münchner Stadtbibliotheken empfehlen für den Monat Mai diese Neuerscheinungen:

Julia Deck: Privateigentum
Verlag Klaus Wagenbach

Weil die Balkonpflanzen zu wenig Platz haben, beschließen Charles und Eva eine neue Immobilie zu erwerben in einem ökologischen Neubauviertel in einem Vorort von Paris mit Solarzellen, Biogasanlage, Gemeinschaftskompost und buchsbaum-umgrenztem Garten. (mehr …)

[LiSe 05/21] Jetzt auch in Hardcover

Das „Literaturportal Bayern“ bietet eine Tour d’Horizon der Bayerischen Literatur. Dieses Mal ganz „analog“.

Von Katrin Diehl

So herum geht es natürlich auch: dass Texte einer digitalen Plattform in einem Buch zusammenfinden. Gefühlt werden sie dadurch sichtbarer, erreichen vielleicht noch einmal ein anderes Publikum. Jedenfalls fährt man auf diese Art und Weise zweigleisig. Veränderungen müssen dabei – von einem zum anderen Medium – in irgendeiner Form vorgenommen werden. Denn selbstverständlich stehen hinter einem Buch eigene Gesetzmäßigkeiten, bestimmt durch die spezifischen Lesegewohnheiten der Rezipienten. Und dann gibt es da auch noch den Kostenfaktor. Eine Textauswahl muss also getroffen werden (weil: digital ist ja sozusagen endlos Platz), Textlängen müssen bestimmt, an einem Layout darf gebastelt werden. Der Band „Das Blaue vom Himmel“ macht was her. (mehr …)

[LiSe 05/21] Reformpädagoge und Retter

Das abenteuerliche Leben des Ernst Papanek

Von Katrina Behrend Lesch

Auf Wiedersehen, Kinder“, sagt Pater Jean zu seinen Schülern, als er von der Gestapo abgeführt wird. Eine Schlüsselszene aus Louis Malles Film von 1987, in dem der Regisseur seine Kindheitserlebnisse in einem französischen Internat während der deutschen Besatzung verarbeitet. Das jähe und schmerzvolle Ende, das seine Freundschaft mit einem jüdischen Jungen durch dessen Abtransport fand, beschäftigte ihn sein Leben lang. Bewusst hat Lilly Maier diese Worte als Titel für ihre Biografie über Ernst Papanek gewählt, denn auch er musste immer wieder Abschied von „seinen“ Kindern nehmen, zuerst in Wien, dann in Frankreich und auch in Amerika, blieb ihm das nicht erspart. Wer war dieser Mann, den die Autorin eine völlig zu Unrecht vergessene „Ikone der österreichischen, ja der internationalen Pädagogik“ nennt? (mehr …)