[LiSe 07/19] Rezension: Das literarische Leben einer Stadt

Die „Literaturgeschichte Münchens“ reicht vom Spätmittelalter bis in die Gegenwart

Von Antonie Magen

München leuchtete. Über den festlichen Plätzen und weißen Säulentempeln, […] spannte sich strahlend ein Himmel von blauer Seide […]“. Der Anfang aus Thomas Manns Novelle „Gladius Dei“, die er 1902 in München schrieb, ist wohl eine der bekanntesten Beschreibungen der Stadt. Bis heute hat sie sich im kulturellen Gedächtnis gehalten und dient als Paradebespiel der Jahrhundertwendeliteratur, die eine ungeheure Stilvielfalt und Qualität aufweist und nicht zuletzt in München einen ihrer wichtigsten Entstehungsorte hat.  (mehr …)

[LiSe 06/19] Rezension: Das Tagebuch der Anne Frank

„… ich habe Lust zu schreiben …“

Anne Franks Tagebuch gilt als das Dokument gegen die Unmenschlichkeit des Völkermordes während des Nationalsozialismus und ist aus unserem kollektiven Bewusstsein nicht mehr heraus zu dividieren. Das Mädchen führte ihr Tagebuch ab ihrem 13. Geburtstag im Juni 1942 bis zur Verhaftung Anfang August 1944 durch die SS. Die Aufzeichnungen wurden gerettet, 1950 veröffentlicht und zu einem Welterfolg. Viele Jahre als Zeitdokument eingeschätzt, verkannte man ihren literarischen Anspruch, zumal mehrere Versionen vermischt worden waren. (mehr …)

[LiSe 06/19] Rezension: Bayern, der Bolschewik geht um!

Günther Gerstenbergs Anmerkungen zum Umsturz und den Räterepubliken 1918/19

Von Bernd Zabel

Der Schriftsteller, Historiker und Künstler Günther Gerstenberg ist in München kein Unbekannter. Als Angehöriger der 68er Generation war er in den 80er Jahren an der Gründung des Archivs der Münchner Arbeiterbewegung beteiligt und arbeitet an dem neueren Projekt „Protest in München von 1945 bis in die Gegenwart“ mit. Sein Buch über die Räterepublik ist keine durchgehende Darstellung, es  versammelt Aufsätze zu verschiedenen Aspekten der Revolution, darunter auch Kapitel zur Situation der Frauen, zur Rolle der Kirche und zur Spiegelung der Ereignisse in der Karikatur.  (mehr …)

[LiSe 05/19] Rezension: Prophet der Vernichtung

Götz Aly stellt den bayerischjüdischen Beamten Siegfried Lichtenstaedter vor.

Von Stefanie Bürgers

Siegfried Lichtenstaedter, geb. 1865, Kgl. Bayrischer Beamter, scharfsinniger Jurist, Münchner, gebildet, homosexuell, zeitweilig Nudist, war Jude. Er studierte nicht nur Rechtswissenschaft, sondern auch Orientalistik, Indogermanistik und Völkerpsychologie. Schon ab 1895 stellte er in zahlreichen Schriften glasklare und größtenteils treffsichere Prognosen zukünftiger politischer Entwicklungen bis in die Zeit des Zweiten Weltkriegs hinein. Diese entdeckt, ausgewählt und mit klugen Erläuterungen versehen zu haben ist das Verdienst des Politikwissenschaftlers und Historikers Götz Aly, Geschwister-Scholl-Preisträger 2018. In seinem Buch „Siegfried Lichtenstaedter. Prophet der Vernichtung“ bezeichnet Aly ihn als Meister der „rabenschwarzen Zukunftsgeschichtsschreibung“. Lichtenstaedter selbst nannte seine Voraussagen „Völkerpsychologie“ und analysierte konsequent, warum den Juden zwangsläufig Unterdrückung und Vernichtung drohen werde. (mehr …)

[LiSe 04/19] Rezension: Ankommen im Gespräch, im Erzählen

Eine Anthologie mit Geschichten über Aufbrüche und Ankünfte

Von Slávka Rude-Porubská

Die Somalierin Amal versengt sich in der Zugtoilette die Fingerkuppen, damit sich die Spuren ihrer Irrfahrt durch Europa nicht über ihre Fingerabdrücke verfolgen lassen. Für den jungen Politikwissenschaftler ist der Umzug von Manchester an die Universität im norwegischen Bergen die nächste Station seiner internationalen Karriere, schließlich genießt er Freizügigkeit mitten im prosperierenden, vernetzten Europa. Beide Lebensläufe haben Eingang in die Anthologie „Wir sind hier. Geschichten über das Ankommen“ gefunden. Fridolin Schley erzählt von Amal, die sich von außen, von den europäischen Rändern – über die Ukraine, Slowakei und Österreich – dem sicheren München annähert. Ob sie wirklich dort ankommt? Ob sie wirklich der Gewalt der Terrormiliz in ihrem Heimatland entkommt, wenn sie ihr doch, in abgewandelter Form, an den Grenzübergängen und in Asyllagern begegnet? Georg Picot hingegen beschreibt den wiederholten, scheinbar mühelosen Arbeitsortwechsel als Wettbewerbsvorteil für akademische Nomaden innerhalb des globalen Wissenschaftsbetriebs. (mehr …)

[LiSe 03/19] Rezension: Was geschah vor 100 Jahren?

Herbert Kapfer collagiert in seinem Buch „1919“ Originaltexte, Zitate und Fotos aus der Zeit zwischen 1918 und 1938.

Von Bernd Zabel

Jahresanfang 2019, vor 100 Jahren wurde die Münchner Räterepublik ausgerufen, und es vergeht zur Zeit kaum ein Tag, an dem Interessierte in dieser Stadt nicht eine Veranstaltung besuchen könnten, die mit dem Jahrestag zusammenhängt. Ausstellungen, Filme, sogar ein Musical und natürlich eine Unzahl an Publikationen. 1919, ein magisches Jahr, das uns bis heute in seinen Bann zieht. Politische Deutungen, Entlarvungen und Zeitzeugnisse dominieren das Feld. Doch man muss dem Reigen der Texte nicht unbedingt ein weiteres Beispiel hinzufügen. Texte lassen sich auch adoptieren, vor allem wenn es weitgehend unbekannte, gute sind.  (mehr …)