[LiSe 10/20] Rezension: Handgreiflich behauptet

Das Leben der Lola Montez

Von Stefanie Bürgers

Ludwig I. ist ein älterer Herr von 60, als er der 25-jährigen Lola begegnet, einer Spanierin, wie er glaubt. Sie sprechen Spanisch miteinander. Exotik und Alltagsferne befeuern Ludwig. Er macht sich sein eigenes Bild von Lola. Für ihn ist sie unschuldig und schützenswert. Er widmet ihr schwärmerisch-schwülstige Gedichte. In seinem Alter habe er nicht mehr damit gerechnet noch einmal zu entflammen, gesteht er.

Lola Montez wurde 1821 als Eliza Gilbert in eine von Männern dominierte Welt geboren. Der Vater ist Offizier. Das Eigenleben bürgerlicher Frauen gilt dem häuslichen Bereich. Umso unerhörter, dass Lola als Tänzerin zwischen den Kontinenten pendelt, emanzipiert entscheidet und sich zuweilen handgreiflich behauptet (man beachte die berüchtigte Reitpeitsche auf dem Cover). Eine „Femme fatale“ für Ludwig, die ihn die Abdankung kosten sollte. (mehr …)

[LiSe 09/20] Rezension: Kein bisschen „Wirrwarr“

Zum neuesten Gedichtband von Hans Magnus Enzensberger

Von Katrin Diehl

Die an die 70 Gedichte sind nichts Besonderes. Im Gegenteil. Sie stecken voller Gefälligkeit. Routinierte, lebenslange Schreiberfahrung kann man ihnen anmerken, auch eine Art Mühelosigkeit, wie sie da, eines nach dem anderen, recht artig aufs Papier geglitten sein mögen. Und das macht schlechte Laune.

Denn sie sind – erschienen unter dem vielversprechenden Titel „Wirrwarr“ – eben von Hans Magnus Enzensberger, dem Ewigen, dem fast programmatischen Einzelgänger, dem Sucher nach dem Speziellen, dem Anstimmer von Abgesängen (zum Beispiel auf die „Literaturkritik“), dem Anstoßer und Macher (zum Beispiel vom „Kursbuch“ in den 60er Jahren), dem Preisträger einer ganzen Latte von Preisen (darunter auch, verliehen 1963, der Georg-Büchner-Preis). Nun ja, da war er eben noch jünger. Heute ist er über 90, was von einiger Bedeutung ist und doch auch wieder nicht, wenn es darum geht, ob er die Chance, die jedes Gedicht rein potentiell bietet, zu nutzen verstand. Den Lyrik-Band einfach durchzuwinken, hätte jedenfalls etwas Falsches. (mehr …)

[LiSe 09/20] Rezension: Mit der Leica gegen die Nazi-Bomber

Helena Janeczeks großartige Roman-Biografie über die Kriegsfotografin Gerda Taro  

Von Slávka Rude-Porubská

Inmitten des Wahnsinns knipste sie wie besessen, die winzige Leica über dem Kopf, als könnte sie sie vor den Bombern schützen. Der brave Soldat Gerda.“ Als hätte man ein Foto vor sich – mit knapp-anschaulicher Szene stellt die in München geborene Wahlitalienerin Helena Janeczek die Heldin ihres 2017 in Mailand erschienenen Romans vor, der jetzt von Verena von Koskull ins Deutsche übersetzt wurde. Gerta Pohorylle, Tochter einer jüdischen Familie aus Stuttgart, begeistert sich Ende der 1920er Jahre in Leipzig für sozialistische Ideen und wird 1933 wegen ihrer Kontakte zu politisch linken Kreisen verhaftet. Nach der Flucht aus Deutschland bringt sie sich in Paris autodidaktisch das Fotografieren bei und stürzt sich in den medialen Kampf an der Front. Gemeinsam mit ihrem Lebens- und Geschäftspartner, dem aus Ungarn geflohenen André Friedmann, dokumentieren sie – unter den Namen Gerda Taro und Robert Capa – den Spanischen Bürgerkrieg für internationale Medien. (mehr …)

[LiSe 07/20] Rezension: Literatur, die Retterin

In Erinnerung: der Dichter, Schriftsteller und Literaturkritiker Peter Hamm

Von Katrin Diehl

Zu welcher Größe wächst Literatur, wenn man ihr sein Leben verdankt? Nicht, dass man ohne sie tot umgefallen wäre, aber man hätte es wohl kaum heraus geschafft aus der miefigen Dumpfheit, aus den gewaltschwangeren Kinder- wie Jugendtagen, die einem zugedacht waren. So etwas führt zu einem fast körperlichen Verhältnis zum Buch, zur Literatur, zu allem Gedruckten, zu „Kraut und Rüben“. Die Entdeckung von Geschichten, Gedichten, wohlgesetzten Texten kann am Ende Kraft geben, die Weichen umzustellen. Und man kommt da raus aus diesem Sumpf. Als „Motiv“ zieht sich der „Rettungsanker Literatur“ durch ganz viele Büchermenschen-Existenzen. Wir wissen das, und auch, dass sich das Schicksal damit die unermüdlichsten Anwälte und Anwältinnen der Literatur herangezogen hat, ausgestattet mit einer fast zwanghaften Literaturleidenschaft, die jedoch immer, ganz tief drinnen, einen Schmerz in sich trägt. Bis es den „Gäulen der Erinnerung“ in einem freien, fast befreienden Moment erlaubt ist, los zu galoppieren, eine „Gelegenheit“, die – ohne Frage – nur ein anteilnehmender Zuhörer, eine anteilnehmende Zuhörerin herzustellen vermag. (mehr …)

[LiSe 07/20] Rezension: Ziemlich beste Freunde

Von Slávka Rude-Porubská

Kinder des Südens, Kameraden, Blutsbrüder“ – das sind die zwei besten Freunde Kapia und Leviathan aus dem Debütroman des slowakischen Autors Peter Balko, den Zorka Ciklaminy ins Deutsche übertragen hat. Erst acht Jahre alt und schon neunmalklug, grundverschieden und doch unzertrennlich sind die beiden; der eine, draufgängerisch und heißblütig, ist zu jeder Rauferei bereit, während der andere, schüchtern und pummelig, lieber mit den erlebten und erfundenen Streichen ganze Hefte füllt: „Kapia tötete jeden Tag mindestens ein Tier, ich putzte mir jeden Abend die Zähne. Kapia spuckte, ich schrieb.“ (mehr …)

[LiSe 07/20] Rezension: Der verlorene Vater

Von Katrin Diehl

Am Anfang steht der Tod und das Erstaunen des erwachsenen Sohnes darüber, was das bei ihm auslöste, vaterlos zu sein. Denn eigentlich war er das schon lange gewesen. Der Vater, unfähig für ein Familienleben, unfähig, Verantwortung zu übernehmen, hatte die Szene verlassen. Zurück geblieben waren die Mutter und ihr siebenjähriger Sohn. Eine kleine Schicksalsgemeinschaft, ein kleiner Scherbenhaufen und Geldsorgen hingen in der Luft. (mehr …)