[LiSe 02/19] Rezension: Die Schönheit der Natur ist eine Tautologie

Heinz Helles neuer philosophischer Roman

Von Michael Berwanger

Zwei Brüder trinken sich durch die Nacht, in Kaschemmen des Glockenbachviertels. Es ist der Winter vor sieben Jahren. Man kann den Weg vom Platz am Glockenbach über die Fraunhoferstraße und zurück zur Kapuzinerstraße verfolgen. Die meisten Kneipen existieren immer noch, Absturzkneipen wie der „Flaschenöffner“ oder das „Sunshine Pub“. Nur die Theaterklause heißt heute „Wolf’s Farmacy“ und die Kapuzinerklause „Bistro N° 23“. Ein weiter Weg für eine durchsoffene Nacht, und man könnte anmerken, dass es egal sein müsste, in welcher Stadt sie stattfindet. Denn natürlich geht es nicht um die Sauftour zweier Brüder, sondern um das Ausloten, welche Rolle das Wohl des Einzelnen spielt – speziell das der Kinder. Um den philosophischen Diskussionen Raum zu geben, braucht es aber einen Stadtteil wie das Münchner Glockenbachviertel, wo glitzernder Reichtum und bittere Armut direkt ineinander übergehen. (mehr …)

[LiSe 01/19] Rezension: Eine Geschichte von Rettung und Neuanfang

Lilly Maiers Sachbuchroman „Arthur und Lilly“ – Das Mädchen und der Holocaust-Überlebende

Von Katrina Behrend Lesch

Es ist ein besonderer Tag, ihr Schicksalstag, wird Lilly später sagen, als Arthur in ihr Leben tritt. Er: 75 Jahre, als Kind dem Holocaust entronnen, in den USA lebend. Sie: ein elfjähriges Mädchen, das er bei einem Besuch seiner Wiener Wohnung aus Kindertagen kennenlernt. Gebannt lauscht sie seinen Erzählungen, die sie nicht mehr loslassen werden. Sie will die Vergangenheit erforschen, nimmt an einem Schülerprojekt über die Juden in Österreich teil. Später studiert Lilly Maier Geschichte in München und Journalismus in New York und beginnt mit dem Schreiben ihres Buches „Arthur und Lilly“. Da ist sie Anfang 20 und ahnt nicht, was für eine immense Recherchearbeit vor ihr liegt. Dem Schicksal von jüdischen Kindern nachzuspüren, die mit einem Kindertransport ins rettende Ausland geschickt wurden, erfordert mehr als nur Geduld, Hartnäckigkeit und Ausdauer. Sie erfordert Hingabe, und die wächst ihr zu durch die Freundschaft mit Arthur. Doch auch er profitiert davon, denn nun wagt er wieder Kontakt zu seiner Vergangenheit aufzunehmen. (mehr …)

[LiSe 12/18] Rezension: Familienaufstellung all’italiana

Von Katrina Behrend Lesch

Ilaria ist sechzehn, als sie erfährt, dass ihr Vater Attilio Profeti eine Zweitfamilie unterhält, sie neben ihren zwei Brüdern noch einen Halbbruder hat. 25 Jahre später stellt sich ein junger Äthiopier als ihr Neffe vor, und aus dem Dunkel der Vergangenheit taucht ein weiterer Halbbruder, Shimetas Vater, auf. In dieser hintergründigen Familienaufstellung entwirft Francesca Melandri ein Porträt Italiens von Mussolini bis Berlusconi, eine Geschichte des Kolonialismus und seiner langen Schatten bis in die Gegenwart. Melandri gelingt mit einer bildhaften poetischen Sprache, in Perspektivenwechseln und Zeitsprüngen, den Verwicklungen der handelnden Personen zu folgen und ihnen in ihrer Individualität nahe zu kommen. „Sangue giusto“ lautet der Originaltitel dieses fulminanten Romans, der deutsche greift auf Profetis Mantra zurück: Alle müssen sterben. „Alle, außer mir.“

Francesca Melandri
Alle, außer mir
Aus dem Italienischen von Esther Hansen
Roman, 608 Seiten
Wagenbach Berlin, 2018
26 Euro

[LiSe 12/18] Rezension: Vierundzwanzig Rechenmaschinen

Von Michael Berwanger

Vierundzwanzig Biedermänner im Dreiteiler, Überzieher und steifem Hut finden sich in Berlin beim Reichstagspräsidenten ein. Es ist der 20. Februar 1933, an dem sich die Führungselite mit Hitler trifft, um das neue System mit altem Geld zu versorgen. Am Ende des Treffens ruft Hjalmar Schacht, Präsident der Reichsbank: „Und nun, meine Herren, an die Kasse!“. Schon die Eingangsgeschichte von Vuillards „Die Tagesordnung“ macht deutlich, worum es geht: Um Wegbereiter, Steigbügelhalter und Gewinnler korrumpierender Macht. In 16 kurzen Kapiteln verhandelt Vuillard dieses Thema und allen wird klar: „… der Thron aber bleibt, wenn der kleine Haufen Fleisch und Knochen verschimmelt. … so heißen die Vierundzwanzig weder Schnitzler noch Witzleben … sie heißen BASF, Bayer, Agfa, Opel … Siemens, Allianz … der Klerus der Großindustrie … vierundzwanzig Rechenmaschinen an den Toren zur Hölle.“

Èric Vuillard
Die Tagesordnung
Aus dem Französischen von Nicola Denis
128 Seiten
Matthes & Seitz
Berlin, 2018
18 Euro

[LiSe 12/18] Rezension: Liebe und Zweifel

Von Wolfram Hirche

Eine Ehe in Briefen“ zwischen Theodor und Emilie Fontane von 1852 bis 1898 mit klugen Kommentaren könnte manche bröckelnde Beziehung unter dem Weihnachtsbaum retten. Die beiden Briefschreiber, die sich von Kindheit an mochten, finden trotz heftiger Zweifel immer wieder zusammen. Sie reflektieren sowohl Theodors Reiselust als auch seine berufliche Bindungsschwäche. Emilie ist ökonomisch abhängig und in ständiger Sorge um die gemeinsame Existenz und die ihrer vier Kinder. Sie kritisiert „Theo“ immer wieder heftig, weil er Festanstellungen nach kurzer Zeit kündigt. Als ihr „Herzensmann“ in Frankreich 1870 in Kriegsgefangenschaft gerät, steht alles auf der Kippe. Doch gelingt es Theodor, Zeitungsartikel und später erfolgreich Romane zu schreiben, sodass Emilie immer von neuem Hoffnung schöpft. Die Briefe reichen bis zum Todestag des berühmten Autors.

Emilie & Theodor Fontane
Die Zuneigung ist etwas Rätselvolles
Eine Ehe in Briefen
320 Seiten
Aufbau Verlag Berlin, 2018
18 Euro

[LiSe 12/18] Rezension: Normal und ausgestoßen

Von Slávka Rude-Porubská

Die Früchte sind zwar glänzend, aber steinhart und gänzlich ungenießbar, zum Wegwerfen. Mit dem „Birnenfeld“ zieht Nana Ekvtimishvili in ihrem Roman die Grenze zwischen der Plattenbausiedlung am Rande von Tbilisi und dem Heim für geistig Behinderte; zwischen der Welt der Normalen und der Ausgestoßenen. Hier, in der „Debilenschule“, landen im postsowjetischen Chaos der 1990er Jahre nämlich auch Kinder, die von ihren Eltern verstoßen oder von den Ämtern als schwer erziehbar abgetan wurden. Den lieblosen Mikrokosmos lernt man aus der Perspektive der Internatsältesten, der 18-jährigen Lela, kennen. Selbst von klein auf missbraucht von dem verhassten Geschichtslehrer Wano wird sie zur Vertrauensperson für die kleinen Zöglinge, insbesondere den Jungen Irakli, der von einem amerikanischen Ehepaar adoptiert werden soll. Ein überzeugendes, schonungsloses Debüt mit einer starken Protagonistin.

Nana Ekvtimishvili
Birnenfeld
Aus dem Georgischen von Ekaterine Teti und Julia Dengg
Roman, 221 Seiten
Suhrkamp Berlin, 2018
16,95 Euro