[LiSe 10/17] Rezension: Wundervolle Wahrheit

Carmen Stephan und ihr neuer Roman „It’s all true“

Von Ina Kuegler

Die Geschichte ist schnell erzählt: Vier brasilianische Fischer segeln 61 Tage auf einem Floß an der Atlantikküste entlang nach Rio und protestieren so beim Staatspräsidenten erfolgreich gegen ihre schlechten Lebensbedingungen. Der Regisseur Orson Welles liest diese Story im Dezember 1941 im TIMES-Magazin und verfilmt die Heldentat der wagemutigen Männer. „It’s all true“ nennt Welles sein Werk, und das ist auch der Titel eines kurzen und kurzweiligen Romans von Carmen Stephan, in dem die junge Münchner Schriftstellerin die beiden Stories verbindet – mal an Fakten orientiert, mal der Fiktion nachgebend. (mehr …)

[LiSe 10/17] Rezension: Wie Prinz Charles auf der Ersatzbank

Mutter und Tochter im Schlagabtausch

Von Katrina Behrend Lesch

Sie ist aufgewachsen im Schwung der Achtzigerjahre, bestens ausgebildet, glaubte an eine gute Zukunft, aber jetzt ist sie wütend, weil alles nicht so gelaufen ist, wie sie sich das vorgestellt hat. Es ist wie beim Wettlauf zwischen Hase und Igel. Überall sind ihre Mutter und deren Freundinnen schon da, haben für eine bessere Welt gekämpft, tun das immer noch, fragen nicht mehr, rufen nur: Das wissen wir schon. Wieder mal kommt sie, die Tochter, zu kurz, denn als sie pleite ist und ins mütterliche Haus zurückziehen will, findet sie das Terrain besetzt. Neben jeder Menge Mitbewohner, zeitgemäß aus den aktuellen Flüchtlingsgebieten, hat die Mutter einen Dschihadisten aufgenommen, dem die Abschiebung droht. Plötzlich ist der Einsatz der Tochter gefragt, aber kann sie das überhaupt in einer Zeit, da jeder radikale Gedanke sofort medial auf das Unanständigste ausgeschlachtet wird? (mehr …)

[LiSe 09/17] Rezension: Eine Hymne für Charles

Von Michael Berwanger

London 1881. Wie so oft schleicht der betagte Charles Darwin bei nächtlicher Dunkelheit durch sein Haus, da ihn Kopfschmerz, schlechte Verdauung und Selbstvorwürfe nicht schlafen lassen. Die Konzentration auf seine Forschungen verschafft ihm etwas Erleichterung. Und so tappst er vorsichtig durch sein Arbeitszimmer, wo Horden von Regenwürmern in Wedgewood-Keramik ihrer nächtlichen Arbeit nachgehen. Exemplare, die Darwin mit seiner Paraffinlampe anstrahlt, verziehen sich unter die Erde – manche sofort, andere nach Minuten. (mehr …)

[LiSe 09/17] Rezension: Ein Unterwegs-Roman von Bernhard Blöchl

Von Katrina Behrend Lesch

Gern wird so ein Roman auch Roadmovie genannt, zwar ein dem Film entliehener Begriff, aber insofern stimmig, weil Lesen ja Kino für den Kopf ist. Seit „Tschick“, Wolfgang Herrndorfs Kultroman, hat diese Literaturgattung enorm an Boden gewonnen. Autor schickt Helden auf die Reise, damit der am Ende womöglich erkennt, wer er ist, wo er im Leben steht und was er von selbigem will. Bernhard Blöchl, Münchner Schriftsteller, Journalist und Betreiber des „Museums der schönen Sätze“ (www.lieblingssaetze.de), hat sich so einen Typen ausgedacht. Knoppke, Wachmann in der Allianz-Arena, nicht mehr ganz jung, nicht mehr ganz ansehnlich und mit einem miefigen Namen ausgestattet, nimmt sich inmitten allen Fußballwahnsinns nur mehr als „Zuschauerzuschauer“ wahr. Als er am Abend des Siegs Chelsea gegen Bayern, den Begeisterungstaumel der Fans noch in den Ohren, feststellt, dass ihn seine Lebensabschnittsgefährtin betrügt, knickt er den gemeinsamen Gran-Canaria-Urlaub und fährt ohne sie los in die schottischen Highlands. Einsamkeit und Regen, das ist es, was sich der Eigenbrötler und konsequente „Frauennichtversteher“ wünscht, doch kurz nach Augsburg macht ihm die junge Tramperin Sam einen Strich durch die Rechnung. Dem wortkargen Mann gelingt es irgendwie nicht, die nervtötende Quasselstrippe loszuwerden, wobei nach und nach klar wird, dass hinter ihr mehr als eine Zufallsbegegnung steckt. (mehr …)

[LiSe 07/17] Rezension: Zwischen Wahn und Wissenschaft

Christine Wunnickes neuer Roman „Katie“

Von Katrina Behrend Lesch

Im viktorianischen England boomte der Glaube an das Übersinnliche. Medien hatten Popstar-Status, Séancen waren gesellschaftliche Ereignisse, über Klopfzeichen und Tischerücken korrespondierte man mit seinen Lieben im Jenseits. Dass wir uns gleichzeitig im Jahrhundert des großen wissenschaftlichen Aufschwungs befinden scheint kein Widerspruch zu sein. Das Nebeneinander von Theoriebildung und Geisterglaube entwickelte eigene Reize, und denen geht Christine Wunnicke in ihrem neuen Roman leichtfüßig und wahrheitsgemäß nach. Denn tatsächlich gab es jene Florence Cook, das „berühmteste materialisierende Medium in Ost-London“, und es gab William Crookes, veritabler Physiker, Chemiker, Parapsychologe und Herausgeber der Chemical News, der das Thallium entdeckte und radioaktive Strahlung nachweisen konnte. Als bei Florence immer öfter die walisische Piratentochter Katie aus dem 17. Jahrhundert auftaucht, wird er als Gutachter hinzugezogen. Dass er gerade auf der Suche nach dem vierten Aggregatzustand einer „strahlenden Materie“ ist, trifft sich gut – so lassen sich Forschung und Spiritismus in eine inspirierende Gemengelage bringen. Um 1870 stand man auf der Schwelle bahnbrechender Entdeckungen, da kann einem Wissenschaftler eine sich aus Licht materialisierende attraktive junge Frau schon gelegen kommen. (mehr …)

[LiSe 06/17] Rezension: Bis zum Tod ein Emigrant

Eine neue Biografie würdigt Oskar Maria Graf

von Antonie Magen

Als Oskar Maria Graf am 28. Juni 1967 in New York im Alter von 72 Jahren starb, hatte er fast die Hälfte seines Lebens im Exil zugebracht. Dessen Beginn markierte er in seiner zweiten Autobiografie „Gelächter von außen“ (erschienen 1966) rückblickend mit dem 6. März 1933, dem Tag, an dem seine Lebensgefährtin Mirjam Sachs nach der letzten freien Reichstagswahl der Weimarer Republik in Wien eingetroffen war. Graf selbst befand sich schon seit Februar auf einer Lesereise in Österreich. Nach Deutschland kehrte er erst 1958 zurück, kurz nachdem er die amerikanische Staatsbürgerschaft erhalten hatte. Allerdings beschränkten sich seine Aufenthalte in Europa der fünfziger und sechziger Jahre auf drei Reisen. – Unzufrieden mit dem Nachkriegszustand Westdeutschlands und der mangelnden Würdigung seines Werkes, das zumindest in der BRD erst ab 1960 wieder Aufmerksamkeit erregte, kehrte er nicht dauerhaft in sein Geburtsland zurück und blieb bis zu seinem Tod Emigrant. (mehr …)