[LiSe 02/19] Lyrische Kostprobe

Von all den Brücken
nur eine
ohne Geländer

Kommt der Moment
wo du
nicht mehr festhältst

an mir

*

Hatte sich doch ein Fasan
in unserm Garten verfangen

Hechtend suchte ich ihn
an den zum Nacken hin
offenen weißen Halsring
zu packen

Hätte ihn auch gewiss
eigenhändig gerupft
geflammt und abgehangen

Mit höhnischem Gelächter
flog er kurz auf
schlug ich hart auf
sprangen wir aneinander
stolz und tapfer
vorbei

Christian Dörr

[LiSe 12/18] Lyrische Kostprobe

wie man farbige dunkelheit kreiert
stückzahl. geleitworte. ungelenke satzgeschosse
erzählen unzuverlässig von gewinnen. blue chips, werg
qua wertstellungswechsel: im disagio blühen renditen und
gänsefingerkraut-WHAM, aufflackernde ziffernblöcke &
all die homestories, dort,wo obstruktionen regieren. rat race
nachtschwarzer nominalgewinne gewittert hellauf über alle pips.
computer generiert. automatisch überboten. geld-
inkubatoren. palliative abschreibung, badewannenwarm.
der juniorchef macht seinen ersten großprofit. die lücke im ja/nein
schnickschnackt in verfilzten optionswolken. ich sage mir nichts.

Armin Steigenberger

[LiSe 09/18] Lyrische Kostprobe

Afrotilaki 

Das also ist meine Erinnerung:
Ein riesiger, überhängender Fels,
mit feinen, fotogenen Rissen und Linien,
dunkel, wie meine Furcht,
mich zu täuschen. Noch immer
am Ufer Steine wie geschorene
Riesenköpfe – gefürchteter Traum –
Und Tamarisken, jetzt völlig vertrocknet
tot. Daran hätte ich
denken sollen: Kein Schwimmen
möglich, die Windstille,
der immerblasse
Himmel, der auf dem
ächzenden Meer lastet, Du
gelb-tote Sonne versteckst Dich,
Du Ich. Verschlossen
die nutzlose Kirche.
Wie soll ich hier mir selber begegnen?

Deutlich zerfallener ist
das einzige Haus: jetzt
ohne Dach und Tür
Ein weißer Tisch steht
unter vergessenen Olivenbäumen,
darauf: Nichts.
Aber das Schilf, das Schilf:
Pfeile vom Himmel in die Erde geschossen.
Alles mich ständig verunsichernde
Zeichen. Zum Beispiel
die Wasseruhren am Wasserverteiler:
wie mein Herz und mein Hirn
stehen sie still.
Verdammte Symbolik, also –
jetzt noch einmal und endlich:
Abhauen von hier!

Ulrich Schäfer-Newiger

[LiSe 05/18] Lyrische Kostprobe

Der Wald ist dunkel schwer und lauscht
Drei Tropfen Harz auf jede ausgestreckte Zunge
Die volle Schale auszutrinken auszukippen
Ich zittere vor Gier und Durst
Und in der blauen Badewanne
Schrumpft Schaum zu Salz und Nackt zu roter Haut
Zwei junge Kiefernnadeln in die Schläfen
Ein Handvoll Moos auf Brust und Bauch
Ein Auge lehnt sich an das Fenster
Presst zuckt und klappt die Lider zu
Harz schmeckt nach Salz und Salz nach nackter Haut
Mein Kopf schwimmt auf

Slata Roschal