[LiSe 05/18] Lyrische Kostprobe

Der Wald ist dunkel schwer und lauscht
Drei Tropfen Harz auf jede ausgestreckte Zunge
Die volle Schale auszutrinken auszukippen
Ich zittere vor Gier und Durst
Und in der blauen Badewanne
Schrumpft Schaum zu Salz und Nackt zu roter Haut
Zwei junge Kiefernnadeln in die Schläfen
Ein Handvoll Moos auf Brust und Bauch
Ein Auge lehnt sich an das Fenster
Presst zuckt und klappt die Lider zu
Harz schmeckt nach Salz und Salz nach nackter Haut
Mein Kopf schwimmt auf

Slata Roschal

[LiSe 04/18] Lyrische Kostprobe

De zwou Seitn vo oana Sach / Kopf und Zahl

S wiürd ollaweil no mea / Es wird immer ein bisschen mehr
an Himml en da Regnlocka finna / den Himmel in der Regenpfütze finden
is dea gmoln / ist der gemalt
dorch d Locka dorche renna / durch die Pfütze hindurchrennen
drin umananda patschn / darin herumpatschen
warum nacha ned, / aber warum denn nicht,
um dreivierlviere meissma bom Dokta sa, / Arzttermin viertelvorvier,
mittn ei hocka? / sich hineinsetzen?
Aaf wos ned ollas kamadn / Auf was sie nicht alles kämen
de Spulratzn de! / diese verspielten Bälger!
Woschtrommln kochan / Waschtrommeln kochen
Müadda wearn gschleidat / Mütter werden geschleudert
Kinda wuisln em Kanon. / Kinder jammern im Kanon.
Owa nacha bringd / Aber dann bringt
a ganz a ausgfuxds / ein hochbegabtes
Löfflstulquartett bis wix / Löffelstielquartett augenblicks
a Musi en Erdefplsterz / Musik in den Kartoffelbrei
midam Zuckawafflblues. / mit dem Zuckerwaffelblues.
Hintam Bugl vo da Mam / Hinter Mutters Rücken
steigns affe aaf anTurm / steigen sie auf einen Turm
– s is da Wickldisch – / – es ist der Wickeltisch –
springan oi / springen in den
en Matratznpeloponnes. / Matratzenpeloponnes.
Augn lochan / Augen lachen
da Mensch, dea wöi dazoukherd / Mensch, der dazugehört
sicha gholdn / sicher gehaltender
vonam Fallschirm / vom Fallschirm
dea zamgsedzd is aus Juchzaran / aus Juchzerseide
de Schniürl sand des, / die Schnüre stark
wos d Wöild zamhold. / für den Halt der Welt.

Katharina Bosˇnjak

[LiSe 03/18] Lyrische Kostprobe

Das muss doch mal vorbei sein, sagen die frisch Gebadeten, die exakt Gescheitelten. Die alten Speisewägen stünden doch auf dem Abstellgleis.

Liebhaber alter Dampfrösser frühstücken in ihren Modellbahnen, die sehnen sich nach Fahrten auf nostalgischen Routen, nähmen gerne die betagten Schlachtrösser aus den Schuppen, setzten sie unter Dampf.
Dann schnaubten Rösser quer durch die Republik.

Franz Oberhofer

[LiSe 01/18] Lyrische Kostprobe

Über dem Fehlboden (Trudering, um 1919)

Der Boden muss erneuert werden, auf dem wir stehen.
Unter dem Boden liegt der Fehlboden, weitere Schicht,
die die Sicht auf die Tragfähigkeit des Organismus sperrt.
Zwischen den beiden Kies aus der Eiszerfallslandschaft,
zwischen den Stockwerken wie unter dem Keller der
Kies, ich möchte auf seinen Symbolwert hinweisen.
Man sagt mir, auf ein Zimmer knappe vier Tonnen. (mehr …)