[LiSe 06/22] Lyrische Kostprobe: Mit Essen spielen

Àxel Sanjosé, geboren 1960 in Barcelona, ist ein deutsch-katalanischer Lyriker. Manchmal müsse er sich wegen seines Brotberufs in Flughäfen aufhalten. Das sei nicht sehr schön, sagt er, aber er habe einen ganz guten Trick herausgefunden: Er suche die Flughafenkapelle auf, die zwar meistens auch nicht schön sei, aber wunderbar leer. Und irgendwie veranließen ihn die internalisierten Konventionen, dort auf elektronische Geräte zu verzichten. So habe er schon den einen oder anderen Gedichtentwurf zu Stande gebracht. Nur so als Tipp, meint er, natürlich fahre er viel lieber mit dem Zug. (mehr …)

[LiSe 05/22] Lyrische Kostprobe: Stärkung des Ichs

Am Anfang des sechsten Gedichtbandes von Veronique Dehimi steht als Motto ein Zitat Paul Celans: „Wer auf dem Kopf geht, der hat den Himmel als Abgrund unter sich“. Dieses Bild einer auf dem Kopf stehenden Welt wird in einigen Gedichten direkt fortgeführt. Dabei ist die bilderreiche Sprache des lyrischen Ichs Dehimis keine, die mithilfe von Metaphern Lebensbereiche miteinander verbindet. Wie bei einem Kind in der animistischen Entwicklungsphase ist die Welt der Bilder und Personifikationen einfach vorhanden. (mehr …)

[LiSe 04/22] Lyrische Kostprobe: Peruanische Einsichten

Patricia Colchado, 1981 in Chimbote, Peru, geboren, ist Lyrikerin und Kinderbuchautorin. Neben der Literatur sind Tanz und Zeichnen ihre großen Leidenschaften.

Verheißener Garten

Wo bist du in all dieser Zeit gewesen?
Ich umarme ihn während ich aufhöre zu staunen.
Sein erstes Lächeln
seit der Verwüstung unserer Dörfer.
In den Eingeweiden dieses Blumen-Kindes
verkümmert der Samen einer schändlichen Vergangenheit. (mehr …)

[LiSe 03/22] Lyrische Kostprobe: Heimatlied, 2018

Phor meinem Phaterhaus steht eine Linde
Phor meinem Phaterhaus steht auch ein Photograph
Der phragt, ob er phon Phaterhaus und Linde
Ein Photo machen darph

Auph seinem iPhone sechs macht er sein Photo
Drauph sieht man die Scheißlinde und das Haus
Der Photograph sieht sehr zuphrieden aus

Samuel Fischer-Glaser

[LiSe 02/22] Lyrische Kostprobe: Bunt und betörend

Der Maler, Grafiker, Keramiker und Autor Stefan Wehmeier hat viele Jahre als Kunstkritiker und freier Journalist für Zeitungen und Zeitschriften geschrieben. 2021 ist in der Dortmunder „edition offenes feld“ sein Lyrik-Band  „Und draußen der Tag“ erschienen. Das Buch versammelt Gedichte aus den letzten 25 Jahren und ist somit auch eine kleine Zeitreise von hier nach dort  und anderswo.

Stefan Wehmeiers Gedichte bekennen sich zur mutigen Einfachheit –, es reihen sich kurze Szenen aneinander, die vielfach Natureindrücke verarbeiten, bunt und betörend. Nicht selten „erzählen“ die Gedichte von unterwegs, spiegeln diese Momente aus dem Blickwinkel des Malers wider, der genau erkennt, worauf es ankommt.Und über allem liegt eine Melancholie, der man sich nur schwer entziehen kann. (mehr …)