[LiSe 03/20] Lyrische Kostprobe: Spieltage

Livegräten mit leucht-enden strecken sich über die köpfe anderer
und tribünen zählen bis zu 4 weiße zwerge auf roten riesen
deren nummern und namen auf vielen rücken hochgehalten werden
zeigen an wer sich dort verspekuliert hat und wer noch gerade sitzt
Ein Lewandowski liest dann an der rückseite der fankurve
seine erhaltenen likes und die geraten durch ihn selbst in (un)gute relation
zu seiner torquote in diesem jahr vergleicht er sich im graphenwald
der topligen mit deren überfliegern anderen schattenwerfenden nazgul
Aus einem haufen scorerpunkte bei soundsovielen spielminuten zu den
ergebnissen mehrerer wahlen zum spieler des tages schaut auch
meine formkurve wie ein regenwurm hervor mit
mit- und gegenspielern befinde ich mich im auto auf auswärtsfahrt
lauter leiser radiowellen tinitus-tor-tinitus in den unteren ligen muss man
sich zu leiberln der einzelnen teams die 1 2 3 oder 4 sterne dazu denken
Dagegen die saison als zeit des vor-sich-hin-grasens und des
den-auswärtsspielen-sich-in-stille-näherns ohne eine ahnung
auf wen man trifft und wo dessen platz liegt
Es sitzt am straßenrand länger als zwei dreiviertel stunden
an leuchtpflöcke geschmiegter wolliger phantomschmerz 

Jonas Bokelmann

[LiSe 02/20] Lyrische Kostprobe

Stefan Wehmeier – Gedichte

Wie Fäuste
ragen die gestutzten Weiden
aus dem Boden
stehen aufgereiht wie Soldaten
am Straßenrand
bilden
ein Spalier zur Begrüßung
Laut lärmen
die Spatzen hier in Plüschow
das Barock-Rundell gilt als morgentlicher Treff
Nur das metallische Schlagen
der Schlossuhr unterbricht sie und
seziert den Tag
Lauthalses Rattern des Kopfsteinpflasters
verheißt ein Ankommen 

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[LiSe 11/19] Lyrische Kostprobe

AN THERESE

Ein Großstadtbaal – illuminiert sakral – die Läden,
Wasser auf dem Trottoire wirft sein Licht zurück,
Aus Wolken, irisierend – feinste Brausefäden.
Tageslicht – salpeterblütenweiß – wird Stück
Um Stück gekleidet in ein graues Nachtgewand.

War es auf der Wiesn, gleich am Riesenrad,
Als ich für grüne Augen, ein neues Grün erfand?

Aus fremden Nächten, erbeuten sich die Damen
Düfte aus Schächten – an der Sommerzeit vorbei.
Dein Odeur blieb im Flakon – bis Herren kamen,
Die fragten, wo das sagenhafte Schwabing sei,
Und wer hier das Blau von Lapislazuli verspricht.

Dilettanten Werk – vor Jahr und Tag erdichtet:
Verse von opakem Glas – spiegelt ihr mein Licht?

Franz OberHofer

[LiSe 09/19] Lyrische Kostprobe

Das Gewissen

Ich trag ein Bewusstsein mit mir,
eine Welt in der Welt,
in die ich gestellt,
ein beladener Raum in mir.

Fehlungen der Vergangenheit für immer
sind eingegraben im Sinn,
losgelöst vom Leib ist er hinter der Stirn;
die einigende Lösung kommt die nimmer?

Hier ist Geist und hier ist Leib,
irgendwo sitzt Gefühl und Gemüt.
Um Einheit der Splitter bin ich bemüht.
Die Dinge denkend zu empfinden liegt weit.

So weinen denn nur meine Gedanken,
der Leib fühlt beklommen,
wär doch alles verschwommen,
und brächt Weinen zerreißend mich ins Schwanken.

Raimund Fellner

[LiSe 07/19] Lyrische Kostprobe

Blitzschlog

D’Luft druckts oba
Du hast nix zum sogn
S’braut se ebs zam
Und I wui ned fragn

Werd scho wieda
Wern
Oder ned
Magst mi gern
Oder ned
Segn ma dann
Geht no lang
So dahi
Du und i
Und sogst du
Irgendwann
Miaßma redn?
Isses gwen

Verena Ullmann

(Aus dem Gedichtband „Wedafest“, Allitera Verlag)