[LiSe 11/19] Lyrische Kostprobe

AN THERESE

Ein Großstadtbaal – illuminiert sakral – die Läden,
Wasser auf dem Trottoire wirft sein Licht zurück,
Aus Wolken, irisierend – feinste Brausefäden.
Tageslicht – salpeterblütenweiß – wird Stück
Um Stück gekleidet in ein graues Nachtgewand.

War es auf der Wiesn, gleich am Riesenrad,
Als ich für grüne Augen, ein neues Grün erfand?

Aus fremden Nächten, erbeuten sich die Damen
Düfte aus Schächten – an der Sommerzeit vorbei.
Dein Odeur blieb im Flakon – bis Herren kamen,
Die fragten, wo das sagenhafte Schwabing sei,
Und wer hier das Blau von Lapislazuli verspricht.

Dilettanten Werk – vor Jahr und Tag erdichtet:
Verse von opakem Glas – spiegelt ihr mein Licht?

Franz OberHofer

[LiSe 09/19] Lyrische Kostprobe

Das Gewissen

Ich trag ein Bewusstsein mit mir,
eine Welt in der Welt,
in die ich gestellt,
ein beladener Raum in mir.

Fehlungen der Vergangenheit für immer
sind eingegraben im Sinn,
losgelöst vom Leib ist er hinter der Stirn;
die einigende Lösung kommt die nimmer?

Hier ist Geist und hier ist Leib,
irgendwo sitzt Gefühl und Gemüt.
Um Einheit der Splitter bin ich bemüht.
Die Dinge denkend zu empfinden liegt weit.

So weinen denn nur meine Gedanken,
der Leib fühlt beklommen,
wär doch alles verschwommen,
und brächt Weinen zerreißend mich ins Schwanken.

Raimund Fellner

[LiSe 07/19] Lyrische Kostprobe

Blitzschlog

D’Luft druckts oba
Du hast nix zum sogn
S’braut se ebs zam
Und I wui ned fragn

Werd scho wieda
Wern
Oder ned
Magst mi gern
Oder ned
Segn ma dann
Geht no lang
So dahi
Du und i
Und sogst du
Irgendwann
Miaßma redn?
Isses gwen

Verena Ullmann

(Aus dem Gedichtband „Wedafest“, Allitera Verlag)

[LiSe 06/19] Lyrische Kostprobe

spiel mir das lied

            vom schafottschaf blut zerstäubt
als himbeerpulver am abendhimmel über dem ehrenmal
darunter die doldenskelette des bärenklaus verkrallt
ins graue leuchtender taubendreck wie grobe
brocken von feindschnee auf bronze sing mir
von helden + herkunft ein lied das trügt bis es trägt
deiner ahnen gewicht ich hab nur das malmen
des kiefers geerbt den man meinem großvater
wegschoss ins russische jede wortformung seitdem
ein phantom schmerz doch sah ich dich moskau + deine
aufschneiende schönheit die flocken so zärtlich
hebt niemand sie auf mit den wimpern

Axel Görlach

[LiSe 05/19] Lyrische Kostprobe

Muttersprache

Türkisch ist meine Muttersprache
Meine Muttersprache ist Deutsch 

Die Brüste haben mich nicht gestillt
Mich zeugten heimlich die Zitzen einer Hindin

Meine Sprache ein Geweih heterodox
Am korrekten Ausdruck vorbei 

Ich übersetze nicht
keine Sprache ich setze
aus dem Nichts über

Oya Erdogan