[LiSe 04/20] Kurzgeschichte: Rote Wilderdbeere

Von Andreas Wiehl

Das Positive zuerst: das Wunder dieses Hauses ist sein Garten. Wacholder und Kirsche, links ein hoher Walnussbaum, halb verdeckt durch Lorbeer und der rote Vogelbeeren tragenden Eberesche. Der sonnenüberstrahlte Rasen schwingt sich in leichten Hügelbewegungen zum Haus hinauf. Keine Stelle, von der aus man den Garten insgesamt überblicken könnte, doch immer wieder Einblicke, Licht und Schatten im Wechsel. Der kleine Teich nimmt genauso unaufdringlich seinen Platz ein, wie der Weg vor dem Kirschbaum, der am Nussbaum vorbei zur Spitze des Gartens führt; doch die sehe ich längst nicht mehr. Aber halt: der andere Nussbaum ganz hinten, links vom Pullover, tropfnass an der Wäscheleine hängend, lässt sich noch erkennen. Wäre ich jedoch fremd hier, wüsste ich nicht, dass dort der Garten zu Ende ist. Über mir schlagen die Blätter der Haselnuss aufeinander, was ferner geschieht, klingt wie Rauschen zu mir herüber. (mehr …)

[LiSe 02/20] Kurzgeschichte: Wasser!

Von Philipp Stoll

Zwei Stunden, so hatte es geheißen, würde die Durchschreitung dieses Canyons im ostafrikanischen Hochland dauern, dann würde man in der Ebene wieder auf die Teerstraße treffen. Eine Karte gebe es nicht, man brauche auch keine. Sicherheitshalber solle man dennoch einen ausreichenden Wasservorrat mitnehmen. Wir, ein Skandinavier, ein Amerikaner und ich, hatten jeder eineinhalb Liter dabei, es sollte schließlich leicht bergab gehen.  Die Landschaft war grandios. Der Weg zog sich allerdings in die Länge. Nach vier Stunden, in denen wir keiner Menschenseele begegnet waren und keine Zeichen von Zivilisation entdeckt hatten, war das Ende des Taleinschnitts noch immer nicht in Sicht. Die Sonne hatte sich im Zenit eingenistet. (mehr …)

[LiSe 01/20] Kurzgeschichte: Hose aus Gold

Von Wolf Amberg

Die Prothetik, Herr Kollege, die Prothetik bringt Ihnen natürlich ein Vielfaches. Dieser Zahn zum Beispiel, hier auf dem Foto, wenn Sie den nur füllen, rechnen Sie nette 70 oder 80 Euro ab beim Kassenpatienten und sind nach einem halben Jahr praktisch ruiniert. Wenn Sie weiter so kleckern! Mit Füllungen wie vor 20 Jahren werden Sie es niemals zu einem guten, und das heißt auch finanziell erfolgreichen Zahnarzt bringen, niemals. Denken Sie daran. Gerade hier auf dem Land, im Bayerwald. Und Sie haben sich ja nicht zufällig bei mir hier draußen beworben – hier wollen die Menschen keine Füllungen mehr, grundsätzlich keine billigen Füllungen mehr, verstanden? (mehr …)

[LiSe 12/19] Kurzgeschichte: „DERMITDEMSTEIN“

Von Isa Bellini

Immer wieder wurde er gefragt, wieso er einen Granitquader mit sich herumschleppe und irgendwann fragte ihn auch niemand mehr, weil er eben der war mit dem Stein. Grob behauen war der und kantig, zu groß um ihn mit einer Hand zu umschließen.

Nur noch wenige erinnerten sich daran, dass er gesagt hatte, dass ihm Xaver gesagt hatte, dass es gut wäre so einen Stein bei sich zu haben, für alle Fälle und auf Xaver war Verlass, der wusste immer was Sache war. (mehr …)

[LiSe 10/19] Kurzgeschichte: Willi, das Chamäleon

Von Paul Holzreiter

Der Kies knirscht, die Sonne blinzelt durch die Kastanien, der Willi, eben noch vor mir auf den Biertisch hingelümmelt, kriegt auf einmal einen weiten Blick. Er rappelt sich hoch, richtet sich hinter seiner Maß auf: „Ich bin ein Chamäleon.“

Ein Chamäleon? Der Willi? Wie kommt er denn da drauf? „Kack“, sage ich, „kack, bist du ein Chamäleon. Du bist der Willi!“

„Willi, das Chamäleon“, sagt der Willi. Er hebt seine Maß und will mit mir darauf anstoßen, dass er es zum Chamäleon gebracht hat. (mehr …)

[LiSe 09/19] Kurzgeschichte: Im unheiligen Ehestand

Von Beate Klepper

Stand Lichtenberg am Fenster, um nach der Jacobi-Uhr oder dem Wetter zu sehen, war dies stets mit einer Art von Vorsicht verbunden. Eine Vorsicht, die sich in seiner immer dem Zimmer zugewandten Schulter zeigte, jederzeit bereit, zurückzuweichen. Tatsächlich ging er oft, wenn ein Bekannter vorbeiging, vom Fenster weg.

»Nicht sowohl um ihm die Mühe einer Verbeugung, als vielmehr mir die Verlegenheit zu ersparen zu sehen, dass er mir keine macht.«

Maria lächelte zwar über diese Bemerkung, doch ließ etwas in ihr nicht locker, das ihr sagte, er mochte schlicht und einfach nicht gesehen werden. Die »Verlegenheit« der versäumten Ehrerbietung eines Bekannten zählte Maria zu den kleineren Übeln, über die Lichtenberg hinwegsehen konnte. Das, was sie an vielen kleinen Zurückhaltungen und Empfindlichkeiten, besonders während und nach seiner Krankheit, an ihm erspähte, nahm zu. Zweifellos, so war es. Seine Art, engere Bekannte höflich aber bestimmt, den Busenfreund Dieterich auch unverblümt hinauszukomplimentieren, war deutlich. (mehr …)