[LiSe 07/21] Kurzgeschichte: Starkregen

Von Isa Bellini

Als Dominique – wie er es an jedem Abend nach der Arbeit tat – den Hügel hinab ging, erschrak er nicht nur deshalb, weil der wochenlange Regen seinen Trampelpfad einfach weggewaschen hatte und er ins Rutschen kam, nein auch, weil ihm plötzlich ein gläserner Aufzug im Wege stand, mitten im Dickicht des Isar-Wäldchens.

Der Regen lief ihm ins Genick. „Nichts wie rein“ dachte er. Falsch gedacht – die Kabine war voll, total voll, voll mit weißem Pferd und noch schlimmer. Die dampfenden Pferdeäpfel vernebelten die Glaswände und stanken ihn aus der offenen Türe an. (mehr …)

[LiSe 06/21] Kurzgeschichte: König am Pool

Von Stephan Priddy

In der Abenddämmerung saß ein junger Mann auf einer Mauer und schaute auf das von ihr umschlossene Privatgrundstück.

„Biste sicher, dass da keine Hunde sind?“

„Ja doch. Bin schon mal da gewesen“, rief sein gleichaltriger Freund Volker hoch. „Nun komm runter, Benny, bevor dich irgendwer sieht.“

Seufzend rutschte Benjamin vom Mauerrand herunter. Aufgrund der Höhe fuhr der Aufprall schmerzhaft in die Beine. Ohne Volkers Hilfe, der sie beide auch hergefahren hatte, wäre Benjamin nicht einmal über die Mauer gekommen. Sein Freund schüttelte den Kopf.

„Komm, du Gipfelstürmer.“ (mehr …)

[LiSe 05/21] Kurzgeschichte: Sommerferien

Von Annette Katharina Müller

Irgendetwas schien sich geregt zu haben. Nur was? Ich blinzelte, öffnete die Augen und sah direkt in die grelle Sonne. Langsam setzte ich mich auf. Meine Freundin, die direkt neben mir auf ihrem Handtuch lag, atmete ruhig und gleichmäßig. Aber irgendetwas regte sich noch immer. Es war August und sehr heiß. Ein brütende Hitze, die uns sofort wieder umschlungen hatte, als wir vorhin aus dem Meer kamen. (mehr …)

[LiSe 04/21] Kurzgeschichte: Brief an die Friseurin

Von Philipp Stoll

Sehr geehrte Frau Schulze,

ich schreibe Ihnen, weil der Anrufbeantworter ihres Geschäftstelefons keinen Speicherplatz mehr hat und mir nach dem Signalton nicht einmal Zeit blieb, Luft zu holen. Vermutlich rufen ständig Kunden an, um einen Termin zu vereinbaren, jetzt, da es wieder erlaubt ist. Auch ich gehöre zu denen, die dringend Ihrer Dienste bedürfen. Die Blicke meiner Frau werden von Tag zu Tag entnervter. Du schaust unmöglich aus, hat sie heute Morgen in ihrer Ehrlichkeit gesagt. Wie ein Schimpanse mit silbrig-brauner Mähne, greisenhaft verblödet und am Abend zu nichts mehr zu gebrauchen. Ich finde Ehrlichkeit bei anderen Menschen nicht immer eine gute Eigenschaft. Die Details aus unserem Intimleben erspare ich Ihnen. Aber Sie sehen, meine Würde droht gänzlich zu verstrubbeln, und ich bitte Sie dringend um Wiederherstellung derselben. (mehr …)

[LiSe 03/21] Kurzgeschichte: Abschnitt/Umkreisungen

Von Fabian Widerna

Genieße die Aussichtslosigkeit. Ein Zimmer ohne Fenster und Türen ist ’ne dumme Sache. Nicht bloß, weil man sich kaum, oder auch nur mit den üblichen Mitteln erklär’n kann, dort hingelangt zu sein, ohne im unverputzten Mauerwerk, weder im Boden noch an der Decke (dank Stehleiter) auch nur den Hauch einer Ritze des Hinweises auf das Vorhandensein von Öffnungen zu finden, die von den Auftraggebern gegebener Internierung genutzt worden hätten sein können, den Auftraggeber dieser Erklärung mangels Erklärung dort hinein befördert jedes Fünkchens sonstiger Anhänglichkeit der Hoffnung auf Freiheit an ihren Träger zu berauben, wenn keine Büchse bleibt, deren Grund sie bis zum Ende noch enthielte – unter Paarung des Paradoxons seiner Anwesenheit mit der Unwahrscheinlichkeit der Situation, die sich weigert, sich traum- oder auch nur alptraumhaft (aber oder wie auch immer) zu gerieren, ataraktisch, im Grunde. (mehr …)

[LiSe 01/21] Kurzgeschichte: Vorbildlich

Von Gabriele Müller

Kinder haben ein Recht darauf, mindestens so blöd zu sein wie ihre Eltern“, sagte Maxim. Sein Vater saß neben ihm, drückte wütend auf die Hupe, als der Autofahrer vor ihm bei Gelb nicht mehr über die Kreuzung fuhr. Der Abend hatte sich doch sehr schnell dem Ende zugeneigt.

„Das Aroma der Cassisreduktion disturbiert mich“, hatte Maxim eine Stunde zuvor gesagt, als sie bei einem alten Schulfreund seines Vaters eingeladen waren. „Und der Wacholder …“

Er müsse mitkommen, hatte sein Vater insistiert. Während Maxims Mutter rechtzeitig den Menstruationsbeschwerdenjoker aus dem Ärmel gezogen hatte.

Es gab fünf Gänge. Die beiden Kinder – Maxim und die Tochter des Gastgebers – saßen mit am Tisch. Mussten. Auf Etikette wurde großen Wert gelegt. Besteck von außen nach innen. Keine Soft Drinks. Keine Kontaktaufnahme mit fremden Knien. Kein Wort über Geschäfte oder aufgespritzte Lippen, auch nichts Theologisches. Die Lautstärke des gesprochenen Wortes hatte sich der Lautstärke der Essensgeräusche anzupassen. Die Kinder durften nur reden, wenn sie dazu aufgefordert wurden. (mehr …)