[LiSe 03/19] Kurzgeschichte: NEUES LEBEN

Von Genia Livshi 

Der Bus hielt an, die Frau grapschte mit Wucht die Hand des zweieinhalbjährigen Kindes, schob es vor sich hin und kreischte es mit einer leicht befehlenden Stimme an, auszusteigen. Dann folgte sie ihm, während sie hastig die Griffe ihrer großen Tasche an der Schulter zu ordnen versuchte, und stieg vorsichtig, langsam die zwei Stufen hinunter.
Die Landstraße war billig asphaltiert, zerfranst, zweispurig, am Rande staubig, ein Rest des Erdbodens. Einzelne Häuser mit Gärten waren verstreut in der Gegend neben überwucherten Grundstücken, mit von der Sonne verbrannten Gräsern und Kräutern, die vielleicht einen neuen Besitzer suchten.
Sie stand einen Moment da, sah sich um, als ob sie die Umgebung mit all ihren Sinnen erkunden wollte.
„Schön ist es wahrlich nicht“, dachte sie. (mehr …)

[LiSe 02/19] Kurzgeschichte “Der Begünstigte”

Von Hans-Karl Fischer

Schon wieder! Ferdl wollte Geld von mir ausleihen. Dieses Mal gleich hundert Mark. Ich hatte keine Lust, ihm so viel auf einmal zu geben. Einen Tag später war mein Brustbeutel weg, in dem ich das ganze in vierwöchiger Ferienarbeit erworbene Geld aufbewahrte. Einem Helden wie mir war es zuwider, immer auf sein Geld aufpassen zu müssen. Weil Ferdl mit mir auf einem Zimmer war und mich angehauen hatte, kam eigentlich nur er in Frage. Ich sagte zu Ferdl, daß ich mit ihm reden müsse; er solle mit mir in den Kickerraum gehen. Dort versetzte ich ihm einen Magenschwinger, daß er zu Boden ging, sich am Solarplexus hielt und sich krümmte.  (mehr …)

[LiSe 01/19] Kurzgeschichte: Brandung

von Philipp Stoll

In jenem heißen Sommer suchte ich vergeblich nach Schlaf. Nacht für Nacht wälzte ich mich von der einen auf die andere Seite, versuchte Bauch- und Rückenlage, hielt es nie mehr als ein paar Minuten aus, schleuderte das verschwitzte Laken von mir, um es kurz darauf in der Dunkelheit zu finden und schützend über mich zu breiten. Zwar gelang es mir, meine Augen zu schließen, indes blendete mich aus meinem Inneren heraus eine merkwürdige Helligkeit, so dass ich es vorzog, mit offenen Augen in der diffusen Dunkelheit meines Zimmers den Beginn eines Traumes zu erwarten, irgendeines. Tagsüber quälte ich mich völlig übermüdet durch eine buntschrille Welt, die laufend Entscheidungen verlangte, für die mir der Überblick fehlte. Nachts lag ich in meinem Bett, tat kein Auge zu und wälzte die unerledigten Entscheidungen. Dem Rat von Freunden folgend versuchte ich es mit körperlicher Anstrengung und unternahm trotz der unerträglichen Hitze ausgedehnte Spaziergänge. Auch verordnete ich mir einen täglichen Schwimmaufenthalt im nahegelegenen See, aber das Wasser war nahezu lauwarm und kühlte kaum. Schließlich riet man mir zu einem vorübergehenden Ortswechsel.  (mehr …)

[LiSe 12/18] Kurzgeschichte: Dämmerung

Von Heike Duken

Er
regt sich schon, der Drachen in seiner Höhle. Er zuckt schon. Bald wacht er auf. Und dann reißt er das Maul auf und spuckt sein Feuer gegen meine Innereien, dass ich nur noch schreien kann.
Es ist Zeit, Schwester, kommen Sie, bitte. Warum warten, der Drachen ist wach, gleich erhebt er sich!
„Herr Claasen?“
Marion ist es.
„Es ist wieder so weit“, sagt sie.
Marion lässt mich nie warten. Sie ist so herzensgut.
„Jetzt sticht es“, sagt sie.
Und schon dämmert es. Das ist die beste Zeit. Der Drachen gähnt noch einmal, dann legt er sich nieder, ganz müde, ganz erschöpft. Von nichts. Vom Warten.
Ich deute auf das Fenster, nur mit dem Finger, der Arm ist zu schwer.
„Ich darf Sie doch nicht aufsetzen, Herr Claasen.“ (mehr …)

[LiSe 10/18] Kurzgeschichte: Mutter

Von Rudolf Freiberger

Wo bin ich? Wo ist sie?“ Er rieb sich den Schlaf aus den Augen, mit der Faust. „Aaaahhhch!“ quoll der erstickende Schrei aus ihm heraus, wie in dem ewig wiederkehrenden Traum ihm sämtliche Zähne aus dem Mund quollen – Hunderte von Zähnen, immer mehr herausfallende Zähne, bis er mit der Angst zu ersticken qualvoll wach wurde. „Mutter! Wo bist du?“ schrie es aus ihm. Die Nachbarn! Es ist mir scheißegal was die Vollidioten denken, in diesem verfluchten Wohnloch in Neuhausen. Ja, ich bin in Tot-Neuhausen, exiliert, fern dem einzigen Menschen, der mir auf dieser Welt geblieben ist. Und jeden Morgen dieselbe Angst! „Ich halte das nicht mehr aus!“ schrie er die dünnen Wände an. „Mutter! Lebst du noch?“ Nein – ich rufe jetzt nicht bei ihr im Saarland an – halb sechs Uhr früh – sie schläft noch. Und warum soll sie plötzlich nicht mehr leben? „Du Volldepp“ schrie er sich an. „Warum kannst du deine alte Mutter nicht einfach sterben lassen? In Frieden gehen lassen? So wie andere Leute auch.“ – Halb sechs – ich stehe auf und fahre sofort zu ihr. 460 Kilometer – in vier Stunden bin ich da. (mehr …)

[LiSe 09/18] Kurzgeschichte: Orte

Von Slata Roschal

Wir sind im Urlaub. Die Wohnung ist ungemütlich, die Matratzen unbequem, das Bett eng, das Sofa staubig, draußen ist es zu warm und zu windig, und das erste Essen im ersten Restaurant, das wir in der Nähe finden, ist widerlich und unverschämt teuer. Ich kann nicht einschlafen, weine, fühle mich unglücklich und möchte mich in diesem Mittelmeer am liebsten ertränken. Es gibt kein Internet, keine Verbindung zur normalen, nichtmediterranen Welt. Hier wachsen Orangen auf den Bäumen und die Luft riecht süßlich. Allmählich gewöhne ich mich an die Nachbarskinder, die nachmittags im Garten Turnübungen machen und sehr nach Schweiß riechen, an die grell gekleideten, vollbusigen Frauen, an die schwarzhäutigen Verkäufer, die zwischen den Restauranttischen tanzen und mit Schlüsselanhängern und Armbändern klimpern, ich gewöhne mich an das schlechte Englisch der Kellner und meine eigene Sprachlosigkeit, Hilflosigkeit und Schwermut. Ich bin an dieser Küste in einem Vakuum verschlossen, ich kann nicht das machen, was ich sonst immer mache, jeden Tag, jede Bewegung muss gestoppt und nochmals überdacht werden, alle Gegenstände befinden sich an anderen Orten, an denen sie nichts zu suchen haben, und ich selbst bin an einem anderen Ort und es vermisst mich keiner. (mehr …)