[LiSe 05/21] Kurzgeschichte: Sommerferien

Von Annette Katharina Müller

Irgendetwas schien sich geregt zu haben. Nur was? Ich blinzelte, öffnete die Augen und sah direkt in die grelle Sonne. Langsam setzte ich mich auf. Meine Freundin, die direkt neben mir auf ihrem Handtuch lag, atmete ruhig und gleichmäßig. Aber irgendetwas regte sich noch immer. Es war August und sehr heiß. Ein brütende Hitze, die uns sofort wieder umschlungen hatte, als wir vorhin aus dem Meer kamen. (mehr …)

[LiSe 04/21] Kurzgeschichte: Brief an die Friseurin

Von Philipp Stoll

Sehr geehrte Frau Schulze,

ich schreibe Ihnen, weil der Anrufbeantworter ihres Geschäftstelefons keinen Speicherplatz mehr hat und mir nach dem Signalton nicht einmal Zeit blieb, Luft zu holen. Vermutlich rufen ständig Kunden an, um einen Termin zu vereinbaren, jetzt, da es wieder erlaubt ist. Auch ich gehöre zu denen, die dringend Ihrer Dienste bedürfen. Die Blicke meiner Frau werden von Tag zu Tag entnervter. Du schaust unmöglich aus, hat sie heute Morgen in ihrer Ehrlichkeit gesagt. Wie ein Schimpanse mit silbrig-brauner Mähne, greisenhaft verblödet und am Abend zu nichts mehr zu gebrauchen. Ich finde Ehrlichkeit bei anderen Menschen nicht immer eine gute Eigenschaft. Die Details aus unserem Intimleben erspare ich Ihnen. Aber Sie sehen, meine Würde droht gänzlich zu verstrubbeln, und ich bitte Sie dringend um Wiederherstellung derselben. (mehr …)

[LiSe 03/21] Kurzgeschichte: Abschnitt/Umkreisungen

Von Fabian Widerna

Genieße die Aussichtslosigkeit. Ein Zimmer ohne Fenster und Türen ist ’ne dumme Sache. Nicht bloß, weil man sich kaum, oder auch nur mit den üblichen Mitteln erklär’n kann, dort hingelangt zu sein, ohne im unverputzten Mauerwerk, weder im Boden noch an der Decke (dank Stehleiter) auch nur den Hauch einer Ritze des Hinweises auf das Vorhandensein von Öffnungen zu finden, die von den Auftraggebern gegebener Internierung genutzt worden hätten sein können, den Auftraggeber dieser Erklärung mangels Erklärung dort hinein befördert jedes Fünkchens sonstiger Anhänglichkeit der Hoffnung auf Freiheit an ihren Träger zu berauben, wenn keine Büchse bleibt, deren Grund sie bis zum Ende noch enthielte – unter Paarung des Paradoxons seiner Anwesenheit mit der Unwahrscheinlichkeit der Situation, die sich weigert, sich traum- oder auch nur alptraumhaft (aber oder wie auch immer) zu gerieren, ataraktisch, im Grunde. (mehr …)

[LiSe 01/21] Kurzgeschichte: Vorbildlich

Von Gabriele Müller

Kinder haben ein Recht darauf, mindestens so blöd zu sein wie ihre Eltern“, sagte Maxim. Sein Vater saß neben ihm, drückte wütend auf die Hupe, als der Autofahrer vor ihm bei Gelb nicht mehr über die Kreuzung fuhr. Der Abend hatte sich doch sehr schnell dem Ende zugeneigt.

„Das Aroma der Cassisreduktion disturbiert mich“, hatte Maxim eine Stunde zuvor gesagt, als sie bei einem alten Schulfreund seines Vaters eingeladen waren. „Und der Wacholder …“

Er müsse mitkommen, hatte sein Vater insistiert. Während Maxims Mutter rechtzeitig den Menstruationsbeschwerdenjoker aus dem Ärmel gezogen hatte.

Es gab fünf Gänge. Die beiden Kinder – Maxim und die Tochter des Gastgebers – saßen mit am Tisch. Mussten. Auf Etikette wurde großen Wert gelegt. Besteck von außen nach innen. Keine Soft Drinks. Keine Kontaktaufnahme mit fremden Knien. Kein Wort über Geschäfte oder aufgespritzte Lippen, auch nichts Theologisches. Die Lautstärke des gesprochenen Wortes hatte sich der Lautstärke der Essensgeräusche anzupassen. Die Kinder durften nur reden, wenn sie dazu aufgefordert wurden. (mehr …)

[LiSe 12/20] Kurzgeschichte: Märzsonne

Von Ulrich Schäfer-Newiger

Die Märzsonne war ein schneidendes Kristall. Unter ihm standen sie am Rande des Buchenwaldes, an der dritten Buche von vorne mit dem Loch davor. Schweigende Skulptur. Er hatte das einfach entschieden, ohne jemanden zu fragen. Oder welcher Hilfsgeist hatte ihm zu Lebzeiten diese Stelle eingeflüstert – Cuniculus? Übernächster Nachbarort, Friedenswald, pflegefreies Erdgrab. Von links oben schien die Sonne. Was wollte das Gestirn? (mehr …)

[LiSe 10/20] Kurzgeschichte: BIRKEN

Von Laurie Ann Johnson
Aus dem Amerikanischen übertragen von Michael Berwanger

Und, was willst du in deiner Pause machen?“ Die Mutter des Mädchens blickte kaum von ihren Papieren auf, in die sie in der letzten Stunde – oder war es länger – Anmerkungen gekritzelt hatte. Sie arbeitete weiter, denn es sollte beiläufig klingen und ihr wildes und übersensibles Kind nicht erschrecken.

„Ich geh mit meinen Freunden – den Bäumen – spielen.“ Aha!

Diese von ihr unverhoffte Tochter hatte sie oft gleichzeitig überrascht, bekümmert und erfreut – in vielen Situationen während der letzten sechs Jahre, und das vom Anbeginn der Schwangerschaft. In Anlehnung an die biblische Geschichte mit Abrahams lang ersehntem, aber nicht mehr erwarteten Sohn, nannte sie ihre Neugeborene Sarah, wobei sie natürlich die Rollen vertauscht und alles umgekehrt genommen hatte. (mehr …)