[LiSe 10/17] Kurzgeschichte: Vorsichtsmaßnahmen

Von Katharina Bendixen

I
Wenn mein Mann und ich in einem Hotel übernachten, was gelegentlich vorkommt, denn mein Mann ist Handelsvertreter, gehen wir mit unseren Koffern immer durchs Treppenhaus. Erst in der Nacht, wenn wir aus dem Restaurant zurückkehren, fahren wir mit dem Aufzug. Das machen wir so, damit wir Bescheid wissen für den Fall, dass ein Feuer ausbricht. Diese Vorsichtsmaßnahme war noch nie nötig, aber ich fühle mich so sicherer. Morgens nimmt mein Mann seine Termine wahr, und ich spaziere durch die Stadt und schaue, ob ich etwas Schönes für die Kinder finde. (mehr …)

[LiSe 10/17] Kurzgeschichte: Fremdgehen

Von Katharina Bendixen

Ich weiß, dass ich den Mann, mit dem ich die Nacht verbracht habe, nicht besitzen darf. Trotzdem bleibe ich zum Frühstück. Er hat vom Bäcker Brötchen geholt und hört nicht auf, von der letzten Nacht zu schwärmen. Von der Frau, die sonst an meiner Stelle sitzt, hat er mir schon erzählt. Sie sei nur einen Tag weggefahren, hat er gesagt, um mit ihrem Patenkind in einem Prinzessinnenbett zu übernachten. Er hat schlecht über sie gesprochen, über ihre Art, alle Probleme ihrer Freundinnen vor ihm auszubreiten. Er hat so viel von ihr erzählt, ich habe das Gefühl, ihr bereits begegnet zu sein. (mehr …)

[LiSe 09/17] Kurzgeschichte: Der Hain des Tigers

Von Simon Gerhol

Das Dorf lag hinter einem als Acker genutzten Hügel. Mit seinen hellen Palisaden schmiegte es sich zwischen zwei Waldstücke, die dicht heranreichten und an manchen Stellen ihr Grün ins Innere streckten. Das Tor bestand nur aus einem schwenkbaren Verschlag und man trat direkt ins Zentrum: Ausgebleichtes Gehölz, regennasses Grau, ein steinerner Brunnen mit gelbem Reetdach, dessen Farbe sich auf der Handvoll Dächer der umstehenden Hütten wiederholte. Vereinzelte Feuer nassen Holzes qualmten und vernebelten den Blick in die bleichen Gesichter der Dutzend Bewohner, die ihn aus tief liegenden Augenhöhlen erwartungsvoll anstarrten. (mehr …)

[LiSe 07/17] Kurzgeschichte: Facebook-Liebe

Von Michael Laube

Susi stieg wie jeden Morgen in die S-Bahn und wusste nicht, dass sich an diesem Tag ihr Leben fast verändern würde. Man weiß das nie, jederzeit kann etwas Unvorhergesehenes passieren. Die Unfall-Kliniken sind voll von Menschen, die morgens noch nicht gewusst haben, dass sie abends im Krankenhaus liegen würden.

Aber Susi war noch nicht in dem Alter, in dem man die Unfallmeldungen in der Zeitung liest und sich freut, dass man noch gesund ist. Sie war mit ihren 16 Jahren naturbedingt mehr an männlichen Wesen ähnlichen Alters interessiert. (mehr …)

[LiSe 06/17] Kurzgeschichte: Bergschnecken

Von Angela Gutschmidt

Wandertag, Treffpunkt acht Uhr im Klassenzimmer, weil: um neun Uhr zehn fährt die BOB am Hauptbahnhof weg! Fünf Minuten Fußweg zum U-Bahnhof, zwölf Minuten U-Bahnfahrt und dann noch mal fünf Minuten zu Fuß quer über den Hauptbahnhof. Bleiben schlappe achtunddreißig Minuten zwischen Treffpunkt und Zugabfahrt. Die lassen sich aber locker damit füllen, auf fehlende Schüler zu warten, die noch mal eben aufs Klo geflitzt sind, fünfunddreißig mal die Frage zu beantworten, wo es denn eigentlich hin geht und – natürlich! – die Expedition zur wenige Minuten entfernten U-Bahnhaltestelle. (mehr …)

[LiSe 05/17] Kurzgeschichte: Job Interview

Und was wollen Sie in den nächsten fünf Jahren bei uns erreichen?” Der Personalchef – er hieß Dr. Schneider –, spielte gedankenverloren mit seinem Füllfederhalter, während er mir diese Frage stellte. Die Frage aller Fragen.

Natürlich hatte ich in den Handbüchern für Bewerber geblättert und dort die Antwort auf die Frage aller Fragen gefunden: Karriere, Geld, Betriebsklima. Aber wenn ich ehrlich war, gab es nur einen Grund, warum ich mich als Marketingassistent bei diesem Touristikunternehmen beworben hatte: Ich hegte die vage Hoffnung, auf diesem Job eine Weile zu parken, bis mir eine bessere Idee kam. Das Unternehmen hatte auf mich die Anziehungskraft einer Zeitung, die seit drei Tagen im Rinnstein liegt. Mir war klar, dass ich mit dieser Motivation in den Augen meines Gegenübers den Text der Stellenanzeige nicht einmal hätte lesen dürfen; geschweige denn, mich bewerben. (mehr …)