[LiSe 03/21] Kurzgeschichte: Abschnitt/Umkreisungen

Von Fabian Widerna

Genieße die Aussichtslosigkeit. Ein Zimmer ohne Fenster und Türen ist ’ne dumme Sache. Nicht bloß, weil man sich kaum, oder auch nur mit den üblichen Mitteln erklär’n kann, dort hingelangt zu sein, ohne im unverputzten Mauerwerk, weder im Boden noch an der Decke (dank Stehleiter) auch nur den Hauch einer Ritze des Hinweises auf das Vorhandensein von Öffnungen zu finden, die von den Auftraggebern gegebener Internierung genutzt worden hätten sein können, den Auftraggeber dieser Erklärung mangels Erklärung dort hinein befördert jedes Fünkchens sonstiger Anhänglichkeit der Hoffnung auf Freiheit an ihren Träger zu berauben, wenn keine Büchse bleibt, deren Grund sie bis zum Ende noch enthielte – unter Paarung des Paradoxons seiner Anwesenheit mit der Unwahrscheinlichkeit der Situation, die sich weigert, sich traum- oder auch nur alptraumhaft (aber oder wie auch immer) zu gerieren, ataraktisch, im Grunde. (mehr …)

[LiSe 01/21] Kurzgeschichte: Vorbildlich

Von Gabriele Müller

Kinder haben ein Recht darauf, mindestens so blöd zu sein wie ihre Eltern“, sagte Maxim. Sein Vater saß neben ihm, drückte wütend auf die Hupe, als der Autofahrer vor ihm bei Gelb nicht mehr über die Kreuzung fuhr. Der Abend hatte sich doch sehr schnell dem Ende zugeneigt.

„Das Aroma der Cassisreduktion disturbiert mich“, hatte Maxim eine Stunde zuvor gesagt, als sie bei einem alten Schulfreund seines Vaters eingeladen waren. „Und der Wacholder …“

Er müsse mitkommen, hatte sein Vater insistiert. Während Maxims Mutter rechtzeitig den Menstruationsbeschwerdenjoker aus dem Ärmel gezogen hatte.

Es gab fünf Gänge. Die beiden Kinder – Maxim und die Tochter des Gastgebers – saßen mit am Tisch. Mussten. Auf Etikette wurde großen Wert gelegt. Besteck von außen nach innen. Keine Soft Drinks. Keine Kontaktaufnahme mit fremden Knien. Kein Wort über Geschäfte oder aufgespritzte Lippen, auch nichts Theologisches. Die Lautstärke des gesprochenen Wortes hatte sich der Lautstärke der Essensgeräusche anzupassen. Die Kinder durften nur reden, wenn sie dazu aufgefordert wurden. (mehr …)

[LiSe 12/20] Kurzgeschichte: Märzsonne

Von Ulrich Schäfer-Newiger

Die Märzsonne war ein schneidendes Kristall. Unter ihm standen sie am Rande des Buchenwaldes, an der dritten Buche von vorne mit dem Loch davor. Schweigende Skulptur. Er hatte das einfach entschieden, ohne jemanden zu fragen. Oder welcher Hilfsgeist hatte ihm zu Lebzeiten diese Stelle eingeflüstert – Cuniculus? Übernächster Nachbarort, Friedenswald, pflegefreies Erdgrab. Von links oben schien die Sonne. Was wollte das Gestirn? (mehr …)

[LiSe 10/20] Kurzgeschichte: BIRKEN

Von Laurie Ann Johnson
Aus dem Amerikanischen übertragen von Michael Berwanger

Und, was willst du in deiner Pause machen?“ Die Mutter des Mädchens blickte kaum von ihren Papieren auf, in die sie in der letzten Stunde – oder war es länger – Anmerkungen gekritzelt hatte. Sie arbeitete weiter, denn es sollte beiläufig klingen und ihr wildes und übersensibles Kind nicht erschrecken.

„Ich geh mit meinen Freunden – den Bäumen – spielen.“ Aha!

Diese von ihr unverhoffte Tochter hatte sie oft gleichzeitig überrascht, bekümmert und erfreut – in vielen Situationen während der letzten sechs Jahre, und das vom Anbeginn der Schwangerschaft. In Anlehnung an die biblische Geschichte mit Abrahams lang ersehntem, aber nicht mehr erwarteten Sohn, nannte sie ihre Neugeborene Sarah, wobei sie natürlich die Rollen vertauscht und alles umgekehrt genommen hatte. (mehr …)

[LiSe 07/20] Kurzgeschichte: Die Piloten

Von Paul Holzreiter

Der Himmel ist blau, die Piloten, schick in ihren orangefarbenen Overalls, Deutsche Luftwaffe, die Flieger mögen es, wenn der Himmel blau ist. Wir haben sie heraufgefahren, Hotel Lalibela, Café Lalibela, Kaffee und Kuchen in unserem schicken weißen Zelt „Café Lalibela“, Geräuschkulisse wie Freibad. Der Tisch und die Bänke sind schon mal in einem bayerischen Biergarten gestanden. Ja, sagen die schicken deutschen Piloten in den orangefarbenen Overalls und geben uns recht, klingt tatsächlich wie Freibad, aber sie haben nicht viel Zeit. Piloten haben nie viel Zeit. Wir werden sie wieder hinunterfahren zu ihrem Flugzeug, fünf Mann, eine Transall der Deutschen Luftwaffe. Ein solches Flugzeug, sagen sie uns, sei nichts, was man einfach herumstehen ließe. Aber sie wollten es mal sehen, unser Hotel Lalibela. (mehr …)

[LiSe 05/20] Kurzgeschichte: VERDIENTES GELD

Internatsszene aus Niederbayern

Von Hans-Karl Fischer

Ich stand mit Robert und Benno am Mittag neben dem Schipferl, in gewohnter Altersweisheit sprachen wir über das Wesen des Geldes.
Da ich notorisch gegen alles war, was den anderen als bedeutend galt, behauptete ich, wenn man sich in zu großem Umfang mit Geld abgebe, mache das den Menschen böse.
„Für Geld kann man alles tun“, sagte ich. „Den eigenen Staat, die Familie, die Freunde verraten, alles wird ja auch in einer Tour für Geld getan.“
Benno, bei dem es manchmal hoch hergehen musste, sagte:
„Ich weiß etwas, was niemand für Geld tut.“
„Was?“
Er spuckte auf den Boden.
„Schleck’s auf.“
„Warum?“
„Du hast gerade gesagt, für Geld kann man alles tun.“
„Ja, gut –“
„Dann tu es. Du bekommst zehn Mark.“ (mehr …)