[LiSe 01/20] Kurzgeschichte: Hose aus Gold

Von Wolf Amberg

Die Prothetik, Herr Kollege, die Prothetik bringt Ihnen natürlich ein Vielfaches. Dieser Zahn zum Beispiel, hier auf dem Foto, wenn Sie den nur füllen, rechnen Sie nette 70 oder 80 Euro ab beim Kassenpatienten und sind nach einem halben Jahr praktisch ruiniert. Wenn Sie weiter so kleckern! Mit Füllungen wie vor 20 Jahren werden Sie es niemals zu einem guten, und das heißt auch finanziell erfolgreichen Zahnarzt bringen, niemals. Denken Sie daran. Gerade hier auf dem Land, im Bayerwald. Und Sie haben sich ja nicht zufällig bei mir hier draußen beworben – hier wollen die Menschen keine Füllungen mehr, grundsätzlich keine billigen Füllungen mehr, verstanden? (mehr …)

[LiSe 12/19] Kurzgeschichte: „DERMITDEMSTEIN“

Von Isa Bellini

Immer wieder wurde er gefragt, wieso er einen Granitquader mit sich herumschleppe und irgendwann fragte ihn auch niemand mehr, weil er eben der war mit dem Stein. Grob behauen war der und kantig, zu groß um ihn mit einer Hand zu umschließen.

Nur noch wenige erinnerten sich daran, dass er gesagt hatte, dass ihm Xaver gesagt hatte, dass es gut wäre so einen Stein bei sich zu haben, für alle Fälle und auf Xaver war Verlass, der wusste immer was Sache war. (mehr …)

[LiSe 10/19] Kurzgeschichte: Willi, das Chamäleon

Von Paul Holzreiter

Der Kies knirscht, die Sonne blinzelt durch die Kastanien, der Willi, eben noch vor mir auf den Biertisch hingelümmelt, kriegt auf einmal einen weiten Blick. Er rappelt sich hoch, richtet sich hinter seiner Maß auf: „Ich bin ein Chamäleon.“

Ein Chamäleon? Der Willi? Wie kommt er denn da drauf? „Kack“, sage ich, „kack, bist du ein Chamäleon. Du bist der Willi!“

„Willi, das Chamäleon“, sagt der Willi. Er hebt seine Maß und will mit mir darauf anstoßen, dass er es zum Chamäleon gebracht hat. (mehr …)

[LiSe 09/19] Kurzgeschichte: Im unheiligen Ehestand

Von Beate Klepper

Stand Lichtenberg am Fenster, um nach der Jacobi-Uhr oder dem Wetter zu sehen, war dies stets mit einer Art von Vorsicht verbunden. Eine Vorsicht, die sich in seiner immer dem Zimmer zugewandten Schulter zeigte, jederzeit bereit, zurückzuweichen. Tatsächlich ging er oft, wenn ein Bekannter vorbeiging, vom Fenster weg.

»Nicht sowohl um ihm die Mühe einer Verbeugung, als vielmehr mir die Verlegenheit zu ersparen zu sehen, dass er mir keine macht.«

Maria lächelte zwar über diese Bemerkung, doch ließ etwas in ihr nicht locker, das ihr sagte, er mochte schlicht und einfach nicht gesehen werden. Die »Verlegenheit« der versäumten Ehrerbietung eines Bekannten zählte Maria zu den kleineren Übeln, über die Lichtenberg hinwegsehen konnte. Das, was sie an vielen kleinen Zurückhaltungen und Empfindlichkeiten, besonders während und nach seiner Krankheit, an ihm erspähte, nahm zu. Zweifellos, so war es. Seine Art, engere Bekannte höflich aber bestimmt, den Busenfreund Dieterich auch unverblümt hinauszukomplimentieren, war deutlich. (mehr …)

[LiSe 07/19] Kurzgeschichte: Der Papagei

Von Helmut Michael Schmid

Es ist ein außergewöhnliches Tier“, sagte der Zoohändler und deutete auf einen grün-gelb gefiederten Papagei. „Außergewöhnlich intelligent und außergewöhnlich sprachbegabt. Sie werden Ihre Freude mit ihm haben.“

Ich hatte eigentlich vorgehabt, einen Hamster zu kaufen, aber der Verkäufer hatte mich mit penetranter Beharrlichkeit davon abgebracht. „Was kann Ihnen denn ein Hamster bieten? Rennt den ganzen Tag im Laufrad und scheißt den Käfig voll. Dieses Prachtexemplar“ – er deutete wieder auf den Papagei – „bietet Ihnen etwas ganz anderes: Geselligkeit, Kommunikation. Wer redet denn heute noch mit einem? Da ist ein sprachbegabter Papagei genau das Richtige.“

Der Papagei machte einen gepflegten Eindruck. Die Federn glänzten und die Krallen sahen gesund aus. Mit seinen dunklen Knopfaugen betrachtete er mich als wolle er ausloten, ob ich für ihn ein adäquater Gesprächspartner sein könnte. „Und außerdem“, begann der Verkäufer wieder, „haben Sie einen Partner fürs Leben. Diese Spezies wird bis zu 80 Jahre alt.“  (mehr …)

[LiSe 06/19] Kurzgeschichte: Neuware

Von Sven Heuchert

Ludwig Bürling hatte das Paar schon eine ganze Weile beobachtet. Anfangs waren sie durch die Abteilung mit den Kinderwagen geschlendert. Er schätzte sie auf Ende zwanzig. Sie redeten nicht viel miteinander, warfen sich hin und wieder Blicke zu. Schließlich blieben sie vor einem der Betten stehen. In all den Jahren hatte Bürling gelernt, nichts zu überstürzen. Also tat er so, als notiere er etwas in seine Kladde. Er wartete ab, bis der Mann sich bückte, um nach dem Preisanhänger zu suchen. Dann steckte er den Kugelschreiber in die Hemdtasche und ging zu ihnen. (mehr …)