[LiSe 10/20] WAS MIT SPRACHE

Keine Frankfurter Buchmesse?
Ein Dichter dichtet einfach weiter …

Von Katrin Diehl

Uwe-Michael Gutzschhahn ist breit aufgestellt. Der 68-Jährige, der in Dortmund aufgewachsen ist, in Bochum Germanistik und Anglistik studiert, anschließend über Christoph Meckel promoviert hat, ist – so lässt sich das eindeutig sagen – als Autor, Dichter, Übersetzer, Herausgeber, Lektor … in Sachen „Sprache“ unterwegs. Sie steht im Mittelpunkt seiner Lebenswelt und das beinahe ohne Unterlass. Das klingt anstrengend, wären da nicht heitere Passion und unbändige Faszination mit im Boot, die sich dem offenbaren, der sich längst mit leichten Schwingen über die Ebene nüchterner Kommunikationsmodelle erhoben, die reine Funktionalität der Sprache als Fakt registriert und einfach abgehakt hat. „Wenn man bedenkt, dass man nur mit der Sprache das Gegenteil der Realität denken und ausdrücken kann …“, sagt Gutzschhahn. Auf das „Dann“, das da eigentlich noch folgen müsste, verzichtet er vielsagend. Gibt sich und seinem Gegenüber Zeit zum Staunen. (mehr …)

[LiSe 09/20] Der nahe Nachbar

Böhmische Spuren in München

Von Katrin Diehl

Es ist reiner Zufall. Im Februar 1897 bezog der Dichter Rainer Maria Rilke in der Blütenstraße 8 sein neues Zuhause. Für den 22-jährigen Studenten der Kunstgeschichte war das bereits – nach der Brienner Straße 48 – die zweite Adresse in der königlichen Residenzstadt. Jetzt also Schwabing, und das Haus, in dem er untergekommen war, konnte sich ja durchaus auch sehen lassen: ein Eckgebäude mit Erkern, die sich über einem stattlichen Eingang von Stockwerk zu Stockwerk zu einem Turm formierten, den ganz oben ein spitzes Dach krönte, was alles ganz und gar den Architekturmoden des zu der Zeit recht beliebten Historismus entsprach. Nicht weit von Rilke entfernt wohnte, in der Schellingstraße, die Dichterin Lou Andreas-Salomé, in die sich Rilke verliebte und mit der er dann auch Ende des Jahres nach Wolfratshausen zog.
Ein Brief, den er im Mai 1897, gerichtet an die „Gnädigste Frau“, in der Blütenstraße 8 verfasst hat, zeugt von dieser Liaison. Er lässt sich heute – für Sütterlin-Kundige – auf einer Erinnerungstafel, die sich im Treppenhaus des Gebäudes Blütenstraße 8 befindet, nachlesen. Von außen erinnert nichts mehr ans gutbürgerliche Stadtgebäude aus Rilkes Zeiten. Das ist, wie so vieles, im Zweiten Weltkrieg zerstört worden. (mehr …)

[LiSe 07/20] „Democracy will win!“

Thomas Mann und die Politik – eine Ausstellung zur aktuellen Demokratie-Debatte im Münchner Literaturhaus.

Von Katrina Behrend Lesch

1938 konstatierte Thomas Mann, „(d)ass Demokratie heute kein gesichertes Gut, dass sie angefeindet, von innen und außen schwer bedroht, dass sie wieder zum Problem geworden ist.“ Heute haben seine Worte bestürzende Realität gewonnen, nach 75 Jahren Frieden und Freiheit, in einer Gesellschaft, in der Kräfte erneut an unseren demokratischen Grundwerten rütteln wollen. Diese Debatte um die Demokratie der Gegenwart hat das Literaturhaus aufgegriffen und sie am Beispiel Thomas Manns und seiner durchaus verschlungenen Entwicklung zu einem politischen Menschen in einer trefflichen Ausstellung veranschaulicht. Die Idee dazu kam der Leiterin Tanja Graf nach der Lektüre des jüngsten Werks „Das Weiße Haus des Exils“ von Frido Mann. Der heute in München lebende Enkel Thomas Manns erinnert sich darin an das kalifornische Haus seines Großvaters, das von der Bundesrepublik gekauft und 2018 als transatlantische Begegnungsstätte eröffnet wurde. In dem Buch (übrigens auch in einem Film, der in der Ausstellung gezeigt wird) wandert Frido Mann von Zimmer zu Zimmer, beschreibt die Zeit, die er dort als Kind verbracht hat, und verschränkt seine Erinnerungen mit den damaligen Ereignissen und den Reaktionen seiner Familie darauf, sie gleichzeitig in Beziehung zur heutigen Demokratie-Debatte setzend. (mehr …)

[LiSe 06/20] Fragen an Michael Ott

Michael Ott ist Teamleiter der Abteilung 1 – Darstellende Kunst, Literatur, Film, Wissenschaft und Preise im Kulturreferat der Landeshauptstadt München.

LiteraturSeiten München (LSM): Sie sind im Kulturreferat der Stadt München u. a. für die Literaturförderung zuständig, welche Bereiche genau umfasst diese Förderung?

Michael Ott: Wir unterstützen zum einen Institutionen wie das Literaturhaus, die Internationale Jugendbibliothek oder das Lyrik Kabinett mit Zuschüssen; auch das Münchner Literaturfest gehört hierzu. Zum zweiten gibt es viele einzelne Veranstaltungen, Reihen, poetry slams oder kleinere Festivals, die wir durch Kooperationsbeiträge fördern und oft erst ermöglichen. Und schließlich unterstützen wir Autor*innen mit Preisen und Stipendien – vom Münchner Literaturpreis über die Arbeitsstipendien bis zum Hoferichter- oder Tukanpreis; hier organisieren wir Jurys und Preisverleihungen. In engem Austausch sind wir auch mit der Stadtbibliothek und der Münchner Volkshochschule, die aber eigenständige Institutionen mit eigenem Veranstaltungsprogramm sind. (mehr …)

[LiSe 05/20] Villa Waldberta: Ein Refugium für die Künstlerseele

Dr. Martin Rohmer leitet das internationale Residenzprogramm der Stadt München.
Die LiteraturSeiten haben ihn befragt.

LiteraturSeiten München (LSM): Die Villa Waldberta ist das Residenzhaus der Stadt München für internationale Stipendiatinnen und Stipendiaten, gelegen ist die Villa aber am Starnberger See, in Feldafing. Wie ist es dazu gekommen?

Dr. Martin Rohmer: Die Villa Waldberta wurde Anfang des 20. Jahrhunderts gebaut und hat eine wechselvolle Geschichte, schön aufbereitet in Tobias Mahls Buch „Kosmopolitentreff und Künstlerhaus. Die Villa Waldberta als Spiegel des 20. Jahrhunderts“. Die Villa stand auch in Privatbesitz schon immer für Kunst, Kultur und Begegnung. Die letzte Eigentümerin der Villa, Bertha Koempel, stiftete das Anwesen der Landeshauptstadt München, und seit 1983 ist hier das Artist-in-Residence-Programm derStadt angesiedelt. Internationale Gastkünstler*innen wohnen auf Zeit, arbeiten und präsentieren sich selbst und ihre Arbeit der Öffentlichkeit. (mehr …)

[LiSe 04/20] Einblicke „under cover“

Das Münchner Übersetzer-Forum

Von Stefanie Bürgers

Ein Großteil der Weltliteratur liegt uns kurz nach Erscheinen fremdsprachiger Ausgaben in deutscher Sprache vor. Diese für uns so selbstverständliche Annehmlichkeit verdanken wir der Übersetzung. 

“Becoming“ von Michelle Obama wurde von einem sechsköpfigen Team binnen einer Frist von nur zwei Wochen aus dem Amerikanischen ins Deutsche übertragen. Alle Fassungen weltweit sollten gleichzeitig erscheinen. Autor und Titel zieren das Cover. Wer übersetzt hat, findet sich auf dem Innentitel. Nur wenige Verlage präsentieren dies auf Cover oder Rückendeckel. (mehr …)