[LiSe 12/19] Das Lyrik Kabinett feiert 30. Geburtstag

–  und sich selbst mit einer Gedichtanthologie

Von Slávka Rude-Porubská

Einer voll und ganz der Lyrik gewidmeten Institution nähert man sich am besten metaphorisch an: Die slowakische Poetin Mila Haugová vergleicht das lyrische Schaffen mit der Arbeit an einem Garten. Wie im Garten nämlich die Natur einem zähmenden Prinzip zu gehorchen hat und sich ihm gleichzeitig ständig zu entziehen versucht, so oszilliert die Lyrik zwischen dem ordnenden Prinzip der formalen Geschlossenheit und der Mehrdeutigkeit von Sinn- und Bildebenen, offener Bezüglichkeit – zu anderen dichterischen „Gärten“, Poetiken, Sprachregistern. In diesem Spannungsfeld von Beständigkeit und Wandel(barkeit) agiert äußerst erfolgreich auch das Münchner Lyrik Kabinett. 1989 als ein von Ursula Haeusgen auf Lyrik spezialisierter Buchladen gegründet, nach fünf Jahren zu einem Verein und 2003 zu einer gemeinnützigen Stiftung umgewandelt, verfolgt es konstant das Ziel, die Kenntnis und das Verständnis von Lyrik in der Gesellschaft zu fördern. Der 2005 in der Amalienstraße errichtete Glasbau, das Ergebnis des Gestaltungswillens, des mäzenatischen Muts und Netzwerktalents der Stiftungsgründerin, ist zum international anerkannten, „festen Ort für Poesie aller Sprachen und Zeiten“ geworden. Haeusgen hat LyrikliebhaberInnen in einem Freundeskreis mit mehr als 320 Mitgliedern organisiert und aktive MitstreiterInnen unter Verlags- und Medienleuten, WissenschaftlerInnen und ÜbersetzerInnen gewonnen, darunter Michael Krüger, Frieder von Ammon, Tobias Döring, Àxel Sanjosé, Kristina Maidt-Zinke, Verena Nolte oder Antonio Pellegrini. (mehr …)

[LiSe 11/19] Literatur im Bahnwärter Thiel

Eine unendliche Geschichte auf dem falschen Gleis – Nachlese

Von Stefanie Bürgers

Das „Bahnwärter Thiel“ ist vor allem bekannt als angesagter Techno Club. Er liegt in Tatortatmosphäre auf einer der letzten Brachen Münchens in der Nähe der Bahnunterführungen am Schlachthof. Der Zugang in der Tumblinger Straße führt durch einen Torweg an Mauern entlang und unter Containern hindurch, überfrachtet mit Graffiti. Hier geht man nur mit direktem Vorsatz unbeirrt weiter.  An Literatur kein Gedanke und bis zuletzt der Zweifel, richtig zu sein. Kurz vor Entdecken des Zugangs wird man begrüßt von einem kaum zu erkennenden Motorboot, einem ausrangierten U-Bahnwaggon und einer nostalgischen Fotokabine. Das Konvolut an Containern wird auf vielfältige Weise genutzt. Konvolut, so heißt auch das Team, das dort 2019 jeweils am ersten Dienstagabend eines Monats „urbane Narrationen in Schizophonie“ bietet. Katharina Neudorfer, Kilian Kemmer, Erik Weingarten und Marco Böhlandt treten seit 2016 immer wieder mit neuartigen Synthesen aus Text und Instrumentalmusik auf. (mehr …)

[LiSe 10/19] Spanien im Herzen

Literatur im spanischen Kulturinstitut – das Instituto Cervantes

Von Bernd Zabel

Die Lage könnte besser nicht sein, zwischen Staatsoper, Akademie der Wissenschaften und Max-Planck-Institut, ein Filetstück in bester Innenstadtlage. Benannt nach dem wohl bekanntesten spanischen Autor, Miguel Cervantes, bietet das spanische Kulturinstitut nicht nur eine Bibliothek, hochwertige Sprachkurse auf allen Niveaus, sondern auch ein vielfältiges Kulturprogramm.

Literatur spielt dabei eine besondere Rolle. Von der klassischen Lesung über Workshops bis hin zu Ausstellungen reichen die Angebote. Darüber hinaus bietet das Haus über seine Kulturveranstaltungen eine Fülle von Möglichkeiten zur Begegnung mit Spanien und Lateinamerika. Sprachbarrieren sind nicht zu fürchten, die literarischen Events laufen in der Regel zweisprachig. Die nach dem paraguayischen Autor Augusto Rua Bastos benannte Bibliothek umfasst 30.000 ausgesuchte und ständig aktualisierte Medien. Zwar wurde ein Spanisches Kulturinstitut im Januar 1956 in München gegründet, doch erst mit dem Ausbau der Präsenzen Ende der 90er Jahre entfaltete das Haus, nun unter dem Namen „Instituto Cervantes“, das volle Spektrum seiner Arbeit. Davon profitierte besonders das literarische Programm, es spiegelt die Vielfalt des Landes wider: nicht nur spanische, sondern auch baskische, galicische und katalanische Stimmen sind zu vernehmen. Und wo gibt es das sonst in München? Lesungen von Autor*innen aus Mexiko oder Ecuador, aus Guinea und Kuba, aus Peru und Argentinien. Sie werden in der Regel zusammen mit ihren deutschen Verlagen präsentiert. Im Rahmen einer „Tournee durch Bayern“ findet alljährlich eine „Dichterreise – Viaje poético“ mit Übersetzerworkshops und öffentlichen Lesungen statt, die spanische Lyriker*innen an die Universitäten in Augsburg, Nürnberg-Erlangen, Regensburg und München führen. (mehr …)

[LiSe 09/19] Ein Bücherschloss für Kinder

Die Internationale Jugendbibliothek in der Blutenburg feiert ihren 70. Geburtstag

Von Katrin Diehl

Es klingt wie im Märchen: Bücher, die von anderen Welten erzählen, Kinder, die behütet in einem verwunschenen Schloss ihre Köpfe in diese Bücher stecken, schauen und lesen, jedes in seinem Tempo, die interessiert sind an allem, was anders und fremd ist, immer mehr lesen und immer schlauer werden, die, wenn sie erwachsen sind, die Welt zu einer besseren machen, einer also ohne Krieg. (mehr …)

[LiSe 07/19] Elefantenhaut und Hirnhäuslein

„Pluriversum“, die neue Ausstellung im Literaturhaus, ist dem Autor und Filmemacher Alexander Kluge gewidmet.

Von Katrina Behrend Lesch

Auf dem Lampenschirm sind Soldaten mit nackten Hintern abgebildet. Die „Grenadiere im Regen“, eine Hommage an Stanley Kubricks gescheiterten Napoleonfilm, wurden von Thomas Thiede gemalt. Für den Freund Alexander Kluge, der den Film aus dem nachgelassenen Material vollenden wollte, was wiederum am Tod von Helmut Dietl scheiterte. Daneben läuft der Minutenfilm „Der verhüllte Marx“, von einem venezianischen Künstler als Apoll geschaffen – „Er war ja auch einmal jung“. Gleichzeitig die Dokumentation von 1969 „Ein Arzt aus Halberstadt“, Besuch meines Vaters in München – „Mein Vater hat kein Gewicht im Vergleich zu Karl Marx, aber ich liebe ihn“. Hinzugefügt sind Stefan Moses’ Triptychen von der Verhüllung des Marx-Engels-Denkmals kurz nach der Wende in Ostberlin. „Derart unterschiedlich gewichtete Dinge lassen sich nur in einer Ausstellung miteinander verknüpfen“, sagt Alexander Kluge, während er durch sein „Pluriversum“ im Literaturhaus führt. (mehr …)

[LiSe 06/19] Muße zum wirklichen Leben

Henry David Thoreau suchte sie in der Natur. Er gilt als der Säulenheilige des amerikanischen Nature Writing.

Von Katrina Behrend Lesch

Muße zum wirklichen Leben“ wollte der Lehrer und Landvermesser Henry David Thoreau finden, als er sich 1845 am Waldensee in einer selbstgezimmerten Blockhütte für zweieinhalb Jahre in die Natur zurückzog. Fern von allem Komfort seiner Zeit, so dicht wie möglich am Naturgeschehen, das war das Ziel seines Experiments. Dass er damit zu einem Idol für ein Heer von Aussteigern wurde hätte ihn wahrscheinlich am meisten erstaunt. Zumal die wenigsten bei ihrer Suche nach der „wilden, unberührten Natur“ im Sinn hatten, worum es ihm ging. „Es kam auf das genaue Beobachten, Horchen, Fühlen, Schmecken an, auf das Registrieren und Vermessen, auch auf die Selbstbeobachtung und Selbsterkundung…“, so formuliert es Ludwig Fischer in seinem bei Matthes & Seitz erschienenen Buch „Natur im Sinn“. Fischer, von Haus aus Biologe und Philologe, widmet sich darin ausführlich dem Nature Writing, einer Literaturgattung, die sich in England und Amerika großer Beliebtheit erfreut, in Deutschland hingegen ein Nischendasein fristet. Das drückt sich schon im Namen aus, der sich nur höchst ungelenk ins Deutsche übersetzen lässt. Die Bücher, die sich neuerdings auf dem deutschen Buchmarkt zu Bestsellererfolgen aufschwingen, stammen zumeist aus dem angelsächsischen Sprachraum.  (mehr …)