[LiSe 07/18] Kunst ist Leben – Leben ist Kunst

70 Jahre Münchner Seerosenkreis

Von Stefanie Bürgers

Es ist Nacht. Warmes Licht strömt aus hell erleuchteten Fenstern und Künstler-Ateliers. Eine Atmosphäre voller Poesie. Friedvolle Symbiose von Mensch, Zeit und Raum. So haben sich der Dichter Peter Paul Althaus und der Maler Hermann Geiseler kurz nach dem Krieg die Traumstadt vorgestellt und erschaffen.

Versetzen wir uns in das Jahr 1948, zerstörtes München, Hungerwinter, Währungsreform. Allem zum Trotz trifft sich ein Kreis von Künstlern im Wirtshaus Seerose in Altschwabing, nahe Wedekindplatz. Sie möchten die alten Künstlergemeinschaften wieder zum Leben erwecken. Diese Treffen der „Zurückgebliebenen“, wie sie sich anfangs betitelten, wurden später zum Seerosenkreis, benannt nach dem Tagungsort. Ein Gründungstag lässt sich nicht mehr rekonstruieren. Das passt zu dieser Gruppe, die offen und durchlässig sich überschneidende Kreise einbezieht, Dichter wie Peter Paul Althaus (von den Freunden nur PPA genannt), bildende Künstler wie Hermann Geiseler und Oswald Malura, Schauspieler wie Gustl Weigert oder den Regisseur Karl Theodor Langen. Eine feste Organisationsform gibt es nicht, keine Mitgliederliste, keine Satzung. Geselligkeit, Zwanglosigkeit, kein „Festgelegtsein“ sind Selbstverständnis. Und so kam auch Gustl Weigert, der nur ums Eck wohnte, stets in Filzpantoffeln zum Stammtisch.  (mehr …)

[LiSe 06/18] Zehn Umzugskisten voller Romane

Der Friedrich-Glauser-Preis 2018 geht an Jutta Profijt /
Aus der Arbeit eines Jury-Mitglieds

Von Antonie Magen

5. Mai 2018: Das neue Theater in Halle ist gut gefüllt. Ca. 500 Gäste haben sich zur Criminale 2018 versammelt, um der Verleihung des Friedrich-Glauser-Preises beizuwohnen. Er erinnert an den Schweizer Autor, der mit der Figur des Wachtmeisters Studer einen der ersten Serienhelden der deutschsprachigen Kriminalliteratur schuf. – Neben dem Deutschen Krimipreis ist der „Glauser“ der wohl wichtigste Preis für Kriminalliteratur im deutschsprachigen Raum. Vielleicht ist er sogar etwas begehrter, denn er wird vom „Syndikat“ vergeben, der Autorengruppe deutschsprachiger Kriminalliteratur, und ist damit ein Preis von Autoren für Autoren. Im Gegensatz zum Deutschen Krimipreis ist er außerdem dotiert. – Kein Wunder, dass die Nominierten ein bisschen nervös auf den Ausgang des Abends warten. (mehr …)

[LiSe 05/18] Jeder Raum ein Naturgedicht

„Ins Blaue!“ führt die neue Ausstellung im Literaturhaus über Natur in der Literatur

Von Katrina Behrend Lesch

Die Farbe ist es, die den Ton angibt. Hören Sie selbst! Ab ins Grüne, das klingt nach Wald, Wiese, Heide, nach einem Ziel mit Namen. Ins Blaue hingegen verheißt Weite, das Grenzenlose, die Suche nach der blauen Blume, das Symbol für Sehnsucht und Liebe in der Romantik. Ins Blaue, da sind wir Taugenichts, der in die Welt hinauszieht mit nichts als seiner Geige und ein paar Groschen. „Hinter der Nebelwand im Gehirn gibt es noch andere Gegenden, die blauer sind, als du denkst“, schreibt Hans Magnus Enzensberger. Diesen Gedanken haben die Macherinnen der Ausstellung aufgegriffen, als sie das ungeheuer weite Feld von 2.500 Jahren Literaturgeschichte der Natur zu fassen suchten.

Natur in der Literatur ist anders als die, die uns umgibt. Sie ist erfunden, künstlerisch gestaltet, poetisiert. „Als ihr ewiger Wider- und Gegenstand geistert die Natur durch das Form-, Wort-, Klang- und Bildmaterial der Literatur“, sagt Kuratorin Heike Gfrereis. In  Zusammenarbeit mit Projektleiterin Karolina Kühn hat sie sich für das Spielerische, absichtlich Befremdliche entschieden. Und die Tür für eine Fülle von Assoziationen und poetischen Möglichkeiten aufgestoßen. (mehr …)

[LiSe 04/18] Auf dem Weg – immer noch

Evas Töchter – Münchner Schriftstellerinnen und die moderne Frauenbewegung /Ausstellung in der Monacensia 

Von Stefanie Bürgers

München um 1900, bayerische Residenzstadt, wird zu einer der bedeutendsten Kunst- und Kulturstädte Europas, zum Zentrum der Schwabinger Bohème – und einer noch jungen Frauenbewegung, die in der Folge großen Einfluss auf das Bürgertum in ganz Bayern gewinnt. Seit 1894 ist München von der modernen Frauenbewegung bestimmt, die für ein neues Frauenbild, das Recht auf Bildung, Selbstbestimmung und Erwerbstätigkeit der Frau eintritt. Die Stadt ist geprägt von Frauen wie Anita Augspurg, Sophia Goudstikker, Ika Freudenberg, Emma Merk, Marie Haushofer, Carry Brachvogel, Helene Böhlau, Emmy von Egidy und vielen anderen. Betritt man die Monacensia-Ausstellung, blicken einen diese Damen aus lebensgroßen Fotografien direkt und herausfordernd an.  (mehr …)

[LiSe 03/18] Politisch und provokant

Politisch und provokant
1968, vor 50 Jahren, wurde Rainer Werner Fassbinders ganz besondere Art der Schauspielkunst geboren

Von Ursula Sautmann

Rainer Werner Fassbinders Filme sind berühmt. Seine einschlägigen und praktischen Erfahrungen mit Bühne und Schauspiel, mit Buch, Regie und Inszenierung, begannen aber im Theater. Hier legte er die Grundlagen für seinen eigenen Stil. Im August 1967 stieß Fassbinder zum Action-Theater, einem Off-Theater mit gut 50 Plätzen in der Müllerstraße. Dort saß er täglich im Zuschauerraum, unübersehbar. Ein Ensemblemitglied brach sich den Arm, Fassbinder bekam die Rolle. Wenig später wurde er Mit-Regisseur bei Büchners „Leonce und Lena“ und inszenierte schließlich im Dezember „Die Verbrecher“ von Ferdinand Bruckner. Die Süddeutsche Zeitung bezeichnete das Theater am 21. Dezember als „eine der lebendigsten unter den zahlreichen Münchner Privatbühnen“.  (mehr …)

[LiSe 03/18] Dichter-Denkmäler in München (Folge 5)

Seiner Zeit weit voraus
Frank Wedekind und sein Brunnen / Todestag vor hundert Jahren

Von Stefanie Bürgers

Eine Bank unter lauschigen Bäumen im Halbrund nahe dem Brunnen. Das liebliche Lächeln der von Ferdinand Filler geschaffenen Brunnennymphe am Wedekindplatz in Schwabing lädt zum Verweilen. Von der abgründigen Tiefe, in die sie einen locken kann, ahnt man auf den ersten Blick nichts. Die sinnend an die Stirn gelegte Hand und die Schriftrolle weisen auf den Schriftsteller, die Lyra auf den Liedersänger, die Maske auf den Schauspieler Frank Wedekind. Artige Anerkennung eines viele Jahre abgelehnten Dichters. Die Deutung der Skulptur von 1959 meidet den Aufruhr, den Wedekind mit seinen Werken stets verursacht hat. Anatol Regnier, Enkel Wedekinds, damals 14 Jahre alt, erinnert sich an die Einweihungsfeier: Tribünen, der Theaterwissenschaftler Artur Kutscher war da, sogar das Fernsehen. Seine Mutter Pamela, die Tochter Wedekinds hat Wedekind-Lieder gesungen. (mehr …)