[LiSe 07/19] Elefantenhaut und Hirnhäuslein

„Pluriversum“, die neue Ausstellung im Literaturhaus, ist dem Autor und Filmemacher Alexander Kluge gewidmet.

Von Katrina Behrend Lesch

Auf dem Lampenschirm sind Soldaten mit nackten Hintern abgebildet. Die „Grenadiere im Regen“, eine Hommage an Stanley Kubricks gescheiterten Napoleonfilm, wurden von Thomas Thiede gemalt. Für den Freund Alexander Kluge, der den Film aus dem nachgelassenen Material vollenden wollte, was wiederum am Tod von Helmut Dietl scheiterte. Daneben läuft der Minutenfilm „Der verhüllte Marx“, von einem venezianischen Künstler als Apoll geschaffen – „Er war ja auch einmal jung“. Gleichzeitig die Dokumentation von 1969 „Ein Arzt aus Halberstadt“, Besuch meines Vaters in München – „Mein Vater hat kein Gewicht im Vergleich zu Karl Marx, aber ich liebe ihn“. Hinzugefügt sind Stefan Moses’ Triptychen von der Verhüllung des Marx-Engels-Denkmals kurz nach der Wende in Ostberlin. „Derart unterschiedlich gewichtete Dinge lassen sich nur in einer Ausstellung miteinander verknüpfen“, sagt Alexander Kluge, während er durch sein „Pluriversum“ im Literaturhaus führt. (mehr …)

[LiSe 06/19] Muße zum wirklichen Leben

Henry David Thoreau suchte sie in der Natur. Er gilt als der Säulenheilige des amerikanischen Nature Writing.

Von Katrina Behrend Lesch

Muße zum wirklichen Leben“ wollte der Lehrer und Landvermesser Henry David Thoreau finden, als er sich 1845 am Waldensee in einer selbstgezimmerten Blockhütte für zweieinhalb Jahre in die Natur zurückzog. Fern von allem Komfort seiner Zeit, so dicht wie möglich am Naturgeschehen, das war das Ziel seines Experiments. Dass er damit zu einem Idol für ein Heer von Aussteigern wurde hätte ihn wahrscheinlich am meisten erstaunt. Zumal die wenigsten bei ihrer Suche nach der „wilden, unberührten Natur“ im Sinn hatten, worum es ihm ging. „Es kam auf das genaue Beobachten, Horchen, Fühlen, Schmecken an, auf das Registrieren und Vermessen, auch auf die Selbstbeobachtung und Selbsterkundung…“, so formuliert es Ludwig Fischer in seinem bei Matthes & Seitz erschienenen Buch „Natur im Sinn“. Fischer, von Haus aus Biologe und Philologe, widmet sich darin ausführlich dem Nature Writing, einer Literaturgattung, die sich in England und Amerika großer Beliebtheit erfreut, in Deutschland hingegen ein Nischendasein fristet. Das drückt sich schon im Namen aus, der sich nur höchst ungelenk ins Deutsche übersetzen lässt. Die Bücher, die sich neuerdings auf dem deutschen Buchmarkt zu Bestsellererfolgen aufschwingen, stammen zumeist aus dem angelsächsischen Sprachraum.  (mehr …)

[LiSe 05/19] „Manege frei“ für Hitler

Vor hundert Jahren eröffnete Circus Krone nicht nur mit Menschen Tieren Sensationen, sondern auch mit Großkundgebungen von Adolf Hitler.

Von Ina Kuegler

Hundert Jahre hält diese Verbindung nun schon, hundert Jahre Circus Krone und München. Am 10. Mai 1919 wurde auf dem Marsfeld der Circus-Krone-Bau eröffnet, mit der Araber-Stute Puppchen und mit Assam, dem einzigen Elefanten, der auf den Hinterbeinen durch die Manege laufen konnte. Zuvor war der Circus jahrzehntelang mit Wagen, Sonderzügen und Zelten durch ganz Europa getourt, jetzt gab es einen Festbau, einen 4.000 Zuschauer umfassenden runden Saal, der als Versammlungsort auch in die (Literatur)Geschichte einging. Hier gastierten 1966 nicht nur die „Beatles“, hier hatte Adolf Hitler seine ersten großen Kundgebungen. (mehr …)

[LiSe 04/19] Steinige Wege

Verfolgt, vertrieben, ihrer Sprache enteignet – wie es Autorinnen und Autoren im Exil ergeht

Von Bernd Zabel

Gestern noch in der Öffentlichkeit, am nächsten Tag im Versteck, dann die Verhaftung oder heimliche Flucht gegen hohe Schmiergeldzahlung. So erging und ergeht es zahlreichen Autor*innen weltweit. Viele, denen die Flucht gelang, landeten in Deutschland. Einige wenige erheben hier ihre Stimme und werden gehört, aber die Mehrzahl bleibt stumm, denn sie haben Familie und Angehörige zurücklassen müssen und die Regime halten sich mit Sanktionen und Schikanen schadlos. Daher die verbreitete Angst, nicht nur bei türkischen oder iranischen Flüchtlingen. Jedes Fluchtschicksal ist eben ein besonderes. Es macht einen großen Unterschied, ob er/sie hier eine Gemeinschaft von Landsleuten vorfindet, ob der Arm der Verfolger, der Geheimdienste, bis ins Gastland reicht und wie schwer die Traumatisierung durch Flucht, Verfolgung, Haft und Folter auf der Seele lastet. (mehr …)

[LiSe 03/19] Ein offenes Haus für junges Publikum

1926 als Kino erbaut, nach dem Krieg kurzzeitig Operettenbühne, Ende der 60er die Disko „Blow up“, seit 1977 Spielstätte des Theaters der Jugend, ist die SCHAUBURG heute ein offenes Haus, in dem ein junges Publikum Theater in vielfältigen Formen erlebt.

Von Stefanie Bürgers

Eine Burg, trutzig, gar verstaubt? Keineswegs. „Mit jeder Inszenierung suchen wir, der Komplexität, der Lebensrealität unseres Publikums gerecht zu werden“, so Dramaturgin Anne Richter. Während es in der Kleinen Burg unmittelbare Theaterbegegnungen für die jüngsten Zuschauer gibt, wie z.B. Holperdiestolper (Ensembleproduktion), Peter und der Wolf (von Thomas Holländer und Markus Reyhani, nach Prokofiew), bietet die Große Burg mit ihrer räumlichen Mobilität eine ideale Spielstätte für immer andere, neue Sitz- und Sehweisen. Das war nicht immer so. (mehr …)

[LiSe 02/19] Dichternachlässe – ein kulturelles Erbe

Über das Sammeln und Verwahren von literarischen Nachlässen 

Von Christine Erfurth

Briefe, Tagebücher und Manuskripte – einzigartige, authentische Schriftstücke bilden den Nachlass von Schriftstellern. Vor knapp 200 Jahren schrieb Johann Wolfgang von Goethe in seinem Aufsatz „Archiv des Dichters und Schriftstellers“, dass seit dem Sommer 1822 „nicht allein Gedrucktes und Ungedrucktes, Gesammeltes und Zerstreutes vollkommen geordnet beisammen steht, sondern auch die Tagebücher, eingegangene und abgesendete Briefe in einem Archiv beschlossen sind“. Mit seinen Gedanken, der akribischen Organisation seiner Werkausgabe und seines Nachlassarchivs prägt er bis heute unsere Vorstellung vom Schriftstellernachlass als kulturelles Erbe. Die LiteraturSeiten München wollen in einer neuen Serie literarische Nachlässe vorstellen, die in enger Verbindung mit München und Bayern stehen.  (mehr …)