[LiSe 04/20] Einblicke „under cover“

Das Münchner Übersetzer-Forum

Von Stefanie Bürgers

Ein Großteil der Weltliteratur liegt uns kurz nach Erscheinen fremdsprachiger Ausgaben in deutscher Sprache vor. Diese für uns so selbstverständliche Annehmlichkeit verdanken wir der Übersetzung. 

“Becoming“ von Michelle Obama wurde von einem sechsköpfigen Team binnen einer Frist von nur zwei Wochen aus dem Amerikanischen ins Deutsche übertragen. Alle Fassungen weltweit sollten gleichzeitig erscheinen. Autor und Titel zieren das Cover. Wer übersetzt hat, findet sich auf dem Innentitel. Nur wenige Verlage präsentieren dies auf Cover oder Rückendeckel. (mehr …)

[LiSe 03/20] Geschichten erzählen, Panel für Panel

Die Münchner Comic-Zeichnerin Barbara Yelin

Von Katrin Diehl

Vor den drei großen Schaufenstern spielen sich Geschichten ab, so wie sich auf der ganzen Welt und zu jedem Zeitpunkt Geschichten abspielen. Man muss sie nur sehen, das heißt sehen wollen. Barbara Yelin will. Denn Geschichten sind für sie zum Sehen, und dann – haben sie das Zeug dazu – zum Erzählen da. Barbara Yelin erzählt mit Zeichnungen. Sie erzählt in Comics, und so schwer man sich mit der Verortung dieses Genres zwischen Literatur, bildender Kunst, Film… auch tut, für Yelin ist der Comic eben ein Erzählmedium, eines, das aus einer Folge gezeichneter Bildern besteht, kombiniert mit mal mehr, mal weniger Text. Auf viele Menschen, Kinder, Erwachsene, üben Comics eine unwiderstehliche Anziehungskraft aus, sie sind „populär“ und sie sind eine Kunstform. Eine absolut reizvolle Kombination. (mehr …)

[LiSe 02/20] Kommt ein Bot in die Bar

Künstliche Intelligenz im Münchner Literaturbüro 

Von Wolfram Hirche

Die Künstliche Intelligenz (KI) literarisch einzufangen war das Thema zweier Abende im Münchner Literaturbüro Ende letzten Jahres. Sieben Autorinnen und Autoren haben sich der Herausforderung vor einem kritischen und diskussionsfreudigen Publikum gestellt.

2019 war ja nicht nur das Jahr des Klimaprotestes, der Peter-Handke-Schlacht und des literarischen Doppel-Nobelpreises, sondern auch der aufgeregten KI- Berichte. Die Künstliche Intelligenz oder Artificial Intelligence ist in aller Munde. Nach unzähligen Artikeln und Serien in der Süddeutschen Zeitung, der Zeit oder der FAZ zum heißen Thema des Jahres, nach uralten literarischen Würfen wie E.T.A. Hoffmanns „Der Sandmann“ (1816) und Ian McEwans „Maschinen wie ich“ (2019) war es an der Zeit, das Thema aufzugreifen. (mehr …)

[LiSe 01/20] Beteiligt Euch – es geht um Eure Erde!

Leben und Werk von Erika Mann – eine Ausstellung in der Monacensia

Von Katrina Behrend Lesch

Den Prolog „spricht“ noch Thomas Mann, der seine Erstgeborene etwas enttäuscht mit den Worten empfing, einen Sohn hätte er „poesievoller … als Fortsetzung und Wiederbeginn“ der eigenen Person gefunden. Das änderte sich rasch, das „kühne, herrliche Kind“ wurde zu seiner bevorzugten Vertrauensperson. Er bewunderte und respektierte Erika in all ihren Facetten, als Schauspielerin, Kabarettistin, Autorin, Vortragsreisende, Kriegsberichterstatterin, sie war es letztlich, die ihn auch dazu brachte, sich 1936 öffentlich gegen die Nationalsozialisten zu positionieren. Von all dem erzählt die Ausstellung, die die Monacensia zusammen mit der Kuratorin Irmela von der Lühe und dem Kreativstudio Büro Alba dem stürmischen Leben dieser Frau gewidmet hat. Eingebettet in die turbulenten Zeitläufte des 20. Jahrhunderts, breitet sich in acht Stationen die ganz eigene Geschichte der Erika Mann aus, die viel mit Politik zu tun hat, aber auch mit Familie, mit Theater, dem Schreiben und dem Einstehen für ein Ideal, das da heißt Menschlichkeit. (mehr …)

[LiSe 12/19] Das Lyrik Kabinett feiert 30. Geburtstag

–  und sich selbst mit einer Gedichtanthologie

Von Slávka Rude-Porubská

Einer voll und ganz der Lyrik gewidmeten Institution nähert man sich am besten metaphorisch an: Die slowakische Poetin Mila Haugová vergleicht das lyrische Schaffen mit der Arbeit an einem Garten. Wie im Garten nämlich die Natur einem zähmenden Prinzip zu gehorchen hat und sich ihm gleichzeitig ständig zu entziehen versucht, so oszilliert die Lyrik zwischen dem ordnenden Prinzip der formalen Geschlossenheit und der Mehrdeutigkeit von Sinn- und Bildebenen, offener Bezüglichkeit – zu anderen dichterischen „Gärten“, Poetiken, Sprachregistern. In diesem Spannungsfeld von Beständigkeit und Wandel(barkeit) agiert äußerst erfolgreich auch das Münchner Lyrik Kabinett. 1989 als ein von Ursula Haeusgen auf Lyrik spezialisierter Buchladen gegründet, nach fünf Jahren zu einem Verein und 2003 zu einer gemeinnützigen Stiftung umgewandelt, verfolgt es konstant das Ziel, die Kenntnis und das Verständnis von Lyrik in der Gesellschaft zu fördern. Der 2005 in der Amalienstraße errichtete Glasbau, das Ergebnis des Gestaltungswillens, des mäzenatischen Muts und Netzwerktalents der Stiftungsgründerin, ist zum international anerkannten, „festen Ort für Poesie aller Sprachen und Zeiten“ geworden. Haeusgen hat LyrikliebhaberInnen in einem Freundeskreis mit mehr als 320 Mitgliedern organisiert und aktive MitstreiterInnen unter Verlags- und Medienleuten, WissenschaftlerInnen und ÜbersetzerInnen gewonnen, darunter Michael Krüger, Frieder von Ammon, Tobias Döring, Àxel Sanjosé, Kristina Maidt-Zinke, Verena Nolte oder Antonio Pellegrini. (mehr …)

[LiSe 11/19] Literatur im Bahnwärter Thiel

Eine unendliche Geschichte auf dem falschen Gleis – Nachlese

Von Stefanie Bürgers

Das „Bahnwärter Thiel“ ist vor allem bekannt als angesagter Techno Club. Er liegt in Tatortatmosphäre auf einer der letzten Brachen Münchens in der Nähe der Bahnunterführungen am Schlachthof. Der Zugang in der Tumblinger Straße führt durch einen Torweg an Mauern entlang und unter Containern hindurch, überfrachtet mit Graffiti. Hier geht man nur mit direktem Vorsatz unbeirrt weiter.  An Literatur kein Gedanke und bis zuletzt der Zweifel, richtig zu sein. Kurz vor Entdecken des Zugangs wird man begrüßt von einem kaum zu erkennenden Motorboot, einem ausrangierten U-Bahnwaggon und einer nostalgischen Fotokabine. Das Konvolut an Containern wird auf vielfältige Weise genutzt. Konvolut, so heißt auch das Team, das dort 2019 jeweils am ersten Dienstagabend eines Monats „urbane Narrationen in Schizophonie“ bietet. Katharina Neudorfer, Kilian Kemmer, Erik Weingarten und Marco Böhlandt treten seit 2016 immer wieder mit neuartigen Synthesen aus Text und Instrumentalmusik auf. (mehr …)