[LiSe 12/18] Schrecken, Gewalt und Verwustung

Vor 400 Jahren begann der 30jährige Krieg /
Von Andreas Gryphius bis Bert Brecht und Durs Grünbein

Von Antonie Magen

Wir sind doch nunmehr gantz / ja mehr denn gantz verheeret! // Der frechen Völcker Schaar / die rasende Posaun // Das vom Blutt fette Schwerdt / die donnernde Carthaun // Hat aller Schweiß / und Fleiß / und Vorrath auffgezehret. // Die Türme stehn in Glutt / die Kirch ist umgekehret. // Das Rathauß ligt im Grauß / die Starcken sind zerhaun // Die Jungfern sind geschänd‘t / und wo wir hin nur schaun // Ist Feuer / Pest / und Tod / der Hertz und Geist durchfähret“. – Mit diesen sprachgewaltigen Zeilen beginnt das Sonett „Tränen des Vaterlandes“, das Andreas Gryphius 1636 unter dem Titel „Trauerklage des verwüsteten Deutschlands“ verfasste und ein Jahr später publizierte. Die Schrecken des Dreißigjährigen Krieges, dessen Beginn sich in diesem Jahr zum 400. Mal jährte, werden hier so eindrücklich beschrieben, dass sie dem Leser bis heute plastisch vor Augen stehen.

Dabei sind die Verse von Gryphius nur ein Beispiel für eine Vielzahl dichterischer Zeugnisse, in denen schon die Zeitgenossen das Kriegsgeschehen verarbeiteten und als Inbegriff von Gewalt und Verwüstung darstellten. So verfasste beispielsweise Martin Opitz im Winter 1620/21 das „Trost-Gedichte in Widerwertigkeit deß Krieges“. Noch im „Dankeslied zum Kriegsende“ sprach Paul Gerhardt von „zerstörten Schlösser[n] / und Städte[n] voller Schutt und Stein“, von „vormals schönen Felder[n], / mit frischer Saat bestreut, / jetzt aber lauter Wälder und dürre, / wüste Heid“, von „Gräber[n] voller Leichen / und blutge[m] Heldenschweiß“. Immer noch bekannt ist das Kinderlied „Maikäfer flieg“, das vermutlich ebenfalls aus dem 17. Jahrhundert stammt und Bezug auf dessen Kriegskatastrophe nimmt. (mehr …)

[LiSe 11/18] Schönes Babel

Das 9. Literaturfest München vom 14. November bis zum 2. Dezember will nationalistischen Dünkel überwinden und das Miteinander betonen. Mehr als 80 Autorinnen und Autoren stellen sich vor.

Von Ursula Sautmann

Babel, das bedeutet Vielfalt und Überfluss. Babel oder Babylon hat profitiert vom sprichwörtlichen Sprachgewirr, war ‚Tor‘ zur Welt und zweimal in seiner bewegten Geschichte die größte Stadt überhaupt. Doch Babel steht auch für bedrohliche Verwirrung. Wo viele Sprachen gesprochen werden, kann es zu Verständigungsproblemen kommen. Den Organisatoren des Literaturfests geht es um das „schöne Babel“, das Konzert aus Literaturen internationaler Provenienz. Tanja Graf, Geschäftsführerin des Literaturfests und Leiterin des Literaturhauses, betont: „Europa brennt uns auf den Nägeln, die Weichen für die Zukunft unseres Kontinents werden jetzt gestellt.“ Es gilt, die sprachliche Vielfalt zu feiern. (mehr …)

[LiSe 10/18] Lieber scheitern, als es nicht probieren

Vier Dichter, die die Welt verbessern wollten

Von Katrina Behrend Lesch

Karnevalsstadt der Weltenbeglücker“ – München hatte es nicht leicht in den turbulenten Tagen, Wochen und Monaten, als die Monarchie gestürzt und Bayern zum Freistaat wurde mit Kurt Eisner, einem Dichter, als Ministerpräsidenten. Noch verrückter ging es zu, als nach dessen Ermordung die Dichter Gustav Landauer, Erich Mühsam und Ernst Toller das Äußerste wagten und die Räterepublik Baiern etablierten. Selten hatten sich Schriftsteller und Literaten so aktiv an einer Revolution beteiligt wie an der vom 7./8. November 1918. Viele ließen sich von ihr mittragen, euphorisch bis ablehnend wie etwa Thomas Mann, der das Geschehen von seinem Kämmerlein aus kommentierte. Sein Bruder Heinrich unterstützte die Revolution, Oskar Maria Graf feierte sie mit Saufgelagen, Rainer Maria Rilke besuchte politische Veranstaltungen, Ret Marut, alias B. Traven, agierte als unsichtbarer Chefzensor, um nur einige zu nennen. Doch jene vier Dichter wollten mehr, wollten nicht nur von einer besseren Welt träumen, nutzten die Gunst der Stunde und griffen nach der Macht.  (mehr …)

[LiSe 09/18] Das Wohnzimmer als Bühne

Das Salonfestival holt Literaten, Musiker und kluge Köpfe zurück in den privaten Raum.

Von Katrina Behrend Lesch

Das Hotel Bader in Parsdorf, inmitten eines Industriegebietes, nicht gerade ein Ort, wo man Kultur sucht. Doch alles ist möglich. Die Besitzerin Monika Hobmeier meidet die Konfrontation mit der Hässlichkeit ringsum nicht, Understatement mit skandinavischem Design, Ausstellungen und nun zum zweiten Mal Gastgeberin des Salonfestivals. Zwei junge Sängerinnen treten auf, Cosma Joy und lilly among clouds, fantasievoll die Namen, eigenwüchsig der musikalische Vortrag. Danach Häppchen auf der Terrasse, die Scheu miteinander zu sprechen überwunden. Das Konzept „salonfestival“ scheint aufzugehen, Menschen dafür zu begeistern, in ihren privaten oder öffentlichen Räumen Künstlern und Wissenschaftlern eine Bühne zu bieten, Gäste zum Zuhören einzuladen und so ein persönliches Umfeld für Begegnungen und Gespräche zu schaffen.  (mehr …)

[LiSe 07/18] Kunst ist Leben – Leben ist Kunst

70 Jahre Münchner Seerosenkreis

Von Stefanie Bürgers

Es ist Nacht. Warmes Licht strömt aus hell erleuchteten Fenstern und Künstler-Ateliers. Eine Atmosphäre voller Poesie. Friedvolle Symbiose von Mensch, Zeit und Raum. So haben sich der Dichter Peter Paul Althaus und der Maler Hermann Geiseler kurz nach dem Krieg die Traumstadt vorgestellt und erschaffen.

Versetzen wir uns in das Jahr 1948, zerstörtes München, Hungerwinter, Währungsreform. Allem zum Trotz trifft sich ein Kreis von Künstlern im Wirtshaus Seerose in Altschwabing, nahe Wedekindplatz. Sie möchten die alten Künstlergemeinschaften wieder zum Leben erwecken. Diese Treffen der „Zurückgebliebenen“, wie sie sich anfangs betitelten, wurden später zum Seerosenkreis, benannt nach dem Tagungsort. Ein Gründungstag lässt sich nicht mehr rekonstruieren. Das passt zu dieser Gruppe, die offen und durchlässig sich überschneidende Kreise einbezieht, Dichter wie Peter Paul Althaus (von den Freunden nur PPA genannt), bildende Künstler wie Hermann Geiseler und Oswald Malura, Schauspieler wie Gustl Weigert oder den Regisseur Karl Theodor Langen. Eine feste Organisationsform gibt es nicht, keine Mitgliederliste, keine Satzung. Geselligkeit, Zwanglosigkeit, kein „Festgelegtsein“ sind Selbstverständnis. Und so kam auch Gustl Weigert, der nur ums Eck wohnte, stets in Filzpantoffeln zum Stammtisch.  (mehr …)

[LiSe 06/18] Zehn Umzugskisten voller Romane

Der Friedrich-Glauser-Preis 2018 geht an Jutta Profijt /
Aus der Arbeit eines Jury-Mitglieds

Von Antonie Magen

5. Mai 2018: Das neue Theater in Halle ist gut gefüllt. Ca. 500 Gäste haben sich zur Criminale 2018 versammelt, um der Verleihung des Friedrich-Glauser-Preises beizuwohnen. Er erinnert an den Schweizer Autor, der mit der Figur des Wachtmeisters Studer einen der ersten Serienhelden der deutschsprachigen Kriminalliteratur schuf. – Neben dem Deutschen Krimipreis ist der „Glauser“ der wohl wichtigste Preis für Kriminalliteratur im deutschsprachigen Raum. Vielleicht ist er sogar etwas begehrter, denn er wird vom „Syndikat“ vergeben, der Autorengruppe deutschsprachiger Kriminalliteratur, und ist damit ein Preis von Autoren für Autoren. Im Gegensatz zum Deutschen Krimipreis ist er außerdem dotiert. – Kein Wunder, dass die Nominierten ein bisschen nervös auf den Ausgang des Abends warten. (mehr …)