[LiSe 12/19] Kolumne: Auf frischer Tat ertappt?

Man kann fast darauf warten: Es vergeht kein Monat, dass nicht ein neuer Plagiatsvorwurf durch die Medien geistert. Jüngst traf es die Darmstädter Soziologie-Professorin Cornelia Koppetsch, deren für den Bayerischen Buchpreis nominierter Titel „Gesellschaft des Zorns“ zuerst öffentlich gebrandmarkt und daraufhin vom Verlag zurückgezogen wurde. „Fehlende Quellenbelege“ lautet die Diagnose. Das Unrechtsbewusstsein hält sich in den meisten Fällen aber in Grenzen. Es beginnt schon in der Schule: Referat in Deutsch oder Geschichte? Ist schnell über den Drag & Drop-Button aus Wikipedia zusammengestellt. Und vielleicht heißt es ja schon in ein bis zwei Jahren: „Alexa, kannst du mir bei meiner Hausarbeit helfen?“ Antwort: „Aber gern, wie viele Seiten dürfen es denn sein?“ (mehr …)

[LiSe 11/19] Kolumne: Im Wald: Handke!

Kaum dem späten Urlaubsflieger entstiegen, neulich, Anfang Oktober, durchweicht vom Nieselregen und den politischen Protesten der Fridays for Future und Extinction Rebellion , springt den arglosen Heimkehrer schon der Handke Peter an! Gerade verteidigt man noch das Politische im Privaten, den eigenen, peinlich hohen Carbon-Footprint, schon dröhnt der doppelte Nobelpreis für Literatur 2018/2019 aus allen Medien! Politik? Literatur? Der Streit droht ehrbare Feuilleton-Redaktionen zu sprengen. Na gut, der Österreicher war schon 2014 von dem Germanisten Carlos Spoerhase zu den 20 heißesten Kandidaten gezählt worden, allerdings weit hinter Frauen wie Margaret Atwood und Joyce Carol Oates – von den Männern ganz zu schweigen. Punkteliste: Viel zu wenig Punkte für „Spannung“ und „Erfindungsgabe“ bei P.H. – verweigert er doch seit Jahrzehnten einen ordentlichen Plot! Dabei hatte Spoerhase damals immerhin 13 bekannte deutsche Literaturkritiker um ihre Punkte gebeten. Erst als der fidele Thomas Gottschalk im Dezember 2017 im neuen Literarischen Quartett mit großer Bewunderung von der „Obstdiebin“ schwärmte, Handkes sogenanntem „letztem Epos“, ahnten die Leser, dass mit dem Mann aus Chaville bei Paris noch zu rechnen war. Der andere, der TV-Mann aus Kalifornien, früher mal Ministrant in Kulmbach, hatte offenbar ein Näschen für die mystisch-religiöse Dimension des Autors Handke, der in die serbisch-orthodoxe Kirche eingetreten ist. Und für sein unendlich geduldiges Schwammerlsuchen im Sprachwald. (mehr …)

[LiSe 10/19] Kolumne: Spielen, Schreiben

Ab Mitte 50 bricht es aus ihnen heraus, aus den Milbergs, Brandts oder Meyerhoffs, aber da war Isabella schon lange gestorben. Isabella Andreini aus Padua, der strahlende Bühnenstar ihrer Tage, spielte in der Comedia dell’arte zunächst die Rolle der Innamorata , heiratete, gebar vier Töchter und zwei Söhne, sie war Glamourgirl, Rampensau und treue Ehefrau und Mutter, und: Sie schrieb Gedichte und Stücke mit großem Erfolg. Als eine der ersten Schauspielerinnen nützte sie die Chance ihrer Popularität, um sich auch in Poesie und Dramen auszudrücken. Gestorben ist sie mit nur 42 Jahren, anno 1604, im Kindbett. (mehr …)

[LiSe 09/19] Kolumne: Tommys bittere Beeren

Der Franke ist nicht zu unterschätzen, schon gar nicht der Oberfranke. Die vielseitige Aronia-Beere (Aronia melanocarpa) beispielsweise wurde von findigen Franken erstmals für uns entdeckt. Sie schmeckt bitter und soll wahnsinnig gesund sein. Die Beere ist resistent gegen alles und übersteht auch Minus problemlos.

Das erinnert uns, daas erinn- ja: Da geistert doch dieser kalifornische Gaudibursch aus Bamberg seit Dezember 2017 durch die deutsche Literaturszene, die seit dem Ableben des temperamentvollen Marcel R-R reichlich spröde wirkt! Im Schlauchboot des Entertainers hinaus aufs offene Meer der Literaturkritik! Am 8. Dezember 2017 erklärte der Neukalifornier Thomas Gottschalk den drei Fahnenträgern des Literarischen Quartetts im ZDF, warum dieser Pilzsammler Peter Handke aus dem Bois vor Paris mit seinem „letzten Epos“ (so Handke) „Die Obstdiebin“ faszinierend ist. Thea Dorn und Volker Weidermann stand der Mund offen, Christine Westermann war begeistert – keiner hatte mit derartiger Fernseh-Präsenz und literarischer Eloquenz gerechnet. Wochenlang schliefen die TV-Macher der Republik nicht mehr wenn sie an T. G. dachten: Wie konnte man den für die „Literatur“ einfangen? Die Quote steigern? Schließlich gelang es. Die Chefs seines „Heimatsenders“, lockten den bunten Vogel wieder zum BR, Abteilung Kultur, Unterabteilung Literatur, Unterunterabteilung Desaster. (mehr …)

[LiSe 07/19] Kolumne: Odem-Brodem

Also Mädels und Jungs, mal herhören: Das Schuljahr geht zu Ende, in einigen Tagen ist Notenschluss, und auf dem Lehrplan steht noch Sexualkunde und Hitler – beides schieben wir mal ganz auf Ende Juli. Das fällt dann weitgehend aus wegen Hitzefrei, Lehrerkonferenzen oder Wandertagen, egal, das war schon immer so, hier in Bayern. Wir wollen heute lieber einen kurzen, klassischen Stoff durchnehmen: die „Anekdote“. Ein immens wichtiger Stoff, der zum Lachen und Nachdenken anregt, gleichermaßen, denn in der Anekdote bündelt sich das Allgemeine im Konkreten wie der Lichtstrahl in der Lupe. Sie ist die kleine Schwester des Mythos und man weiß nie, ob sie real passiert ist. Wo kommt sie vor, die Anekdote? Naja, am häufigsten finden wir sie im Theater und im Film. Etwas seltener in der Literatur, weil hier der Atem etwas leichter geht, mehr innehält. Der Duden definiert sie als eine „kurze, jemanden oder etwas humorvoll charakterisierende Geschichte“. Apropos „Atem“ – dazu gibt es die Anekdote über einen Münchner Dichter, der es – als bisher einziger – bis zum Kultusminister gebracht hat, allerdings im falschen Land. Weiß jemand, wen ich meine? (mehr …)

[LiSe 06/19] Kolumne: Kriegs-Beifang

Der Dichter mag dabei noch gar nichts Schlimmes denken, das Schlimme kommt ja dennoch über ihn. Er bummelt durch Bücher, geht eben mal Milch holen oder feilt an einer Ballade – schon wirft der Krieg ihn mit Gewalt aus seinem Leben. Bei Goethe (43, ein Sohn) jedenfalls war das 1792 so, als sein Herzog, Freund und Sponsor ihn an die Front nach Frankreich rief (alles sah nach schnellem Sieg aus und endete im Desaster). Oder bei Alfred Döblin, der (124 Jahre später) als Arzt und Dichter zerfetzte Beine absägen durfte, eiternde Wunden versorgen. Oder bei Heimito von Doderer, der ab 1916 als russischer Gefangener vier Jahre in sibirischen Lagern zubrachte und dort den Entschluss fasste, Schriftsteller zu werden.  (mehr …)