[LiSe 02/23] Kolumne: 99 … 66

Das könnte den vitalen Redefluss natürlich etwas stören. Weil meistens sind sie ja so richtig in Fahrt, wenn sie irgendwo in ihrem engagierten kleinen oder größeren, privaten oder öffentlichen Vortrag diese „air quotes“ einbauen, diese aktiv agierenden Fingerhasenohren. Da werden also flugs Zeige- und Mittelfinger beider Hände nach oben ausgestreckt (den Daumen nach innen anlegen, sonst wird’s zum Schwur), um sie dann ein wenig neckisch, gleichzeitig und vor allem ziemlich schnell zweimal bis zum zweiten oberen Fingerglied abzuknicken. (mehr …)

[LiSe 01/23] Kolumne: Wie viel, bitte?

Es kommt nicht oft vor, dass es die Literatur in die Abendnachrichten des Fernsehens schafft. Der spektakuläre Ankauf des Rilke-Nachlasses durch das Deutsche Literaturarchiv Marbach war wieder einmal einer dieser seltenen Gelegenheiten. Wie zu erfahren war, habe ein Konsortium aus Bund, Land und privaten Geldgebern einen erklecklichen Betrag zusammengetragen, um den Kauf des Nachlasses finanzieren zu können. Über die Kaufsumme (ein zweistelliger Millionenbetrag, wie gemunkelt wird) habe man Stillschweigen vereinbart. Warum eigentlich Stillschweigen? Um nicht bekanntgeben zu müssen, wie viel der Promi-Anwalt abgegriffen hat? Oder – wie die Archivdirektorin Sandra Richter nuschelte – um den Preis für zukünftige Ankäufe nicht von vorneherein in die Höhe zu treiben? (mehr …)

[LiSe 12/22] Kolumne: Weihnachtlicher Einkaufswahn

Die Advents- und Weihnachtszeit ist eine rege Zeit für den Buchhandel. Neuerscheinungen, Neuauflagen, Buchempfehlungen, Schaufensterdekoration, Geschenkpapier. Alles, damit bei den glücklich Beschenkten die kleinen, schon von Weitem als Buch zu identifizierenden Pakete unterm Baum liegen. (mehr …)

[LiSe 11/22] Kolumne: Artgerechte Haltung

Barbara A. aus Giesing liebt Kammerkonzerte. Und Lesungen unbekannter Autor*innen. Ihr Mann mag beides nicht. In früheren Jahren begleitete er sie um des häuslichen Friedens willen, das ist Jahrzehnte her. Barbara A. kann sich nicht erinnern, wann sie ihren Mann zuletzt zu einer Kulturveranstaltung bewegen konnte, und sei das Programm noch so leicht verdaulich gewesen. (mehr …)

[LiSe 10/22] Kolumne: Rekordverdächtig

Endlich ist es wieder da, das Guinness Buch der Rekorde, jener Wälzer mit Verrenkungen und Sammelfleiß in Superlativen, von „Größter Höhe auf Heißluftballon stehend“ (Seite 1) bis „Teuerster versteigerter Sport-Fanartikel“ (Seite 247). Dabei verweist das Buch im Titel schon auf die Zukunft: „Guinness World Records 2023“. Das bedeutet, die Verantwortlichen, wie der Globale Präsident Alistair Richards, wissen heute, 2022, schon, was morgen, 2023, an Speed-Klöppeln, Weltall-Turnen und Hochgeschwindigkeits-Kochen die Gesellschaft voranbringen wird. Dagegen ist – beispielsweise – der Versuch, einen Krieg mit diplomatischen Mitteln zu befrieden, geradezu Kinderkram. (mehr …)

[LiSe 09/22] Kolumne: Meine liebe Zeit

Träume nerven. Also, Träume in der Literatur. Zumal die Zeit für Traumpassagen biblischen Ausmaßes vorüber ist.  Die waren ja damals geradezu existenziell und richtungsweisend für alles, was da noch kommen sollte. Man denke nur an den Träumer Josef und die sich verbeugenden Garben, aber auch der Pharao träumte ja recht vielsagend von den sieben fetten Kühen, die aus dem Nil gestiegen kamen, und dann kamen noch die sieben mageren, und die mageren haben die fetten gefressen, ohne dabei – und das hat Bedeutung – selbst ein Gramm Fett zuzulegen … Pah! Auch Jakobs Traum von der Leiter, Engel rauf, Engel runter und das immer wieder, ist nicht ohne. Abgesehen davon, dass diese Träume die Zukunft vorausgesagt und also dafür gesorgt haben, dass man sich zum Beispiel auf eine Hungerkatastrophe vorbereiten konnte, haben sie Menschen wie Josef, Jakob … wirklich groß rausgebracht. (mehr …)