[LiSe 02/18] Kolumne: Theater-Erektionen

Der Mann und seine Erektionen. Einst ein Tabu, vielleicht eines der letzten. Jörg Hube als Herrmann rühmte die seinen vor Jahren gegenüber Ehefrau Helga (Franziska Walser) in dem vergessenen Stück „Nicht Fisch nicht Fleisch“ Sie solle die Chance nützen!
F. X. Kroetz nahm damit auf der Bühne der Kammerspiele männliches Potenzgehabe aufs Korn. Die Frau wollte (aber, schon damals) nicht näher darauf einsteigen. Karriere im Kopf. – Gutes altes Sprechtheater. Jedes Tabu ist verhandelbar, alles kann man auf die Bühne bringen! (mehr …)

[LiSe 01/18] Kolumne: Dichter schlichten!

Der kühle Blick zurück auf das Literatur-Jahr 2017  kann uns  beruhigen, denn es war – jedenfalls im deutschen Sprachraum – so belanglos, dass wir unwillkürlich in die spannende Politik abschweifen und mit dem Dichter die Beschwörung formulieren „Kommt, reden wir zusammen, wer redet ist nicht tot…“.

Noch versuchen die Politiker, sich ohne die magischen Hände der Poesie aus der Affäre zu ziehen. (Zumal Gottfried Benn, von dem das Zitat stammt, nicht mehr helfen kann.) Das ist allerdings im letzten Herbst nach acht Wochen schon mal schiefgegangen. Allabendliche Bulletins von der Krankenstation ließen die Spannung knistern, bis schließlich ein forscher Porschefahrer die Sache platzen ließ als wäre ihm das ganze Stück sowieso egal.  (mehr …)

[LiSe 01/18] Kurzgeschichte: VRBOVSKO

Die Sonne zieht letzte Lichtschleppen über den Horizont. Der Asphalt ermattet und gerät ins Visier herandunkelnder Wälder. Übergriffiges Schwarz rückt Baumstamm um Baumstamm vor. Die Mittellinie bringt sich in Stellung. Ich muss nach Vrbovsko.

Aufwärts. Riesige Nachtschattengewächse beschweigen den Husten, der mich seit Tagen begleitet. Ertretenes Gefunzel vor der Gabel. Steige ich ab, frisst mich das bodenlose Dunkel des kroatisch-slowenischen Grenzgebiets. Ich muss nach Vrbovsko.

In Passau übernachtete ich bei meiner Mutter. In Linz speiste ich in Urfahr. In Wien schwamm ich in der Donau. In Ungarn fuhr ich an wogenden Gänsefeldern vorbei. In Budapest bröckelte der Ostblock. Sommer 1989 und ich muss nach Vrbovsko.  (mehr …)

[LiSe 12/17] Kolumne: Aufrichten, bitte!

Der immer dichter wabernde Nebel über den gewaltigen Literatur-Preisen dieses Herbstes hat sich endlich gelichtet, die Prämien werden rechtzeitig vor dem Fest bei den Dichtern eingehen, der Prix Goncourt mit sehr deutscher Thematik hat uns alle überrascht, und die Weihnachtsbäumchen leuchten allerorten. – Alles gut! Die arme Thea Dorn wird sich aus der liegenden Position langsam aufrichten, nachdem sie der jüngste Franzobel-Roman „Das Floß der Medusa“ (bereits im August, vor dem ZDF-Quartett) „umgehauen“ hatte. Gut, dass sie ihm jetzt auch noch als Jurymitglied den berühmten Bayerischen Buchpreis zusprechen konnte! Eben alles doch sehr familiär! München darf sich die Hände reiben, denn der Schweizer Buchpreis ging an den Neu-Münchner Jonas Lüscher mit sagenhaften 30.000 SF, die der Autor sicher in unseren lokalen Wirtschaftskreislauf einspeisen wird! Da der Deutsche und der Österreichische Buchpreis mit der Familie Robert und Eva Menasse ebenfalls an benachbarte Alpenländler ging, wäre jetzt nur noch die Schweizer Fernseh-Literaturkritikerin Nicola Steiner (SF und 3Sat) aufzurichten, die hin und wieder von ihr rezensierte Bücher schlicht „zum Niederknien“ findet. Da sie aber auch in der Jury des Schweizer Preises saß, wird ihr unser Jonas schon aufhelfen können. (mehr …)

[LiSe 11/17] Kolumne: Schädel-Trauma

Über Gräber und Skelette schwappt eine Welle aus Wahrheitswunsch, Wissensdurst und irrwitziger Identitätssuche. Allerorten werden Grabsteine gelüftet, Särge gehoben und Skelette sortiert. Erst vor wenigen Wochen musste sich der seit 1989 einbalsamierte Salvador Dali, in Figueres zur ewigen Ruhe gebettet, aus einer Zahnhöhle Gewebe entnehmen lassen. – Vaterschaftsbestimmung! Er war es nicht. Wir wollen diese Causa aber hier jetzt nicht vertiefen, denn wesentlich dramatischer erging es Friedrich Schiller. Ja wieso jetzt dem? (mehr …)

[LiSe 10/17] Kolumne: Plötzlich Nobel

Die Utting und Mick Jagger? Wer, bitte, ist Utting – soll das eine Tochter von Martin Walser sein? Uschi Obermeier oder H. M. Enzensberger, dessen Jüngste, Theresa, eben einen Roman vorgelegt hat? Ganz einfach: Wenn du vom Arbeitsamt kommst, Richtung Schlachthof fährst, der blutigsten Gegend Münchens, siehst Du sie oben liegen, die Münchner Verrücktheit, die eigentlich von Fitzcarraldo Werner Herzog stammen müsste, den es aber bekanntlich nach L. A. abgetrieben hat: Ein alter
Ammerseedampfer, der auf der Brücke vor Anker gegangen ist, unter der du durchfährst und danach backbord, Richtung Flaucher, kein Witz! Und mit diesem alten Schlachtschiff haben wir noch Großes vor. (mehr …)