[LiSe 04/21] Kolumne: Wandrers NachtApp

Damals auf dem Kickelhahn in Thüringen, vor gut 240 Jahren, wir haben das Jubiläum leider knapp verschlafen, im September 1780, hat die müde Hand des Weimarer Legationsrats, Chef der Bergbau- und Kriegskommission, ein paar unsterbliche Zeilen mit Bleistift ins Holz geritzt, etwa „in allen Wipfeln spürest du“ und „die Vögelein schweigen im Walde“. Ins Holz einer alten Schutzhütte, die später abgebrannt ist, man weiß nicht mehr ganz genau, wie der Originaltext eigentlich hieß. Und das mit dem „Bleistift“ wird einfach auch immer weitererzählt, obwohl es den damals noch gar nicht so gab. Ein Stück Graphit vielleicht, zugespitzt, ja, an dem er sich die Hände schmutzig machte, der Dichter J. W. Goethe, noch ohne „von“, und wer noch dabei war, ist auch nicht sicher. (mehr …)

[LiSe 02/21] Kolumne: Namenscheck

Speranza hieß (zufällig?) der zuständige Gesundheitsminister, als dort, im Land der glühenden Orangen, vor gut 12 Monaten „Corona“ ausbrach und der harte Lockdown beschlossen wurde. Speranza, hier in München, der nördlichsten Stadt Italiens, braucht man das nicht zu übersetzen, klarer Fall.

Aber mit Namen ist das ja so eine Sache. Die Menschheit teilt sich, grob betrachtet, in zwei Hälften. Die „Nomen est Omen“-Hälfte einerseits und andererseits die „Namen ist Schall und Rauch“-Sektion, wobei in düsteren Zeiten wie diesen das Ominöse dominiert! Die Menschen suchen nach „Zeichen“, nach „Be-deutung“ (Stichwort Kontingenz-Intoleranz), sie lechzen nach der magischen Kraft von Namen, wollen sich nicht abspeisen lassen mit trockenen wissenschaftlichen Erklärungen. Man hat genug von Statistiken und Begriffen wie Konfidenzintervall, Reproduktionszahl, Inzidenz! Selbst Autokonzerne vertrauen jetzt den Sternen. „Stellantis“ heißt der gerade neu geschmiedete Konzern aus Fiat, Chrysler, Opel und Peugeot. (Auguren flüstern allerdings schon jetzt, dass ihn der Name vor dem Untergang nicht retten wird.) (mehr …)

[LiSe 01/21] Kolumne: Skandal verpufft

Seni, der Hofastrologe des berüchtigten Feldherrn Markus Söder, wusste es schon längst, oder arbeitet er für Wallenstein, na, egal, dass Mitte Dezember schweres Unheil dräute: Jupiter überholte den weiter entfernten Saturn und beide standen, von der Erde aus betrachtet, in teuflischer Konjunktion! Schon im ahndungsvollen Vorgriff darauf hatte der marsbegnadete Polemiker Maxim Biller in der SZ den steirischen Dorf-Unschuldsengel Lisa Eckart (Berufswunsch: Kabarettistin) mit seiner „sehr blonden HJ-Frisur“ aus allen Wolken gezerrt und die „Hitlerboys“ vom ZDF gleich dazu, das hatte gesessen – mochte mancher meinen.

Zumal die SZ (und das nicht nur in Klammern) ja auch gerade wild um Aufmerksamkeit, Sensationen und Auflage buhlt. Einsparungen müssen sein! Bis Silvester sollten, so hieß es, 50 Redakteure aus der großen Zeitung „sozial verträglich“ ausgebootet werden! (mehr …)

[LiSe 12/20] Kolumne: Wildes Meer

Es müssen Virologen gewesen sein, die in diesem Herbst den Deutschen, Schweizer und Österreichischen Buchpreis entschieden haben, lauter Überraschungen! Aber können wir uns wirklich vorstellen, dass irgendjemand außer Drosten, Streeck, Schmidt-Chanasit oder Kekulé noch irgendetwas von Bedeutung entscheiden könnte? Man kennt sie, die mächtigen Herren und die ihnen gelegentlich beigesellten Damen der virologischen Wissenschaft ja inzwischen so gut, dass man Titel und Geschlechtsbezeichnung längst weglässt. Drosten durfte sogar die sogenannte Marbacher „Schillerrede“ (Geburtstag 10. November) halten! Heinrich Heine (* 13.12.) und Theodor Fontane (* 30.12.) böten sich als die nächsten an. (mehr …)

[LiSe 11/20] Kolumne: Briefe, Klagen, Honorare

Mein Herzensschatzerl! ich schreib Dir schon wieder, weil ichs nicht aushalten kann …“ so der junge Albert Einstein anno 1901 an seine Geliebte, Mileva Marić, nicht ahnend, wie böse es enden sollte. Für Verlage sind die Briefe der Berühmten ein gefundenes Festessen, egal ob sie von Franz Kafka, Ingeborg Bachmann oder Theodor Fontane stammen – solide Auflagen sind garantiert. Im Zeitalter der E-mails könnte diese Quelle aber sehr bald versiegen, was also tun? – Am besten, man sammelt die Post des eigenen Personals! (Andere Verleger expandieren, indem sie attraktiven Damen einen eigenen Verlag schenken – aber das ist eher die Ausnahme.) (mehr …)