[LiSe 12/18] Kolumne: Buch – Revolte

Einige sind heimlich geflohen, Einzelgänger. Es gab aber auch Buchhandlungen, aus denen sie massenhaft am hellen Tage ausgebrochen sind, vor allem im Zentrum der Stadt. Bücher haben sich aus dem Staub gemacht, denen man das niemals zugetraut hätte. Romane vor allem sind zu Hunderten geflohen, Sachbücher weniger, und Lyrik hat in der Regel ganz konservativ standgehalten in den ihr zugewiesenen Regalen. Die Buchhändler versuchen hektisch, alles schnell wieder aufzufüllen. Allerdings, „aus dem Staub“ zu sagen ist eine Gemeinheit. Tatsächlich sind es gerade die gepflegten Buchpaläste mit den riesigen Beständen, die den Exodus beklagen, gerade jene, die jetzt vor dem gewohnten gigantischen Weihnachtsansturm stehen. Auch Bestseller, die stolz und eitel unter Werbeplakaten in den Auslagen ruhen, haben sich ihren ruhmlosen Genossen, den Ladenhütern angeschlossen und sind über Nacht getürmt. Wollen sich zur Demo auf der Theresienwiese versammeln. Die Rote Revolution 1918/19 sei ihnen zu Kopf gestiegen, verlautet aus der Ettstraße. Tatsächlich haben die Bücher eine Rätevertretung gewählt mit allem, was ein Rätesystem zu bieten hat: Imperatives Mandat und jederzeitige Abwahlmöglichkeit, alles nur „Träumer“, würde Weidermann wahrscheinlich wieder sagen, der Literaturchef des „Spiegel“, dessen gleichnamiges Werk bei den Revoluzzern gesichtet wurde. (mehr …)

[LiSe 11/18] Kolumne: Ausgeweint

Selbstauflösung, große Sache das! Schwer im Kommen. Müllsäcke, italienische etwa, wie man hört. Oder die Plastik- Milchkapsel, die sich in heißem Kaffee auflöst. Ganz so weit ist es mit dem leblosen menschlichen Körper noch nicht, aber auch er, immerhin – was wäre hier los, wenn er es gar nicht täte!

Doch Schluss mit diesem Novemberthema – richten wir den Scheinwerfer lieber auf den Literaturnobelpreis, den alternativen natürlich, der vor einigen Wochen an die frankophone Dichterin Maryse Condé vergeben wurde von einer schwedischen Spontan-Jury, die sich demnächst wieder selbst auflösen wird. Dadurch kann es gar nicht erst zum Skandal kommen. Bravo! Vorbild war sicher der Deutsche Buchpreis, dessen Jurys nach Wahl der Longlist (20 Romane), Shortlist (6) und First Place sich sofort in alle Winde zerstreuen. Dabei könnte sie sich durchaus noch eine Ehrenrunde gönnen, die Jury 2018, denn ein Roman wurde Nummer eins, der unlesbar ist aber originell – und das muss der Jury erstmal einer nachmachen.  (mehr …)

[LiSe 10/18] Kolumne: Staubsaugen, bitte

Die Fuckability wird in L. A. hoch geschätzt, wie wir gerade aus einem Interview mit Susanne Bormann gelernt haben – ja gut, die Dame kommt aus der Filmbranche und muss nicht jedermann geläufig sein, und das Besondere am literarischen Thomas-Mann-House und seinen Fellows in L. A. ist ja, dass jene F. keine Rolle spielen sollte, ganz im Gegenteil. Diese Villa, und das jetzt für Leser, die solche Dinge grad gar nicht „auf dem Schirm“ haben, ließ Thomas Mann anno ’42 bauen , und sie wurde vor zwei Jahren vom Deutschen Außenministerium für schlanke 15 Millionen $ gekauft – was mutig war vom ansonsten verdächtig superkorrekten F. W. Steinmeier. Sofort aber stellte sich die Frage, was machen wir jetzt damit, riesiges Haus, Garten, 3 Palmen, Pool, Balkon, San Remo Drive 1550, nahe Los Angeles? (mehr …)

[LiSe 09/18] Kolumne: Sommerschlußverkauf

Wenn Romane mit dem Wetter beginnen, kann sich die Sache etwas hinziehen. Knapp 1.600 Seiten (je nach Ausgabe) folgen der Feststellung: „Über dem Atlantik befand sich ein barometrisches Minimum“ – Beginn des Romans „Der Mann ohne Eigenschaften“, dessen dritter Band vor 75 Jahren postum erschienen ist und unvollendet blieb. Robert Edler von Musil, wie sich der Autor hätte nennen dürfen, war ein Jahr vorher gestorben. Ganz arglos schildert er einen „schönen Augusttag des Jahres 1913“, um sich dann den vermeintlich wesentlichen Themen des Lebens zuzuwenden, und natürlich hat auch der tiefsinnige Plauderer Herbert Rosendorfer 80 Jahre später noch nichts von dem heutigen Heißzeit-Ernst ahnen mögen, als er seine kleine Story von der „Erfindung des SommerWinters“ schrieb. Nur einige zu warme Winter in den 90ern wurden von dem südtiroler Münchner moniert, ansonsten ist Wetter kein literarisches Thema, noch, kann man sagen, nirgendwo.  (mehr …)

[LiSe 07/18] Kolumne: Verloren im Moor!

Haben Sie, verehrte Leserinnen und Leser, nicht auch manchmal Angst, er könnte es tun? Er, Ihr Computer, Ihr treuester, wirklich enger Gefährte könnte längst heimlich begonnen haben, Ihren Roman zu schreiben? Ihr biografisches Opus Magnum, Ihren Karl-Ove-Knausgard-Intimbericht? „Leben, Lieben und Sterben“ – komponiert und konstruiert aus all den E-Mails, Suchbegriffen, Banküberweisungen oder Bewerbungsschreiben, die Sie ihm Jahr für Jahr überlassen haben! Und locker hochgerechnet auf Ihr Lebensende? Sie haben mal gelegentlich was über „Künstliche Intelligenz“ gelesen und dass namhafte Wissenschaftler von Stanford bis Oxford ein Moratorium fordern, man müsse sofort Grenzen setzen, noch sei es nicht zu spät! Sie haben vielleicht von jenem SUV-Fahrer gelesen, der in Oberbayern den Weisungen seines intelligenten Navi folgend nachts in einen Weg zum Moor eingebogen ist und nicht mehr selbständig herauskam? Sie haben von Enzensbergers Poesie-Automaten gehört?  (mehr …)

[LiSe 06/18] Kolumne: Gefährliche Gedichte

Marx, welchen meinen Sie? Also, wir haben Marx R. im Angebot, den Münchner Kardinal, der sich geschickt durch Talkshows schlängelt in dieser Kruzifixsache und anderen lebenswichtigen Dingen, und Marx K., den Ökonomen, der für alles eine Lösung hat. Aber Marx K., den Lyriker? Und dies ist schließlich ein Literaturblatt! Hier bitte: „Nimmer kann ich ruhig treiben,/Was die Seele stark erfaßt,/Nimmer still behaglich bleiben,/Und ich stürme ohne Rast.“ Romantische Schule, um 1837. Dem Engländer Stedman Jones haben wir’s zu danken, dass er in seiner aktuellen Karl Marx-Biographie diese vergessene Poesie ausgegraben hat. Von wegen „stürme ohne Rast“. Vater Heinrich Marx, ein gestrenger Rechtsanwalt, dem Karl seine Gedichte geschickt hatte, war schwer beunruhigt. Er drang auf eine juristische Staats-Karriere, mochte die Lyrik seines Filius nicht sonderlich und starb, noch ehe „Karl“, wie Jones ihn familiär nennt, beruflich Fuß fasste. Was ihm sowieso nie gelang. (Übrigens auch bei R. Marx könnte man fragen: Ist Kardinal ein ernsthafter Beruf? Aber lassen wir das.) Eine Journalistenkarriere, ein Staatsamt, auch eine Philosophische Professur – alles scheiterte am strengen Berufsverbot der Karlsbader Beschlüsse (1819). Zensur, Ausweisung und Exil. 1841 wurden noch Karls Gedichte „Wilde Lieder“ publiziert, danach ging nichts mehr.  (mehr …)