[LiSe 02/19] Kolumne: Münchgrant

Diese Stadt ist ja unbewohnbar wie der Mars, im Winter wegen der Schneemassen, im Sommer wegen Föhn und dazwischen wegen beidem gleichzeitig. Die Meteorologen ignorieren München einfach (genau wie T. Bernhard übrigens). Sie sprechen von „Alpenrand“ oder von „südlich der Donau“, und der Münchner weiß nicht, ob seine Stadt vielleicht gemeint sein könnte. Kommt jetzt der Schnee oder bleibt doch der Föhn, er quält sich mit dieser Ungewissheit, der Münchner, verzweifelt sucht er nach der Wetterwahrheit. Das ist auf Dauer ungesund, das macht ihn so grantig! Deshalb haben uns auch schon so viele Autoren verlassen, sterben einfach weg oder streben in den Norden.  (mehr …)

[LiSe 01/19] Kolumne: Entwurzelte Gesellen

Ein Toter steht in Münchens Wohnungen. Das ist der Weihnachtsbaum. Erst gekauft, geschmückt, besungen, dann weggeworfen – wie manchem Firmenchef ergeht es ihm, könnte man sagen, Winterkorn z. B., VW, oder Stadler, AUDI, wenn es hier um Wirtschaft ginge, aber es geht hier um weit Feineres. Um die Psyche der Zimmerpflanzen zum Beispiel. Wir kennen sie bestens, wir sprechen ja täglich mit ihnen! Sie mögen ihn nicht, den Weihnachtsbaum, haben sie geflüstert, sie tuscheln hinter seinem Rücken, sie sprechen ihn an, aber er antwortet nicht, leblos wie er ist. Er ist ein Fremder, ein abgehackter, entwurzelter Geselle, der stachelig vor sich hinstarrt. Manchem Vater und Ehemann gleich, der an Weihnachten notorisch nach Innen emigriert. Und sie ahnen vielleicht, dass sie in Kürze auf städtischen Müllbergen landen werden, die Münchner Weihnachts- und ihre etwa 25 Millionen deutschen Landsbäume, verbrannt ohne Pardon und Bedauern selbstverständlich von denselben Menschen, die um die gerodeten Pflanzen am Amazonas trauern. Der Weihnachtsbaum in spe, wie er in Zwangskulturen aufgezogen wird, hat eine schwache Lobby. Das Finanzielle spricht zu sehr für ihn!  (mehr …)

[LiSe 12/18] Kolumne: Buch – Revolte

Einige sind heimlich geflohen, Einzelgänger. Es gab aber auch Buchhandlungen, aus denen sie massenhaft am hellen Tage ausgebrochen sind, vor allem im Zentrum der Stadt. Bücher haben sich aus dem Staub gemacht, denen man das niemals zugetraut hätte. Romane vor allem sind zu Hunderten geflohen, Sachbücher weniger, und Lyrik hat in der Regel ganz konservativ standgehalten in den ihr zugewiesenen Regalen. Die Buchhändler versuchen hektisch, alles schnell wieder aufzufüllen. Allerdings, „aus dem Staub“ zu sagen ist eine Gemeinheit. Tatsächlich sind es gerade die gepflegten Buchpaläste mit den riesigen Beständen, die den Exodus beklagen, gerade jene, die jetzt vor dem gewohnten gigantischen Weihnachtsansturm stehen. Auch Bestseller, die stolz und eitel unter Werbeplakaten in den Auslagen ruhen, haben sich ihren ruhmlosen Genossen, den Ladenhütern angeschlossen und sind über Nacht getürmt. Wollen sich zur Demo auf der Theresienwiese versammeln. Die Rote Revolution 1918/19 sei ihnen zu Kopf gestiegen, verlautet aus der Ettstraße. Tatsächlich haben die Bücher eine Rätevertretung gewählt mit allem, was ein Rätesystem zu bieten hat: Imperatives Mandat und jederzeitige Abwahlmöglichkeit, alles nur „Träumer“, würde Weidermann wahrscheinlich wieder sagen, der Literaturchef des „Spiegel“, dessen gleichnamiges Werk bei den Revoluzzern gesichtet wurde. (mehr …)

[LiSe 11/18] Kolumne: Ausgeweint

Selbstauflösung, große Sache das! Schwer im Kommen. Müllsäcke, italienische etwa, wie man hört. Oder die Plastik- Milchkapsel, die sich in heißem Kaffee auflöst. Ganz so weit ist es mit dem leblosen menschlichen Körper noch nicht, aber auch er, immerhin – was wäre hier los, wenn er es gar nicht täte!

Doch Schluss mit diesem Novemberthema – richten wir den Scheinwerfer lieber auf den Literaturnobelpreis, den alternativen natürlich, der vor einigen Wochen an die frankophone Dichterin Maryse Condé vergeben wurde von einer schwedischen Spontan-Jury, die sich demnächst wieder selbst auflösen wird. Dadurch kann es gar nicht erst zum Skandal kommen. Bravo! Vorbild war sicher der Deutsche Buchpreis, dessen Jurys nach Wahl der Longlist (20 Romane), Shortlist (6) und First Place sich sofort in alle Winde zerstreuen. Dabei könnte sie sich durchaus noch eine Ehrenrunde gönnen, die Jury 2018, denn ein Roman wurde Nummer eins, der unlesbar ist aber originell – und das muss der Jury erstmal einer nachmachen.  (mehr …)

[LiSe 10/18] Kolumne: Staubsaugen, bitte

Die Fuckability wird in L. A. hoch geschätzt, wie wir gerade aus einem Interview mit Susanne Bormann gelernt haben – ja gut, die Dame kommt aus der Filmbranche und muss nicht jedermann geläufig sein, und das Besondere am literarischen Thomas-Mann-House und seinen Fellows in L. A. ist ja, dass jene F. keine Rolle spielen sollte, ganz im Gegenteil. Diese Villa, und das jetzt für Leser, die solche Dinge grad gar nicht „auf dem Schirm“ haben, ließ Thomas Mann anno ’42 bauen , und sie wurde vor zwei Jahren vom Deutschen Außenministerium für schlanke 15 Millionen $ gekauft – was mutig war vom ansonsten verdächtig superkorrekten F. W. Steinmeier. Sofort aber stellte sich die Frage, was machen wir jetzt damit, riesiges Haus, Garten, 3 Palmen, Pool, Balkon, San Remo Drive 1550, nahe Los Angeles? (mehr …)

[LiSe 09/18] Kolumne: Sommerschlußverkauf

Wenn Romane mit dem Wetter beginnen, kann sich die Sache etwas hinziehen. Knapp 1.600 Seiten (je nach Ausgabe) folgen der Feststellung: „Über dem Atlantik befand sich ein barometrisches Minimum“ – Beginn des Romans „Der Mann ohne Eigenschaften“, dessen dritter Band vor 75 Jahren postum erschienen ist und unvollendet blieb. Robert Edler von Musil, wie sich der Autor hätte nennen dürfen, war ein Jahr vorher gestorben. Ganz arglos schildert er einen „schönen Augusttag des Jahres 1913“, um sich dann den vermeintlich wesentlichen Themen des Lebens zuzuwenden, und natürlich hat auch der tiefsinnige Plauderer Herbert Rosendorfer 80 Jahre später noch nichts von dem heutigen Heißzeit-Ernst ahnen mögen, als er seine kleine Story von der „Erfindung des SommerWinters“ schrieb. Nur einige zu warme Winter in den 90ern wurden von dem südtiroler Münchner moniert, ansonsten ist Wetter kein literarisches Thema, noch, kann man sagen, nirgendwo.  (mehr …)