[LiSe 12/17] Kolumne: Aufrichten, bitte!

Der immer dichter wabernde Nebel über den gewaltigen Literatur-Preisen dieses Herbstes hat sich endlich gelichtet, die Prämien werden rechtzeitig vor dem Fest bei den Dichtern eingehen, der Prix Goncourt mit sehr deutscher Thematik hat uns alle überrascht, und die Weihnachtsbäumchen leuchten allerorten. – Alles gut! Die arme Thea Dorn wird sich aus der liegenden Position langsam aufrichten, nachdem sie der jüngste Franzobel-Roman „Das Floß der Medusa“ (bereits im August, vor dem ZDF-Quartett) „umgehauen“ hatte. Gut, dass sie ihm jetzt auch noch als Jurymitglied den berühmten Bayerischen Buchpreis zusprechen konnte! Eben alles doch sehr familiär! München darf sich die Hände reiben, denn der Schweizer Buchpreis ging an den Neu-Münchner Jonas Lüscher mit sagenhaften 30.000 SF, die der Autor sicher in unseren lokalen Wirtschaftskreislauf einspeisen wird! Da der Deutsche und der Österreichische Buchpreis mit der Familie Robert und Eva Menasse ebenfalls an benachbarte Alpenländler ging, wäre jetzt nur noch die Schweizer Fernseh-Literaturkritikerin Nicola Steiner (SF und 3Sat) aufzurichten, die hin und wieder von ihr rezensierte Bücher schlicht „zum Niederknien“ findet. Da sie aber auch in der Jury des Schweizer Preises saß, wird ihr unser Jonas schon aufhelfen können. (mehr …)

[LiSe 11/17] Kolumne: Schädel-Trauma

Über Gräber und Skelette schwappt eine Welle aus Wahrheitswunsch, Wissensdurst und irrwitziger Identitätssuche. Allerorten werden Grabsteine gelüftet, Särge gehoben und Skelette sortiert. Erst vor wenigen Wochen musste sich der seit 1989 einbalsamierte Salvador Dali, in Figueres zur ewigen Ruhe gebettet, aus einer Zahnhöhle Gewebe entnehmen lassen. – Vaterschaftsbestimmung! Er war es nicht. Wir wollen diese Causa aber hier jetzt nicht vertiefen, denn wesentlich dramatischer erging es Friedrich Schiller. Ja wieso jetzt dem? (mehr …)

[LiSe 10/17] Kolumne: Plötzlich Nobel

Die Utting und Mick Jagger? Wer, bitte, ist Utting – soll das eine Tochter von Martin Walser sein? Uschi Obermeier oder H. M. Enzensberger, dessen Jüngste, Theresa, eben einen Roman vorgelegt hat? Ganz einfach: Wenn du vom Arbeitsamt kommst, Richtung Schlachthof fährst, der blutigsten Gegend Münchens, siehst Du sie oben liegen, die Münchner Verrücktheit, die eigentlich von Fitzcarraldo Werner Herzog stammen müsste, den es aber bekanntlich nach L. A. abgetrieben hat: Ein alter
Ammerseedampfer, der auf der Brücke vor Anker gegangen ist, unter der du durchfährst und danach backbord, Richtung Flaucher, kein Witz! Und mit diesem alten Schlachtschiff haben wir noch Großes vor. (mehr …)

[LiSe 09/17] Kolumne: Kopfstände

Sie müssten sich auf den Kopf stellen, um das lesen zu können. So wie der Österreicher Christian Felber. Literat – Sozialökonom – Reformer. Und Tanzakrobat. Er steht gerne auf dem Kopf. Man habe dann einen anderen Blick auf die Welt, sagt er. Zum Beispiel auf unsere westliche Wirtschaftsordnung. Anfang der Nullerjahre hat er den Begriff der „Gemeinwohlökonomie“ geprägt. Art. 151 der Bayerischen Verfassung: „Die gesamte wirtschaftliche Tätigkeit dient dem Gemeinwohl“. Einfach mal Gesetze beim Wort nehmen. Allerdings müsste dazu die Wirtschaft vom Kopf auf die Beine gestellt werden, denn die ist seit langem ganz verkehrt. Oder: Kopfstand machen wie Felber, um es richtig herum betrachten zu können. (mehr …)

[LiSe 07/17] Kolumne: Kuss um Kuss

Ganz sicher lesen die Herren nachts im Bett sehr lange in der Bibel, im 1. Buch Moses, unsere großen Literaturfürsten, die Herren Enzensberger, Krüger und andere. Diese aufregende Geschichte vom jungen Josef beispielsweise und der Frau des ägyptischen Beamten Potiphar, der Thomas Mann einige tausend Seiten gewidmet hat. Sie muss ihnen zu Kopf gestiegen sein, sie ist ja auch, sie hat was! Haben sich deshalb aus unserer Welt entfernt, die Herren, träumen von willigen Frauen, die, wenn abgewiesen, nach Rache dürsten? Fühlen sich nicht mehr verstanden. Verstehen: Ja, verstehen vieles nicht mehr. Jetzt müssen sie sich z. B. von der ZEIT, von der FAZ im hohen Norden vorwerfen lassen, „Münchner Spezlwirtschaft“ zu betreiben. (mehr …)

[LiSe 06/17] Kolumne: Protest lieber J.K.!

Der Kaiser tot, der Joachim Kaiser – kann nicht sein, wird nicht akzeptiert! Niemand protestiert mehr gegen Hagelschlag, soll er gesagt haben, bezogen auf seine Kritiken, so unvermeidlich, unwiderleglich gingen sie nieder – jedenfalls mit einer Prise Selbstironie, doch, das trauen wir ihm zu, jederzeit, bei aller – sozial durchaus kompatiblen – Eitelkeit. Aber sein Abschied ist für Menschen, die in den Sechzigern oder Siebzigern erwachsen wurden und zur SZ griffen, die schon früher Radio hörten, diese Kaiser-Sendungen im BR, schlichtweg nicht akzeptabel. J. K. gehört dazu, fast wie die Sonne, die Wolken, das Grün. Man konnte sich mal über ihn ärgern, an seinen Silvesterquizfragen qualvoll scheitern, aber dann auch wieder wohl begründet, sich aufrichten, wenn er gegen den Mainstream für manchen sperrigen Walser-Roman plädierte, für Böll, für den späten Hemingway („Über den Fluss und durch die Wälder“) oder auch, beispielsweise, für die gelungene Orchestrierung der Chopin- Klavierkonzerte, die er bewunderte, wie man dies als Musik-Laie ohnehin schon längst getan hatte. (mehr …)