[LiSe 04/20] Kolumne: Preis-Aufbruch

Wenn wir im Morgengrauen von der Straße her ein dunkles Grollen und Rollen hören, unsere ungeschulten Ohren mag es an Panzerketten-Rasseln gemahnen, und zum Fenster hinausschauen, sehen wir: Es sind unsere jungen Dichter! Sie sind mit schweren Rollenkoffern unterwegs und brechen auf zu neuen Ufern. Da sie sich ein Taxi nicht leisten können oder wollen, ziehen sie ihre Habe hinter sich her. Sie haben sicher gerade einen der beliebten „Reisepreise“ gewonnen, von denen es inzwischen ein paar Duzend gibt und sind eben auf dem Weg zu einer hübschen Ostseeinsel, als Stadtschreiber in ein mittelalterliches Turmzimmer oder sie landen unversehens in der Villa Aurora, nahe L.A. (mehr …)

[LiSe 03/20] Kolumne: Chinoiserien

Kennen Sie den schon? „Kommt ein Chinese auf den Nockherberg …“ Stopp, stopp, keinesfalls Chinesenwitze hier zur Starkbierzeit! Wir wagen es nicht, das hochliterarische Genre des „Chinawitzes“ in die Kolumne einzuführen, als wären das jetzt plötzlich unsere Nachbarn, die Chinesen – Ostfriesen, ja, Schweizer auch und „Ösis“ – selbstverständlich! Aber ist China Nachbar? Sind wir reif dafür? Und Witzeleien angesichts unserer Abhängigkeit von „seltenen Erden“, von SUV-Absatzmärkten und Pandabären? Seit das Corona-Virus aus Wuhan in aller – pardon – Munde ist, wissen wir erst, wie Unrecht wir dem großen Visionär und Exkanzler K. G. Kiesinger getan haben, seine Warnung „China, China, China“ leichtfertig in den Wind zu schlagen. Zwar haben wir in Oberbayern auch eine bedenkliche Virus-Neigung, nämlich 25 % mehr als im letzten Jahr allein im Vergleich der vierten Kalenderwoche und da ist der Fasching noch gar nicht mitgerechnet, der uns einander so gefährlich nahebringt! Peinlich aber, es ist nur das ordinäre Grippe-Virus. (mehr …)

[LiSe 02/20] Kolumne: Langer Abschied

Abschied ist ein scharfes Schwert, das ach so tief ins Herz dir fährt“, sang einst der Schlagerbarde Roger Whittaker. Verabschiedet haben wir uns gerade vom Jahr 2019, unter Schmerzen, mit Wehmut? Für Aktienbesitzer war es kein schlechtes Jahr, aber ob die beginnenden Zwanziger golden oder nicht vielmehr sehr zornig werden, steht noch in den Sternen. Manche(r) ging in den Ruhestand, mit gemischten Gefühlen. Denn die Angst vor dem Abschied aus dem Erwerbsleben vereint sie alle, die Kanzlerin, den Hausarzt, die Lokalreporterin. Aber muss man wirklich Angst haben? Viele sprechen dann auch eher von einem Wendepunkt, kein Ende der vita activa, vielmehr Aufbruch zu neuen Ufern. (mehr …)

[LiSe 01/20] Kolumne: BILD schtirbt

Ja ja, wenn Großes sich zu sterben anschickt, pflegt es lange Schatten zu werfen. So ließ Thomas Bernhard etwa in seiner Erzählung „Goethe schtirbt“ den viel bewunderten alten Goethe im März 1832 gute 120 Jahre vorausgreifen und nach dem Philosophen Ludwig Wittgenstein aus Cambridge verlangen, der ihm geistesverwandt sei wie kein anderer. Den er unbedingt sprechen müsse! Er scheitert, naturgemäß. (mehr …)

[LiSe 12/19] Kolumne: Auf frischer Tat ertappt?

Man kann fast darauf warten: Es vergeht kein Monat, dass nicht ein neuer Plagiatsvorwurf durch die Medien geistert. Jüngst traf es die Darmstädter Soziologie-Professorin Cornelia Koppetsch, deren für den Bayerischen Buchpreis nominierter Titel „Gesellschaft des Zorns“ zuerst öffentlich gebrandmarkt und daraufhin vom Verlag zurückgezogen wurde. „Fehlende Quellenbelege“ lautet die Diagnose. Das Unrechtsbewusstsein hält sich in den meisten Fällen aber in Grenzen. Es beginnt schon in der Schule: Referat in Deutsch oder Geschichte? Ist schnell über den Drag & Drop-Button aus Wikipedia zusammengestellt. Und vielleicht heißt es ja schon in ein bis zwei Jahren: „Alexa, kannst du mir bei meiner Hausarbeit helfen?“ Antwort: „Aber gern, wie viele Seiten dürfen es denn sein?“ (mehr …)

[LiSe 11/19] Kolumne: Im Wald: Handke!

Kaum dem späten Urlaubsflieger entstiegen, neulich, Anfang Oktober, durchweicht vom Nieselregen und den politischen Protesten der Fridays for Future und Extinction Rebellion , springt den arglosen Heimkehrer schon der Handke Peter an! Gerade verteidigt man noch das Politische im Privaten, den eigenen, peinlich hohen Carbon-Footprint, schon dröhnt der doppelte Nobelpreis für Literatur 2018/2019 aus allen Medien! Politik? Literatur? Der Streit droht ehrbare Feuilleton-Redaktionen zu sprengen. Na gut, der Österreicher war schon 2014 von dem Germanisten Carlos Spoerhase zu den 20 heißesten Kandidaten gezählt worden, allerdings weit hinter Frauen wie Margaret Atwood und Joyce Carol Oates – von den Männern ganz zu schweigen. Punkteliste: Viel zu wenig Punkte für „Spannung“ und „Erfindungsgabe“ bei P.H. – verweigert er doch seit Jahrzehnten einen ordentlichen Plot! Dabei hatte Spoerhase damals immerhin 13 bekannte deutsche Literaturkritiker um ihre Punkte gebeten. Erst als der fidele Thomas Gottschalk im Dezember 2017 im neuen Literarischen Quartett mit großer Bewunderung von der „Obstdiebin“ schwärmte, Handkes sogenanntem „letztem Epos“, ahnten die Leser, dass mit dem Mann aus Chaville bei Paris noch zu rechnen war. Der andere, der TV-Mann aus Kalifornien, früher mal Ministrant in Kulmbach, hatte offenbar ein Näschen für die mystisch-religiöse Dimension des Autors Handke, der in die serbisch-orthodoxe Kirche eingetreten ist. Und für sein unendlich geduldiges Schwammerlsuchen im Sprachwald. (mehr …)