[LiSe 06/18] Kolumne: Gefährliche Gedichte

Marx, welchen meinen Sie? Also, wir haben Marx R. im Angebot, den Münchner Kardinal, der sich geschickt durch Talkshows schlängelt in dieser Kruzifixsache und anderen lebenswichtigen Dingen, und Marx K., den Ökonomen, der für alles eine Lösung hat. Aber Marx K., den Lyriker? Und dies ist schließlich ein Literaturblatt! Hier bitte: „Nimmer kann ich ruhig treiben,/Was die Seele stark erfaßt,/Nimmer still behaglich bleiben,/Und ich stürme ohne Rast.“ Romantische Schule, um 1837. Dem Engländer Stedman Jones haben wir’s zu danken, dass er in seiner aktuellen Karl Marx-Biographie diese vergessene Poesie ausgegraben hat. Von wegen „stürme ohne Rast“. Vater Heinrich Marx, ein gestrenger Rechtsanwalt, dem Karl seine Gedichte geschickt hatte, war schwer beunruhigt. Er drang auf eine juristische Staats-Karriere, mochte die Lyrik seines Filius nicht sonderlich und starb, noch ehe „Karl“, wie Jones ihn familiär nennt, beruflich Fuß fasste. Was ihm sowieso nie gelang. (Übrigens auch bei R. Marx könnte man fragen: Ist Kardinal ein ernsthafter Beruf? Aber lassen wir das.) Eine Journalistenkarriere, ein Staatsamt, auch eine Philosophische Professur – alles scheiterte am strengen Berufsverbot der Karlsbader Beschlüsse (1819). Zensur, Ausweisung und Exil. 1841 wurden noch Karls Gedichte „Wilde Lieder“ publiziert, danach ging nichts mehr.  (mehr …)

[LiSe 05/18] Kolumne: Verwünschungslust

Ma va a cagar!“ Sicher kennt das Italienische schlimmere Verwünschungen, als diese, mit der Gigi Buffon im Viertelfinale der Champions-League vor kurzem den britischen Referee bewarf, um wütend dessen Darmtätigkeit zu fördern. Doch Mister Oliver zog humorlos Rot, sicher nur deshalb, weil die Torwartlegende nicht britisch geflucht hatte. Das war unverzeihlich, und so nahm das Schicksal auf spanischem Boden seinen Lauf. Gigi schied aus. Der Angloamerikaner bevorzugt bekanntlich beim Fluch die Sexualsphäre, während der Kontinentaleuropäer zum Fäkal greift. Treffen diese Kulturen aufeinander, muss der Schwächere vom Platz. (mehr …)

[LiSe 04/18] Kolumne: Halali und Schuss

Das Wildschwein (sus scrofa) hat es nicht leicht bei uns in Bayern. Nein, die Rede ist nicht von Christian Stückl, der liebend gern am Münchner Volkstheatermal die Sau rauslässt – die Rede ist von den Schwarzkitteln, die wegender drohenden „Afrikanischen Schweinepest“ schon Anfang März in der Rekordzahl von ca 13.000 Sauen in der„laufenden“ Jagdsaison (erhöhte Prämien!) abgeschossen wurden. Damit ballern die Förster und ihre etwa 8000 sogenannten Jagdgäste – darunter auch so mancher Waffennarr – geradezu um die Wette und müssen aufpassen, dass es bei nächtlicher Treibjagd nicht zu Verwechslungen kommt. (mehr …)

[LiSe 02/18] Kolumne: Theater-Erektionen

Der Mann und seine Erektionen. Einst ein Tabu, vielleicht eines der letzten. Jörg Hube als Herrmann rühmte die seinen vor Jahren gegenüber Ehefrau Helga (Franziska Walser) in dem vergessenen Stück „Nicht Fisch nicht Fleisch“ Sie solle die Chance nützen!
F. X. Kroetz nahm damit auf der Bühne der Kammerspiele männliches Potenzgehabe aufs Korn. Die Frau wollte (aber, schon damals) nicht näher darauf einsteigen. Karriere im Kopf. – Gutes altes Sprechtheater. Jedes Tabu ist verhandelbar, alles kann man auf die Bühne bringen! (mehr …)

[LiSe 01/18] Kolumne: Dichter schlichten!

Der kühle Blick zurück auf das Literatur-Jahr 2017  kann uns  beruhigen, denn es war – jedenfalls im deutschen Sprachraum – so belanglos, dass wir unwillkürlich in die spannende Politik abschweifen und mit dem Dichter die Beschwörung formulieren „Kommt, reden wir zusammen, wer redet ist nicht tot…“.

Noch versuchen die Politiker, sich ohne die magischen Hände der Poesie aus der Affäre zu ziehen. (Zumal Gottfried Benn, von dem das Zitat stammt, nicht mehr helfen kann.) Das ist allerdings im letzten Herbst nach acht Wochen schon mal schiefgegangen. Allabendliche Bulletins von der Krankenstation ließen die Spannung knistern, bis schließlich ein forscher Porschefahrer die Sache platzen ließ als wäre ihm das ganze Stück sowieso egal.  (mehr …)

[LiSe 01/18] Kurzgeschichte: VRBOVSKO

Die Sonne zieht letzte Lichtschleppen über den Horizont. Der Asphalt ermattet und gerät ins Visier herandunkelnder Wälder. Übergriffiges Schwarz rückt Baumstamm um Baumstamm vor. Die Mittellinie bringt sich in Stellung. Ich muss nach Vrbovsko.

Aufwärts. Riesige Nachtschattengewächse beschweigen den Husten, der mich seit Tagen begleitet. Ertretenes Gefunzel vor der Gabel. Steige ich ab, frisst mich das bodenlose Dunkel des kroatisch-slowenischen Grenzgebiets. Ich muss nach Vrbovsko.

In Passau übernachtete ich bei meiner Mutter. In Linz speiste ich in Urfahr. In Wien schwamm ich in der Donau. In Ungarn fuhr ich an wogenden Gänsefeldern vorbei. In Budapest bröckelte der Ostblock. Sommer 1989 und ich muss nach Vrbovsko.  (mehr …)