Von Ursula Sautmann
Auf den ersten Blick sind sie einfach nur farbenfroh und lebendig, die Wimmelbilder, für die Ali Mitgutsch berühmt ist. Da geht es fröhlich zu: Kinder spielen am Brunnen, Erwachsene ziehen Hunde an der Leine hinter sich her oder versuchen, einen steilen Berg zu erklimmen, auf dem Oktoberfest drehen sich die Karusselle. Wer sich mit Kindern hinsetzt und die – dankenswerterweise für den häufige Gebrauch bestens geeigneten – Wimmelbücher aufschlägt, wird reich belohnt mit Anschauungsmaterial für das Leben im Alltag, mit Stoff also für gute Gespräche schon mit den Kleinsten, aber durchaus auch mit älteren Kindern. Die Menschen, die wir sehen, sind immer in Aktion, sie tun es miteinander und nebeneinander, in einer Umgebung, die jede und jeder aus eigener Erfahrung kennt oder kennenlernen kann. Ali Mitgutsch, denkt man beim Blättern, hat genau hingeschaut, von oben herab und nicht wertend. Alles passiert gleichzeitig, und wer selbst genau hinsieht, entdeckt, was im Getümmel des Lebens auch seinen Platz hat: Auf dem Markt (aus: In Bayern leben) spritzt ein Mädchen einen Mann von hinten nass, ein Hund hebt das Bein an einer Antiquität, und auf dem Ausstellungsplakat beißt ein Hund ins Bein eines Passanten. Die Liste ließe sich beliebig fortführen. Die Menschen in den Wimmelbildern haben Spaß nicht selten auch auf Kosten anderer, ihnen passieren Missgeschicke, ihnen wird übel oder sie stehen allein da.
„Augen auf! Ali Mitgutsch und das große Gewimmel“ heißt die Ausstellung, die gerade ihre Tore in der Internationalen Jugendbibliothek (IJB) geöffnet hat. Christiane Raabe, die Direktorin der IJB, hat sie selbst kuratiert. Und es ist ihr gelungen, mit dieser ersten vollständigen Werkausgabe zu zeigen, dass Ali Mitgutsch nicht nur neue Maßstäbe für kindgerechte Illustrationen geschaffen hat, sondern ein großer Meister der Darstellung seiner Umwelt wie auch seiner Mitmenschen war. Der Gang durch die Ausstellung beginnt mit den Wimmelbildern und lädt hier gleich ins Wimmelspielhaus, wo sich spielerisch das genaue Hinschauen einüben lassen kann. Es folgt eine Fotogalerie, die uns Ali Mitgutsch in persona näherbringt. Im achteckigen Raum (ganz nebenbei: die Internationale Jugendbibliothek in der Blutenburg ist ein faszinierendes Gebäude mit engen Passagen, kleinen Ausgucken und überraschenden Räumlichkeiten) wird die Arbeitssituation nachgestellt. Kleine und große Besucher*innen erfahren, dass Mitgutsch Kasperlefiguren geschnitzt, Spielzeug gemacht und Traumkästen gebaut hat. Es folgen Aquarelle, Zeichnungen, Leporellos und Bilderbücher. In „Nico findet einen Schatz“ findet man Nico, wie er auf einem Turm steht und auf einen Platz schaut: exakt die Perspektive, die der Illustrator in seinen Wimmelbüchern einnimmt. Es gibt Originalzeichnungen, Skizzen, Sachbuchillustrationen. Das Werk ist vielfältig, das Archiv in Sendling, freigegen von den drei Kindern des Autors, der viele Jahre in München verbracht hatte, konnte umfassend ausgewertet und der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt werden.
Immer wieder, Kuratorin Christiane Raabe wird nicht müde, das zu betonen, finden sich im Werk von Ali Mitgutsch Hinweise auf seine eigene Kindheit, die alles andere als liebevoll und behütet war. Der Künstler, 1935 geboren, musste im letzten Kriegswinter mit seiner Mutter und seinen Schwestern in ein kleines Dorf im Allgäu fliehen und erleben, was es heißt, heimatlos und ausgestoßen zu sein. Mutter und Vater waren nicht in der Lage, Halt zu geben. Als junger Mann war Ali Mitgutsch viel auf Reisen, in seinen Bildern spielen Bewegung und Bewegungsmittel eine herausragende Rolle.
Die Ausstellung ist Montag bis Freitag von 10 bis 16 Uhr, Samstag und Sonntag von 11 bis 17 Uhr geöffnet, es gibt einen Audioguide. Der Eintritt kostet 4,- Euro und ist bis zum Alter von 18 Jahren frei. Weitere Informationen unter www.ijb.de
