Wie jedes Jahr zur Weihnachtszeit empfehlen Redaktionsmitglieder der LiteraturSeiten München herausragende Bücher des Jahres.

Die wilde Freiheit des Schreibens

Von Katrina Behrend Lesch

Schon im Titel des Erzählbandes „Aber es wird regnen“ steckt die Auflehnung, die dem Stil von Clarice Lispector innewohnt. Diese außergewöhnliche, auch als Diva der modernen brasilia-
nischen Literatur hervorgehobene Schriftstellerin kümmert sich in ihren Geschichten weder um Logik noch Schönheit von Sprache und Ausdruck. Alle literarischen Konventionen sprengend prescht sie dahin, schwelgt geradezu in der wilden unbekümmerten Freiheit des Schreibens. Und die wendet sie vor allem Frauen zu und damit sich selbst, deren Lust, deren Begehren auch im Alter, den Schwierigkeiten des Lebens und dessen unebenen Freuden und Leiden. Lispector, in der Ukraine geboren, in Brasilien aufgewachsen, gilt in der Literatur Südamerikas als einzigartige Stimme. Zusammen mit dem Band „Tagtraum und Trunkenheit einer jungen Frau“ liegen nun zu ihrem 100. Geburtstag alle Erzählungen in neuer, teilweise erstmaliger deutscher Übersetzung vor.

Clarice Lispector:
Aber es wird regnen
Sämtl. Erzählungen II
Hrsg. von Benjamin Moser
Aus dem brasil. Portugiesisch von Luis Ruby
288 Seiten
Penguin München 2020
22 Euro

Der Kreis schließt sich

Von Michael Berwanger

Dass die amerikanische Singer-Songwriterin Patti Smith einst als Autorin und Fotografin begonnen hat, ist bei uns eher unbekannt. Die Beat-Poetin, die mit ihrem ersten Album „Horses“ 1975 Musikgeschichte schrieb, war vom Autor und Schauspieler Sam Shepard überredet worden, ihre Lyrik als Sängerin zu präsentieren. In ihrem jüngsten Road-Memoir „Im Jahr des Affen“ zeichnet sie eine Reise quer durch Amerika nach, von Kalifornien bis Kentucky, zu eben jenem Sam Shepard, dem sie hilft, seine Memoiren zu beenden. Sie wird ihn ebenso wenig wiedersehen wie ihren Mitmusiker Sandy Pearlman. Am Beginn der Reise steht das Motel „Dream Inn“ in Santa Cruz, mit einer Werbetafel, die ihr als innerer Monolog den Weg weist. Einen Weg durch die USA des Jahres 2016, dem chinesischen Jahr des Affen, in dem auch Trumps Präsidentschaft beginnt. Trotz Trauer blickt sie geradezu altersweise in die Zukunft. Ende 2016 kehrt sie nach Santa Cruz zurück und gesteht der Werbetafel: „Die Zeit […] geht immer weiter und bringt Neues, das man nicht ändern und nicht schnell genug aufschreiben kann.“

Patti Smith:
Im Jahr des Affen
Road-Memoir
Aus d. Englischen von Brigitte Jakobeit
200 Seiten, Kiepenheuer & Witsch Köln 2020
20 Euro

Zwei Familien, zwei Hautfarben

Von Stefanie Bürgers

Vom Amerika der 50er Jahre bis in die Ära Obama reicht die Saga einer afroamerikanischen und einer weißen Familie, an deren Ende sich eine Shakespeare-Forscherin aus der einen und ein Joyce-Experte aus der anderen Familie verbinden. Das Buch fordert. Viele Zeitsprünge und die  kaum zu überschauende Menge an Personen erschweren den Blick auf das große Ganze. Unverzichtbar daher das im Buchdeckel dargestellte Beziehungsgeflecht. Immer wieder endet ein Erzählstrang, reißt ein Spannungsbogen. Als Leser*in ist man konsterniert. Und doch konturiert gerade diese Erzähltechnik die Härten und Schläge des Lebens klar und scharf. Da wird ein Lebensfaden abgeschnitten, dort mutig an ihm weitergesponnen,  trotz vieler Verletzungen, sei es wegen der Hautfarbe, der sexuellen Orientierung oder des Krieges in „Nam“. Eine Reise muss nicht immer zuhause enden. Wichtig ist, dass man „bei sich“ ankommt. Sehr lesenswert!

Regina Porter:
Die Reisenden
Roman
Aus dem amerik. Englisch von Tanja Handels
384 Seiten
S. Fischer Verlag
Frankfurt a. M. 2020
22 Euro

Eine schöne Schlaumeierei

Von Katrin Diehl

Das erklärt vieles. Wenn nicht alles. Die Menschheit ist einfach viel zu schnell an die Spitze der Nahrungskette gesprungen. Der Homo Sapiens kickte sich als Besserwisser dermaßen rasant nach oben, dass das ihn umgebende Ökosystem nicht die geringste Chance hatte, sich diesem Machtwechsel in seinem eigenen Tempo anzupassen. Seitdem fühlt sich die „Krone der Schöpfung“ irgendwie permanent gestresst, hat unablässig „Angst um die eigene Position“. Auch das ist, was uns dieser „Comic zum Buch“ – dem Weltbestseller „Eine kurze Geschichte der Menschheit“ des israelischen Promihistorikers Harari – ermöglicht: die Einordnung des eigenen Lebens ins große Ganze. Dass das in den Strips beinahe noch besser gelingt als in „Prosa“, hat damit zu tun, dass man sich da pointiert auf „Highlights“ konzentriert hat. Der Comic, an dem neben Harari die beiden Könner wie Kenner Daniel Casanave und David Vandermeulen beteiligt sind, ist brillant und für die ganze Familie geeignet. Harari selbst bekommt in „Sapiens“ als eine Art Guide seinen Auftritt. Und dann nutzt man die Möglichkeiten der Comicwelt, lässt ihn um die Welt reisen, Wissenschaftler*innen treffen, die Antworten liefern. „Sapiens“ hat das Zeug, kluges Wissen weit zu streuen. Also unbedingt verschenken!

Y. N. Harari, Daniel Casanave, David Vandermeulen:
Sapiens. Der Aufstieg.
Graphic Novel.“
Aus dem Englischen von Andreas Wirthensohn.
248 Seiten
C.H. Beck München 2020
25 Euro

Zeitgeschichte an Marionettenfäden

Von Antonie Magen

Am Ende tritt Michael Ende selbst auf, und zwar als Figur des historischen Teils von „Herzfaden. Roman der Augsburger Puppenkiste“. Den Leser*innen ist aber schon ab der ersten Seite klar, dass Thomas Hettches neuer Roman nicht nur eine Hommage an das Marionettentheater ist, sondern ebenso eine an den Autor der „Unendlichen Geschichte“. Auch „Herzfaden“ ist, wie die erste Ausgabe von Endes Erfolgsbuch, im Zweifarbendruck gestaltet, der eine fantastische Ebene (rot) von einer realistisch-historischen (blau) abhebt. Ähnlich ist zudem die Ausgangssituation: Ein Mädchen verschwindet durch eine geheime Tür. Es landet auf dem Dachboden der „Puppenkiste“, wo es Bekanntschaft mit den berühmtesten Marionetten und dem puppenhaften Alter Ego von Hannelore Oehmichen, der langjährigen Prinzipalin, macht. Von ihr erfährt es die Geschichte des Theaters während der Kriegs- und Nachkriegszeit. – Mit der Kombination aus Realität und Märchen vermeidet Hettche dabei Eindimensionalität und gestaltet die Fragen um Schuld und Hoffnung in aller gebotenen Vielschichtigkeit.

Thomas Hettche:
Herzfaden
Roman der Augsburger Puppenkiste
288 Seiten
Kiepenheuer & Witsch Köln 2020
24 Euro

Erzählen gegen das Auslöschen

Von Slávka Rude-Porubská

Unbeschrieben sein, dachte Leyla, ein Mensch ohne Name, ohne Geschichte.“ Benannt wurde Leyla, die Hauptfigur in Ronya Othmanns starkem Debüt, nach drei bekannten kurdischen Aktivistinnen. Aus dieser steten Präsenz des Politischen im Privaten erzählt der Roman vom mehrfachen Verlust der Heimat: In den 1980er Jahren muss Leylas Vater, als kurdischer Jeside zum adschnabi, zum staatenlosen Ausländer ohne jegliche Rechte erklärt, vor dem Geheimdienst des syrischen Regimes fliehen. Nach dem von der IS-Terrormiliz verübten Massenmord an den Jesiden im Shinghal-Gebirge 2014 gelangt auch der Rest der Familie nach Deutschland. Leyla selbst verliert angesichts der medialen Übertragung des brutalen Genozids allmählich ihre Erinnerungen an einen prägenden Teil ihrer Biografie; an die Sommer, die sie als Kind bei der geliebten Großmutter in syrisch-türkischem Grenzgebiet verbracht hat. Othmanns Text überzeugt sowohl in atmosphärisch dichten Bildern als auch in reflexiven Passagen rund um die Motive des Verrats als Machtinstrument, mit dem man unter Folter zum Erzählen gezwungen wird, und des Schweigens, mit dem Leylas deutscher Freundeskreis ihrem Verlusttrauma begegnet.

Ronya Othmann:
Die Sommer
Roman, 288 Seiten
Carl Hanser Verlag
München 2020
22 Euro

Kindergedichte aus aller Welt

Von Ursula Sautmann

Der Kinderkalender der Internationalen Jugendbibliothek hält jede Woche des kommenden Jahres ein ganz eigenes Erleben bereit: Gedichte für Kinder aus aller Welt, in der Originalsprache und übersetzt, und mit Illustrationen aus dem jeweiligen Land. Mal beginnt die Woche mit Papa, mal mit dem Pfau oder dem Hydranten, ja sogar das Semikolon hat einen Auftritt. So wirft jedes Blatt ein kleines Licht auf die unterschiedlichen Traditionen des Dichtens und Illustrierens weltweit und mag das eine oder andere Mal anregen zur Vertiefung des Lesevergnügens beim Herausgeber selber, im Schloss Blutenburg. Und wenn der Herbst beginnt, lädt ein leeres Blatt die Kinder und ihre Freundinnen und Freunde ein, den Versuch zu wagen und ein Kalenderblatt selber zu gestalten.

Der Kinder Kalender 2021
Mit 52 Gedichten und Bildern aus der ganzen Welt
Herausgegeben und ausgewählt von der Internationalen Jugendbibliothek
60 Blätter, mehrsprachig
edition momente
Zürich-Hamburg 2020
20 Euro