[LiSe 01/23] Kolumne: Wie viel, bitte?

Es kommt nicht oft vor, dass es die Literatur in die Abendnachrichten des Fernsehens schafft. Der spektakuläre Ankauf des Rilke-Nachlasses durch das Deutsche Literaturarchiv Marbach war wieder einmal einer dieser seltenen Gelegenheiten. Wie zu erfahren war, habe ein Konsortium aus Bund, Land und privaten Geldgebern einen erklecklichen Betrag zusammengetragen, um den Kauf des Nachlasses finanzieren zu können. Über die Kaufsumme (ein zweistelliger Millionenbetrag, wie gemunkelt wird) habe man Stillschweigen vereinbart. Warum eigentlich Stillschweigen? Um nicht bekanntgeben zu müssen, wie viel der Promi-Anwalt abgegriffen hat? Oder – wie die Archivdirektorin Sandra Richter nuschelte – um den Preis für zukünftige Ankäufe nicht von vorneherein in die Höhe zu treiben? (mehr …)

[LiSe 01/23] Lyrische Kostprobe: Vielleicht sollten wir tanzen gehen

Herbert Klocke ist schreibender (Über)Lebenskünstler. In jenem Münchner Stadtviertel, das der gebürtige Ostwestfale schon vor vielen Jahren zu seiner Heimat gemacht hat, kennt man Klocke. Eine Begegnung mit ihm ist wie ein rasanter Trip durch rauschende Wellen: Du wirst überschüttet, mit Geschichten und mit ungefilterten Wahrnehmungen. Mit Leid und Glück und mit Wortwitz. Du wirst eingehüllt von Bildern, die er dir in den Kopf zaubert. Absurde Bilder, oft komische, oft tragische. Es sind wahre Geschichten aus seinem (Er)Leben. Manchmal unglaubliche. Wann holt er Luft, fragst du dich, wann kommt er zur Ruhe, wann schläft er? Vielleicht nie. (mehr …)

[LiSe 01/23] Jung und schreibend (Folge 15): Wieso nicht Gärtner?

Martin Kordić: „Jahre mit Martha“

Von Ursula Sautmann

Spätestens auf der dritten Seite hat die Leserin den Ich-Erzähler in „Jahre mit Martha“ ins Herz geschlossen. Er lebt mit Eltern und zwei Geschwistern in einer Zwei-Zimmer-Wohnung in Ludwigshafen, der Vater ist Bauarbeiter auf Montage, also selten zu Hause, die Mutter Putzfrau. Das Bett des Ich-Erzählers steht hinter dem Vorhang am Ende des Flurs. (mehr …)

[LiSe 01/23] Buchtipps aus erster Hand

Die Mitarbeiter*innen der Münchner Stadtbibliotheken empfeh-len für den Monat Januar diese Neuerscheinungen:

Cho Nam-Joo: Miss Kim weiß Bescheid
Kiepenheuer & Witsch

In acht Kurzgeschichten erzählt die südkoreanische Autorin von verschiedenen Frauen. Dabei beleuchtet sie deren Alltag in Südkorea und zeigt, mit welchen gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten sie konfrontiert sind. In nüchterner Sprache schildert sie Frauen unterschiedlichen Alters, die mit Hass im Netz, dem heimlichen Filmen von Frauen in der Öffentlichkeit konfrontiert sind oder sich über weibliche Identität im Alter Gedanken machen. Gerade ihre glasklare Sprache bewirkt, dass diese Kurzgeschichten besonders beeindrucken und lange nachwirken. (mehr …)

[LiSe 01/23] Kurzgeschichte: Der Mo bin i

Von Paul Holzreiter

San amoi drei Mannsbilder mit der Eisenbahn g’fahr’n. Und zwar sans mit der Eisenbahn nach Schottland auffeg’fahr’n. San drei g’standene Mannsbilder g’wen, die drei. San no nia droben in Schottland g’wen, die drei. Der Mo, der wo da so g’scheit daherreden tuat und all’s darzählen tuat, der Mo bin i – obwohl i gar net dabei g’wen bin, damals, wia die drei nach Schottland auffeg’fahr’n san. Mir ham sa’s nur darzölt, die drei, wia dass des damals g’wen is drob’n in Schottland. (mehr …)

[LiSe 01/23] Rezension: „Sie fehlt nicht, wenn sie fehlt.“

Auch Monika Mann gehörte zu den Mann-Kindern! Von den Eltern, Thomas und Katja Mann, wie den Geschwistern wird sie kaum beachtet
und despektierlich behandelt. Kerstin Holzer widmet ihr jetzt, voller Empathie, ein ganzes Buch.

Von Katrin Diehl

Es gibt wohl keine zweite deutsche Künstlerfamilie, die so von Spannungen durchzogen, so von eigener Dynamik getrieben und geprägt war, wie „die Manns“. Und dabei war der Literaturnobelpreisträger Thomas Mann – ganz Familienoberhaupt – bei weitem nicht der alleinige „Verursacher“ der familiären Schieflage, auch wenn er es gewesen sein mag, der für all seine Kinder unerreichbare, künstlerische Maßstäbe vorgelegt und sie damit unter Druck gesetzt hat. (mehr …)

[LiSe 12/22] Wie schön ist es, zu schauen und zu lernen

Die Internationale Jugendbibliothek zeigt Kinder- und Jugendsachbücher aus fünf Jahrhunderten

Von Katrin Diehl

Abgesehen davon, dass sich das als schöner Weihnachtsausflug für die ganze Familie denken lässt – hinauszufahren zur Internationalen Jugendbibliothek (IJB) im Schloss Blutenburg –, bietet sich das noch einmal mehr an, wenn man sich in den dortigen Westflügel begibt, wo einen die Ausstellung „Ich weiß etwas, was du nicht weißt! – Weltwissen in Kinder- und Jugendsachbüchern aus fünf Jahrhunderten“ erwartet. Sie hat viel Erbauliches, viel Schönes, einiges Erstaunliches, Nachdenkenswertes, aber auch Lustiges, wie das so ist, wenn man sich in die Bilderbuchwelt unserer Vorvorväter und -mütter begibt. (mehr …)