[LiSe 06/21] Porträt: Immer wieder neue Stücke braucht das Land

Über hundert Jahre im Dienste des Theaters: Der Drei Masken Verlag

Von Katrin Diehl

Der 110. Geburtstag musste ausfallen. Auf den 111. hofft man, hofft auch Dirk Olaf Hanke (58), seit Ende 2016 Verlagsleiter des „Drei Masken Verlag“, einem der ältesten Theatertextverlage Deutschlands. Seit 1951 hat er seinen Sitz in München, nach Unterbrechungen also wieder dort, wo er 1910 gegründet worden ist. Über hundert Jahre Verlagshistorie spiegeln – wie sollte das auch anders sein – den Lauf deutscher Geschichte wider. Das Verlagshaus zog um ins große Berlin, dort auch gleich in die Friedrichstraße. Später ging’s wieder zurück nach München. Adresse heute: Herzog-Heinrich-Straße, Nähe Theresienwiese. (mehr …)

[LiSe 06/21] Buchtipps aus erster Hand

Die Mitarbeiter*innen der Münchner Stadtbibliotheken empfehlen für den Monat Juni diese Neuerscheinungen:

Tomasz Jedrowski: Im Wasser sind wir schwerelos
Hoffmann und Campe

Polen 1980. Während eines traumhaften Sommers verlieben sich Ludwik und Janusz ineinander. Doch dann müssen sie sich den harten Realitäten des Lebens im Kommunismus stellen. Während Ludwik an eine Flucht in den Westen denkt, entscheidet sich Janusz für eine Karriere innerhalb des Systems. Der atmosphärische Coming-Out/of-Age-Roman ist nicht nur wegen seines zeithistorischen Hintergrunds interessant, sondern besticht auch durch die Schönheit seiner Sprache. (mehr …)

[LiSe 06/21] Kurzgeschichte: König am Pool

Von Stephan Priddy

In der Abenddämmerung saß ein junger Mann auf einer Mauer und schaute auf das von ihr umschlossene Privatgrundstück.

„Biste sicher, dass da keine Hunde sind?“

„Ja doch. Bin schon mal da gewesen“, rief sein gleichaltriger Freund Volker hoch. „Nun komm runter, Benny, bevor dich irgendwer sieht.“

Seufzend rutschte Benjamin vom Mauerrand herunter. Aufgrund der Höhe fuhr der Aufprall schmerzhaft in die Beine. Ohne Volkers Hilfe, der sie beide auch hergefahren hatte, wäre Benjamin nicht einmal über die Mauer gekommen. Sein Freund schüttelte den Kopf.

„Komm, du Gipfelstürmer.“ (mehr …)

[LiSe 06/21] Das Leben dichten, Zeile für Zeile

Lena Goreliks starker autobiografischer Roman „Wer wir sind“

Von Slávka Rude-Porubská

Der Buchstabe Я, zugleich der Begriff für „Ich“, steht im russischen Alphabet ganz am Ende. Diese vom Alphabet vorgegebene Ordnung findet sich auch in der Staatsdoktrin der ehemaligen Sowjetunion wieder, in der das Kollektiv stets den Vorrang vor dem Individuum hat. Wie erfährt man also das eigene Ich – und wie erzählt man darüber? Es ist die kleine Alltagsszene mit der Heizung in der sowjetischen Hochhaussiedlung, an der die Münchner Autorin Lena Gorelik in ihrem neuen Roman das Erlebnis des selbstbestimmten Handelns festmacht. Zentral gesteuert, im Spätherbst in allen Wohnungen der Fünf-Millionen-Stadt Sankt Petersburg hochgefahren, im Frühjahr heruntergedreht, ist das persönliche Wärme- und Kälteempfinden in der Sowjetunion eindeutig Sache der Parteizentrale. Nach dem Übersiedeln der Familie nach Deutschland – die 1981 geborene Gorelik kommt Anfang der 1990er Jahre mit ihrer Familie als „Kontingentflüchtling“ nach Baden-Württemberg – dann die Erfahrung mit den Drehknöpfen an den Heizköpern: „Die Herrlichkeit der Macht, ich will es wärmer, ich. (…) Ich drehte an dem schönen Rädchen herum, wir waren zu Menschen mit eigenen Kälteempfindungen geworden.“ (mehr …)

[LiSe 06/21] Vergangen wie da – Erinnerungsstücke von Michael Krüger

Von Katrin Diehl

In Michael Krügers von Literatur tief durchtränktem Leben gab es von einigem viel. Noch einmal mehr in der Erinnerung, die sich gern aufs Konzentrat konzentriert. Noch einmal mehr in einem schmalen Bändchen, das Erinnerungen – die in Teilen schon einmal zerstreut hier und da zu lesen gewesen sind – auf engem Raum zusammenbringt und dessen Titel sich nicht scheut einfach aufzuzählen, um was es da geht: „Über meinen Großvater, Zbigniew Herbert, Petrarca und mich.“ Und das muss Michael Krüger aufgefallen sein. Dass sich der erstaunliche wie wunderbare Dichter Zbigniew Herbert hier auch in Apposition gestellt lesen lässt, er somit flugs in ein großväterliches Verhältnis zu ihm gerät. Krüger verehrte Zbigniew Herbert jedenfalls, mochte ihn sehr, und den Großvater, den echten, den mochte er auch, weshalb er in ein ruhiges Gedicht des längst, längst erwachsenen Enkels fand („Mein Großvater konnte über hundert Vögel / an ihren Stimmen erkennen, nicht gerechnet / die Dialekte…). Und eigentlich ist das mit dem Großvater, mit Zbigniew Herbert und Petrarca ja auch nur der Untertitel. Weil drüber heißt es viel gewollter und ein wenig tranig: „Meteorologie des Herzens.“ Verschwindend weiß, wie es da gedruckt steht, kann man das zumindest überlesen, vielleicht auch vergessen. (mehr …)

[LiSe 06/21] Sommeredition Literaturfest im Juni

Vom 16. bis zum 24. Juni findet im Literaturhaus die Sommer Edition des Literaturfests München statt. Neun Tage lang sind täglich zwei Veranstaltungen geboten. Mit Helga Schubert und Hengameh Yaghoobifarah (u.a.) sind die Autorinnen und Autoren wichtiger Neuerscheinungen der letzten Monate live vertreten, Bénédicte Savoy erläutert den neuesten Stand der Diskussion um „Afrikas Kampf um seine Kunst“, und Nora Gomringer ist am Eröffnungsabend gleich zweimal präsent auf einer Soirée mit Volya Hapeyeva über das Thema „Dieser ganze Vorrat an Menschlichkeit“ und „Peng Peng Peng!“ mit Philipp Scholz. (mehr …)

Wortspiele 21 München

Zum einundzwanzigsten Mal findet in diesem Jahr das internationale Literaturfestival WORTSPIELE vom 19. Mai bis zum 21. Mai 2021 (Mi. – Fr.) im Muffatwerk München und zum siebzehnten Mal vom 13. Mai bis zum 14. Mai 2021 in Wien statt.
Insgesamt 30 junge deutschsprachige Autorinnen und Autoren aus Deutschland und der Schweiz werden in diesem Jahr ihre neuen Bücher vorstellen. (mehr …)

[LiSe 05/21] Nicht wegschauen!

Literatur als Anstoß – am Beispiel der Fotojournalistin und Autorin Julia Leeb

Von Michael Berwanger

Eine Woge der Nabelschau scheint die deutschsprachige Literatur erfasst zu haben. Zumindest bekommt man diesen Eindruck, wenn man sich die Vielzahl der Coming-of-Age-Geschichten vergegenwärtigt. Spätestens seit Matthias Brandts „Blackbird“ reißt die Flut der Selbstbespiegelungen aus bundesrepublikanischer Kinder- und Jugendzeit nicht mehr ab. Von Frank Gosen bis Alexander Gorkow, von Gerhard Köpf bis Peter Probst – seitenweise Literatur über Belanglosigkeiten, die mit wohlklingenden Worten von langweiliger, westdeutscher Saturiertheit erzählt. Dabei sind diese Romane – natürlich – oft recht hübsch geschrieben. (mehr …)