Veranstaltungstermin: Donnerstag, 30. Juli 2026, 19.00 Uhr
Veranstaltungsort: Haus des Deutschen Ostens, Am Lilienberg 5, 81669 München
Referentin: Dr. Lilia Antipow (HDO)
Seit dem 19. Jahrhundert setzte ein Prozess der Ethnisierung von Trachten ein, der sich in den 1920er Jahren und später unter der NS Herrschaft verstärkte. Trachten wurden nicht länger nur als regionale oder dörfliche Kleidung wahrgenommen, sondern dienten zunehmend als sichtbares Bekenntnis zu „Volk“ und „Nation“ – als sogenanntes „Gesinnungskleid“. In den 1930er Jahren war Trachtenkult ein elementarer Bestandteil nationalistischen Selbstverständnisses bei deutschen Minderheiten in Osteuropa.
Die Praktiken der Trachtenpolitik variierten regional: In der Wischauer Sprachinsel übernahmen völkische und NS Akteure überlieferte Bauerntrachten, luden sie jedoch mit neuen, politischen Bedeutungen auf und instrumentaliserten sie für ihre Ziele. Bei den Donauschwaben existierte ein Spannungsverhältnis von Erhalt lokaler Trachtenvielfalt und gezielter Erneuerung hin zu „Gemeinschaftstrachten“ und ab 1935 zur angestrebten „deutschen Einheitstracht“. In Ostpreußen dagegen wurde bewusst eine neue, künstliche Tracht – das „Ostpreußenkleid“ – geschaffen, um ein einheitliches regionales Gruppenkleid zu etablieren, obwohl eine solche traditionelle Tracht kaum je existiert hatte.
Die öffentliche Präsentation der Trachten reichte von traditionellen Kirchweihen und Hochzeiten über Schwabenbälle bis zu groß inszenierten NS-Propagandaveranstaltungen wie dem „Grenzlandtreffen“ der Deutschen „aus dem Reich“ und aus Mittel- und Südeuropa in Theben/Devín zu Pfingsten 1939. Diese Vielfalt zeigt eine Dualität: Alte, lokal verankerte Funktionen der Tracht bestanden zeitgleich mit neuen, politisch aufgeladenen Repräsentationsformen. Durch politische und öffentliche Nutzung wurden Trachten außerdem aus der Peripherie in das Zentrum kultureller Aufmerksamkeit geholt und als Phänomen der Moderne etabliert. Die Untersuchung dieser Prozesse verdeutlicht, wie Kleidung zu einem wirksamen Instrument nationalistischer Identitätsbildung und kultureller Politik wurde.
