Christine Wunnicke knüpft in ihrem kleinen, großen Roman an 1001 Nacht an
Von Antonie Magen
Der eine nennt das Sternbild Kassiopeia, der andere die Dame mit der bemalten Hand. Der eine ist ein Göttinger Mathematikstudent, der andere der Astronom des Fürsten von Jaipur. Der eine hat als Einziger eine wissenschaftliche Expedition überlebt, der andere befindet sich mit seinem Diener auf einer Pilgerreise. Der eine wird von Malariaanfällen geschüttelt, der andere ist entschlossen, das „Sumpffieber“, wie die Krankheit im 18. Jahrhundert genannt wird, zu bekämpfen. Der eine ist die historisch verbürgte Person Carsten Niebuhr, der andere die fiktive Figur Musa al-Lahuri. Wenn alles nach Plan gelaufen wäre, wären sie sich nie begegnet. Durch Zufall aber stranden beide im Jahr 1764 auf der kleinen Insel Gharapuri im indischen Ozean und warten gemeinsam auf Rettung.
Es ist diese Begegnung, die Christine Wunnicke in ihrem neuen Roman erzählerisch gestaltet. Ihr Hauptaugenmerk liegt dabei auf den beiden Protagonisten, deren Biografien in Rückblicken und Erinnerungen eingeblendet werden, sowie auf ihrer Beziehung, die sie, mehr oder weniger notdürftig arabisch radebrechend, zueinander aufbauen. Geprägt ist sie teils von Ähnlichkeiten (beide sind in der Astronomie bewandert), teils von Gegensätzen: Während Niebuhr auf der Suche nach „historische[n] Facta“ ist, die die biblische Geschichte zu einer „exakte[n] Wissenschaft“ machen sollen, hat sich Musa „Unfug und Poesie“ verschrieben und „lügt wie gestempelt“. Beide sind Figuren, deren (Bewusstseins)-Grenzen verschwimmen, sei es im Fieber, sei es im Erinnern oder auch im Erzählen von (Auto)Biografien, die sich dann doch als Fiktion erweisen – im Grunde ist der eine der Spiegel des andern, sie sind Doppelgänger in Variationen, die sich erst gemeinsam zu einem Ganzen fügen.
Dieses Ganze aber ist nichts weniger als die Auslotung von Kunst und Wissenschaft, von Natur und Religion, von Zwecklosigkeit und Nützlichkeit – kurz: Es ist der Versuch, sich den Dingen der Welt, zu denen Musa eine tiefe Liebe hegt, aus unterschiedlichsten Richtungen zu nähern. Wunnickes Leser*innen ist dieses Thema bereits aus dem 2003 erschienen Roman „Die Kunst der Bestimmung“ bekannt, in dem es ebenfalls vor dem historischen Setting der aufgeklärten Gelehrtenwelt verhandelt wird. Hier wie dort erweist sich Wunnicke als Großmeisterin des kleinen historischen Romans, der sich als wunderbar dichtes Anspielungs- und Verknüpfungsgewebe präsentiert – einem orientalischen Teppich nicht unähnlich, in dem die Geschichte(n) des Morgen- und Abendlandes außerordentlich kunstvoll verwoben werden.
Christine Wunnicke: Die Dame mit der bemalten Hand
Roman, 168 Seiten, Berenberg Verlag, Berlin 2020
22 Euro
