Vladimir Kholodkov besitzt Romandurchhaltekraft

Von Katrin Diehl

Die Konstellation ist durchaus nicht einfach, birgt dafür aber einiges an Potential. Zumal aus schriftstellerischer Sicht. Hat sich ja auch einer ausgedacht, der daraus einen Roman machen wollte. „Für mich macht das eigentlich den größten Reiz aus an Literatur: dass sie Fiktion ist“, sagt Vladimir Kholodkov, eine Fiktion, die sich in einer durch und durch realistischen, sich ziemlich offenbarenden Welt abspielt (Nabokovs „Lolita“ und „Pale Fire“ zählen zu Kholodkovs Lieblingswerken). Eine springende Idee ist also das eine („und da gibt es bei mir tatsächlich die Angst, dass die irgendwann ausbleiben könnte“), das andere ist, dass diese Idee dann auch „ausbaubar ist, über 200 bis 300 Seiten trägt“. Vladimir Kholodkov vergleicht das Schreiben eines Romans mit Ausdauersport, etwas, was er selbst betreibt – er läuft, schwimmt, fährt Fahrrad – und auch mag. „Beides verlangt nach einer kontinuierlichen Anstrengung, nach Durchhalten, man muss sich oft überwinden, arbeitet auf ein großes, aber weites Ziel hin, das nicht morgen, auch nicht übermorgen, sondern irgendwann erreicht sein wird“, sagt er. Der Arbeitstitel des Romans, der nun wirklich vorliegt und für den sich Vladimir Kholodkovs Literaturagent gerade nach dem passenden Verlag umsieht, lautet „Der Übertritt“. Es geht darin um einen jungen Vater, der als PR-Berater arbeitet, der alleinerziehend ist und der, um eine Therapie für seine Tochter finanzieren zu können, einen Job bei einem gut bezahlenden Nachrichtenportal annimmt. Dort beginnt er ein Verhältnis mit der Geschäftsführerin, die damit für die Tochter ein wenig die Lücke der fehlenden Mutter ausfüllt. Alles läuft eigentlich ganz okay, bis der Vater merkt, dass er dort einem Nachrichtenpool zuarbeitet, der ziemlich nach rechts abdriftet … Auf die Idee für diesen Plot ist Vladimir Kholodkov gekommen, nachdem er einiges über Ernst Hanfstaengl gelesen hatte, einem politischen Schöngeist und in den 30er Jahren Auslandspressechef der NSDAP. „Irgendwann musste der auch feststellen, dass er sich da auf einer falschen Spur befunden hat.“

Im Moment schreibt Vladimir Kholodkov gerade Kurzgeschichten, „die ich dann zu Texttreffen mitnehme, vor- und zur Diskussion stelle“. Inspiration hierfür holt er sich aus dem Alltag. „Je länger man schreibt, umso besser entwickelt sich ein Gefühl dafür, ob das, was da gerade vor einem passiert, auch eine Geschichte ist.“ Die Gefahr dabei sei natürlich, sagt Kholodkov, dass man irgendwann anfange, alles um einen herum nur noch als Handlungsvorlage zu begreifen, sich außerhalb zu sehen, „andererseits hat mir das geholfen, Dinge besser und genauer wahr zu nehmen; man entwickelt da eine gewisse Achtsamkeit, sowohl für sich, vor allem aber auch für sein Umfeld und das ist ohne Frage eine wertvolle Eigenschaft“.

Zwei seiner kürzeren Texte lassen sich im „Literaturportal Bayern“ nachlesen, der Internet-Präsenz der Bayerischen Staatsbibliothek für „Literatur in Bayern“. Beide stehen für Kholodkovs sachlichen, nüchternen, genau beobachtenden Stil, der darauf verzichten kann, Tiefersitzendes auszusprechen. „Bolzen“ beginnt so: „Eigentlich wollten wir keine Gesellschaft. Zu dritt kann man Quatsch machen, neue Tricks ausprobieren. Aber noch bevor wir den Bolzplatz sehen können, dringen zu uns die Stimmen durch und mein fünfzehnjähriger Bruder sagt: ‚Sind schon welche da.‘ (…) Wir lassen die Fahrräder auf dem Rasen liegen, kommen an die hüfthohe Wand, die den kleinen Bolzplatz umschließt. Hinter der Wand vermischen sich das Gescharre der Fußballschuhe über dem borstigen Kunstrasen, das gruselige, scharfe Schnaufen der sprintenden Spieler, das dumpfe Zusammenprallen von Schultern, der Knall, mit dem der Ball gegen die Bretter schlägt.“ Einen wichtigen Stellenwert nimmt in Vladimir Kholodkovs Texten zudem immer auch der Humor ein, ein recht trockener, gekonnter: „Der ist mir sehr wichtig, ist ein zentraler Baustein, ist meine Art, mit den schweren Dingen im Leben umzugehen.“

Geboren wird Vladimir Kholodkov 1987 in Moskau. Die Familie geht 2001 nach Deutschland, nach München. 2017 erhält er, ebenfalls mit einem Romanprojekt, das „Literaturstipendium der Stadt München“. „Das hat mir sehr geholfen“, erinnert er sich, „das war, glaube ich, das erste Mal, dass ich von außen ein Feedback bekommen habe in Richtung dahin, dass ich das, was ich da tu, auch kann. Ein positives Feedback ist in dieser Sache wahnsinnig wichtig für mich.“ Kholodkov schreibt an den Wochenenden, „an denen dann auch nichts anderes mehr passieren sollte außer vielleicht noch ein kleiner Spaziergang“. Nach einem Achtstunden-IT-Arbeitstag „ist man unter der Woche nämlich nicht mehr wirklich fähig zum Schreiben“. Vor den Nachrichten aus der Ukraine und aus Russland flüchte er sich ein bisschen, sagt er. „Ich höre und lese gerade keine Nachrichten mehr. Am Anfang habe ich das gemacht, habe viel gelesen, viel gehört, aber dann ganz einfach gemerkt, wie schwer das alles für mich wiegt.“ Und die Geschichten des Alltags müssen ja auch noch irgendwie weiter gehen.

Vladimir Kholodkov liest am 22. April im Münchner Literaturbüro.