[LiSe 06/20] Kolumne: Rückkehr der Tiere

Zwei Füchse paaren sich vor dem Kanzleramt. Ja, haben die denn gar keinen Anstand? Das ist die falsche, weil anthropomorphisierende Frage. Tiere wandern in großer Zahl in den städtischen Raum ein, in Zeiten von Corona umso mehr. Die Biodiversität in den Städten, auch in den Großstädten übertrifft mittlerweile die im durch Monokulturen geprägten ländlichen Raum. Die Wildschweinrotte in der Vorstadt, der Biberbau im renaturierten Fluss, Waschbären, die sich aus Mülltonnen bedienen, sind nur besonders spektakuläre Beispiele. Und was sind das für gelbgraue in der Größe zwischen Wolf und Fuchs liegende Tiere? Goldschakale, deren Zahl in Europa inzwischen zehnmal höher als die der Wölfe ist.

Die Menschen haben auf einmal Zeit, einen Blick für diese Mitbewohner zu entwickeln, und sei es nur der Gesang der Amsel auf dem Balkongeländer, dem man auf einmal aufmerksam lauscht. Ganz zu schweigen von den Krähen, die zwar nicht singen können, dafür aber erstaunliche Intelligenz beweisen, wenn es um die Finessen der Nahrungssuche geht. Da bellt der Hund wütend, wenn ihm das von Frauchen zugedachte Leckerli von der blitzartig agierenden Krähe weggeschnappt wird. Die Unterschiede zwischen Wild- und Haustieren ebnen sich ein. So wird aus einem Außenbezirk der Stadt der pünktliche morgendliche Besuch eines Blaureihers gemeldet, der den reichlich gedeckten Frühstückstisch in Garten und Teich zu schätzen gelernt hat. (mehr …)

[LiSe 05/20] Kolumne: Grandiose Störungen

Sind schon eine große Chance für Umarmungen, diese Zeiten der Covid-19-Pandemie, für große Verbal-Umarmungen des einen Präsidenten dort, des anderen Landesvaters hier, vor allem aber auch der vielen kleinen Großschwätzer, Nervensägen und Welterklärer, als wären eigentlich sie das Virus: Selbst gedanklich leblos aber sich ansaugend an fremde Lebewesen und diese zerstörend – naja, Moment mal, nun wollen wir aber doch nicht gleich übers Ziel schießen. Aber was ist das Ziel? Ganz klar: Der Impfstoff!

Und vorher: Innehalten, Streaming anklicken, Gedichte lesen, Rilke z. B., diese Duineser Elegien, etwa die zehnte, in der vom Postamt „am Sonntag“ die Rede ist, das zu ist, rein und „enttäuscht“ – ein enttäuschtes Postamt, also eine Sache als Subjekt, kann auch nur einem Lyriker einfallen, tolle Idee, das. Ein Haus, etwa, enttäuscht, dass der Bewohner geht. (mehr …)

[LiSe 04/20] Kolumne: Preis-Aufbruch

Wenn wir im Morgengrauen von der Straße her ein dunkles Grollen und Rollen hören, unsere ungeschulten Ohren mag es an Panzerketten-Rasseln gemahnen, und zum Fenster hinausschauen, sehen wir: Es sind unsere jungen Dichter! Sie sind mit schweren Rollenkoffern unterwegs und brechen auf zu neuen Ufern. Da sie sich ein Taxi nicht leisten können oder wollen, ziehen sie ihre Habe hinter sich her. Sie haben sicher gerade einen der beliebten „Reisepreise“ gewonnen, von denen es inzwischen ein paar Duzend gibt und sind eben auf dem Weg zu einer hübschen Ostseeinsel, als Stadtschreiber in ein mittelalterliches Turmzimmer oder sie landen unversehens in der Villa Aurora, nahe L.A. (mehr …)

[LiSe 03/20] Kolumne: Chinoiserien

Kennen Sie den schon? „Kommt ein Chinese auf den Nockherberg …“ Stopp, stopp, keinesfalls Chinesenwitze hier zur Starkbierzeit! Wir wagen es nicht, das hochliterarische Genre des „Chinawitzes“ in die Kolumne einzuführen, als wären das jetzt plötzlich unsere Nachbarn, die Chinesen – Ostfriesen, ja, Schweizer auch und „Ösis“ – selbstverständlich! Aber ist China Nachbar? Sind wir reif dafür? Und Witzeleien angesichts unserer Abhängigkeit von „seltenen Erden“, von SUV-Absatzmärkten und Pandabären? Seit das Corona-Virus aus Wuhan in aller – pardon – Munde ist, wissen wir erst, wie Unrecht wir dem großen Visionär und Exkanzler K. G. Kiesinger getan haben, seine Warnung „China, China, China“ leichtfertig in den Wind zu schlagen. Zwar haben wir in Oberbayern auch eine bedenkliche Virus-Neigung, nämlich 25 % mehr als im letzten Jahr allein im Vergleich der vierten Kalenderwoche und da ist der Fasching noch gar nicht mitgerechnet, der uns einander so gefährlich nahebringt! Peinlich aber, es ist nur das ordinäre Grippe-Virus. (mehr …)

[LiSe 02/20] Kolumne: Langer Abschied

Abschied ist ein scharfes Schwert, das ach so tief ins Herz dir fährt“, sang einst der Schlagerbarde Roger Whittaker. Verabschiedet haben wir uns gerade vom Jahr 2019, unter Schmerzen, mit Wehmut? Für Aktienbesitzer war es kein schlechtes Jahr, aber ob die beginnenden Zwanziger golden oder nicht vielmehr sehr zornig werden, steht noch in den Sternen. Manche(r) ging in den Ruhestand, mit gemischten Gefühlen. Denn die Angst vor dem Abschied aus dem Erwerbsleben vereint sie alle, die Kanzlerin, den Hausarzt, die Lokalreporterin. Aber muss man wirklich Angst haben? Viele sprechen dann auch eher von einem Wendepunkt, kein Ende der vita activa, vielmehr Aufbruch zu neuen Ufern. (mehr …)

[LiSe 01/20] Kolumne: BILD schtirbt

Ja ja, wenn Großes sich zu sterben anschickt, pflegt es lange Schatten zu werfen. So ließ Thomas Bernhard etwa in seiner Erzählung „Goethe schtirbt“ den viel bewunderten alten Goethe im März 1832 gute 120 Jahre vorausgreifen und nach dem Philosophen Ludwig Wittgenstein aus Cambridge verlangen, der ihm geistesverwandt sei wie kein anderer. Den er unbedingt sprechen müsse! Er scheitert, naturgemäß. (mehr …)