[LiSe 11/20] Kolumne: Briefe, Klagen, Honorare

Mein Herzensschatzerl! ich schreib Dir schon wieder, weil ichs nicht aushalten kann …“ so der junge Albert Einstein anno 1901 an seine Geliebte, Mileva Marić, nicht ahnend, wie böse es enden sollte. Für Verlage sind die Briefe der Berühmten ein gefundenes Festessen, egal ob sie von Franz Kafka, Ingeborg Bachmann oder Theodor Fontane stammen – solide Auflagen sind garantiert. Im Zeitalter der E-mails könnte diese Quelle aber sehr bald versiegen, was also tun? – Am besten, man sammelt die Post des eigenen Personals! (Andere Verleger expandieren, indem sie attraktiven Damen einen eigenen Verlag schenken – aber das ist eher die Ausnahme.) (mehr …)

[LiSe 10/20] Kolumne: Hoamat!

Schön, dass Sie da sind. Bitte beachten Sie …“ Die neue Begrüßungskultur der Deutschen Bahn auf vielen Plakaten – vorbildlich! Das macht natürlich Schule. Schön, dass Sie das lesen, verehrte Leser, wundervoll! Bitte halten Sie während der Lektüre Abstand zu Ihrem Nachbarn und/oder Mund und Nase bedeckt und niesen Sie nur in den Ellenbogen! Verlieren Sie nicht die Selbstkontrolle, selbst wenn der Inhalt Sie nerven sollte, fahren Sie nicht aus der Haut, vor allem, wenn sie noch vom Urlaub an den bayerischen Seen gebräunt ist!

Werbeslogans können Gesellschaft spiegeln, greifen Trends auf. Etwa der Spruch „Sei frei, verrückt und glücklich!“ auf einer beliebten Tube mit Aroma-Dusch-Lotion – verrät er dem geschulten Privat-Soziologen nicht sofort die Regression des Anspruchs auf Glück, des ur-amerikanischen „Persuit of Happiness“ ins Allerprivateste, die Duschkabine? Und was verrät der Baumarkt-Spruch „Hier werden Sie geholfen“? Ist das Ausländer-Verhöhnung oder spielt das auf die bemerkenswerte Sprachgewalt der Baumarkt-Bastelkunden an, die bekanntlich ihren Jahresurlaub dortselbst verbracht haben? (mehr …)

[LiSe 09/20] Kolumne: Hamlet Bayern

Der „Sidekick“ bezeichnet in Literatur und Theater eine wichtige Nebenfigur, die eng an der Seite des Helden steht, seine Motive und Gedanken kennt und dem Leser oder Hörer nahebringt. Oft muss sie für ihn auch Wichtiges erledigen, und manchmal, nun ja, wird sie für ihn geopfert. Horatio etwa in Shakespeares Drama „Hamlet“ könnte als Sidekick durchgehen – er überlebt allerdings als einer der wenigen das Gemetzel. (mehr …)

[LiSe 07/20] Kolumne: Moosige Träume

Ach, der deutsche Wald – schon länger nichts mehr von ihm gehört – meldet sich kaum noch , der alte Bursche bei uns, der Presse. Dabei haben wir’s immer gut mit ihm gemeint, immer ein offenes Ohr für den alten Knaben. Beschwert sich höchstens mal in Facebook über uns, von wegen zu wenig MuNaSchu-Masken für ihn, der alles still erduldet, auf den alles einprasselt, Schwefel, Feinstaub, Viren – oder: zu wenig Regen, ruft er; dann kurz danach wieder: zu viel Regen! Ja, Menschenskind, Kerl, kann man’s dir gar nicht recht machen? Vorsicht! Nicht anschreien den W. – das mag er nicht, sensibel, wie er ist, Einzelkind! Auch die Dichter, früher, haben ihn jahrhundertelang immer gehätschelt, seiner Eitelkeit geschmeichelt, seine Einsamkeit gerühmt. Stifter, Hesse, Hamsun und Goethe, in allen Wipfeln spürest du … (mehr …)

[LiSe 06/20] Kolumne: Rückkehr der Tiere

Zwei Füchse paaren sich vor dem Kanzleramt. Ja, haben die denn gar keinen Anstand? Das ist die falsche, weil anthropomorphisierende Frage. Tiere wandern in großer Zahl in den städtischen Raum ein, in Zeiten von Corona umso mehr. Die Biodiversität in den Städten, auch in den Großstädten übertrifft mittlerweile die im durch Monokulturen geprägten ländlichen Raum. Die Wildschweinrotte in der Vorstadt, der Biberbau im renaturierten Fluss, Waschbären, die sich aus Mülltonnen bedienen, sind nur besonders spektakuläre Beispiele. Und was sind das für gelbgraue in der Größe zwischen Wolf und Fuchs liegende Tiere? Goldschakale, deren Zahl in Europa inzwischen zehnmal höher als die der Wölfe ist.

Die Menschen haben auf einmal Zeit, einen Blick für diese Mitbewohner zu entwickeln, und sei es nur der Gesang der Amsel auf dem Balkongeländer, dem man auf einmal aufmerksam lauscht. Ganz zu schweigen von den Krähen, die zwar nicht singen können, dafür aber erstaunliche Intelligenz beweisen, wenn es um die Finessen der Nahrungssuche geht. Da bellt der Hund wütend, wenn ihm das von Frauchen zugedachte Leckerli von der blitzartig agierenden Krähe weggeschnappt wird. Die Unterschiede zwischen Wild- und Haustieren ebnen sich ein. So wird aus einem Außenbezirk der Stadt der pünktliche morgendliche Besuch eines Blaureihers gemeldet, der den reichlich gedeckten Frühstückstisch in Garten und Teich zu schätzen gelernt hat. (mehr …)

[LiSe 05/20] Kolumne: Grandiose Störungen

Sind schon eine große Chance für Umarmungen, diese Zeiten der Covid-19-Pandemie, für große Verbal-Umarmungen des einen Präsidenten dort, des anderen Landesvaters hier, vor allem aber auch der vielen kleinen Großschwätzer, Nervensägen und Welterklärer, als wären eigentlich sie das Virus: Selbst gedanklich leblos aber sich ansaugend an fremde Lebewesen und diese zerstörend – naja, Moment mal, nun wollen wir aber doch nicht gleich übers Ziel schießen. Aber was ist das Ziel? Ganz klar: Der Impfstoff!

Und vorher: Innehalten, Streaming anklicken, Gedichte lesen, Rilke z. B., diese Duineser Elegien, etwa die zehnte, in der vom Postamt „am Sonntag“ die Rede ist, das zu ist, rein und „enttäuscht“ – ein enttäuschtes Postamt, also eine Sache als Subjekt, kann auch nur einem Lyriker einfallen, tolle Idee, das. Ein Haus, etwa, enttäuscht, dass der Bewohner geht. (mehr …)