Heinz Helles neuer philosophischer Roman

Von Michael Berwanger

Zwei Brüder trinken sich durch die Nacht, in Kaschemmen des Glockenbachviertels. Es ist der Winter vor sieben Jahren. Man kann den Weg vom Platz am Glockenbach über die Fraunhoferstraße und zurück zur Kapuzinerstraße verfolgen. Die meisten Kneipen existieren immer noch, Absturzkneipen wie der „Flaschenöffner“ oder das „Sunshine Pub“. Nur die Theaterklause heißt heute „Wolf’s Farmacy“ und die Kapuzinerklause „Bistro N° 23“. Ein weiter Weg für eine durchsoffene Nacht, und man könnte anmerken, dass es egal sein müsste, in welcher Stadt sie stattfindet. Denn natürlich geht es nicht um die Sauftour zweier Brüder, sondern um das Ausloten, welche Rolle das Wohl des Einzelnen spielt – speziell das der Kinder. Um den philosophischen Diskussionen Raum zu geben, braucht es aber einen Stadtteil wie das Münchner Glockenbachviertel, wo glitzernder Reichtum und bittere Armut direkt ineinander übergehen.

Der Ich-Erzähler ohne Namen – zweifel-los ein Alter Ego des Autors – lässt sich widerwillig von seinem zehn Jahre älteren Bruder zu einer winterlichen Kneipentour überreden, nicht wissend, dass er ihn das letzte Mal lebend antrifft. Eine Sauftour unter der Woche zwischen ein Uhr nachts und den frühen Vormittagsstunden. Zunächst drehen sich die Gespräche noch um Kindheitserinnerungen, aber langsam wenden sich die Gedanken grundsätzlichen Themen zu, über Leben und Tod, und man hat kurz den Verdacht, die weit ausholenden Sätze könnten sich in Küchenpsychologie ergießen. Doch weit gefehlt. Erzählt wird, wie der große Bruder nach seinem Aufstieg vom Werbetexter zum Campaigner beim Kinderhilfswerk der UN plötzlich alles hinter sich lässt, eine Weile durch die Welt zieht, um sich schließlich als Zäpfer anstellen zu lassen. Die Erkenntnis, dass die Schönheit der Natur eine Tautologie ist, also eine Aussage, die immer wahr ist, da die Natur von sich aus absichtslos schön ist, genauso wie die Erkenntnis, dass Menschen immer mit gleichem Aufwand schlecht oder gut sein können und es für die Menschheit keine Rolle spielt, hat sein Gleichgewicht derart aus den Angeln gehoben, dass er sich enttäuscht abwendet. Gerade die Unmöglichkeit Kinder zu schützen, lassen den großen Bruder verzweifeln. Als er bemerkt, dass auch die Kampagnen der UNESCO nur dem Spendeneintreiben dienen, gibt er auf und ergibt sich dem Alkohol.

Der 1978 in München geborene Autor und Philosoph Heinz Helle hat seinen dritten Roman als breiten Erzählstrom angelegt, der keine Unterbrechung duldet. Die weit ausholenden Sätze ziehen sich oft über mehrere Seiten. Der komplette Roman ist in einem Absatz durchgeschrieben. Das erzeugt einen gewaltigen Sog – leserfreundlich ist es allerdings nicht und am Ende verliert sich der Erzählstrang im Ungewissen.

Heinz Helle
Die Überwindung der Schwerkraft
Roman, gebunden, 208 Seiten
Suhrkamp Verlag Berlin 2018
20 Euro