Die Internationale Jugendbibliothek lädt zu James Krüss’ 100. Geburtstag.
Von Katrin Diehl
Irgendwann zog es ihn in den Süden und dann wurde er für über 15 Jahre (1949 bis 1966) in München heimisch. Hier machte er seinen Weg, wurde als Schriftsteller groß, holte sich Bewunderung auch vom älteren Kollegen Erich Kästner. Am 31. Mai 2026 wäre der Helgoländer James Krüss 100 Jahre alt geworden, und das gilt es zu feiern in der Stadt, in der er Geschichten wie „Mein Urgroßvater und ich“ (1959) oder „Timm Thaler“ (1962) aufs Papier gebracht, den Bayerischen Rundfunk mit wunderbaren Kinderhörspielen versorgt hat und in der er reimte, dass es die reinste Kinderlust war („Henriette Bimmelbahn“, „Der blaue Autobus“, „Der kleine Doppeldecker“ …). Zu etwas Geld gekommen zog Krüss in den 1960er Jahren von Lochham um ins eigene Haus mit Garten nach Gilching. Nach noch mehr Erfolg und Bekanntheit wurde ihm das auf einmal alles zu viel und er, der Inselmensch, machte sich auf nach Gran Canaria, seinem letzten Zuhause.
Anlässlich seines 100. Geburtstag feiert die Internationale Jugendbibliothek (IJB) in der Blutenburg James Krüss ausgiebig und beschäftigt sich mit dessen Werk: Zum Jubeltag, am 31. Mai, öffnen sich die mittelalterlichen Türen des seit Dezember vergangenen Jahres renovierten James-Krüss-Turms wieder, begleitet von einem Familienfest im Schlosshof. Auch die Dauerausstellung zu Krüss, die sich seit 25 Jahren – das war zu Krüss’ 75sten – im Turm befindet und die sich aus dem reichhaltigen Nachlass des Autors wunderbar speisen lässt, zeigt sich neu. Nach Krüss’ Tod hatten die Erben Manu- und Typoskripte, Korrespondenzen, Tagebücher, Sammelstücke … an die IJB übergeben.
Am 2. Juli dann verleiht die IJB den James Krüss Preis. Den gibt es seit 2013, er prämiert im Zweijahresrhythmus Schreibende im Bereich der Kinder- und Jugendliteratur, und heuer wird er an die niederländische Autorin Anna Woltz und deren Übersetzerin Andrea Kluitmann gehen. Vom 3. bis 4. Juli folgt eine thematisch so breit wie vielfältig angelegte James-Krüss-Tagung mit Titel: „100 Jahre James Krüss – Narrative und Perspektivierungen zu Werk und Autor im Kontext von Geschichte, Sprache und den Künsten“ (Leitung: Ada Bieber, Humboldt-Universität Berlin, Rasmus Cromme, Ludwig-Maximilians-Universität München). Sie rückt nach vorne, was bis heute kaum oder keine Beachtung gefunden hat (wie Untersuchungen zu Krüss’ friesischem Werk, seinen Rundfunkarbeiten, seinem malerischen Werk oder seinen Reisetexten). „Bei Krüss gibt es ohne Frage noch viele Forschungsdesiderate“, sagt Ada Bieber.
Geboren wurde Krüss im Jahr 1926. Die Nazizeit erlebte er als Kind, dann als sehr junger Mann. Früh durch intellektuelle Selbstständigkeit auf sich aufmerksam gemacht, unterlag er dennoch der Nazi-Propagandamaschinerie. „In der Zeit des Dritten Reichs hatte sich Krüss dann immer die windstillen, unpolitischen Winkel gesucht“, beschreibt das Bieber und ergänzt, dass es heute besonders wichtig sei, den Autor, der freiwillig in die Partei eingetreten war, in „all seinen Facetten wahrzunehmen“, wozu eben auch dessen Umgang mit seiner „Schuld als angepasstem Mitläufer“ gehöre. Wie nicht wenige seiner Generation, die im Bereich Kinder- und Jugendbuch schriftstellerisch tätig wurden, wendet Krüss sich aus seinen Erfahrungen heraus als Moralist, Pazifist, Humanist, Wertschätzer der Sprache an die nächste Generation. Das ist nachvollziehbar, wirft aber gleichzeitig die Frage nach dem Umgang mit dem eigenen Versagen auf, „und da kommt einiges dann schon sehr spät“, sagt Bieber. In seiner schriftstellerischen Aufarbeitung drehe sich zunächst einmal alles um die eigene Person, das eigene Schicksal. „Dass er sich irgendwie auch einmal mit der Shoah beschäftigt hätte …, das kommt erst Ende der 80er“, sagt Bieber. Für die (literaturwissenschaftliche) Rezeption seines Werks sei es nötig, fährt sie fort, zu wissen, was da alles in den Texten mitschwinge, vor allem, was man auf irgendeiner Erfassungsebene mitübergäbe, drücke man Kindern, den kleinsten wie den größeren, seine Bücher in die Hand.
Als großer Sprachkünstler hat sich Krüss entschieden, wieder das Gute zurück in die Welt zu bringen, und zwar durch das erzählte Wort, durch die Kraft der Sprache. Das hat ihm über Generationen hinweg und bis heute Achtung und Anerkennung entgegengebracht. In der IJB darf also demnächst sowohl gefeiert als auch analysiert und kritisch diskutiert werden.
„James Krüss Dinner – Ein literarisch-kulinarischer Abend zum 100. Geburtstag“ mit Tilman Spreckelsen
am 29. Mai 2026, 18 Uhr / Jella-Lepman-Saal der IJB in der Blutenburg.
Mehr zu James Krüss in der Internationalen Jugendbibliothek finden Sie unter www.ijb.de
