Die Schriftstellerin Annette Kolb als Briefschreiberin

Von Katrina Behrend Lesch

Von mondäner Häßlichkeit, mit elegantem Schafsgesicht, darin sich das Bäuerliche mit dem Aristokratischen mischte …“, so wurde sie von Thomas Mann in seinem Roman „Dr. Faustus“ als Jeannette Scheurl karikiert, was sie nachhaltig verletzte. Gleichwohl bewunderte sie ihn, schrieb ihm oft, manchmal geradezu schwärmerisch: „Wie wunderschön Sie doch die Worte setzen! auch wenn sie mich nicht selbst in so gütiger Weise einbezogen würde ich sie mit Entzücken gelesen haben.“ Annette Kolb, die Dame mit dem charakteristischen Hütchen und der langen Zigarettenspitze, stand mit vielen Schriftstellerinnen und Schriftstellern in regem Austausch. Das zeigt eine Auswahl ihrer Briefe, die Cornelia Michél und Albert M. Debrunner unter dem Titel „Ich hätte dir noch so viel zu erzählen“ jüngst herausgegeben haben. Die Liste ihrer Korrespondenzpartner, schreiben die beiden in ihrem Vorwort, lese sich wie ein Who is Who der Literaturgeschichte zwischen 1900 und 1970, mit Namen wie Hermann Hesse, Gerhard Hauptmann, der Familie Mann, Carl Jacob Burkhardt, Kurt Tucholsky, aber auch solchen, die einst wohlbekannt waren, aber heute in Vergessenheit geraten sind.

René Schickele etwa, Annette Kolbs engster Freund, war ein erfolgreicher Autor, Herausgeber von einigen einflussreichen Zeitschriften, Essayist und Übersetzer. Doch die kulturelle Verwüstung, die das Naziregime hinterließ, überlebte sein Werk nicht. Als gebürtiger Elsässer setzte er sich leidenschaftlich für eine deutsch-französische Versöhnung ein, genauso wie Annette Kolb, die sich durch ihre französische Mutter Frankreich besonders verbunden fühlte. So durchziehen ihre Briefe ein vehementes Plädoyer für die europäische Verständigung, ein überzeugter Pazifismus, scharfzüngige Kommentare zu Politik und Kultur, die stete Aufmerksamkeit für die Arbeit der anderen. Daneben gibt sie mit viel Privatem auch Einblick in ihr Leben, das geprägt ist vom Schreiben, von finanziellen Notsituationen, besonders in den Exiljahren, und einem beständigen Unterwegssein bei Freunden und Bekannten.

Die Briefauswahl umfasst das Jahrhundert, das Annette Kolbs Leben fast gedauert hat. Geboren 1870 ist und bleibt sie Kind der Belle Epoque, die immer wieder auch durch ihr literarisches Werk mäandert. In fünf Teilen werden die einzelnen Lebensabschnitte durchmessen, die Jahre vor, während und nach dem Ersten Weltkrieg, das Exil zwischen 1933 und 45, die Rückkehr bis zu Kolbs Tod 1967. Als Schriftstellerin startet sie erst so richtig in ihrer zweiten Lebenshälfte durch, diese Zeit bildet sich besonders intensiv in ihren Briefen ab. Regelrechte Ausgrabungsarbeit haben die beiden Herausgeber geleistet, um sie aus den Archiven herauszufischen. Was die einzelnen Briefempfängerinnen und -empfänger mit Annette Kolb verband ist in den Kurzporträts von Albert M. Debrunner nachzulesen. Für Erich Kästner war sie die „First Lady unserer zeitgenössischen Literatur“. Eben die Dame mit dem charakteristischen Hütchen und der langen Zigarettenspitze.

Annette Kolb
„Ich hätte dir noch so viel zu erzählen“
Briefe an Schriftstellerinnen und Schriftsteller
Hrsg. von Cornelia Michél und Albert M. Debrunner
S. Fischer, Frankfurt 2019
24 Euro

Am 3. Februar findet im Literaturhaus ein Abend zu Annette Kolbs 150. Geburtstag statt. Siehe auch Terminkalender.