Thomas Krafts neuer Roman über eine vergessene Geschichte kolonialer Verstrickungen Deutschlands in Afrika
Von Stefanie Bürgers
Die Journalisten Paula und Stefano sind für eine Filmreportage auf den Spuren des Kolonialismus in Ghana unterwegs und lernen zunächst die berüchtigten Forts an der Küste kennen, von denen aus die Sklaven verschifft wurden. Als ihr Freund Richard, Diplomat an der deutschen Botschaft in Accra, von der während der Nazidiktatur legendären deutschen Pilotin Hanna Reitsch erzählt, erfährt Paulas und Stefanos Projekt eine Wendung.
Reitsch hat den Zweiten Weltkrieg überlebt und sich in Ghana mit der ersten Segelflugschule Afrikas unter der schützenden Hand des damaligen Diktators etabliert. Zuvor hatte sie bei Kriegsende den Einsatz von Selbstmordpiloten in einem letzten sinnlosen Aufgebot propagiert.
Paula spürt eine Verbindung zu dieser Geschichte, da ihr Großvater als junger Pilot in den letzten Kriegstagen bei einem Einsatz ums Leben kam, und ihr Vater deshalb als Halbweise aufwuchs. Ein Trauma, das sich in Paulas Familie bis in die Gegenwart erstreckt. Als auf die beiden Journalisten ein Überfall verübt wird, sollen sie offenbar von weiteren Nachforschungen abgehalten werden.Zurück in Deutschland entdeckt Paula, dass Reitsch immer noch eine Ikone rechter Kreise ist. Bedrohlich wird die Situation, als Stefano krankenhausreif geschlagen wird. Er will, dass Paula „es zu Ende bringt“. Die nunmehr investigative Recherche gewinnt zunehmend an Brisanz. Auch die Rolle von Richard scheint zweifelhaft. Eine zunächst harmlose Geschichtsdokumentation entpuppt sich als zunehmend riskant.
Der Wechsel der Erzählperspektive von Kapitel zu Kapitel enthüllt gekonnt die individuelle emotionale Verstrickung der einzelnen Protagonisten. Thomas Kraft, Autor und Kulturmanager, ist ein guter Beobachter menschlicher Verhaltensweisen. Er lebt in der Nähe von München. Sein jüngster Roman ist ein spannender Politkrimi vor wenig bekanntem historischem Hintergrund.
Thomas Kraft:
Zeit der Narben
Roman, 315 Seiten
Broschur
CONTE Verlag
St. Ingbert, 2021
18 Euro
