Ein paar Worte zum seltsamen Büchertitel „März“. Denn das sind diese über die Stadt verteilten „öffentlichen Bücherschränke“ ja auch: Orte, die die wechselnden Lesemoden einer Stadtgesellschaft konservieren und auch seltsamste Titel nicht verlorengeben.

„Schneiderbücher“, allen voran Enid Blytons „Hanni und Nanni“-Bände, haben hier so etwas wie einen letzten Auftritt, wofür es drei Gründe geben könnte: 1. Die ehemalige Besitzer*in hat das Zeitliche gesegnet, 2. die ehemalige Besitzer*in muss Platz auf ihren Regalbrettern schaffen, 3. die ehemalige Besitzer*in erinnert sich zwar immer noch an die wunderschönen Lesestunden mit Hanni und Nanni (auf einer Hollywoodschaukel sitzend), auch daran, dass bei jedem Mädchengeburtstag so ein H&N-Band neben dem „Kalten Hund“ (so hieß seltsamerweise in den 60ern ein beliebter Partykuchen) zu liegen hatte. An die eigenen Enkelkinder möchte diese ehemalige Besitzer*in diese zuckerwatteleichten Pferdeschwanzmädchenschulgeschichten jedenfalls eher nicht weitergeben. Wo diese Hannis und Nannis aus dem öffentlichen Bücherschrank am Ende hinwandern werden, ist eine spannende Frage. Vielleicht nimmt sie eine alte, traurige Dame bei sich auf, eine, die, als sie vor Jahrzehnten ein kleines Mädchen gewesen ist, keine einzige Freundin hatte (weil sie ein bisschen mollig war, außerdem waren ihre Eltern geschieden), die nie „einen lustigen Haarschopf“ trug (weil das Geld für den Friseur nicht reichte), die nie mit anderen „fröhlich lachenden“ Kindern Geburtstage gefeiert hat, die also weder in den Genuss von einem „Kalten Hund“ noch von Hanni-und-Nanni-Büchern gekommen ist. Die Hannis und Nannis wären dieser alten, traurigen Dame sehr zu gönnen.

Außerdem „Kishon“. Garantiert in jedem öffentlichen Bücherschrank. Zumindest „Der Blaumilchkanal“. Über die Geschichten des aus Ungarn stammenden, israelischen Autors Ephraim Kishon, ein Überlebender, der einige Familienmitglieder in Auschwitz verloren hat, lachten sich die Deutschen krumm. In keinem Land verkauften sich dessen Bücher besser als ausgerechnet in (West-)Deutschland.

Und eben der „März“. Ein seltsames, ein aufwühlendes „Kult-Buch“, über einen schizophrenen Dichter, der über Jahre hinweg in einer psychiatrischen Klinik lebte. Geschrieben hat „März“, auch als Abrechnung mit den damaligen Zuständen in den Psychiatrien, Heinar Kipphardt.  Das war 1976, und gut, dass dieses Buch noch ein paar Runden drehen darf.

Dika