Das ist schon ein äußerst attraktiver Kunstgriff, wenn Autor*innen Kunstwerke, Gemälde … ins Zentrum ihrer Bücher rücken. Das hat etwas Retardierendes, fast Elegantes. Und es liegt ja nahe, Bilder, Skulpturen, Wandreliefs auch literarisch wirken zu lassen, sie als sehr spezielle, etwas sperrige, oft schwergewichtige, hochkantige oder querhängende Helden wie Heldinnen mittig in den Text zu platzieren. Denn, stehen wir den Kunstwerken dann einmal in einem von allem gelösten Moment Auge in Augen gegenüber …, was tun die dann anderes, als zu sprechen und zu wirken. Und wann hört das wieder auf? Wenn wir gehen, uns abwenden? Wenn die Museumstür hinter uns ins Schloss fällt? Eben nicht. Man könnte die Wirkungskraft über Distanzen hinweg Magie nennen, eine, die es am ehesten Sprachkünstler*innen gelingt, einzufangen. Dabei muss man den Schreibenden dann ihre eigene Sicht aufs Objekt zugestehen, wobei andersherum natürlich dasselbe gilt: Auch das Kunstobjekt blickt ja jeweils ganz anders auf sein schauendes Gegenüber (denn so viel Eigenständigkeit ist echten Kunstwerken unbedingt zuzutrauen).

Ende der 1960er gab’s ein verbreitetes Jugendbuch (von „8 bis 80“) mit dem Titel „Das Geheimnis der orangefarbenen Katze“, das sich bis heute hält. In dem sprang in einem Riesensatz und nach jahrelangem Stillsitzen aus einem Gemälde eine orangefarbene Katze und das Abenteuer begann. Wer sich von so etwas schon einmal hat mitreißen lassen, vergisst das nicht mehr. Literatur verlebendigt, verhilft Bildern in Rahmen und Skulpturen auf Sockeln nach draußen vor die Tür in ein Alltagstreiben, von dem diese Kunstwerke wohl bisher kaum eine Ahnung hatten.

Marcel Proust verguckte sich auf Jan Vermeers „Ansicht von Delft“ (1661) in ein „kleines gelbes Mauerstück“ und gibt ihm seinen Auftritt im fünften Band („Die Gefangene“) seines „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“. Seit Dan Browns „Da Vinci Code“, wissen wir, dass Mona Lisa (1503) nicht nur rätselhaft lächelt, sondern auch irgendwo hinter ihrem Rücken einen geheimnisvollen Code versteckt hält. Ganz wunderbar wie klug gesetzt hat Peter Weiss in seiner umfangreichen „Ästhetik des Widerstands“ den Fries des Pergamonaltars, auf dem Götter gegen Giganten ein archaisches Kräftemessen machen. Und vor einigen Jahren verkaufte sich Donna Tartts „Distelfink“ wie heiße Semmeln. Für den hatte die Autorin einen „Stieglitz“, 1654 gemalt vom niederländischen Carel Fabritius, Pate stehen lassen. Julian Barnes gab uns 2019 die Gelegenheit in „Der Mann im roten Rock“ und über das Gemälde „Dr. Pozzi at Home“ (1881) von John Singer Sargent, am Leben des Gynäkologen und Dandys Samuel Pozzi teilzunehmen. Und relativ neu kümmert sich Frank Witzel in seinem Essay „Kunst als Indiz“ unterhaltsam und ganz in unserer Welt angekommen um ein Gemälde Rudolf Hausners („Forum der einwärtsgewendeten Optik“, 1948) das vor Jahren für Sekunden in einer „Derrick“-Folge zu sehen gewesen ist. Hing dort in einer Studentenbude. Wird eine Reproduktion oder ein Fall für den Kommissar gewesen sein.

dika