Von Katrin Diehl

Die Wesen aus dem Mumintal schaffen es als Tattoos auf Ober- wie Unterarmen. Sie zieren obere Nackenwirbel, machen das Muskelspiel der Waden mit. Und wer weiß, wo sie sonst noch voller Zärtlichkeit und hautnah in Erscheinung treten. Jedenfalls stehen sie für etwas und demonstrieren: Hier ist jemand ein*e Muminian (gibt es dieses Wort?), hier fühlt sich jemand angezogen von den philosophischen Untiefen der Muminwelt und deren erstaunlichen, seltsam geformten Wesen, die voller Melancholie, Gelassenheit und vor allem voller erstaunlicher Fragen stecken. Umrandet werden diese Geschöpfe von einer klaren, dickschwarzen Linie. Minimalistische Details typisieren und charakterisieren sie. Kurz: Die Mumins, der Schnupferich, der Sniff, das Snorkfräulein, die Mü, der Morra und wie sie sonst noch alle heißen, sind neben allem anderen eben auch ästhetisch sehr fein designte Grafikwesen, die schön sind und Laune machen und die ganz mühelos Tassen, Tücher und T-Shirts schmücken.

„Ich schlafe heute Nacht in diesem Baum.“
(Mumin, aus „Sturm im Mumintal“)

Vor 80 Jahren erschuf die finnische Malerin, Zeichnerin und Autorin Tove Jansson (1914-2001) die Mumins samt illustrem Freundes- und Bekanntenkreis. Das Literaturhaus nahm das zum Anlass, in der Ausstellung „Tove Jansson. Die Welt der Mumins“ (Künstlerische Leitung: Tanja Graf, Projektleitung: Paula Vosse), Fans, Kinder, Erwachsene, Neugierige bis 12. April 2026 einzuladen, Künstlerin wie Kunst wie Mumin-Universum näherzukommen. Dabei sollte vor allem Tove Jansson nach vorne geholt werden, eine sehr besondere, dem Leben zugewandte, unabhängige wie geradlinige Frau. Dass das Literaturhaus der Verlockung nach einer Merchandising-Verkaufsecke widerstand, hat etwas Wohltutendes.

„Zum Beispiel Gargolozymdontolog“ (Jojoks, aus „Muminvaters
wildbewegte Jugend“)

Die Ausstellung (Gestaltung: unodue{) gliedert sich in drei Teile. Im ersten Teil lässt sich über Fotos, Gemälde, Skizzen, Originaldokumente wie -dinge Tove Jansson kennenlernen. Sie wird 1914 in Helsinki in eine Künstler*innenfamilie hineingeboren und auch die beiden Brüder werden künstlerisch tätig sein. Sehr früh, mit 15 Jahren, kann Jansson Comics in dem finnischen Satiremagazin GARM unterbringen. Ihre künstlerische Ausbildung, vor allem im Fach Malerei, macht sie in Helsinki, Stockholm und Paris. 1944 richtet sie sich in Helsinki ein eigenes großzügiges Atelier ein, reist viel, erholt sich liebend gerne in den finnischen Schären. Jansson lebte viele Jahre lang in einer Paarbeziehung mit der Grafikerin Tuulikki Pietilä (1917-2009). Die beiden Frauen taten das einfach, möchte man sagen, obwohl Bi- und Homosexualität in Finnland bis 1971 unter Strafe stand. Individualität, eigene Lebensentwürfe noch nicht einmal zu thematisieren, sie einfach zuzulassen, das spiegelt auch den Geist der Muminwelt wider. Hier geht es nie um geforderte oder vorgelebte Toleranz (denn wer will schon toleriert werden?), hier geht es um die Demonstration von Selbstverständlichkeit.

„Tofsla und Vifsla haben’s gut.“
(Schnüferl, aus „Die Mumins. Eine drollige Gesellschaft“)

Janssons erstes Muminbuch (erschienen 1945, dt.: „Mumins lange Reise“) entstand während des Zweiten Weltkriegs, und von Anfang an griffen erzählender Text und Mumin-Illustrationen wunderbar ineinander. Acht Bände sollten folgen. Im dritten (erschienen 1948, dt.: „Die Mumins. Eine drollige Gesellschaft“) schafft sie mit den Figuren Tofsla und Vifsla sich und ihrer damaligen Geliebten Vivica Bandler, einer Theaterfrau ebenfalls aus Helsinki, einen schönen Auftritt.  „Die Mumins“ sind jetzt international bekannt (in Deutschland gab‘s einen ersten Muminband im Jahr 1954), ebenso Tove Jansson, und das gefällt ihr gar nicht mal so. Sie gibt Auftragsarbeiten für einen regelmäßigen Comicstrips an den Bruder Lars ab, wendet sich mehr dem Schreiben zu.

„Alles ist sehr ungewiss und gerade das finde ich beruhigend.“
(Too-ticki, aus „Winter im Mumintal“)

Der zweite Teil der Ausstellung widmet sich ganz der Muminwelt (und natürlich gibt es da auch ein Brettspiel), kreist also mit Originalen, Entwürfen, die den Schaffensprozess widerspiegeln, mit erläuternden Texten von ausgesprochenen „Muminologen“ um einzelne Mumin-Figuren aus den neun Bänden. Und dann zum Schluss, im dritten Teil der Ausstellung und hinten im Raum angeordnet, kann geklettert, geschlüpft, geschaukelt und erobert werden. Großformatige Fotografien an den Wänden, von Tove Jansson und deren Bruder Per Olov gemacht, versetzen einen nach Finnland (oder ins Mumintal?). Ab sechs Jahren geht alles, was geht, und in Zelten wird aus den Muminbüchern vorgelesen, fallen in schummrigem Licht Sätze, die hängen bleiben.

Tove Jansson, „Die Welt der Mumins“
Literaturhaus München, bis 12. April 2026,  mit Begleitprogramm und Führungen
Infos unter www.literaturhaus-muenchen.de