Eine Kritik der Unvernunft
Von Markus Czeslik
Als wir in der Redaktion beschlossen, in öffentlichen Verkehrsmitteln, an öffentlichen Plätzen nach Buchleser*innen zu fahnden, war ich überzeugt, lange suchen zu müssen. Zu omnipräsent ist das Handy als Medium, das uns unterhält, weckt, benachrichtigt, ablenkt, informiert. Aber ein gedrucktes Buch? So selten wie Streusalz im Berliner Winter. Doch weit gefehlt …
Kaum steige ich einen Tag später in die S8 aus Herrsching – siehe da: ein Leser, konzentriert, in sich ruhend, eine schwarze Aktentasche auf dem Schoß und darauf wie selbstverständlich ein schmales Taschenbuch abgelegt.
Kein Pendler, der bereits lautstark die ersten Calls tätigt oder auf seinen Laptop einhackt, weil Pendlerzeit schon Arbeitszeit ist. Nun, dem äußeren Erscheinungsbild nach mag es sich auch um einen Pensionär handeln. Das Haar schon deutlich gelichtet, Schirmmütze, Brille, Schnäuzer. Wo auch immer es diesen Mann hinführt, er nimmt sich die Zeit zu lesen.
Aber was liest Mann denn so? Blutrünstige Thriller aus Norwegen? Klassiker von Hemingway? Krimis von Wolf Haas? Oder vielleicht sogar Autorinnen, um zumindest bei der Buchlektüre mal die Perspektive zu wechseln?
Das Geheimnis ist schnell gelüftet. Ich erkenne den Namen eines Autors: „12 Gesetze der Dummheit – Denkfehler, die vernünftige Entscheidungen in der Politik und bei uns allen verhindern“ von Henning Beck. Dummheit und Politik? Damit lässt sich eine breite Leserschaft gewinnen, da können wir alle mitreden.
Ist dieser Leser ein von der Politik Enttäuschter, der es (neuro-)wissenschaftlich belegt haben will, warum uns die Regierenden so oft in die Sackgasse führen? Oder hat er selbst eine Fehlentscheidung getroffen und will sich nun reinwaschen: „Seht her, ich bin einfach diesem Denkfehler aufgesessen. Unser Hirn ist nicht immer auf der Höhe. Alles absolut menschlich!“
Henning Beck wirft einen Blick auf die „fehlerhafteste und gleichzeitig innovativste Struktur“ der Welt: das menschliche Gehirn. Er ist Biochemiker und arbeitete an der renommierten University of Berkeley, 2012 wurde er zum Deutschen Meister im Science Slam gekürt.
Sein Buch soll ein Mutmacher sein, weil es erklärt, warum wir niemals die richtige Entscheidung treffen und trotzdem immer besser werden. Denn: Wenn wir verstehen, wie wir denken, können wir mehr erreichen, als wir glauben. Heureka!
Das stimmt doch hoffnungsvoll. Es tröstet mich, dass da ein Leser Erklärungen dafür sucht, warum wir uns so oft in Meinungsgrabenkämpfen verschanzen und unsere Gesellschaft in intellektuelle Fronten zerfällt, und der für Leser*innen hoffentlich ein Werkzeug erhält, um vernünftige(re) Entscheidungen zu treffen. Und hey, liebe Politiker, es sind nur 12 Kapitel! Wenn ihr neben dem permanenten Weltretten jeden Monat nur eines lest, habt ihr die Chance, das Land in einen Hort der Vernunft zu verwandeln, ohne dass ihr euch durch Kants kategorischen Imperativ quälen müsst.
Mehr als eine halbe Stunde dauert die Lektüre des S-Bahn-Lesers, während der er so gut wie nie hochschaut. Die S8 eignet sich hervorragend dafür, im Schnelltempo Kapitel für Kapitel wegzulesen, ohne auf den Gleisen nennenswert voranzukommen. Als ich im Hauptbahnhof mit 20 Minuten Verspätung eintrudle, ärgere ich mich ausnahmsweise nicht. Diesmal habe ich richtig entschieden, auf die S-Bahn zu setzen. Sonst hätte ich mich kaum mit den 12 Denkfehlern beschäftigt, die mir der unbekannte Leser nichtsahnend präsentiert hat.
Henning Beck: 12 Gesetze der Dummheit – Denkfehler, die vernünftige Entscheidungen in der Politik und bei uns allen verhindern
Ullstein Taschenbuch, 2025, 12,99 Euro
In „Was liest du denn da?“ stellen wir Buchtitel vor, die uns ganz zufällig und wachen Auges in U-Bahnen, in Cafés oder auf der Bank im Park begegnet sind, in den Händen von Menschen, die sich lesend die Zeit vertreiben bis zum nächsten Halt oder dem Ende der Mittagspause.