Das abenteuerliche Leben des Ernst Papanek

Von Katrina Behrend Lesch

Auf Wiedersehen, Kinder“, sagt Pater Jean zu seinen Schülern, als er von der Gestapo abgeführt wird. Eine Schlüsselszene aus Louis Malles Film von 1987, in dem der Regisseur seine Kindheitserlebnisse in einem französischen Internat während der deutschen Besatzung verarbeitet. Das jähe und schmerzvolle Ende, das seine Freundschaft mit einem jüdischen Jungen durch dessen Abtransport fand, beschäftigte ihn sein Leben lang. Bewusst hat Lilly Maier diese Worte als Titel für ihre Biografie über Ernst Papanek gewählt, denn auch er musste immer wieder Abschied von „seinen“ Kindern nehmen, zuerst in Wien, dann in Frankreich und auch in Amerika, blieb ihm das nicht erspart. Wer war dieser Mann, den die Autorin eine völlig zu Unrecht vergessene „Ikone der österreichischen, ja der internationalen Pädagogik“ nennt?

Ernst Papanek, 1900 in Wien geboren, assimilierter Jude, Vollblut-Sozialist und leidenschaftlicher Pädagoge, organisierte nach dem Ersten Weltkrieg große Hilfsprogramme für verwahrloste Kriegswaisen und orientierte sich dabei an den reformpädagogischen Schriften des damaligen Wiener Stadtschulratspräsidenten Otto Glöckel, deren Fortschrittlichkeit auch heute noch zum Staunen ist. 1934 musste er aus Österreich fliehen, ein langes Leben im Exil begann, erst kurz vor seinem Tod 1973 kehrte er „nach Hause“ zurück. Um seinen verschlungenen Wegen zu folgen, hat sich Lilly Maier in zahlreichen Archiven auf die Suche gemacht, tausende Unterlagen, Briefe, Dokumente durchstöbert, Zeitzeugen, Familienangehörige befragt, Orte, Institutionen aufgesucht. Bisweilen liest sich das etwas sperrig, verliert man sich in den vielen verschiedenen Organisationen, Daten und Namen, mit denen der „Netzwerker“ Papanek zu tun hatte. Doch sobald die Autorin ihrem Protagonisten nahe kommt, gewinnt ihre Spurensuche an Farbe, an Gefühl.

Spannend zu lesen ist, wie Ernst Papanek sich nach seiner Flucht dank seiner Kontakte durchschlug und schließlich in Frankreich landete. Wie er 1938 Leiter von mehreren Kinderheimen für jüdische Flüchtlingskinder wurde, die er auf einem „Kindertransport“ nach Frankreich schleuste. Wie er diesen verängstigten, von ihren Eltern getrennten Kindern in seinen Heimen ein Zuhause und die Zuversicht gab, ihr Leben selbst in die Hand nehmen zu können, indem er ihnen sowohl Bildung als auch handwerkliche Fähigkeiten vermittelte. Dabei maß er dem Leben in der Gemeinschaft, in der die unterschiedlichsten Schicksale zusammentrafen und sich gegenseitig Halt gaben, wesentlich bessere Heilungskräfte zu als der Unterbringung in Pflegefamilien. „Das ist“, schreibt Lilly Maier, „eine wichtige Lehre, die man in Zeiten der andauernden Flüchtlingskrise … aus Papaneks Arbeit ziehen kann.“

1940 gelang ihm mit seiner Familie in letzter Sekunde die Emigration nach Amerika, und auch dort setzte er seine reformpädagogische Arbeit in Heimen für straffällige Jugendliche fort, die er „Flüchtlinge in der eigenen Heimat“ nannte. Dass dieser unermüdlich tätige Mann niemals innehielt, verwundert nicht. Mit 60 Jahren promovierte er noch, wurde als Professor für Pädagogik an die City University of New York berufen und galt als internationaler Experte in Erziehungsfragen. Sein Tod bescherte ihm in seiner Heimat eine kurze Phase des Wiedererinnerns, die Arbeiter-Zeitung schrieb in ihrem Nachruf, dass mit Ernst Papanek „eine der glanzvollsten Persönlichkeiten der reformfreudigen sozialdemokratischen Bewegung der Ersten Republik gestorben“ sei. Lilly Maier trägt mit ihrem Buch dazu bei, dass er nicht der Vergessenheit anheim fällt, denn sie ist fest davon überzeugt, dass künftige Generationen von Ernst Papanek lernen werden.

Lilly Maier
Auf Wiedersehen, Kinder!
Ernst Papanek
Revolutionär, Reformpädagoge,
Retter jüdischer Kinder
Hardcover, 304 Seiten
Molden, Wien 2021
28 Euro