Von Stefanie Bürgers

Dieses Buch ist ein Roman. Alles, was darin steht, ist erfunden, auch wenn es sich so oder so ähnlich zugetragen haben könnte“, so lautet der professionelle „Disclaimer“. Und doch weiß man als Leser nach wenigen Seiten, die Authentizität straft den Hinweis Lügen. Die Story lässt sich zu gut verorten im Pasing der „Achtz’ger“. Der Protagonist – nur vermutlich Stefan Wimmer  – erzählt freimütig und selbstironisch von vielen Niederlagen – bei Mädels und gegenüber vermeintlich Stärkeren – als „grispeliger“, bemitleidenswerter „Looser“. Zwischen Pasing, Blumenau und Obermenzing im Bus und „auf’m Radl“ unterwegs auf der Jagd nach dem Schlüsselerlebnis zum Erwachsenwerden. New-Wave ist Mitte der 1980er Jahre angesagt. Stefan stets in schwarzer Kutte mit Stachelarmband,  Kajalstrich und Roboterstiefeln genehmigt sich im Kreise der Vertrauten – der sogenannten „Kajalclique“ – mittags regelmäßig ein paar Weißbier’ am Stadtparkkiosk.

Ungeschminkt derbe Halbstarken-Dialoge im Dialekt durchziehen träge Sommernachmittage, an denen die Vier „auf die Schnelle den Fundus (an Mädels) aktivieren“ wollen und nach einer ordinären Abfuhr wieder nicht landen. Die Sache zieht sich, bis zu dem Punkt, an dem man wissen will, ob es überhaupt gutgehen kann mit diesem Wimmer, denn: „PPP“ heißt die Devise, Partys, Petting, Punk. Die Hoffnung auf ein gutes Ende wird genährt durch die Belesenheit des 16jährigen, der wie ein Faustpfand auf seinen Abenteuern stets Reclam Hefte mit sich führt.

Den Stoff aus dem die „Weißt Du noch wie wir – Geschichten“ auf Jahrgangstreffen  gemacht sind, gibt es auch. So die gelungene Charakterstudie des Altgriechisch – und Lateinlehrers, der seine Schüler mit beckmesserischer Fixiertheit in jeder Stunde regelmäßig  in eine Trugschlussfalle lockt. Oder die unfrei und festgelegt agierende Englischlehrerin, die humorlos die sophistische Übersetzung eines Schülers abbügelt. Das hat nichts Feuerzangenbowlenhaftes. Der empfundene Ernst der Erlebnisse ist plastisch: die Angst vor den regelmäßigen Demütigungen durch die „Proll-Truppe“ um den „hundsgemeinen“ Lothar, die Partys in Pfarrheimen bei denen die Auserwählte fehlt, Haschisch probieren und alleine den Horrortrip durchleben. Immer noch keinen Sex gehabt und gleichzeitig doch gehörig Manschetten davor haben.

„Etwas in mir hätte es sogar begrüßenswert gefunden, wenn das Leben für immer so unschuldig geblieben wäre“, sinniert Stefan. „Denn im Grunde war es eigentlich gar nicht so perfekt, erwachsen zu werden.“ Warum Lothar ihm ausgerechnet mit „12“ Leidensstationen droht, bleibt offen. Wahrscheinlich hat der Lothar mal wieder was verwechselt, wie „Platoon“ mit Platon.

Eine lustige, teils deftige Reminiszenz an „halbstarke“ Zeiten mit Lokalkolorit. Der Autor und Redakteur Stefan Wimmer ist 1969 in München geboren und besuchte das Karlsgymnasium in Pasing. Seine Werke werden als „Männerliteratur“ bezeichnet. Seit 2009 macht er regelmäßig Reportagen und Features für ARD und ZDF und hat 2010 den deutschen Radiopreis für die beste Sendung gewonnen.

Stefan Wimmer
Die 12 Leidensstationen nach Pasing
Roman, 256 Seiten, Hardcover
Heyne Hardcore, München 2019
18 Euro