AAP Archiv Künstlerpublikationen

Im „Haus der Kunst“ ist Hubert Kretschmers Archiv noch  bis zum 9. Juni 2019 zu sehen.

Von Christine Erfurth

“Autoren schreiben keine Bücher: nein, sie schreiben Texte, die zu gedruckten Objekten werden“, sagt Roger Chartier – ein Satz, der für die Arbeit des Münchner Sammlers Hubert Kretschmer geschrieben zu sein scheint.

Der Künstler, Lehrer und Verleger sammelt seit 1980 vielfältige Künstlerpublikationen und archiviert mittlerweile rund 50.000 Medien aus insgesamt 76 Ländern in der Münchner Türkenstraße. Sein „Archive Artist Publications“ ist aktuell und noch bis zum 9. Juni 2019 (10 bis 20 Uhr) in Form einer beachtenswerten kleinen Ausstellung im „Haus der Kunst“ in der Prinzregentenstraße zu Gast.

„Sein Anliegen war es, von Künstlern produzierten Medien die Präsenz auf einer internationalen Plattform zu ermöglichen“, beschreibt das anschauliche Begleitheft die Intention Kretschmers. Die Anfänge seines Archivs gehen auf die 60er- und 70er-Jahre zurück, als Peter van Beveren in Middelburg das „Art Information Centre“, Maurizio Nannucci in Florenz das „Zona Archive“ und Guy Schraenen in Antwerpen ein Zentrum für Künstlerpublikationen gründeten. 1978, im Anschluss an die legendäre „documenta 6“, veröffentlichte Kretschmer eine Ausschreibung im „KUNSTmagazin“, in der er Künstler, Sammler und Verleger um Zusendung von Künstlerbüchern für eine Ausstellung in der Produzentengalerie bat. Ihn erreichten daraufhin so viele Pakete mit Büchern aus der ganzen Welt, dass aus einer geplanten Ausstellung insgesamt drei wurden. Der Grundstein seiner Sammlung, das „Archive Artist Publications“, war gelegt. Zeitgleich gründete Kretschmer den „Verlag & Distribution Kretschmer & Großmann“, um seinen Plan zu untersetzen.

Mit seiner Sammelleidenschaft verfolgt Kretschmer einen demokratischen Ansatz, indem er sich nicht den biblio-philen und hochpreisigen Werken zuwendet, sondern jenen Medien, die preiswert und einfach in der Herstellung sind. Das Archiv bewahrt somit Kunst vor dem Vergessen, die in kleinen Auflagen und teilweise ohne ISBN erscheint. Bekanntes und weitaus mehr Unbekannteres sind in seiner Sammlung zu finden.

Künstlerbücher als autonome künstlerische Ausdrucksform bilden den Kern dieser bemerkenswerten Privatsammlung. „Das Künstlerbuch ist kein Kunstbuch. Das Künstlerbuch ist kein Buch über Kunst. Das Künstlerbuch ist ein Kunstwerk“, umkreist der englische Verleger und Sammler Guy Schraenen den Begriff. Doch sind in Kretschmers Archiv ebenso von Künstlern produzierte und publizierte Hefte, Magazine, Mappen, Leporellos sowie Multiples, Plakate, Einladungen, diverse Tonträger und mittlerweile auch Websites zu finden. Die Stücke sind aus den Kunstströmungen der vergangenen 60 Jahre hervorgegangen, wie beispielsweise Fluxus, Aktionskunst sowie konkrete und visuelle Poesie. Und: Kretschmer entschied sich sehr früh bewusst, neben den Künstlerpublikationen auch Umfeld- und Zeitgeistmaterial wie IKEA-Kataloge und Zeitschriften in die Sammlung aufzunehmen. Er ist überzeugt, dass dies zum Verständnis unserer Kultur für spätere Generationen notwendig ist, und begreift seine Sammlung konsequenterweise als Forschungsbibliothek.

Kretschmers Konzept ist es seit jeher, die Publikationen nicht als Wertanlage wegzuschließen, sondern sie der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Um diese Teilhabe zu ermöglichen, können Interessenten die Künstlerpublikationen im Archiv in der Türkenstraße einsehen und darin blättern (Bitte um Voranmeldung). Darüber hinaus ist die Sammlung als Datenbank im Netz zu finden:
www.archive-artist-publications.de.

Das „Archive Artist Publications“ wird im Rahmen der Reihe „Archives in Residence“ im „Haus der Kunst“ vorgestellt. Kuratorin Sabine Brantl ist es gelungen, hier einen Mikrokosmos des Archivs zu schaffen. Exkursionen mit dem Sammler und der Kuratorin in die Türkenstraße sind geplant, zudem Workshops, Vorträge, eine Büchertauschbörse und die bewährten 1-Stunden-Austellungen, in denen die Besucher gemeinsam mit Kretschmer in den ausgestellten Stücken blättern können. Um die Themenvielfalt der Sammlung zu zeigen, werden im zweimonatigen Rhythmus die Ausstellungsstücke getauscht. Derzeit sind Künstlerbücher u.a. von Marina Abramović, Joseph Beuys, Ed Ruscha und Andy Warhol zu sehen. Im Dezember und im Januar widmet sich die Ausstellung „Künstlerpublikationen aus München“ Publikationen, die von Künstlern, Verlagen, Galerien und Institutionen in München herausgegeben wurden.