Grete Weils bisher unveröffentlichtes Erstlingswerk  „Der Weg zur Grenze“

Von Katrin Diehl

Wenn man genau hinsieht, erkennt man am Revers der Wanderjacke eine Blume stecken. Könnte ein Edelweiß sein. Die junge Grete Weil, geborene Margarete Dispeker, sitzt mit zerzausten Haaren auf den Kalksteinen irgendeines wilden Berges und schaut gegen die Sonne in die Kamera. Wer will, kann in ihrem Blick auch einiges an Melancholie erkennen, an Wehmut und Ahnung von den dunklen Wolken, die aufsteigen. Gut möglich, das ist ein „Selfie“, denn sie verstand sich ja aufs Fotografieren. Dieses berührende schwarzweiß Bild, das den Bucheinband schmückt, findet sich im Archiv der Monacensia, wo auch das bisher unveröffentlichte Manuskript bereit lag, ihr „Erstlingswerk“, geschrieben 1944/45 im Amsterdamer Exil, dort im Versteck: einem Zimmerchen hinter einer vorgerückten Bücherwand. Gut zwanzig Jahre nach dem Tod der Schriftstellerin ergänzt „Der Weg zur Grenze“ jetzt ihr Werk und ist natürlich in der Einordnung ganz davon geprägt, dass dieser Text sehr entlang ihrer damaligen Situation, ihres damaligen Lebens geschrieben worden ist. Entstanden ist eine Geschichte großer Trauer, ein Liebeswerk, ihrem Mann Edgar Weil gewidmet, der – und das wusste sie – 1941 im KZ Mauthausen ermordet worden war. Ob das Festhalten in Worten ein Stück Verarbeitung für sie bedeutet hat, kann keiner sagen, dass Schreiben immer Tun ist, schon.

Grete Weil war, als noch ein mildes Lüftchen wehte, im Großbürgerlichen zuhause. Man wohnte in einladenden Villen in der Prinzregentenstraße, in der Widenmayerstraße …, daneben war man auch jüdisch, vor allem aber und während freier Wochen auch ansässig auf dem Landsitz in Egern am Tegernsee (1906 war sie da geboren worden), wo sich die schreibenden, singenden, dichtenden … Nachbarn auch gerne mal bei den Dispekers sehen ließen …
Doch die Welt entwickelt sich nicht zum Guten. Als Grete 1932 ihren Cousin Edgar Weil, Intellektueller wie Fabrikantensohn, heiratet, hat man bereits den Hitlerputsch hinter sich, auch schon erste Fluchten. In den Roman lässt sie uns mit den Weimarer Jahren einsteigen. Es folgt die Machtergreifung … Damit gibt der Roman natürlich auch eine Vorlage, mehr Biografisches über Grete Weil zu erfahren, zumindest darüber zu spekulieren, sie jedenfalls wieder weiter nach vorne zu holen, unser Wissen über die gewaltgeprägten, brutalen Vorgänge in der Stadt, in der wir leben, im schönen Land drumherum, tüchtig zu entstauben und uns durchzurütteln.

Der Text hangelt sich entlang der Fluchtgeschichte, lässt mitfühlen, wie sich alles anbahnte, den Alltag in Beschlag nahm, wie man sich, ob man wollte oder nicht, der Politik zu stellen hatte (noch im Exil baute Weil im Untergrund eine Widerstandsgruppe mit auf). Es gibt novellenhaft eine Rahmenerzählung: Sie spielt Mitte der 30er-Jahre, wo die Nazis schon ohne Skrupel durchgreifen und eine junge Münchnerin in die Flucht zwingen. Ihr Ehemann lebt da bereits nicht mehr, ist im KZ Dachau getötet worden. Bei der Flucht über die Berge nach Österreich lernt die Münchnerin einen unbedarften Poeten kennen, liefert ihm einen Rückblick auf ein zerbrechendes Leben, bis auch der Schöngeist aus einer Art biedermeierlichem Schlaf erwacht.

Grete Weil ist später in den 70er-Jahren nach München zurückgekehrt, schreibt mit mahnender Stimme. 1999 stirbt die Schriftstellerin hochbetagt. Ihr Grab kann man besuchen auf dem Friedhof in Rottach-Egern.

Grete Weil:
Der Weg zur Grenze
Roman/Erzählung, 384 Seiten
C.H. Beck, München 2022
25 Euro