Auf der Suche nach Gräbern von Münchner Dichtern

Von Antonie Magen

Herbst, November, das Jahr neigt sich dem Ende zu, alles deutet auf Winter. Schon immer war dieser Monat ein beliebtes lyrisches Thema, das Raum gibt für Melancholie und Schwermut, für Innehalten, Rückschau, Andenken. November – das ist der Monat, der mit einem Tag beginnt, an dem der Toten gedacht wird, der Abwesenden, die nur noch in der Erinnerung leben, die längst so irreal geworden ist, dass sie mehr einem Traum gleicht als der Wirklichkeit. So empfand es zumindest Paul Heyse, der im Gedicht „Allerseelen” schrieb: „Ach, hörst du nicht sausen/Den Herbstwind im Baum?/Ach, ging nicht die Liebe/Dahin wie ein Traum?//Vom Hügel, darunter/Sie schlummert schon lang,/Klingt leise das Liedchen,/Das einst sie dir sang”. Heute ruht Heyse selbst im Grab – auf dem Waldfriedhof, auf dem es nicht an Bäumen fehlt, in denen der Herbstwind sein vergängliches Lied singt. Mit einem einfachen Hügel allerdings ist es nicht getan. Heyses Grabmal ist so monumental, wie es sich für einen Nobelpreisträger gehört, und als antikisierende Ruine gestaltet.

Im selben Grababschnitt liegt, unter einem verwitterten Grabstein, auf dem Name und Lebensdaten mehr zu ahnen als zu lesen sind, Otto Julius Bierbaum. Den Stein ziert eine Porträtbüste, er hat Moos angesetzt. Der Herbst war für Bierbaum ein „milder Gast”, dem er in stillem Zwiegespräch bekennt: „Nun ist in mir kein Drängen/Und bin doch nicht im Engen,/Bin ruhevoll bewegt./Was gilt es, mehr zu wollen,/Als so im Friedevollen/Teilhaftig sein des Ganzen, das mütterlich uns hegt”.

Weniger versöhnlich fällt die Auseinandersetzung mit der Sterblichkeit bei Frank Wedekind aus, der in einem Herbstgedicht die untergründige Anwesenheit des Todes mitten im Leben beschreibt: „Wenn ich bei Tag mein Mädel mir beseh,/Dann seh ich einen kahlen
Totenschädel,/Darunter ein Skelett,” heißt es hier. Im Gegensatz zu diesem archaischen Bild steht Wedekinds Grab, das sich durch moderne Ästhetik auszeichnet: Eine elegante Marmorsäule, auf der in Artdécoschrift die Lebensdaten eingemeißelt sind. Oben, auf einer goldenen Kugel, Pegasus, der sich bereits mit einem Huf vom Untergrund gelöst hat. Er schwingt seine Flügel, sein Schweif ist in Bewegung, im nächsten Augenblick wird er vollständig abheben.

Auf dem Weg aus dem Irdischen heraus befindet sich auch der sterbende Christus, der Lena Christs Grab schmückt. Es liegt auf einer Art Lichtung, als Todesdatum ist der 31. Juni 1920 vermerkt. Ein außergewöhnlicher Tag, nicht nur, weil er, zumindest kalendarisch, nicht existent ist, sondern auch, weil Lena Christ an jenem Sommertag an der Station „Waldfriedhof” aus der Straßenbahn stieg, die inzwischen längst durch einen Bus ersetzt ist. Zwischen den Gräbern erwartete sie ihr Exmann, Peter Benedix, und übergab ihr ein Quantum Zyankali. Lena Christ war in ihren letzten Lebensjahren in finanzielle Not geraten und hatte wertlose Bilder mit Signaturen berühmter Maler versehen. Der Betrug flog auf, und Benedix bestellte seine Frau in der Absicht auf den Friedhof, um die gesellschaftlichen Folgen des Vergehens von den gemeinsamen Kindern abzuwenden. Sie vergiftete sich an Ort und Stelle.

November – das ist der Monat, der Trauerflor trägt, wie es Erich Kästner ausdrückt: „Der Friedhof öffnete sein dunkles Tor./Die letzten Kränze werden feilgeboten./Die Lebenden besuchen ihre Toten./In der Kapelle klagt ein Männerchor./Und der November trägt den Trauerflor//Was man besaß, weiß man, wenn man’s verlor./Der Winter sitzt schon auf den kahlen Zweigen./Es regnet, Freunde.
Und der Rest ist Schweigen./Wer noch nicht starb, dem steht es noch bevor”. Tatsächlich treffen diese Zeilen die Stimmung auf dem Friedhof Bogenhausen, auf dem man Kästner, der das Sterben nun schon vor mehr als 40 Jahren hinter sich gebracht hat, heute besuchen kann. Der Kirchhof hat sich, obwohl mitten in der Stadt, einen dörflichen Charakter bewahrt. Es ist still, nur die letzten Vögel des Jahres zwitschern. Von Ferne hört man die Straßenbahn, die unten die Mongelasstraße entlangfährt. Auf der gegenüberliegenden Friedhofsseite liegt das Grab von Oskar Maria Graf. Ein schlichtes Kreuz, nichts mehr erinnert daran, dass sich sein Todestag, auf den München dieses Jahr mit allerlei Veranstaltungen hingewiesen hat, im Sommer zum 50. Mal jährte. Das Grab ist bereits winterfest gemacht, auf das Kreuz hat sich Laub gesenkt, das bald unter dem ersten Schnee verschwinden wird.

Was bleibt, ist Literatur, sind Worte. Die wohl berühmtesten, die jemals auf den Allerseelentag geschrieben wurden, sind durch Schuberts Vertonung sogar nahezu unsterblich geworden. Zwar ist ihr Schöpfer, Johann Georg Jacobi, nicht in München beerdigt, aber sein Bruder, Friedrich Heinrich, liegt auf dem alten Südfriedhof, der neben dem Bogenhausener, dem Wald- und Nordfriedhof die meisten Münchner Dichter beherbergt. „Ruhn in Frieden alle Seelen,/Die vollbracht ein banges Quälen,/Die vollendet süßen Traum,/Lebenssatt, geboren kaum, Aus der Welt hinüber schieden;/Alle Seelen ruhn in Frieden“.

Eine auch nach Berufsgruppen geordnete Übersicht über Prominente auf Münchens Friedhöfen bietet Erich Schreibmayr: Letzte Heimat. Persönlichkeiten in Münchner Friedhöfen 1784–1984. München 1985, sowie: Erich Schreibmayr: Wer? Wann? Wo? Persönlichkeiten in Münchner Friedhöfen. Bd. 1–3. München 1989–2002.